Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-11 · 32 (11.8.1893) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
32 (11.8.1893)
Date
1893-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020986--02648-3026748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'Nr. 32 Vesterreichisthe WoUrenschrifi Seite 597 brachten. „Gedanke eng, der Glaube weit", so charakterisirt Goethe den Orient; demgemäß wohnen in unseren Bugen, wo jeder Volksvertreter zum Frühstücke zehn Juden köpft, die echtesten Orientalen. Die Wacht der deutschen Ehre wäre allerdings nothwendig gewesen, die Wacht gegen den Antisemitismus; aber da stand Kaiser Friedrich einsam mit wenipen Kampfgenossen, wie Hagen die Wacht hält im Nibelungenlied. Der hochedle Vergani, der mit dem Strome des Antisemitismus dahin schwimmt wie ein nicht wiederkauendes Thier, das ein Wolkenbruch aus dem Stalle weggetragen, leitartikelte jüngst in seinem Blatte über die Frage: „Was ist der Antisemitismus?" Der Artikel macht einen ganz merkwürdigen Eindruck; ein Spinngewebe erscheint, damit verglichen, als eine äußerst solide Construction. Der Mann sucht über seine eigene Gesinnung ins Klare zu kommen, was ihm nicht gelingt und summt dabei herum wie eine Schmeißfliege, welche durch dicke Fensterscheiben an die freie Lust gelangen will. Wir danken Gott, nicht mit der staatlichen Aufsicht über Preßerzeugnisse betraut zu sein; denn einerseits hätten wir uns sagen müssen, daß ein derartiger Angriff auf gleichberechtigte Staatsbürger, eine derartige Bedrohung ihrer Rechte und ihrer Existenz denn doch zum Einschreiten herausfordere, und anderseits hätten wir es uns wieder gegenwärtig halten müssen, daß der Artikel in seiner Erbärmlichkeit und Lächerlichkeit eine ausgedehnte Verbreitung verdiene. Wir wollen nicht verdächtigen, sonst würden wir glauben, irgend ein Judenknecht oder verkappter Jude habe den Artikel in das „Volksblatt" eingeschmuggelt, um den Antisemitismus logisch zu vernichten. Der Artikelschreiber ist ganz im Rechte, der Antisemitismus laßt sich weder politisch, noch ökonomisch, noch national, noch religiös begründen; aber der Antisemitismus ist dennoch eine Nothwendigkeit, erstens, weil sonst das „Deutsche Volksblatt" nicht bestehen könnte und weil die Dummheit doch auch ihr Recht haben muß, welch' letzteres Moment mit den Lebensbedingungen des „Volksblatt" wieder unmittelbar im Zusammenhänge steht. Was ist Antisemitismus? Das ist eine komische Frage in einer Stadt, wo Vergani den Antisemitismus vertritt. Der Antisemitismus ist vor Allem ein Geschäft, betrieben mit der Verleugnung aller moralischen und ästheüschen Empfindungen und jedes Rechtsgefühls; ein Geschäft auf Kosten der nationalen Ehre und mit Preisgebung jeder nationalen Gesinnung. Die Volksfreundlichkeit des Antisemitismus bedeutet nichts Anderes, als daß der Pöbel an die Stelle des Volkes gesetzt wird und die nationalen Schlagworte des Antisemitismus sind nur die heuchlerische Hülle für den brutalsten Egoismus. Die menschliche Gesellschaft, zurückgeführt auf die niedersten Instinkte der Gattung — das ist der Antisemitismus. Daß es da nicht an belustigenden Scenen fehlen kann, ist selbstverständlich. Dr. Stöcker wird von demselben Pöbel an den Pranger gestellt, gerädert und geviertheilt, den er zum Herrn Deutschlands machen wollte. Die Horde, die er anführte, hat sich gegen ihn aufgelehnt. Der Gastwirth Bodek in Berlin veranstaltete in den Germaniasälen eine Versammlung gegen Stöcker mit der Tagesordnung: „Hofprediger, „Das Volk" und die Antisemiten", welcher 1500 Antisemiten von der echtesten Sorte anwohnten. Stöcker wurde beschuldigt, daß er die Antisemiten nur an der Nase herumführe, die Bewegung in jeder Art mißbrauche und ausbeute. Die Antisemiten dürften nicht länger den Feudalen und verschuldeten Grundbesitzern Heerfolge leisten. Die Artikel im Stöcker'schen Organ „Das Volk" seien so geschrieben, als ob das Blatt von einem der niederträchtigsten Juden redigirt werde. So schlimm seien selbst die Judenblätter nicht; Stöcker sei der Vertreter des jüdischen Geistes unter den Antisemiten. Das Christenthum Stöcker's sei nicht das wahre Christenthum. Unter frenetischem Beifall schloß der Gastwirth Bodek: „Wir brauchen an der Spitze der antisemitischen Bewegung keine Doctoren und Majors a. D. Ein treuer deutscher Schuster kann es auch." Auch von den anderen Rednern wird Stöcker als Heuchler und Verräther behandelt. Sein Schicksal bietet einen Beweis für die Existenz jener Macht, welche die Griechen die Nemesis nannten, für die immanente Gerechtigkeit der Dinge. Schwer hat sie ihn getroffen' die Nemesis, aber gerecht, den Acheron hat er aufgewühlt, maßlose Verbitterung im deutschen Volke hervor gerufen, das Gebot der Liebe mit Füßen getreten, Haß und Neid gepredigt und mit demagogischen Künsten schlimmster Art die deutsche Volksseele vergiftet, jetzt wird ihm der Lohn dafür zu Theil, die rohen Leidenschaften, die er geweckt, wenden sich gegen ihn, die Katilinarier, die er anführte, richten ihre Fäuste gegen ihn und ein wüstes Gebrüll schleudert ihm das Wort entgegen, das in seinen Ohren härter klingen muß, wie der Ruf Mörder, das Wort „Judenpatron". Das ist wirkliche, wahre Nemesis. Georg Schönerer aber hat zwar noch keine Volksversammlung veranstaltet; im „Deutschen Volksblatt" finden wir jedoch die Mittheilung, daß der antisemitische Abgeordnete Hauck, der die unbändigste Anbetung Wotans stets im schlechtesten Deutsch zum Ausdruck zu bringen vermag, Unterschriften zu einer Adresse für Schönerer sammelt, die mit den Worten schließt: „Ritter Georg, das Volk verlangt nach Dir." Vergani aber erklärt: „Ritter Georg, das Volk verlangt nicht nach Dir." Wie Stöcker, sei auch Schönerer ein Rabenvater des Antisemitismus geworden. Dabei soll Vergani, und das ist der Humor davon, dem Hauck verpflichtet sein und dem Schönerer. Vergani spricht sogar von einer „heiligen Sache" und von „tüchtigen Mitkämpfern", worunter er wahrscheinlich sich selber meint. Aber es nimmt sich doch recht hübsch aus: „Ritter Georg, das Volk verlangt nach Dir!", „Ritter Georg, das Volk verlangt nicht nach Dir." Man muß dem Vergani das Compliment machen. Er versteht es, die „heilige Sache" recht drollig zu vertreten. Stöcker und Schönerer, zwei Helden, Einer für das Deutsche Reich und Einer für Oesterreich, zwei Helden von ganz verschiedenem Habitus. Dr. Stöcker hatte den Ehrgeiz, eine große Rolle zu spielen, als Volksführer und als mächtigster Berather des Hofes. Der Haß gegen die Juden war bei Stöcker nur Mittel zum Zweck, in Wahrheit haßte er nur den Protestantismus, weil ihm dadurch die Gelegenheit entzogen wurde, Cardinal oder gar Papst zu werden. Daß der kluge und ungewöhnlich begabte Stöcker sich soweit verrechnet hat, daß er glaubte, mit dem Antisemitismus vorwärts kommen zu können, dieser falsche Calcul erklärt sich aus der Ueberzeugungslosigkeit Stöcker's und aus seiner allzu realistischen Weltanschauung. Allein Stöcker ist Geistlicher, war Hofprediger, und wie wird jetzt in öffentlichen Versammlungen von den eigensten Gesinnungsgenossen der Charakter dieses Mannes gekennzeichnet. Dazu braucht man also die Stöcker'schen Erbauungsstunden, dazu die Stöcker'fche Seelsorge. „Ein deutscher Schuster kann es auch", sagte der Gastwirth Bodek, und das ist ein großes, zukunftsschweres Wort. Schönerer kann nicht von dem Vorwurf getroffen werden, allzu klug zu sein. Eine maßlose Eitelkeit war die Triebfeder seiner Handlungen. Dabei wirkten die Erscheinungen der Zeit verwirrend auf sein Vorstellungsvermögen. Seine Agitation, namentlich wenn deutsche Gesinnung in zahllosen Hektolitern verzapft wurde, ist vielen jungen Leuten zum Verderben geworden, und man darf ihn als ein Unglück für Oesterreich bezeichnen. Stöcker und Schönerer; „Ein deutscher Schuster kann es auch", „Ritter Georg, das Volk verlangt nicht nach Dir", sind diese grandiosen Sätze nicht ausreichend für die Charakterisirung des Antisemitismus? Sehnt man sich nach weiteren Offenbarungen des Rassengeistes; wir glauben, es wäre an der Zeit, endlich aufzuräumen und Maßregeln zu treffen, wie etwa gegen die Cholera. Es wäre jedoch Thorheit, an eine Besserung glauben zu wollen. Die Plänkeleien zwischen den Antisemiten und Conservatioen in Deutschland haben nur geringe Bedeutung. In einem deutschen Witzblatte sagt ein Spieler bei einer Skaipartie zum anderen: „Sie betrügen", darauf erfolgt die Antwort: „Was wollen denn Sie sagen, Sie waren zwei Jahre im Zuchthause." „Und Sie, Sie waren wegen Brandstiftung angeklagt." Da mischt der Dritte sich ein und mahnt: „Meine Herren,! sind wir da, um uns zu unterhalten, oder um zu spielen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.