Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 32 (11.8.1893)
- Date
- 1893-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 596 Oesterrrichifchr Wochrnfchrist Nr. 32 Rumänien blos 350.000 jüdische Einwohner. Anmerkung der Redaction) alle Lasten tragen muß und dennoch heimatslos — ist, könne von einer rumänischen Civilisation nicht gesprochen werden." . Professor Moldoran hat Recht; was da in Rumänien bisher geleistet worden ist, ist nichts als Tünche, und den kräftigsten Beweis, daß die Rumänen ein civilisirtes Volk sind — die ehrliche Durchführung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger — werden sie noch lange, vielleicht, wie es schon ihre Art ist, so lange schuldig bleiben, bis. man sie zur Civilisation zwingt. Der rumänische Staat ist ein Glückspilz. Dank seiner geographischen Lage, welche ihn zum trennenden Keil zwischen Oesterreich und Rußland machte, konnte er zu einer gewissen Bedeutung gelangen, die ihm sonst nicht innewohnt. Auf dem Berliner Congresse wurde Rumänien für majorenn und selbstständig erklärt unter der Bedingung, daß es vorerst em Zeichen seiner Reife gebe durch die Emancipirung der Juden. Der wortbrüchige Parvenü versprach und hielt nicht Wort; er lacht sich nun ins Fäustchen, denn er hat Europa genarrt und gefoppt. Wenn aber einmal durch irgend eine Fügung Rumänien seine Selbstständigkeit einbüßen sollte, dann werden die Römlinge gegen etwaige Unterdrückungen nicht protestiren können. Denn dann wird man ihnen entgegnen können: „Ihr erfahret noch immer ein tausendfach besseres Schicksal, als Ihr es seinerzeit einem großen Bruchtheile Euerer Staatsgenossen, den Juden, zu Theil werden ließet, die Ihr wie Sclaven behandelt habt!" Schönerer und Stöcker. Es war eine jener Nachte, wo die Geister Freiheit haben, wo die Irrlichter lustwandeln, die Eulen ihre schönsten Lieder singen und ein ordentlicher bürgerlicher Mensch die Fenster mit geweihten Zweigen verwahrt und die Thüren schützt, indem er den Drudenfuß hinkreidet, eine jener Nächte, wo man auch viel erreichen kann, wenn man dem richtigen Manne begegnet, und das geschah den Beiden, dem Schönerer und dem Stöcker. Er stand am Kreuzwege, trug einen altmodischen schwarzen Anzug, dabei rothe Stiesel, ein rothes Gilet und einen rochen Hut; der Mann war mit einer ungeheuren Leiter ausgerüstet, die man nach Belieben verlängern konnte. Die Beiden, Schönerer und Stöcker, wußten sofort, daß sie Den vor sich hätten, den sie suchten. „Sie entschuldigen", sagte Dr. Stöcker in seiner süßesten Tonart, „ich bin zwar protestantischer Oberhofprediger, aber Sie werden mich nicht für das Tintenfaß verantwortlich machen wollen, das Ihnen Dr. Martin Luther an den Kopf geworfen hat." „Längst gut gemacht", antwortete der Schwarze, „durch die Hexenprocesse. Die beiden Herren sind mir von einem Agenten auf's Beste empfohlen. Wie Sie sehen, habe ich schon die Maschine in Bereitschaft, um Ihre Wünsche zu erfüllen." „Was ist denn das?" fragten die Beiden neugierig, indem sie auf die Leiter blickten. „Das ist die Leiter des Ruhmes, klettern Sie nur hinauf, Sie werden Ihr Ziel unfehlbar erreichen." Die Beiden stiegen hinauf, der Schwarze gab ein Signal und es johlte Beifall, wie aus hunderttausend Kehlen. Es war freilich ein gemischtes Publicum, das sich am Fuße der Leiter angesammelt hatte, ein Publicum, wie es nur möglich ist, wenn die ganze Hölle losgelassen ist. Aber das hatte nichts zu bedeuten, die Beiden stiegen aufwärts, und zwar ohne jede Mühe. Endlich war die letzte Sprosse erreicht und schnell wie der Blitz waren auch schon die Stricke um die Beiden geschlungen, der Hahn krähte, die Leiter des Ruhmes war verschwunden und die Beiden baumelten hoch am Galgen. Niemand wird sie herunterholen. Zu einer echten Komödie, wenn sie ihre volle Wirkung ausüben soll, gehört ein ernster bedeutungsvoller Gegensatz innerhalb der Bühne oder auch außerhalb der Bühne; es waren doch immer bedeutende Erscheinungen oder bedeutende Persönlichkeiten, gegen die Aristophanes oder Moliöre die Waffen ihres Genies in Bewegung setzten. Das ist nun der Fehler in der Comödie Schönerer und Stöcker; da ist Alles jämmerlich, klein, widerwärtig, sinnlos, wie soll da Jemand sich zur Heiterkeit gestimmt fühlen. Oben auf der Leiter werden die Stricke von denselben Gesellen bereit gehalten, die unter Beifall brüllten, von den Dutzbrüdern und Mitverschworenen, das hat der Teufel ganz gut eingerichtet. Alles in diesem Bilde ist Schein und Selbstbetrug, es fehlt jede Wahrheit. Und wenn sie den Doctor Stöcker heute als einen geheimen Agenten der „Alliance IsraeJite“ behandeln und ihn morgen vielleicht in einen wirklichen Juden verwandeln werden und wenn sie den Schönerer als einen „Rabenvater des Antisemitismus" hinstellen, so erzeugt das ein siüchtiges Lächeln, ist aber noch immer keine echte Comödie. Wie soll man die Rolle, welche diese beiden Helden spielten, verdeutlichen? Als Spanien auf der Höhe seines Ruhmes, seiner Macht und seiner kriegerischen Leistungen stand, da wurde dort von einem tapsern kriegserprobten Soldaten der unsterbliche Roman des „Don Quixote" geschaffen, der in der Welt nicht seines Gleichen hat. Und dieser Roman ist nicht eine Verspottung des Idealismus, wie man behauptet hat, sondern etwas ganz Anderes. Dieser Roman ist vielmehr eine Verspottung des rohen Heldenthums ohne geistigen Gehalt, ohne tieferes Denken, ohne wahre Gerechtigkeit, dieser Roman ist eine Verspottung des damaligen Spaniens, der großen Staatsactionen sowohl wie des spanischen Volksgeistes. Bewußt oder unbewußt, Cervantes ist jedenfalls der Wahrheit näher gekommen als irgend ein historischer Schriftsteller. Der Roman war das Orakel des nahenden Verfalles und Unterganges. Seit den großen Siegen ist die Undankbarkeit gegen Lessing und Heine charakteristisch für die Wandlung des deutschen Geistes geworden. Fürst Bismarck fing zu dichten an, und er dichtete den Antisemitismus; Stöcker und Schönerer, das waren seine Apostel und seine Werkzeuge. War es dem Fürsten Bismarck darum zu thun, den deutschen Ruhm zu verspotten, wollte er in den gigantischen Erfolg hinein die namenlose Erniedrigung tragen, oder wollte er nur seine Verachtung gegen die Menschen an den Tag legen, die seinen Launen und Lügen als Sclaven dienen, genug, der Zweck wurde erreicht, noch viel besser als durch den Don Quixote hinsichtlich Spaniens. Das Brandmal haftet, und Schönerer und Stöcker haben das Eisen zum Glühen gebracht und es der Germania an die Stirne gedrückt. Und Ihr beklagt Euch, daß Heinrich Heine Deutschland nicht mit der gehörigen Ehrerbietung behandelt hat. Niemals hat er deutsche Ehre in solcher Art verrathen und preisgegeben. Wenn der Kaiser Friedrich den Antisemitismus als „die Schmach des Iah r h u n d e r t s" bezeichnete, so wurde ihm diese Aeußerung nicht lediglich durch die Sympathie für die Juden abgepreßt, vielmehr weil er sah, daß Fürst Bismarck nicht nur mit dem Ansehen und den Traditionen des Hauses Hohenzollern, sondern auch mit der Ehre der deutschen Nation ein verwegenes Spiel trieb und weil nur die „Enterbten" und die Arbeiter und. die in jeder Weise chikanirten, durch Ausnahmsgesetze verfolgten und bedrohten Socialisten in sich die Kraft fanden, der Politik eines Fürsten Bismarck Widerstand zu leisten. Der Weltgeist sing auch an zu dichten und er dichtete anders als Fürst Bismarck. Da sehen wir Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrheit, echten Ruhm und echte Ehre vertreten durch den Kaiser Friedrich und durch die Arbeiter, durch die vom Staate Ausgeschlossenen und Verfolgten, denen es doch am schwersten fällt, Bildung und Wissen sich anzueignen, und dazwischen steht Fürst Bismarck mit seinen Polizeispionen, seinen agents provocateurs, seinen Volksverführern, seinen Werkzeugen ä la Stöcker und Schönerer, seinen reactionären Cohorten im Adel,' im Bürgerthume, in der Militär- und Beamtenhierarchie, seinen Propheten auf der Kanzel und dem Katheder. Stöcker rechts, Schönerer links, Fürst Bismarck in der Mitte; was will die Satyre des Don Quixote dagegen bedeuten? Die „Wacht am Rhein" brüllten sie auch an den Ufern der Mur, und sie waren bemüht, den Rhein dadurch zu vertheidigen, daß sie die Schächtersrage in Graz aufs Tapet