Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 690 Vesterreichifchr Wochenschrift Nr. 31 war verändert, es war nicht Blend- und Gaukelspiel, sondern eine tiefe düstere Stimmung lag in den Zügen des Mannes ausgeprägt. Während der Unbekannte diese Bitte an Josephine richtete, prüfte sie mit ihren kleinen Fingern die Stücke des zerschnittenen Apfels. Die Schale war nirgendsversehrt. .Mein Herr", sagte sie, „ich werde thun, was Sie wünschen. Der Consul soll Ihre Bittschrift lesen und seien Sie überzeugt, daß ich nichts verabsäumen werde, was zu Ihren Gunsten geschehen kann." Der Wundermann stand auf, steckte seinen Becher in die Tasche, nahm den Tisch unter den Arm, verneigte sich Lief und entfernte sich. . Josephine, zum Aberglauben hinneigend, konnte in diesem Wundermann keinen Gegner ihres Gemals erblicken, sie glaubte vielmehr, daß seine Wunderkraft auch einst dem Consul nützlich sein könne und nahm sich vor, mit dem ganzen Aufwande ihrer Macht, die sie auf Bonaparte ausübte, für den Mann ein- _ zutreten. Am folgenden Morgen um 6 Uhr frühstückte der erste. Consul im Speisesaal zu Malmaison. Im Hofe des Schlosses wurde der Wagen angespannt, in welchem er nach Paris zurückfahren wollte, als Josephine eintrat. „Was hast Du gestern gemacht, liebe Josephine", fragte. Bonaparte. „Wer hat Dich besucht?". „Ich . habe mich sehr gut unterhalten; wenn Du heute mit mir,speisen willst, so habe ich Dir eine angenehme Ueberraschung aufgispart, die Dir viel Vergnügen bereiten wird) dabei fallt mir etwas ein; laß doch diesen Namen von der Emigranten-Liste streichen." Bei diesen Worten reichte, sie ihm die Bittschrift des Wundermannes hin. Bonaparte blickte auf die Unterschrift und rief aus: „Maroc! Maroc! Das ja ist einer der fanatischesten Anhänger Charotte's und Laroche-Jaquelin's, einer von den Leuten, welche noch vor kurzer Zeit den Armeen der Republik folgten, um die zersprengten Soldaten zu morden und den Sterbenden den Garaus zu machen. Er ist heimlich an unseren Küsten gelandet, wahrscheinlich um einen schandbaren Plan Pitt's zu vollstrecken und die Brandfackel des Aufruhrs in die noch von Menschenblut dampfenden Gefilde Frankreichs zu schleudern. Fox, mein Freund, hat' mir geschrieben, ich möchte vor diesem Elenden auf meiner Hut sein. Und woher kennst Du diesen Maroc? Wo hast Du ihn gesehen? Als Josephine ihren Genial so heftig werden sah, fing sie zn weinen au. „Weine Doch nicht", sagte er, „sondern antworte mir. Man hat Deine Güte mißbraucht. Die Verräther haben sich wohl eingebildet, eine Bitte, der Du das Wort führst, könne nicht abgeschlagen werden, und dann würden sie in Paris unter meinen Augen ihr frevelhaftes Spiel begonnen haben. Fouche hat ganz Recht, diese Menschen sind unverbesserlich." „Ich kenne ihn nicht", versetzte Josephine, „werde nur nicht ärgerlich. Zerreiße die Bittschrift, und wir wollen nicht mehr davon sprechen; wenn Du wüßtest, wie sie mir zugekommen ist." „Das möchte ich eben wissen", sagte Bonaparte. Josepbine erzählte ihm, wie der Bittsteller zu ihr gelangt und welche Wunder er vor ihren Augen vollbracht. „Und solchen Leuten öffnest Du Deine Thüren. Bon Taschenspielern läßt sich die Frau des ersten Consuls blenden. Ich werde Deinen Gaukler an Fouchß empfehlen und —" Bei der Nennung dieses Namens zuckte Josephine zusammen;-denn der Name dieses Blutmenschen genügte, um bei dem unschuldigsten Menschen Schauer und Entsetzen zu erregen. Josephine wußte nun, daß ihr Schützling unrettbar verloren sei. „Ach! Napoleon, ich bitte Dich, laß ihn nur nicht bei mir ergreifen und taste die Unverletzlichkeit meines Hauses nicht an." „Bei Dir? Er fft also hier?". „Nein, aber er wird wieder kommen; ich hoffte Dich am Abend mit seinen Kunststücken zu unterhalten." „Fouchs wird ihn schon finden!" Und ohne weiter auf Josephinens Gegenreden zu hören, stieß er mit dem Fuße die Bittschrift, welche auf dem Boden lag, hinweg und eilte zu seinen Wagen, um nach Paris zurückzukehren. Josephinens Kummer war unbeschreiblich. Sie ließ Maroc in der Umgegend von Malmaison suchen. Sie wollte ihm Geld geben und zur Flucht verhelfen. Aber er war nicht zu finden. Endlich zum Mittagessen, als gerade wieder das Dessert aufgetragen wurde, öffneten sich beide Flügelthüren und es erschien der Wundermann mit seinem Tischchen, feinen zinnernen Bechern und seinem Holzstäbchen. „Fliehen Sie, mein Herr, fliehen Sie!" ries ihmJosephme , zu, „oder Sie sind verloren. Sie haben französische Soldaten ermordet und verdienen den Tod. Ich kann Ihnen in meinem Hause nicht länger eine Zuflucht gestatten. Der Consul' hat Sie wahrscheinlich schon heute Vormittags an Fouche ausgeliefert und Sie sind somit rettungslos verloren!" "" Maroc, auf dessen Gesicht gestern eine düstere Stimmung gebreitet lag, blickte ruhig auf Josephine und bat sie, ihm nur noch eine Viertelstunde zu schenken. Zugleich stellte er den Tisch auf und ließ seine Becher spielen, aus welchen kleine Soldaten, Fußgänger und Reiter ohne Zahl hervorstürzten. „Dies", sagte er, „sind die Oesterreicher, die Preußen, die Russen, welche sich auf der Ebene entfalten. Sehen Sie ihre Bataillone, ihre Geschwader, ihre Divisionen; sehen Sie auf einem weißen Pferde Melas, ihren Führer, auf . einem schwarzen Suwaroff, welcher dem heiligen Nikolaus die Flinten der Franzosen verheißen hat. Dort ist die französische Armee; sehen Sie den General Bonaparte mit dem fliegenden Helmbusche; er streckt die Hand aus und alle diese Haufen stürzen gegen einander los. Hören Sie den Donner der Kanonen, das Schmettern der Trompeten! Sehen Sie die dreifarbige Fahne, hören Sie die begeisternden Rufe der jauchzenden Menge: „Es lebe die Republik!" „Es lebe der General Bonaparte!" Und alle diese Soldaten schienen wirklich aus den Bechern hervorzustürzen, sich auf dem Tische in Schlachtreihenzu ordnen und die Bewegungen zu vollführen,' die der Wundermann commandirte. Als die Schlacht gewonnen war, kehrten Sieger und Besiegte in die Tasche zurück und der Wundermann erklärte sich bereit, der Gemalin des ersten Consuls noch wunderbarere Dinge zu zeigen: Die egyptische Expedition und die Schlacht bei den Pyramiden. Jofephine, von diesen Wundern verwirrt, erschrack über die Gefahr, welcher sie diesen Wundermann ausgesetzt glaubte und bat ihn dringend, eine voll gepfropfte Geldbörse, die sie bereit hielt, in Empfang zu nehmen und sich schnell zu entfernen. . . ' Maroc, der heute viel ruhiger und gefaßter war, sprach: „Waren meine Künste gestern nicht um Gold feil, umsoweniger heute. Erweisen Sie mir noch eine Gnade, öffnen Sie einen dieser Aepfel," Josephine that mechanisch; um was sie gebeten wurde, und fand darin folgenden Brief: „Madame! Ich habe soeben dem ersten Consul den Beweis geliefert, daß dieser Maroc, welcher die Ehre hat, vor Ihnen zu erscheinen, nicht derselbe Maroc ist, welcher die Strenge der Gesetze verdient hat. Der, den Sie beschützen, ist nichts weniger als ein Royalist; er gehört vielmehr dem Stamme an, der erst durch die Revolution zu seinen Menschenrechten gekommen, er ist ein Jude, welcher mit seiner Kunst früher auf den Schlössern der Aristokratie betteln ging, seit der Emigration zurückgezogen lebte und erst, seit wieder Ruhe eingekehrt, neuerdings hervortritt, mit einem zeitgemäßeren Programmeinseinen Künsten. Der eigentliche Maroc, der auf der Emigrantenliste steht, hält sich in England auf, wo alle seine Schritte überwacht werden. Ich freue mich, Ihnen anzuzeigen, daß ich meinen Organen aufgetragen habe, Ihren Schützling unbehelligt zu lassen. Fouche." „Ach! Das ist nun etwas Anderes", sagte Josephine, von einem Alp befreit. „Nun, mein Herr, zeigen Sie uns denegyptischen Feldzug." Und der jüdische Wundermann war von diesem Tage an ein öfterer Gast bei Josephinen in ihrem wachsenden Glanze, wie in ihrer Wiedervereinsamung nach der Scheidung von.Näpoleon. __. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jrder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 18) rechte Vorbehalten.) Eva wurde brennend roth, dann leichenblaß und doch blickte sie mir einige Sekunden — mir erschienen sie eine Ewigkeit — ruhig ins -Gesicht; dann sprach sie mit ihrer wunder-