Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 586 VxflerreichisÄxe Wochrnfchrtfl SLr. 31 öffentlich und laut ausgesprochen werden. Die jüdischen Massen unterscheiden sich wesentlich von den russischen Bauernmaffen dadurch, daß sie nicht blos chronisch, sondern beständig hungern. Wer da skeptisch den Kopf schüttelt, der komme nur zu uns nach Grodno: er wird „Wunder und Zeichen" sehen ..." Sollen wir dem noch etwas hinzusügen? Petersburg. Es wurde allgemein behauptet, Durnowo, der Minister des Innern, und General Gresser seien die eigentlichen Urheber der schändlichen Judenverfolgungen,—das ist einJrrthum. General Gresser stand sogar in Freundschaft zu mehreren Juden. Einer derselben, Herr Kalischer, war gezwungen, in einer wichtigen Geschäfts an gelegenheit die Hauptstadt zu besuchen und war nicht wenig erstaunt, noch am Tage seiner Ankunft vor den General citirt zu werden. Er begab sich in dessen Bureau, um ihm die wichtigen Gründe seines nur auf ganz kurze Zeit berechneten Petersburger Aufenthaltes bekannt zu geben- Aber Gresser ließ ihn nicht zu Worte kommen. Er begrüßte ihn in Anwesenheit aller im Empfaugssalon Wartenden aufs Freundlichste mit den Worten: „Besuchen Sie uns, meine Frau wird sich freuen, Sie zu sehen, dort werden wir von Geschäften sprechen, hier kein Wort darüber. Kalischer machte seinen Besuch, wurde aufs Herzlichste ausgenommen, und als er die Vorladung, die ihn vor den General citirte, aus der Tasche zog, sagte Gresser: „Sie haben mich aufrichtig betrübt, lieber Freund. Warum, in aller Welt, sind Sie in einem Hotel abgestiegen, daß Ihr Aufenthalt sofort bekannt werden mußte. Ich werde Alles aufbieten, um Sie zu schützen, damit Ihnen nichts in den Weg gelegt werde; aber meine Untergebenen dürfen es nicht merken, denn so weit es die Juden betrifft, bin ich vollständig machtlos, muß ich mich höherem Befehl fügen." Durnowo, welcher einst Gouverneur im südlichen Rußland war, hatte hier Gelegenheit, mehrere Juden kennen und schätzen zu lernen. Im vergangenen Herbst nun befand er sich in Jalta, einem Badeorte auf der Insel Krim, wo gleichzeitig auch die kaiserliche Familie weilte. Eines Tages begegnete ihm Herr S. aus jener Stadt, wo Durnowo Gouverneur gewesen, ein alter Freund von ihm. S., ein Jude, wagte nicht, Durnowo zu grüßen, aus Furcht, der Minister werde nicht von ihm, einem Juden, gekannt sein wollen. Aber Durnowo ging auf ihn zu, schüttelte ihm herzlich die Hand und machte ihm einen Vorwurf daraus, daß S. in Jalta sei und ihn nicht sofort besucht habe. Gelegentlich eines derartigen Besuches nun kam auch die Rede auf die Ausweisungen der Juden, und S. äußerte sein Befremden über die Gesinnungsänderung, die sich doch bei Durnowo vollzogen haben mußte, nachdem er nicht zögerte, sein Siegel zur Bekräftigung unter die betreffenden Verordnungen zur Verfolgung der Juden zu setzen. „Sie verkennen mich, mein lieber Freund, ich bin nur das Werkzeug in den Händen eines Höheren", antwortete Durnowo. und ich muß Ihnen leider mittheilen, daß das erst die Vlüthen sind, die Früchte kommen noch. Es steht den Juden für das kommende Jahr auf dem Wege der Gesetzgebung noch viel Aergeres bevor." Der jetzige Gouverneur von Petersburg, Herr v. W a h l, wurde auf diesen Posten ganz gegen seinen Willen berufen, und es ist bekannt, daß er rem Czar beim Antritte desselben sagte, er würde sich glücklich schätzen, ihm treu dienen zu können, aber nicht betrübt sein, wenn er des geringsten Vergehens wegen den Abschied erhalten würde. Daß der Czarewna einfür allemal verboten wurde, sich zu Gunsten der armen Juden zu verwenden, ist eine bekannte Thatsache. Warum soll nun der Czar seinen jüdischen Unterthanen Feind sein, was haben sie verbrochen? „Sie glauben", sagte neulich ein hoher Staatswürdenlräger zu einem angesehenen Juden, „daß die Juden ihrer Religion wegen oder aus nationalökonomischen Gründen so grausam verfolgt werden? Dem ist nicht so. Der Grund ist der, daß dem Czar glauben gemacht wurde, die Juden seien bei jedem politischen Proceß mitschuldig und in unverhältnißmäßig großer Anzahl bei allen Bewegungen, die den Sturz des jetzigen Regierungssystems l ezwecken, betheiligt." Bukarest. (Judenverfolgung in Rumänien.) Aus der oberen Moldau laufen Klagen über das barbarische Borgehen ein, deren sich die untergeordneten Executivorgane bei Austreibung der Juden aus den Landgemeinden schuldig machen. So erzählt die sonst durchaus nicht judenfreundliche „Vocea Botoschanilor“, daß im Dorfe Jbaneschti bei Dorohoiu zwei Fudenfamilien wie Vieh aus der Gemeinde getrieben wurden, nachdem deren Habe von Leuten des Primars aus den Häusern geschafft und auf das freie Feld geworfen worden war. Wie das erwähnte Blatt bemerkt, begreife es wohl den Bestand eines Gesetzes, welches fremden, beschäftigungslosen Vagabunden den Aufenthalt in den Dörfern verbietet. Die Art und Weise, wie dieses Gesetz aber jetzt vollzogen werde, richte sich nur gegen die ihren Lebensunterhalt mit harter Arbeit verdienenden einheimischen Juden. New-Iork. Die hiesigen, jüdischen Interessen gewidmeten Blätter befassen sich viel mit einem Manne, welcher, selber ein polnischer Jude und der Sohn eines polnischen Juden, die polnisch - jüdischen Einwanderer öffentlich als „unerwünschtes Element" bezeichnete. Der Mann ist ein Oesterreicher, nennt sich Senner, erklärt die wegen seiner judenfeiudlichen, Gesinnung erfolgten Angriffe des Dr. Wise für „flegelhaft", behauptete, lange Christ gewesen zu sein, bevor er nach Amerika kam, und will sich aus Ueberzeugung haben taufen lassen. Natürlich beruhen alle seine Angaben auf Unwahrheit. Er ist seinerzeit aus Brünn durchgebrannt, wo er unter seinem wahren Namen Dr. Samuely lebte, uud kam dann als Jude glücklich nach Amerika. Gegenüber seinen Behauptungen, daß ihn die Juden hassen, weil er ihren Glauben verlassen, können wir nur erkläre», daß wir nicht viel an ihm verloren haben, daß es aber schmählich ist, daß er um seines eigenen Vortheils willen seine Angriffe gegen seine ehemaligen unglücklichen Glaubensgenossen richtet unddaß er bei seiner Vergangenheit das unerwünichteste Element hier darstellt. Unter dem Namen „Educational Alliance" hat sich eine neue Organisation gebildet, deren Aufgabe es sein wird, die Bilduugszwecke, welche mit dem „Hebräischen Institut" an East Broadway in Verbindung stehen, bestmöglichst zu fördern. Die neue Gesellschaft setzt sich aus der Aguilar Frei-Bibliothekuud der jüdischen Frei-Schule-Gesellschaft zusammen und diese beiden bilden hinfort eine Vereinigung. New-Iork, 1. Juli. Der verstorbene Dr. Abraham Pereira Mendes war der Inhaber eines Rabbinats, das, wahr.- scheinlich als einziges in der Welt, dem Sprengel gleichkommt, welchem ein Bischof w partibus infideiium vorsteht. Es war ein Rabbinat, dem keine Gemeinde unterstellt ist. Bekanntlich besitzt Newport eine Synagoge, welche von dem bekannten Philanthropen Juda Toura erbaut wurde und von den Zinsen eines von ihm ausgesetzten Legats erhalten wird. Newport hatte im vorigen Jahrhundert eine blühende jüdische Gemeinde, welche aber seitdem ganz eingegangen ist. Während des Sommers mögen wohl dort weilende Badegäste die Synagoge besuchen und wird auch während dieser Zeit Gottesdienst abgehalten. Die Synagoge wird in gutem Stande erhalten und bildet eine der historischen Sehenswürdigkeiten des beliebten Badeortes. Der Verstorbene war ein tüchtiger Gelehrter und seine beiden Söhne, die Rabbiner Henry Pereira Mendes und Frederik de Sola Mendes, erfreuten sich großer Beliebtheit bei ihren Gemeinden. Ob der Rabbiner in partibus infideiium einen Nachfolger erhalten wird, ist noch nicht festgestellt. Rio de Janeiro. Folgender Vorfall macht hier viel von sich reden. Der General - Jnspector der Schulen der brasilianischen Hauptstadt hat kürzlich sein Amt niedergelegt und diese Resignation öffentlich motivirt. Er hatte für eine Schule vier Lehrerinnen in Vorschlag gebracht. Bon diesen wurde eine zurückgewiesen, obgleich sie, wie der Schulinspector in einer Beschwerdeschrift an den Minister hervorhob, ein besseres Qualificationszeugniß producirt hatte, als eine der drei zugelassenen Bewerberinnen. Da der Beschwerde des Jnspectors keine Beachtung geschenkt wurde, legte dieser sein Amt nieder. Die Angelegenheit wurde zum Gegenstand einer Interpellation im Senate gemacht, auf welche der Premier-Minister einfach erklärte: die betreffende Lehrerin sei eine Jüdin und deshalb nicht anstellungsfähig! Surinam (Holländisch Guyana). Die israelitische Bevölkerung Surinams beträgt 1500 Seelen; die Hälfte derselben ist spanischen Ursprungs und scheint von den Juden herzustammen, die Spanien bewohnt haben und sich nach Guyana gerettet, um der Inquisition zu entfliehen; die andere Hälfte ist holländischen Ursprungs und seit langer Zeit im Lande ansässig. Die Mehrzahl gehört dem Handelsstande an und genießt einen vorzüglichen kaufmännischen Ruf. Einige Portugiesen nehmen öffentliche Stellungen ein, besonders im Richterstand oder haben einen wissenschaftlichen Beruf wie die Medicin, die Advocatur rc. Ohne daß sich unter ihnen große Reichthümer befänden, besonders seit der Aufhebung der Sclaverei, leben sie alle im Wohl-