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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-04 · 31 (4.8.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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vtr. 3i OekerreichMtze WochenschrM «Seite 585 -r-,- wurde ihm der Doctortitel verliehen und gleich darauf begann er seine Praxis, welche von Jahr zu Jahr einen größeren Umfang annahm. Besondere Anerkennung verlieh ihm sein vortreffliches Werk über „Die Nerven" 1844; hier zeigte er sich als hervorragender Forscher. Im Jahre 1856 folgte sein zweites Werk über das Nervensystem, welches eben so schnell von der medicinischen Welt anerkannt wurde. Hieraus schrieb er noch fünf Werke, sämmtliche auf dem Gebiete der Physiologie, für welches er ein besonderes Interesse hegt. Als in den Jahren 1848—1852 bei uns die Cholera wüthete, stellte Nathansohn sich als freiwilliger Arzt in dem für die Choleraerkrankten neu eingerichteten Krankenhaus und zeigte eine unermüdliche Thätigkeit, durch welche er sich bei allen Einwohnern der Stadt beliebt machte. Seine anderen Werke „über die Erziehung" vom medicinischen Standpunkte (1861), „die praktische Hygiene" 1866, wie auch die medicinische Zeitschrift, die er 17 Jahre redigirt hat, raumen ihm einen ersten Platz unter den hiesigen Aerzten ein. Trotz einer so mannigfaltigen Thätigkeit widmete der Jubilar seine ganze freie Zeit den Interessen seiner Glaubensgenossen. Seit zweiundzwanzig Jahren steht er an der Spitze unserer jüdischen Gemeinde und ermüdet nicht, dieselbe in musterhafter Weise zu verwalten. Alle wohlthätigen Anstalten der letzten Jahre sind auf seine Veranlassung eingerichtet worden; die unübertroffene Handwerkerschule, in der sich Hunderte von jüdischen Knaben jährlich zu verschiedenen Handwerken ausbilden, hat ihre Existenz nur unserem Jubilar zu danken. Kein Wunder, wenn die Jubiliäums-Feier eine allgemeine war, an der Männer aller Classen, ohne Unterschied der Confession, und auch viele Professoren der hiesigen Universität theilnahmen. Alle polnischen Zeitungen, mit Ausnahme einiger antisemitischen, widmeten dem Jubilar zu diesem Feste Leitartikel. Möge es dem verehrten Manne noch lange beschieden sein, wie bisher zu wirken! Warschau. Reclame ist ein häßliches Ding und sollte polizeilich gar nicht geduldet werden — von Semiten. Dem antisemitischen Redacteur aber, dem ja bekanntlich der Zweck das Mittel heiligt, muß es naturgemäß auch gestattet sein, im Briefkasten eine Reclame-Notiz für einen Parteigenossen zu veröffentlichen. So lesen wir kürzlich in der in Warschau erscheinenden antisemitischen Zeitung „Rola" folgende Brieskastennotiz: „Wir rathen Ihnen, sich an Herrn Rechtsanwalt Theodorowskyzu wenden, er ist ein hochgeschätzter und geachteter Mann und vollkommen überzeugter Christ. Gegen mäßiges Honorar wird er Ihnen über Alles, was Sie wissen wollen, Auskunft ertheilen. Möge Gott Sie vor einem jüdischen Rechtsanwalt, der Sie maßlos betrügen würde, behüten." — Nun, Warum denn nicht? Manns manum lavat. Aber alsdann darf die Hand nicht zu schmutzig sein, denn sonst wird sie auch die waschende Hand stark beschmutzen. Nach fünf Tagen konnte man im Warschauer Polizei-Anzeiger lesen: „Auf Anordnung des Oberbürgermeisters wurde der Rechtsanwalt Theodorowsky wegen B e t r n g s und Unterschlagung verhaftet und sein Bureau geschlossen." Wie sagt doch das Sprichwort? „Gleiche Brüder — gleiche Kappen." Petersburg. Großfürst MichaelNikolajewitsch, der Vorsitzende im russischen Reichsrathe, hat kürzlich einen Act der Humanität ausgeübt. Bekanntlich sind die Juden in Transkaukasien vom Ministerium des Innern angewiesen worden, das Gebiet binnen drei Monaten zu verlassen. Die Tifliser Juden haben sich angesichts dieser Verordnung an den Vorsitzenden des Reichsrathes mit der Bitte um kurzen Aufschub gewendet. Großfürst Michael hat nunmehr, wie der officielle in Tiflis erscheinende „Kawkas" meldet, telegraphisch die Tifliser Behörden angewiesen, die Ausweisung der Juden, so lange keine neuerliche diesbezügliche Forderung des Ministers erfolgen werde, gänzlich einzustellen. In allen Synagogen in Tiflis sind am Tage der Bekanntmachung des erwähnten Telegramms feierliche Gottesdienste mit Gebeten für das Wohl des Czaren, des Großfürsten-Vorsitzenden und des kaiserlichen Hauses veranstaltet worden. In einer Reihe von Aufsätzen behandelt auch Für st Meschtscherski in seinem Organ die Judenfrage. Er weist unter Anderem auf den Umstand hin, daß die jüdische Bevölkerung in den den Juden zum Aufenthalt angewiesenen Gouvernements beständig wachse, während natürlich die russische Bevölkerung im Wachsthum nicht gleichen Schritt halten könne. Es entstehe somit die Frage, ob es weise sei, die Grenzgegenden völlig den Juden zu überantworten. Die Ansicht, die Juden lieber im Innern Rußlands zu zerstreuen, sei eine nothwendige Folge davon. In Bezug aus die Frage, was bester ist, die Juden in dem ihnen angewiesenen Rayon in den Städten oder Dörfern anzusiedeln, meint der Autor, daß die Juden in den Städten eine geringere Last für die Bauernbevölkerung abgeben, dafür aber jüdische Centren bilden würden, die ihre Gefahr hätten. Schließlich wirst der „Garashdanin" bei aller scheinbaren Duldung auch die Frage auf: „Wohin mit den Juden?" — Aber die Antwort darauf bleibt das Blatt wie der fürstliche Autor schuldig, sie wissen es also beide auch nicht. Eine Schilderung der unsäglich traurigen Wirklichkeit, wie diese nunmehr seit 25 Jahren in dem sogenannten „rechtmäßigen Ansässigkeitsgebiet der Juden in Rußland" unverändert fortbesteht. finden wir in den Spalten des erzjudenfresserischen „Wilensky Wjestnik"*), dessen berüchtigter Mitarbeiter „aus der nordwestlichen Grenzmark", wie dessen Redaction in der Hauptstadt des ehemaligen Lithauens sicherlich nicht leichten Herzens zum Schreiben und zum Abdruck einer derartigen Correspondenz, die alle ihre wüsten Hetzereien und böswilligen Denunciationen einfach Lügen straft, sich entschlossen haben mögen. „Unwillkürlich drängt sich die Frage auf": — mit diesen Worten beginnt die besagte Correspondenz aus Grodno — „womit ernährt sich denn eigentlich die größere Hälfte der städtischen Bevölkerung, welche doch jeglicher bestimmter Existenz mittel entbehrt? . . . Wie bescheiden das Budget ihrer Ausgaben und auf welches niedrigste Maß alle ihre Lebensansprüche herabgedrückt sein mögen: so, oder anders müssen sie doch ihr nacktes Dasein fristen und unterhalten können! Und es ist beim besten Willen nicht einzusehen,' wie sie dies Kunststück fertig bringen. Ich kenne persönlich einige hundert Familien, deren Monatsverdienst im Durchschnitte 4, sage vier Rubel beträgt. Um nun diese Zahl in ihrer ganzen verhängnißvollen Bedeutung begreifen und würdigen zu können, muß man wissen, daß die große Mehrzahl dieser Familien aus j e 5 und 6 Köpfen besteht. Ich will aber mit Vorbedacht die kleinere Zahl für richtig annehmen und jene Familien aus nur je 4 Personen bestehen lassen. Ich dividire also 4 durch 4 und erhalte so je einen Rubel pro Kops und Monat. Wissen Sie, was das besagen will? Nein, Sie wissen es nicht, und Ihre Leser wissen es auch nicht. Aber für anderthalb Pfund schlecht gebackenes schwarzes Brot, womit 4—6 Personen sich täglich ernähren sollen, mutz man bei uns 114 und selbst 2 Kopeken bezahlen; bleiben somit höchstens 40 Kopeken monatlich für Heizung, Beleuchtung, Kleidung, Beschulung und alle sonstigen Bedürfnisse übrig. Die Leute haben aber außerdem die Miethe zu bezahlen und — Steuern zu entrichten!" Ja, ein Culturbild fürwahr, das namentlich zum Nachdenken über die Ursachen heraussordert, welche dieses namenlose Elend verschulden. Welche sind diese? Die Verständigen haben mit Jahr und Tag nicht ausgehört, aus die gezwungene Zusammenpferchung der jüdischen Massen iit den eben nicht zahlreichen Städten jenes Gebietes als aus die Hauptursache der Permanenten Nothlage der Gesammtbevölkerung hinzuweisen. Und die besten Judenfeinde müssen es jetzt endlich selbst zugeben. „Die Bevölkerung Grodnos" — lesen nur weiter in der angezogeneu Correspondenz des „Wil. Wjest." — „s o l l aus 40.000 Seelen bestehen. Ich sage absichtlich: „soll"; denn diese Zahl' ist die offictefl geltende. In der Wirklichkeit haben wir in Grodno eine Gesammtbevölkerung von mehr als 50.000 Seelen. Unter diesen mögen sich etwa 10 000 Nichtjuden befinden, welche Ziffer sicherlich das Maximum bezeichnet. Diese eignen zusammen 609 Hänser, was einen Hauseigenthümer aus 16*/2 Personen der nichtjüdischen Bevölkerung ergibt. Jüdische Hausbesitzer finden wir insgesammt 1229, was unter Zugrundelegung der officiellen Zählung von 30.000 Juden ein Haus erst aus 24 4 Personen ergibt. Bon der christlichen Bevölkerung finden wir über 5000 Personen mit bestimmter Beschäftigung: sie sind Militärs, Lehrer, Beamte, Handelsgehilsen und selbstständige Kausleute. Dagegen zählt man bei den Juden: 102 Groß-Kausleute, 412 Kleinhändler, Agenten, Commissionäre und Vermittler aller Art — zusammen etwa Tausend. Dazu kommen etwa dreitausend Handwerker, Fabriksarbeiter und Melameds (Religionslehrer). Das heißt: Alles in Allem haben etwa 5000 Personen der jüdischen Bevölkerung eine bestimmte Beschäftigung, die ihnen wenigstens die knappsten Mittel zum Lebensunterhalt sichert. Womit ernähren sich aber die übrigen 25.000 Juden? Es gibt darauf nur eine Antwort, und diese muß doch einmal ') Nr. 79 vom 15. Mar 1993,

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