Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 584 Veflrrreirtzifttzr Wochenschrift vir. 31 „Natürlich, natürlich," entgegnete dieser, „bin ich ein bedeutender Mensch. Leider verkennt man mich noch immer. Liber ich bitte Sie, wem ging es besser? Columbus, Newton, Lessing, Bismarck, sie Alle wurden im Ansang verkannt. Aber d'r Tag wird kommen, mutz kommen. Er kommt schon immer näher." Bei diesen Worten strich Ahlwardt mit den Fingern liebkosend über den Lorbeerkranz, der seine Büste schmückte. Auf die Frage, wie er sich denn die Lösung der Judensrage denke, erwiderte der Rector a. D.: „Oeffenllich kann man's eigentlich noch nicht sagen, aber der einzige Weg bleibt doch: Kops ab! Nach Jerusalem geht das Zeug ja doch nicht. Was sich bisher Antisemitismus nannte, mar nur Judenverhätschelung. Ich habe das einzige Reccpt. Nach fünf Jahren wird Deutschland judensrei sein.Bin ich erst Minister, dann kriegen di- Bauern in Neustettin den Liter Schnaps für 10 Pfennige. Da das Vermögen der Juden an den Staat fällt, werden alle Steuern aufgehoben. Da auch der Adel und damit der Junker abgeschafft wird, so ist die sociale Frage im Handumdrehen gelöst. Im Handumdrehen! Die Sache ist so einfach, wie das reine Ei des Eolumbus, nur daß ich der sociale Columbus bin, der die neue Welt, den wahren Zukunftsstaat endeckt." Der Besucher erhob den Einwand, daß die Durchführung dieser Pläne wohl doch nicht so einfach sei. Der „sociale Columbus" schüttelte den Kopf. „Es macht sich Alles von selber, ganz von selber, sobald nur der rechte Mann an der Spitze steht. Daran hat's gefehlt. Sehen Sie Bismarck. Er hat ja Mancherlei geleistet, gewiß, aber die eigentliche staatsmänuische Befähigung, der geschärfte Blick für die Forderungen der Zeit ging ihm doch ab. Ganz natürlich, denn er war Junker, und die sind — Sie wissen es bereits aus meiner berühmten Rede — fast so schlimm wie die Juden selber." Das Gespräch wurde auf Stöcker gelenkt. „Er ist Jude!" meinte Ahlwardt. „Ich hab's aus ganz sicheren Quellen (er zeigte auf ein Actenbündel). In Kürze werde ich ihn^entlarven. Rein semitische Abstammung. Nicht einmal getauft. Und das Schlimmste, er ist geheimer Agent der Alliance mruelite. Es wird Alles klargestellt werden. Es ist unglaublich, was dieser Mann dem Jndenthum genützthat. Aber seine Zeit ist um, ganz um, er ist fertig. Wir haben alle Beweise in derHand. Erbezieht jährlichvonderAlliance100.0l)0M. Rickert kriegt viel weniger, daher der Haß zwischen Beiden. Die Hospredigerstelle hat er nur niedergelegt, um ungehindert für die Alliance zu arbeiten. Ja, ja, wir haben die Acten!" „Böckel," so erzählte Ahlwardt weiter, „ist zweifellos Agrarier. Er hat nur einen Fehler, er leidet an Größenwahn, hält sich für einen bedeutenden Menschen, hofft, was zu werden. Lächerlich! Aber ich kann ihn jetzt noch gebrauchen. Später lasse ich ihn fallen. Solche eingebildete Menschen sind unerträglich." Dem Besucher wurde sodann der Ahlwardt-Marsch gezeigt, ferner eine „von einem talentvollen jungen Dichter" verfaßte ..Ayllvardt-Hymue", die demnächst in Druck erscheint und mit den Worten beginnt: „Heil dem Einzigen, Heil dem Großen, der uns führt der Freiheit entgegen." Beim Abschiede deutete der Rector aller Deutschen aus eine Buchse im Corridor mit der Aufschrift: „Für das Ahlwardt- Denkmal." Der Besucher verstand den Wink und legte seinen Obolus hinein. Berlin, 26. Juli. Ein antisemitischer Exceß in Erven Lucas Bols'schem Locale in der Friedrichstraße beschäftigte kürzlich wieder einmal das Berliner Schöffengericht. In die Affaire waren diesmal auch zwei Ausländer — Großkaufleute aus Kopenhagen — verwickelt. Dieselben hatten im Jänner d. I. der Reichshauptstadt einen Besuch gemacht und während ihres hiesigen Aufenthaltes mit dem Fabriksbesitzer B. freundschaftlich verkehrt. Am Abend des 29. Jänner traten die Herren, nachdem sie eben aus dem Theater gekommen waren, in das Bols'sche Local ein und forderten je ein Gläschen Liqueur. Zwei ganz unbetheiligte Zeugen schilderten die nun folgenden Borgänge unter ihrem Eide folgendermaßen: Unter den anwesenden Gästen hatte kurz vor dem Erscheinen der genannten drei Herren eine sehr lebhafte Discussion über die „schlimmen Fehler" der Juden und über die „Verächtlichkeit" der „Judenknechte" stattgefunden. Unter den Discutirenden nahm der Capitänlieutenant a. D. und expedirende Secretär im Reichsversicherungsamt P. Altag, ein Stammgast des Locals, eine hervorragende Rolle ein. Als B. mit seinen beiden dänischen Gästen eintrat, rief A. in lautem Tone: „Da kommt ja so ein Jude, Juden 'raus!" Diese Worte wurden darauf aus allen Ecken des stark besuchten Locals mehrmals wiederholt. B. trat an den Rufer heran und verbat sich jede Anzüglichkeit, worauf A. an den Schanktisch herantrat und, sich an die B.'schen Gäste wendend, ausrief: „Wenn Sie einen Schnaps von diesem Juden aunehmen, dann sind Sie ein Judenknecht, dann sind Sie noch verächtlicher als der Jude!" Jetzt forderte B. den Sprecher auf, ihm Namen und Wohnung anzugeben. A. entgegnete: „Es fehlt mir gar nicht ein, Ihnen meinen Namen zu nennen." Als B. sich darauf entfernen wollte, um einen Schutzmann herbeizuholen, packte ihn der Reichsversicherungsamts-Secretär am Genick und schüttelte ihn tüchtig durch. Jetzt mischten sich einerseits die Freunde des A. ein, um denselben von weiteren Schritten zurückzuhalten, während zwei andere Gäste sich dem B. als Zeugen anboten, weil sie das Verhalten des A. empört habe. Es waren dies die vom Gericht vernommenen Personen. Die beiden dänischen Großkaufleute und der Fabriksbesitzer B. strengten auf Grund des vorgetragenen Thatbestandes gegen A. die Beleidigungsklage an. Der beklagte Stammgast A. entschuldigte sein Verhalten mit „starker Angetrunkenheit". Rechtsanwalt Salz, als Vertreter der Kläger, führte zur Kennzeichnung des Beklagten noch einen Passus aus der Klagebeantwortung desselben an, in weicherer den Fabriksbesitzer B., welcher als Vicefeldwebel den Feldzug 1870—71 mitgemacht hat, sagen läßt: „Jetzt hat er mer sogar angefaßt." Der Gerichtshof verurtheilte den Beklagten wegen Beleidigung in drei Fällen zu 30 Mark Geldstrafe, wobei er zu dessen Gunsten die erregte Unterhaltung und den Genuß geistiger Getränke mildernd in Erwägung zog. Neu-Strelitz. (Ein Fürstenwort.) Die „Voss. Ztg." berichtet: Zur Hoscur bei dem Gcoßherzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Strelitz in Nen-Strelitz am 20. v. M., der Nachfeier der goldenen Hochzeit des Großherzogs, wurde auf besonderen Befehl auch der Oberlandesrabbiner Dr. F. Hamburger in Strelitz geladen. Der Gcoßherzog sprach längere Zeit mit dem Oberlandesrabbiner und betonte in seiner Anrede u. A. mit Nachdruck laut: „Der Psalmvers, den Sie in ihrer Jubelfest-Predigt anführen: „Du liebst die Gerechtigkeit und hassest den Frevel", und woran sie Mehreres anknüpfeü, bildet meine eigene Ueberzeugung. Ich beauftrage Sie. den jüdischen Gemeinden des Landes meinen Dank für die mir zur goldenen; Hochzeitsfeier übersandte Adresse auszusprechen." — Großherzog Friedrich Wilhelm, welcher gegenwärtig im 74. Lebensjahre steht, ist Doctor of civil law der Universität Oxford. Leipzig. Der Berwaltungsbericht des Vorstandes der israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig berichtet über das Schächtungswesen in Sachsen Folgendes: „Wie bekannt, wurde unter dem 21. Mär; 1«92 vom königl. Ministerium des Innern die Verordnung, das Betäuben der Schlachtthiere betreffend, erlassen. Sie bestimmt, daß vom 1. October 1892 an beim Schlachten aller Thiere, mit Ausnahme des Federviehs, bei Blntentziehung die Betäubung vorausgehen müsse. Hiermit wurde also das Schächten, da dasselbe nur an völlig unversehrten Thieren vorgenommen werden darf, verboten. Es haben nun sofort nach Erlaß diejer in das religiöse Leben der Israeliten Sachsens tief einschneidenden Verordnung Berathungen sowohl innerhalb des Vorstandes, als auch mit den Vorständen der israelitischen Religionsgemeinden zu Dresden und Chemnitz stattgefunden, auf Grund deren zunächst im Mai 1892 eine gemeinschaftliche Vorstellung seitens der Religionsgemeinden Dresden und Leipzig an das Ministerium des Innern gerichtet und darin insbesondere auf die das Schächten befürwortenden Gutachten Sachverständiger hingewiesen wurde. Zugleich wurde um eine Audienz für die Rabbiner zu Dresden und Leipzig gebeten; diese Audienz wurde bewilligt und fand am 20. Mai statt, war indeß ohne Erfolg. Darauf richteten die Vorstände der Religionsgemeinden zu Dresden, Leipzig und Chemnitz ein Immediatgesuch an seine Majestät dein König um Gewährung einer Audienz für die Rabbiner dieser Gemeinden. Diese Audienz, in welcher ein Aufschub des Schächterverbotes erbeten werde sollte, wurde jedoch nach Vortrag des Ministerinins des Innern nicht bewilligt. Im August 1892 wurde in einer weiteren Eingabe seitens der drei Gemeinden an das Ministerium um Untersuchung der Methode des Niederlegens der Thiere und Prüfung eines hierzu dienenden Apparates gebeten. Diese Prüfung hat sodann im October stattgefunden, jedoch zu einer Aenderung der Verordnung nicht geführt. Ein ferneres Gesuch der drei Gemeinden, die Angelegenheit dem königl. Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts vorzulegen, wurde vom Ministerium des Innern abschlägig beantwortet. Die obgedachte Verordnung war inzwischen am 1. October in Kraft getreten." Man sieht, daß die sächsische Regierung sehr antisemitisch gegen die Juden in Sachsen vorgeht. E. Warschau, 18. Juni. Der berühmte Arzt, Dr. Ludwig Nathansohn, Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, feierte am 7. d. M. sein Jubiläum, seitdem er seine Studien auf der Universität vollendet hat. Nathansohn wurde am 17. März 1822 geboren; nachdem er das Gymnasium absolvirt, begab er sich nach Wilna und kurz darauf nach Turjen (der Name der Stadt Dorpat ist unlängst auf allerhöchsten Befehl in Turjen verändert, ebenso ist Dünaberg in Dwinsk verändert worden), wo er mit großem Eifer Medicin studirte. Im einundzwanzigsten Lebensjahre, nachdem er seine Prüfung glänzend abgelegt hat,