Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-08-04 · 31 (4.8.1893) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
31 (4.8.1893)
Date
1893-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020985--02633-3026732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 31 Vrstrrrrktzifchr Wochrnfitzrifi Seite 583 spectionszimmer. Dr. L. und zwei Damen schilderten sodann vor dem Commissär genau, wie sich Frank während der Fahrt benahm. Derselbe wird außer der bahnpolizeilichen Bestrasung sich nunmehr auch wegen Anmaßung des Charakters eines Detectivcs mnd wegen Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit zu verantworten haben. Wien. (Rittmeister Graf Thun, der Rabbi von Sadagora und Baron Krauß in der Bukowina.) Gegen Ende vorigen Jahres berichteten wir über ein Aussehen erregendes Vorkommniß, welches sich vor dem Tempel des berühmten Wunderrabbis von Sadagora zutrug. Der Rittmeister des 9. Dragoner-Regiments Graf Thun erschien an einem Samstag vor dem Bethause in Sadagora, in welchem sich der Wunderrabbi gerade befand. Graf Thun war mir einem photographischen Momentapparate ausgerüstet, um den Rabbi, für den er sich sehr interessirte, aufzunehmen. Dies erfuhr man in der Synagoge, und da es bei den orthodoxen Juden verboten ist, sich photographiren zu lassen — obendrein noch an einem Sabbath — entstand ein förmlicher Aufruhr, und zahlreiche Personen sammelten sich vor dem Tempel an. Der Rabbi wollte denselben nicht verlassen und sandte den Vorsteher Landau als Parlamentär zum gräflichen Officier mit der Bitte, derselbe möge von seinem Vorhaben ablassen. Graf Thun weigerte sich den Ort zu verlassen; es entstand eine turbulente Scene, bei welcher sich Landau eines kräftigen, derben Wortes bediente, welches Graf Thun auf sich bezog, während Landau versicherte, die Lärmer und Schreier gemeint zu haben. Trotzdem wurde Landau wegen Ehrenbeleidigung, also wegen eines Privatdelicts, von einem Gendarmen verhaftet und zur Bezirkshauptmannschaft escortirt, welche aber die sofortige Enthaftung anordnete. Selbstverständlich rief die Verhaftung eines Staatsbürgers wegen angeblicher, noch gor nicht erwiesener Ehrenbeleidigung in der ganzen Gegend ungewöhnliches Aufsehen hervor, und ein Czernowitzer Blatt berichtete über den Vorfall, wobei es gleichzeitig seiner Verwundcrung darüber Ausdruck gab, daß dem Gendarmen ein solcher ungesetzlicher Haftbefehl zukommen konnte. Die Folge davon war, daß gegen das betreffende Blatt die Preßklage erhoben wurde, und es kam beim Czernowitzer Landesgerichte zur strafger.'chtlichen Untersuchung. Dieselbe wurde eingestellt, dagegen die Anklage wegen Vernachlässigung pflichtgemäßer Obsorge erhoben. Der verantwortliche Redacteur führte einen Wahrheitsbeweis und beantragte die Einvernahme des Rittmeisters Grafen Thun. Derselbe mußte zugeben, daß thatsächlich gegen Landau der Haftbefehl erlassen wurde, und zwar über Anordnung des — Landesprüsidenten Baron Krauß. Auf Grund des erbrachten Wahrheitsbeweises wurde der Redacteur freigesprochen. Ischl, 27. Juli. Die „Neue Freie Presse" bringt im Abendblatt vom 25. Juli in der Unterrichtszeitung allgemeine statistische Daten über die österreichischen Gymnasien und bedauert mit Recht, daß in den Classifications-Tabellen der Gymnasialprogramme die Fortgangsnoten in den einzelnen Lehrgegenständen nicht angegeben werden. Nur das Theresianische Gymnasium nehme hiezu einen Anlauf, indem es im Anschlüsse an die Abhandlung: „Zur Geschichte der Anstalt von 1866 bis 1890", unter zehn Tabellen auch eine einlege, welche wenigstens die „Reprobationen" aus den einzelnen Gegenständen und Jahren Nachweise. Danach haben an jener Anstalt während des genannten Zeitraumes im Ganzen folgende „Reprobationen" stattgefunden: Aus Latein 58, aus Mathematik und Physik je 35, aus Deutsch 32, aus Griechisch 23, aus Geschichte 21 und aus Religion 5. Hienach wurden in dem Zeitraum von 24 Jahren nur 5, sage fünf Schüler reprobirt. Wir empfehlen dem Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, jener Behörde, welche den Religionsunterricht zu regeln und zu überwachen hat, zu untersuchen, wie viele jüdische Schüler eines einzig en Wiener Gymnasiums in einem einzigen Jahre aus der Religion reprobirt wurden, um die Ueberzeugung zu gewinnen, wie tief begründet die vielen in dieser Richtung erhobenen Beschwerden sind. Czernowitz. (Verhandlungen der Bukowinaer Handels- und Gewerbekammer in Czernowitz.) Dem Berichte über die 445. ordentliche öffentliche Sitzung vom 7. Juni 1893 der Handels- und Gewerbekammer in Czernowitz entnehmen wir nachstehende Mittheilung : „Nach erschöpfter Tagesordnung erbittet sich Kammerrath Picker das Wort, um neuerlich Beschwerden wegen Paßangelegenheiten zur Sprache zu bringen. Die Kammer beschließt die Dringlichkeit des Gegenstandes. KR. Picker weist in längerer Ausführung auf den Umstand hin, daß die Angelegenheit der Beschaffung der Paßvisa zum Xiebertritte nach Rumänien und die hierbei für jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende zu Tage tretenden Chikanen, schon wiederholt die Kammer beschäftigt haben. Man habe geglaubt, daß diese Schwierigkeiten mit der Errichtung eines rumänischen Consulates in Czernowitz ein Ende nehmen werden: allein man habe sich getäuscht. Es sei nicht nur nicht besser, es sei viel schlimmer geworden. Die Behandlung, welche sich österreichische Staatsangehörige jüdischen Glaubens von diesem rumänischen Herrn Consul gefallen lassen müssen, sei geradezu empörend. Während unser Gesetz keinen Unterschied zwischen Jude und Christ mache, verlange der rumänische Consnl von jüdischen Handels- und Gewerbsleuten Certificate von der Kammer, persönliches Erscheinen, sogar wiederholtes Erscheinen, um sie daun, wenn sie ihm nicht zu Gesichte stehen, mit Spott und Hohn erst recht abzuweifen. Das sei eine empörende Behandlung und tiefbeschümend für den Oesterreicher. Gibt es denn, ruft der Redner aus, keine Hilfe gegen solches unerhörtes Vorgehen? Die Schritte, welche die Kammer in dieser Sache unternommen, waren ohne Erfolg. So sehr Redner auch die heute bereits besprochene Thätigkeit der Kammerabgeordneten im Landtage anerkennt, muß er doch mit Bedauern bemerken, daß sie in dieser Hinsicht nichts unternommen, keine Anträge eingebracht, keine Interpellationen gestellt. Auch die Localregierung, unter deren Augen derlei Dinge Vorkommen, schweigt dazu. So könne es unmöglich weitergeheu. Bis nun sandte man die Pässe nach Wien oder Budapest, um das Visum des rumänischen Consuls zu erlangen. Ein persönliches Erscheinen war nicht nothwendig. Heute aber müsse der jüdische Paßinhaber zur Kammer um ein Certificat, dann meist nwhreremale zum Consul, müsse sich hier in erniedrigender Weise behandeln lassen, um endlich noch abgewiesen zu werden. Für außerhalb Czernowitz wohnende Parteien erwüchsen hieraus nicht unbedeutende Kosten und Zeitversäumnisse — alles weil man Jude ist. Redner führt eine ganze Reihe ihm bekannt gewordener Fälle an, nennt auch die Namen der Betroffenen und bittet die Kammer nochmals, energische Schritte zu thun wegen Abstellung dieses unerhörten UebelstandeS. Vicepräsident David Titting er bemerkt, er finde den vom Vorredner geäußerten Unwillen über die geschilderten unqualificirbaren Verhältnisse hinsichtlich der Erlheilung der erforderlichen Paßvisa an Israeliten ganz begreiflich, ja er theile denselben vollständig. Entschieden zurückweisen aber müsse er den Borwurf, als hätten die Landtagsabgcordneten der Kammer in dieser Angelegenheit nichts gethan. Es wurde keine Gelegenheit unbenutzt gelassen, den diesbezüglichen Klagen Worte zu leihen. Redner weist speciell auf eine einschlägige energische Resolution hin, die aus seinen Antrag vom Landtage beschlossen wurde. Mehr könne der Landtag nicht thun. Das Weitere spiele auf diplomatischem Gebiete, und da gebe es viele schwerwiegende Rücksichten, die den Ausschlag geben. Redner erinnert daran, daß eine vielbesprochene Affaire sich vor nicht länger Zeit abgespielt und ziemlich bedenkliche Momente zutage gefördert habe, dennoch aber — offenbar aus irgend welchen höheren diplomatischen Rücksichten — enolich im Sande verlies. Nichtsdestoweniger glaubt Redner, daß die Kammer nicht ermüden dürfe, immer wieder diese Unzukömmlichkeiten geeigneten Ortes zur Sprache zu bringen und deren Abstellung mit allem Nachdrucke anzustreben. Hiebei müsse man sich vor Augen halten, ganz bestimmte Fälle mit Namen und sonstigen Daten vorzubringen, welche den betreffenden Behörden die Möglichkeit bieten, die Sache ins Einzelne zu verfolgen. Die Kammer beschließt hierauf einhellig, solche Fälle zu sammeln und dann auf Grund bestimmter, mit möglichster Genauigkeit sestgestellter Thatsachen geeigneten Ortes Beschwerde zu führen und Abhilfe zu erbitten. Berlin. (Der sociale C o l u m b u s.) Unter Dem 24. Juli berichten deutsche Blätter: Der Reichstagsabgeordnete für Friedeberg-Arnswalde, Rector a. D. Ahlwardt, hat sich von einem Mitarbeiter der „N. Niederschl. Ztg." ausfragen lassen. Es verlohnt sich schon der Mühe, einige charakteristische Äeußerungen des Rectors aller Deutschen dem großen Publikum zugänglich 311 machen, die. wenn nicht echt, doch gut erfunden sind. Der Besucher meinte, daß es ihm längst gedrängt habe, Herrn Ahlwardt persönlich kennen zu lernen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.