Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Oestrrrrichifchr Wochrnfttzriy Seite 581 Fälle, zum Beispiel in Berdiischew, wo es nur der Findigkeit des Polizeimeisters zu danken war, daß die Juden gerettet wurden, ferner in Dünaburg, Trentelburg bei Riga, in Michailorvka (bei Bjelostok), wo der deutsche Pastor sich der Juden annahm, und in einigen andern Städten. Der komischeste Fall aber ereignete sich unlängst im Gouvernement Kowno, ein Fall, der für die Juden die schlimmsten Folgen hätte haben können. Ein littauischer Bauer verkaufte in der seiner Ansiedlung am Nächsten gelegenen Stadt sein Pferd und hielt sich dort so lange auf, bis er all sein Geld vertrunken hatte. Inzwischen machte sich bei ihni zu Hause seine Abwesenheit bemerkbar, und die Bauern, mit dem Geistlichen („Ksends") an der Spitze, fielen über die dortigen Juden her, sie beschuldigend, daß sie den Bauer für ihren Ostergebrauch geschlachtet hätten. Die Geschichte hätte sehr böse geendigt, wäre der besoffene Bauer („Mnschik"), nachdem ihm alles Geld ausgegangen, nicht noch rechtzeitig aus der Stadt zurückgekehrt und der erregten Menge gesund und unversehrt sichtbar geworden. Hätten sich die Juden etwa darum kümmern sollen, daß der Trunkenbold nicht zlr lange in der Stadt sitzen bleibe, damit kein Fall sich ereigne „von der Art jener Fälle, die vormals zu Beargwöhnungen der Juden Anlaß gaben?" Nicht die Juden sind an ähnlichen „Fällen" schuld, sondern die leitende Intelligenz unseres Volkes, welche die Vorurtheile des Mittelalters nicht von sich abzuschütteln vermag. Herr Kostomarov macht Anspielungen auf meinen „Rassenpatriotismus" und spricht von meiner „Leidenschaft für die Juden". Ja, ich muß es zugeben, ich habe Sympathien für die Juden, weil ich nicht nur ihre Schattenseiten, sondern auch ihre Lichtseiten kenne, und ich glaube, es ist auch bei Weitem ehrenhafter, seine Stammesgenossen und ehemaligen Glaubensgenossen gegen falsche Beschuldigungen in Schutz zu nehmen, als sie durch unterschiedliche Erdichtungen und falsche Auslegungen unschuldiger „Fakta" zu verlästern. Freilich! Ein Vertheidiger der Juden kann niemals auf den Verfall der Mehrheit rechnen, der immer nur den Lästerern des Judenthums zu Theil wird. Doch was fragt ein Ehrenmann nach Beifall? Die Anerkennung weniger aus erwählter Menschen gilt ihm höher als die Gunst der Menge. Ich trage in mir das Bewußtsein dessen, daß ich für das Recht und für die Wahrheit kämpfe. Ob ich dafür gelobt oder getadelt werde, bleibt mir vollständig einerlei. D. Chwolson. Vom echten deutschen Manne. Ein Lied zur Harfe. Motto: Ein echter deutscher Mann kann keinen Franzmann leiden, Doch seine Weine trinkt er gern. (Goethe, „Faust".) Er sieht so blaß, der blonde Vollblutknabe, Teutonensproß von raffereinem Blut; Der gute Vater flucht in seinem Grabe Gesinnungstreu: „ein Nebel ist der Jud!" Die gute Mutter ist ihm ausgerissen; Die kleine Schwester starb im Waisenhaus; Und er? Zwei lange Tage keinen Biffen! Bei Glaubensbrüdern ging er ein und aus- Doch wagte er nur eine kleine Bitte, Gleich setzte man. ihn fluchend an die Luft; Denn: „Gastlichkeit ist christlich-deutsche Sitte — Der Jude nur ist geizig und ein Schuft!" . . . Und weinend ließ man ihn vor Thüren stehen — „Genossen, helft! Mein Blut ist arisch-rein!' Mein Elend ist der Jud!" — Man ließ ihn flehen, Er wollte Brot — man gab ihm einen Stein. Da — eines Tages — nahm er sich zusammen — „Ein Stündchen-Frieden in dem Glaubenskrieg!" Mag mich mein braver Bruderstamm verdammen — „Sich selbst besiegen ist der schönste Sieg!" So fand er sich mit seinem leeren Magen Bor einer Thür. Darauf stand: SW" David Kohn. „Das Judenpack nimmt mich gewiß beim Kragen! Ech bin doch nischt ä auserwählter Sohn!!" Die Thür geht auf. Man bittet ihn in's Zimmer. „Verzeihen gnäd'ger Herr . . ich bin verarmt . . Dem letzten Hunde geht es nicht viel schlimmer . . Als eben mir . . . wenn Ihr Euch nicht erbarmt". — Man reicht ihm Brot. — „In meinem Waarenlager Dort könnten Sie mir wohl behilflich sein? Der Lohn ist zwar nicht fett, doch auch nicht mager; Nun, junger Mann?" Er schlägt natürlich ein. „Dank! tausend Dank! Nun soll mein Elend enden, Vor Noth gerettet, Pest und Hungertod!" Gerührt dreht er die Mütze in den Händen ... „Zwar füttert man dich nur mit Judenbrot" — — So denkt er sich — „doch höchstens ein, zwei Jahre, Du dienst ja nur, das sei Dein Trost, aus — Sport! Nur pfiffig sein! Jetzt heißt es einfach: spare — Dann hast Du Geld und läufst dem Juden fort! Doch mußt Du Dir's, so schwer Dir's fällt, gestehen: Wo blieb die „christliche Barmherzigkeit?" Sie ließ Dich hungernd um Almosen flehen; Auch goß sie manchmal — Thronen auf Dein Leid .- . Doch die, wie Vater höhnte, sich beschneiden, Sie wurden — Schmach um Schmach! — Dein guter Stern ..." Ein echter deutscher Mann kann keinen Inden leiden. Doch seine Silberlinge nimmt er gern . . . CorreüpMllenLm. Wien. („Kranzspenden werden dankend abgelehnt.") Der Oberrabbiner Herr Dr. Ad. Jellinek publicirt nachstehenden Aufruf: In den letzten Tagen waren in den Wiener Journalen Todesanzeigen abgedruckt, in denen am Schluffe zu lesen war: „Kranzspenden werden dankend abgelehnt." Diese Schlußvemerkung erinnert an das italienische Sprichwort „0di la äurch la vince“, „Ausdauer siegt". Es wurde so oft und so energisch gegen die Ausschmückung der Särge mit Blumenkränzen im Tempel gesprochen und in Journalen geschrieben, daß die bessere Einsicht den Sieg davontrug. Wir wollen auf eine ausführliche Motivirung gegen die Todtenkränze nicht eingehen, sondern begnügen uns, an das ästhetische Gefi'ihl und an den praktischen Wohlthätigkeitsfinn zu appelliren.. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, den Tod und das ftische Leben verbunden zu sehen; hier den Sarg mit dem verwesenden Leichnam, über ihm und neben ihm duftende und farbige Blumen. Wir begreifen es, daß man bei lustigen und fröhlichen Gelagen Blumen auf die reich gedeckte Tafel setzt; nicht aber dort, wo das schwarze Bahrtuch sich ausbreitet. Und nun vollends, wenn man Augenzeuge ist, wie diese Spenden von Freundeshand in die tiefe Gruft geworfen werden! Welche Summen werden da nutzlos begraben, die man für wohlthätige Zwecke, für Linderung von Noth und Elend verwenden könnte. Wir wollen es nicht verhindern, daß Freunde und Freundinnen ihr innigstes Beileid an dem Hinscheiden einer theuren Person durch ein sichtbares Zeichen ausdrücken, das geschehe aber nicht durch welkende Blumen, sondern durch helfende Gaben. Die meisten Vereine in der Wiener Cultusgemeinde klagen mit Recht über geringe Einnahmen und ungenügende Zuflüsse. Vielen derselben würde es zur Erreichung ihrer Zwecke zustatten kommen, wenn man ihnen die Beträge, welche die Todtenkränze veranlassen, zuwendete. Wir schlagen besonders zwei Vereine in der Wiener Cultusgemeinde zu diesem Behufe vor: den Waisenverein und die Chewra-Kadischa. Der Waifenverein sorgt für verlassene Kinder, denen der Vater oder die Mutter durch den Tod entrissen wurde, und es ist gewiß empfehlenswerth, diesem Vereine das Geld zu widmen, welches Kranzspenden kosten. Die Chewra-Kadischa nimmt sich der Kranken und der Reconvalescenten an und leistet ihnen Beistand, damit sie leben können, solange sie nicht arbeitskräftig sind. Zum Ruhme der Wiener Chewra-Kadischa müssen wir eonstatiren, daß der Vorstand derselben nicht engherzig und pedantisch seines Amtes