Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 31 (4.8.1893)
- Date
- 1893-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 580 Orperredhiphe Wochenschrift , Nr. 31 Brauchen dir Juden Chrrstenblut? Beurtheilt von D. A. Chwolsou in Petersburg. Nach der 2. verbesserten und mit 3 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein). (Schluß.) Herr Kostomarov findet ferner an mir auszusetzen, daß ich, „die Mitwirkung der Negierung zur Beihilfe bei dem gelehrten Streite" herbeicitire. Ich muß hier zu wiederholten Malen mein Bedauern aussprechen, daß Herr Kostomarov mir solche Einfälle, die mir niemals in den Kopf gekommen sind, zuschreibt. Ich gebe jedoch zu, daß ich, indem ich mich in der von Herrn Kostomarov citirten Stelle vielleicht nicht ganz genau ausdrückte, selber an diesem Mißverständnisse Schuld bin. Ich habe durchaus nicht dabei den polizeilichen, sondern den ethischen Gesichtspunkt im Auge gehabt. Ich wollte nur den folgenden Gedanken ausdrücken : Im bürgerlichen Leben wird jeder Betrug, durch den Jemand zu Schaden kommt, als Verbrechen, welches einer Bestrafung unterliegt, betrachtet, und jedem Betrüger wird eine allgemeine Verachtung zu Theil. Wenn Jemand aber ein Buch schreibt voll Unterstellungen und Verleumdungen gegen eine ganze Nation, so wird dies herablassend angesehen und der Autor häufig sogar in die bessere Gesellschaft ausgenommen. Ich finde das Vorgehen Ljutostanski's nicht darum tadelnswerth, weil er die Juden beschuldigt, Christenblut zu gebrauchen, sondern darum, weil er sein Buch mit dem gemeinsten Betrugsmaterial vollstopft, weil er Citate gegen die Juden aus Büchern anführt, die niemals existirt haben, weil er Paragraphe aus Gesetzesverordnungen fabricirt, in deren Original das gerade Gegentheil dessen gesagt wird, was er vorbringt, und wegen anderer ähnlicher Gaunereien. Herr Kostomarov findet es sonderbar, daß ich zum Nutzen der Juden die Hilfe der Regierung anrufe und wünsche, sie möchte von ihren Häuptern das über ihnen schwebende Damoklesschwert wegziehen. Dabei verweist er mich auf die Nutzlosigkeit aller königlichen Edicte und päpstlichen Bullen, die zum Nutzen der Juden erlassen wurden. Das Alles weiß ich sehr wohl, aber ich glaube, die Zeiten dürften sich nun doch schon geändert haben. Es bedarf mehr keiner Befehle und Erlässe, durch welche die Anschuldigung der Juden verboten wird, sie hätten ja vom juristischem Gesichtspunkte aus auch keinen Sinn mehr. Aber ein Circulär von einigen Zeilen, vom Justizminister. an sämmtliche Procuratoren gerichtet, des Inhalts, sie möchten in künftigen Fällen ähnlicher Beschuldigungen mit äußerster Umsicht verfahren, würde genügen, zahlreiche jüdische Familien unnützem Jammer und Unheil zu entreißen. Wenn nun in ähnlichen Angelegenheiten von den Procuratoren nicht mehr den Aussagen alter Weiber, die nicht anzugeben wissen, wie alt sie selber seien—ob 13 oder 40 Jahre — eine Bedeutung beigelegt werden wird, so werden solche Anklagen schon von selber aufhören. „Das Licht der Wahrheit", sagt Herr Kostomarov, „wird die Finsterniß der Verirrung von selber zerstreuen." Zn meinem Bedauern bin ich kein so optimistischer 'Historiker wie Herr Kostomarov. Auch ich glaube an die Macht der Wahrheit, die immer am Ende der Enden siegt. Aber mitunter vergehen Jahrhunderte und zahlreiche Geschlechter vergehen, ehe der Sieg der Wahrheit sich vollzieht. „Das Licht der Wahrheit" u. s. w. — ein schöner Satz, werth, daß die Kinder in der Schule ihn neben andern schönen Dingen auswendig lernen. Nur hat er im praktischere Leben leider dieselbe Bedeutung wie so viele andere abstracte Gemeinplätze. Weiß Herr Kostomarov nicht, wie viele menschlicher Leben, von den Menschenopfern des Alterthums angefangen bis zu den Religionskriegen der letzten Jahrhunderte, der Lüge zum Opfer gefallen sind? Weiß Herr Kostomarov nicht, wie lange die Neligionsverfolgungen in Indien, im westlichen Asien und in Europa gedauert haben, wie lange die Inquisition gewüthet hat und die Scheiterhaufen für die sogenannten Ketzer gebrannt haben? Eine Lüge kann individuell sein — wie die napoleonische — und sie verschwindet in einem Jahrhundert. Eine-Lüge kann national sein und sie dauert ganze Jahrhunderte. Eine Lüge endlich kann sozusagen kosmopolitisch sein und sie erhält sich zuweilen ganze Jahrtausende. Wer unter einer solchen Lüge nicht leidet, kann ruhig warten, ,>bis das Licht der Wahrheit von selber die Finsterniß der Verirrung zerstreuen wird". Wer aber von ihr zu leiden hat, der kann nicht so lange warten. Endlich muß ich bemerken, daß es überhaupt nicht wahr ist, „daß das Licht der Wahrheit von selber die Finsterniß der Verirrung zerstreut". Die Wahrheit ist keine materielle, nach physischen Gesetzen wirkende Kraft. Sie ist eine geistige Macht, die nicht von selber wirkt, sondern der man zu Hilfe kommen mutz, wo alle Kreise der Intelligenz Mitwirken müssen, mögen sie zu den uniformirten oder nicht uniformirten gehören, um gegen die Lüge zu kämpfen und der Wahrheit zum Triumph zu verhelfen, die aber niemals von selber zum Durchbruch gelangen wird, wenn die Intelligenz, auf die „Macht der Wahrheit" vertrauend, die Hände ruhig -in den Schoß legt. Wie sagt doch der Heiland? „Wenn das Salz schal wird, womit soll es gesalzen werden?" (Math. V, 13.) Anstatt der obangeführten Worte des Herrn Kostomarov würde ich lieber gesagt haben: „Das Licht der Aufklärung zerstreut von selber die Finsterniß der Verirrung", und das hat sich in der That im westlichen Europa verwirklicht, einzig und allein durch die immer weiter eindringende Bildung, durch die so manche Verirrungen, wie die Verbrennung von Hexen, die Anklage gegen die Juden, als ob sie die Brunnen vergifteten, Hostien stählen, sie durchstächen .und verunheiligten, Christenblut gebrauchten, und ähnliche mittelalterliche Vorurtheile geschwunden sind. Als einige gebildete Juden unlängst an mich die Frage stellten: „Womit könnte man die lügenhafte Anklage aus der Welt schaffen?", da gab ich ihnen zur Antwort: „Opfert einige Millionen auf Einrichtung tüchtiger Volksschulen und Ihr werdet dadurch besser als durch alles Andere die Anklage todt machen." „Mag in Zukunft", sagt Herr Kostomarov zum Schlüsse, „kein einziger von der Art jener Fälle sich ereignen, die vormals Anlaß zur Beargwöhnung der Juden gaben, und es wird ohne alles Mitwirken der machthabenden Gewalten das Damoklesschwert über den Häuptern der Juden zu schweben aufhören." Mich wundert es aufs Aeußerste, wie aus der Feder eines so scharfsinnigen und kritisch denkenden Historikers, wie Herr Kostomarov, eine so unlogische Phrase abblitzen konnte. Was denkt sich denn Herr Kostomarov unter Fällen „von der Art jener Fälle, die vormals zur Beargwöhnung der Juden Anlaß gaben?" Meint er einen Fall, wo die Juden wirklich Christenkinder tödteten? Nun! Die Existenz solcher Fälle stelle ich ja in Abrede, nicht einmal von eigentlichen Bearg- Wohnungen kann in der That dabei gesprochen werden. Meint er aber nur die Fälle überhaupt, wo Anklagen dieser Art vorliegen, nun so hängt ja die Beseitigung dieser „Fälle" nicht von den Juden ab; können die Juden dem rwrbeugen, daß ein Christenkind nicht irgendwo ins Wasser falle oder in einer Sumpfgegend, in einem Walde oder im Schnee sich verirre? Solche Unglücksfälle gab es und wird es allemal und überall geben. Was können die Juden dafür, daß nationale Vorurtheile sie für alles Unglück verantwortlich machen? In Wirklichkeit ist niemals die'Anklage die Folge eines „Falles", sondern im Gegentheil: kaum erhebt'man irgendwo die ^Anklage gegen die Juden, so werden gleich zahlreiche „Fälle" entdeckt, die häufig sehr komisch endigen. Als in den letzten Monaten alle Zeitungen den Kutai'schen Proceß besprachen, da ereigneten sich viele solcher „Fälle", wo Kinder und selbst erwachsene Personen eine Zeit lang vermißt wurden und den Juden die Ursache ihres Verschwindens beigemessen wurde, so daß sie lange von ernsten Gefahren bedroht waren. Ein Glück für die Juden, daß die Vermißten noch ziemlich rasch wieder zum Vorschein kamen, wäre deü Letzteren aber, wie es ja häufig vorkommt, irgend ein Unglück widerfahren, so hätten leicht wieder Processe, Verhaftungen, Verfolgungen und andere ähnliche Verwicklungen daraus entstehen können. Zwei solches Fälle gab es sorgar hier ut der Hauptstadt, andere neuerliche