Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020984--02619-3026717
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 570 Vesterreichischr Wochenschrift Nr. 30 Doch den'Haupttrumpf spielt der germanische Correspon- | dent am Schlüsse aus, indem er wörtlich schreibt: ' „D ie Herren Israeliten selbst fahren j a schon längst fast als die Einzigen in Fiakern und die Andersgläubigen — um die kümmert sich die liberale Gemeindeverwaltung nicht." — Wir sehen schon im Geiste einen neuen Bellamy, der uns den jüdischen „Handle" des 20. Jahrhunderts schildert, wie er im eleganten Fiaker vor die Häuser der Vorstadt fährt, im Hofraume alle Stockwerke hinan seine Lockrufe ertönen läßt und dann nach abgeschlossenem Geschäfte sein Gefährt neuerdings besteigt, das sodann in eine nächste Straße rast. Wien. (Eine Scene im Schönbrunner Schloßpark.) Wirerhalten folgende Mittheilung: Samstag Abends saßen fünf junge Leute, die Herren Ernst Lust, Josef Riwak, Theodor Adler, Ludwig Hanke und Leopold Grünwald im Schönbruilner Schloßpark auf einer Bank in der Allee, welche 'nach Hietzing führt, und unterhielten sich miteinander, als mit einemmale ein junger Mann mit beleidigenden Worten auf sie zutrat. Bon Herrn Grünwald zurechtgewiesen, antwortete der Mantt mit einem Hieb, den er dem genannten Herrn mit einem Studentenstock versetzte, worauf sich ein Handgemenge entspann, in dessen Verlauf auch Herr Theodor Adler einen Hieb auf den Kopf erhielt. Mittlerweite war die Wache eingeschritten und brachte die ganze Gesellschaft auf die Schloßwache, wo ihnen das Nationale abgenommen wurde. Hier legitimirte sich der Mann mit dem Stocke als. „akademischer Bürger und Sohn des Schönbrunner Schloßarztes Fink". Während der Aufnahine des Nationales wurde Herr Grünwald, welcher nervenleidend ist, von einem Unwohlsein befallen, worauf man ihn mit Wasser labte. Herr Fink bemerkte hiebei, man möge dem Herrn „Mazzes" (Osterbrot) bringen/ da werde ihm gleich besser werden. Olmütz. (Verlobung.) Der hiesige Rabbiner Dr. B. Oppenheim hat sich mit Frl. Marie Fried aus Drewohostitz verlobt. Eger. (Einweihung einer Synagoge.) Aus Eger wird uns berichtet: Die-von der hiesigen Cultusgemeinde neuerbaute Synagoge wurde am 25. d. M. Nachmittags feierlich eingeweiht. Viele geladene Gäste, darunter Vertreter der katholischen und protestantischen Kirchen, die obersten Repräsentanten der hierortigen Staats- und autonomen Behörden und Schulen, viele Stabs- und Ober-Officiere der Garnison, Vertreter der baierischen und sächsischen Bahnen, zahlreiche Abordnungen auswärtiger Cultusgemeinden, hiesiger Vereine rc. nahmen an dem feierlichen Acte theil. Nach Vortrag des Chvrliedes und nach der durch den hiesigen Rabbiner Popper vorgenommenen ceremoniellen Weihe hielt Rabbiner Dr. Ziegler aus Carlsbad die Festpredigt. Das Gebet für den Kaiser und die Absingung der Volkshymne bildeten den Abschluß der Feier. Koli», 24. Juli. (Antisemitische Rohheit.) Gestern (Sonntag) um 8 Uhr Abends vollzog sich in der belebtesten Straße der Stadt ein empörendes antisemitisches Attentat. Der 74jährige Herr Josef Beutler erging sich mit feiner blld 80 Jahre zählenden Gattin vor seinem Wohnhause. Ohne jedwede Veranlassung stürzte sich ein etwa zwanzigjähriger Bursche auf das Greisenpaar, beschimpfte es nach Antisemitenart, warf es unter Mißhandlungen-zu Boden und entfloh. Der Hausarzt Dr. Herrmann constatirte bei der Frau Beutler zahlreiche Kontusionen, einen Bluterguß aus Mund und Nasenhöhle und einen complicirten Bruch des linken Oberarmknochens, mithin eine schwere körperliche Verletzung, die bei dem hohen Alter der Angefallenen von den bedenklichsten Folgen begleitet sein kann. Jnowrazlaw ß'Worte der Milde.) Der Erzbischof von Posen, Dr. v. Stablewski, empfing gelegentlich eines Aufenthaltes in Jnowrazlaw den Besuch des Rabbiners Dr. Kohn und erkundigte sich bei. diesem nach den Verhältnissen der dortigen jüdischen Gemeinde. Dr. Kohn richtete' an den Erzbischof in Anwesenheit mehrerer Geistlichen eine Ansprache, die derselbe in äußerst toleranter, vom Geiste wahrer Nächstenliebe getragener Weife erwiderte. Die Worte des Erzbischofs gipfelten in dem Satze: „Das Christenthum ist eine Religion der Liebe, wir sind daher den Israeliten Liebe schuldig, und möge da kommen, was da wolle, rechnen Sie auf die Pflichterfüllung der Katholiken in meiner.Diöcese nach dieser Richtung hin zu jeder. Zeit." Mit warmem Händedruck und freundlichen Worten entließ der hohe Kirchenfürst den Rabbiner. Berlin. Kaiser Wilhelm hat kürzlich das Herz eines Juden, Namens A. Behrend in Christburg, der das Geschäft eines Handelsjuden betreibt, erfreut. Während der Kaiser in der Nachbarschaft jagt?, besuchte er Behrend, den er bereits perfönlich kannte, da beide zusammen in dem 1. Garde-Regiment zu Fuß gedient haben. Seine Majestät befragte Behrend im Verlaufe der Unterhaltung, wie es ihm gehe, und als dieser sagte, daß es sein sehnlichster Wunsch sei, die Agentur für eine neue Eisenbahn gelegentlich ihrer Eröffnung zu erhalten, versprach der Kaiser, Sorge zu tragen, daß sein Wunsch ehestens realifirt werde. * Paris, 25. Juli. (Cura telverhängung über den Marquis de Mores.) Das Gericht hat dem Verlangen des Herzogs von Ballombrosa, über seinen Sohn, - den Marquis de Mores, wegen Verschwendung die Curatel zu verhängen, stattgegeben. Der Marquis, welcher nach mißglückten finanziellen Abenteuern in Amerika im Bunde mitDrumont den Radau-Antisemitismus in Frankreich zu propagiren versucht und überdies als Duellant häufig von sich reden gemacht hatte, dürfte nun für längere Zeit vom öffentlichen Schauplatze verschwinden. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Nebersetzungs- 17) rechte Vorbehalten.) „Da mein Vater zu beschäftigt ist, um sich um minder Bedeutendes zu kümmern undauch weil ich die Spirituserzeugung gründlich kenne, sendet mich der Vater nach Schönhof in die Fabrik, um dort zu inspiciren und mit dem Verwalter zu verrechnen. Ich hatte dadurch oft Gelegenheit Eva zu sehen, zu sprechen und zu beobachten. Ich hatte geglaubt, meine Leidenschaft für sie wäre keiner Steigerung fähig; allein je öfter ich sie sah, je näher ich sie kennen lernte, desto mächtiger wuchs -meine Liebe, desto inniger wurde ich davon überzeugt, daß ich ohne sie nicht leben könne. Wenn ich sie einige Tage nicht sehe, ihrer Stimme Klang nicht höre, erfaßt mich namenlose Sehnsucht nach ihr! — Es war eine längere Zeit vergangen, ich befand mich in jenem eigenthümlichen, unschilderbaren Wonnerausche, in den wahre, heiße Jugendliebe versetzt — doch plötzlich mußte ich mich fragen, erwidert Eva deine Liebe? Am einfachsten wäre es gewesen, mir von ihr selbst die Antwort zu erbitten, allein der Gedanke, diese könnte verneinend ausfallen, machte mich erzittern und gewaltsam zwang ich mich dazu, so lange als möglich nichts zu unternehmen, was meine schönsten Träume zerstören könnte. Vor einigen Wochen fuhr meine Mutter, wie das häufig geschah, von mir begleitet, nach Schönhof. Sie war ungewöhnlich ernst,ich in Träumen versunken,so daß wir längere Zeit im Wagen schweigend nebeneinander saßen, endlich begann meine Mutter . . . . ." Markbreiter unterbrach sich: „Ich mißbrauche Ihre Güte und Geduld in unverantwortlicher Weise; ich verfalle von Neuem in den Fehler ungebührlicher Weitschweifigkeit — ich will mich von jetzt ab nur auf das Haupt-- sächlichste beschränken. „Ich bitte das nicht zu thun. 'Sie wünschen ja meine Ansicht und meinen Rath, ich werde mir jene richtiger bilden, diesen besser ertheilen können, wenn Sie mir Ihrer weifen Mutter Worte unverkürzt mittheilen." „Ich habe mir jedes derselben eingeprägt und vermag sie unverändert anzuführen. Meine Mutter begann völlig unvermittelt: „Mein lieber Sohn, Du hättest mir gewiß schon gestanden, daß Du Eva liebst, aber Du bist in Ungewißheit darüber, ob Deine Neigung erwidert wird, wohl auch darüber, ob es denkbar sei, daß Du an das Ziel Deiner Wünsche gelangst. Dieselben Gründe haben es auch verschuldet, daß ich noch nicht mit Deinem Vater über Deine Neigung gesprochen habe. Wir, Deine Eltern, lieben Dich, Du bist ja unser einzig Kind und hast Dich stets unserer Liebe werth bewiesen; aber ich glaube, Dein Vater liebt Dich fast noch mehr als. ich. Er möchte Alles Glück für Dich erraffen und wünscht, Deine zukünftige Gattin möge das vollkommenste Wesen sein. Er wünscht — nicht aus Geldgier — Du kennst ihn ja fast so gut als ich selbst, nur aus Vaterstolz - ein reiches Mädchen für Dich, noch mehr aber sieht, er darauf, daß feine zukünftige Schwiegertochter einer berühmten Gelehrten¬ oder Stadlonimfamilie*) entstamme; allein er liebt Dich so sehr, *) Männer, die an Fürstenhöfen Einfluß besaßen und für ihre Glaubensgenossen wirken,konnten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.