Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 30 Oekerreichifche WochenschrM Seite 569 aller Deutschen, Stöcker, her. Auf deu Einwand eines zur Versöhnung Redenden, Stöcker sei doch der „Vater des Antisemitismus", erwiderte der Reichstagsabgeordnete Werner: Aber ein Rabenvater. (Tumult, Bravo, Händeklatschen, Zischen.). Ein anderer Redner verglich den Hofprediger a. D. mit einem General, aber mit einem General a. D. Er sei Führer gewesen. Aber seine Führerrolle sei ausgespielt. Reichstagsabgeordneter Werner: Stöcker sollte doch endlich klug werden. Er hätte sich die doppelte Blamage in Neustettin ersparen sollen. Der Antisemitismus wird ihm nie verzeihen, daß er gegen Ahlwardt candidirte. (Rufe: In Siegen hat ein Antisemit gegen Stöcker candidirt!) Reichstagsabgeordneter Werner: Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es aus demselben heraus. (Herr Werner vergaß in der Eile, daß Siegen zeitlich vor Neustettin fiel. Anm. d. Red.) Ferner verzeiht der Antisemitismus Herrn Stöcker nie dieAenßernngen vom letzten Freitag. Herr Stöcker hat gesagt, er wolle Herrn Dr. Böckel bis aufs Blut bekämpfen. (Rufe: Pfui! Unerhört! Nicht wahr!) Und der das sagt, ist ein christlicher Geistlicher! (Pfui!) ©in anderer Redner will den Ausdruck nicht gehört haben. — Reichstagsabgeordneter Werner: Doch. Er steht im Protokoll. — Vorredner: Das war wohl nicht so gemeint. — Reichstagsabgeordneter Werner: Doch. Stöcker hat uns in der herausfordernsten Weise angegriffen. Darauf ist dann natürlich entsprechend geantwortet worden. (Ruf: Gepfiffen!) Wenn Herr Stöcker denkt, aus der Tasche der Antisemiten ein Mandat zu bekommen, dann irrt er sich. Ahlwardt, das ist unser Mann. Ahlwardt ist eine Agitationskraft ersten Ranges. DieDiscuffion wurde eröffnet Öurdj einen Socialdemokraten, der tm schönsten „Berner" Dialect die Ansicht entwickelte, die Militärvorlage vor der Deckungsfrage zu erledigen, das sei dasselbe, als wenn er sich eine Hose machen lasse, ehe er wisse, woher er sie bezahle. Ich kann mir keine Hose kaufen, ehe ich das Geld nicht habe, oder ich muß meinen Schneider besch . . . (Der Redner gebraucht hier einen nicht wiederzugebenden Ausdruck. Gelächter, Radau. Vergebliches Schellen des Vorsitzenden.) Ja, sagen Sie mal, wozu brauchen wir überhaupt noch Militär? Diese im allernaivstenBrusttone derUeberzeugung aufgeworfene Frage des biederen Sachsen erzeugt stürmische Heiterkeit. (Rufe: Schluß! Zur Sache.) Rechtsanwalt Werner vertheidigt die Stellung der Antisemiten zur Militärvorlage. (Ein bartloses Jüngelchen ruft dazwischen: Das verstehen Sie nicht!) Rechtsanwalt Werner: Der Mann hat noch nicht einmal das wahlfähige Alter. (Stürmischer Lärm.) Nachdem dann noch mehrere Redner gesprochen hatten — die Mehrzahl räumte sehr energisch mit Stöcker und den Conservativen auf — ging die Versammlung auseinander, ohne zu ahnen, welchen Genuß sie mit ihrem ehelichen Gezänk jedem Außenstehenden bereitet hatte. Man konnte sich dabei des Gefühls nicht erwehren: „Die Brüder sind einander werth." Mainz, am Abend des 10. Ab. In aller Stille, nur unter Theilnahme seiner allernächsten Verwandten und Freunde, feierte gestern unser berühmter Mitbürger Herr Dr. Ludwig Bamberger auf seiner idyllischen Besitzung in Jnterlaken seinen 70. Geburtstag. Mehr wie Tausende von Broschüren gegen den Antisemitismus bildet die Thatsache, daß aus dem Judenthum ein Mann von der Bedeutung Bamberger» hervorgegangen, eine Widerlegung jener unsinnigen Angriffe. Die enggezogenen Grenzen unserer Zeitschrift gestatten uns nicht, auf die unsterblichen Verdienste, die sich Bamberger um die innere Entwicklung des jungen Deutschen Reiches und namentlich um dessen Währung erworben hat, näher einzugehen. Nur das Eine wollen wir bemerken, daß alle seine Voraussetzungen und Befürchtungen in der Metallfrage fast wörtlich eingetroffen sind, so daß man heute bewundernd zu dem Manne anfschaut, der das Alles so genau „prophezeit" und unser Vaterland vor unendlichem Schaden bewahrt hat. „Ein Weiser ist oft mehr wie ein Prophet"; dieses alte Wort des Talmud hat sich auch an Bamberger bewährt. Nach dem Zerfall seiner Partei unb dem Niedergang der deutschen Volksvertretung faßte der verehrte Mann nach schweren inneren Kämpfen den Entschluß, vom parlamentarischen Leben sich gänzlich zmückzuziehen. Was sollte er, fragt Emil Schiff in der „Neuen Freien Presse", in einer Versammlung, der die Wahl von neunzehn Judenhetzern ein trauriges Brandmal von der Verirrung und Gesunkenheit des Volkes aufdrückte? Lenge schien es, als hätte die schmerzliche Bitterkeit dieser Thatsache bei Bamberger, an dessen vornehme Hohe die pöbelhafte Niedrigkeit antisemitischer Angriffe sich selten heranwagte, einem kühlen kritischen Hinwegsehen über eine zeitliche Verirrung der Nation Platz gemacht. Aber die traurige Empfindung, daß diese sittliche Entartung auch einen ansehnlichen Theil der Volkskreise ergriffen hatte, mit denen Bamberger einst an der Einigung des Vaterlandes zusammen gearbeitet, nagte auch an dieser starken Natur und wirkte mitbestiinmend auf seinen Entschluß, sich znrückzuziehen. Daß dabei der deutsche Parlamentarismus der Verlierende ist, wenn ihm ein so erlesener Geist fern bleibt, brauchen wir nicht zu sagen. I iM* Wien. (X v ci it u u ge in. Sonntag, den 30. Juli, findet im israelitischen Tempel in der Seitenstettengr.ssdie Trauung von Frl. I d a Bell, Tochter des Herrn Samuel Bell, mit Herrn A u t o n P i ck statt. Wien. (I nstallationsfeier.) Freitag, den 28. Juki Abends halb 8 Uhr, findet im israelitischen Tempel 6. Bezirk, Schmalzhofgaffe 3, die Installation des Bereinspredigers Herrn Rabbiner Dr. Israel Tag licht statt. Wien. (Todesfall.) Der in zahlreichen Kreisen wegen seiner Wohlthätigkeit und seines Biedersinnes beliebte und geachtete Bankier Moritz Rais ist am 25. Juli plötzlich verschieden. Der Verstorbene war Vorstandsmitglied des Tempelvereines im IX. Bezirk, dessen Interessen er mit warmen Herzen förderte; er war Mitglied zahlreicher humanitärer Vereine und stets bereit, für öffentliche Zwecke mit seiner Person und mit seinem Vermögen einzutreten. Wien. (Der H o frathstite l) wurde verliehen Herrn Professor Dr. S. Grünhut und Herrn Pro fessor Dr. A d o l f L i e b e n. Zn Rathssecretären wurden befördert die Gerichtsadjnncten Isidor Barber, Adolf Kahn, Josef L o w n er und S a l o mo n S a chs. (Zum Rector der Universität Gießen) ist der Professor der Mathematik, Doctor Moriz Pas aus Budapest, gewählt und durch ein großherzogliches Decret in dieser Würde bestätigt worden. Diese Mittheilung ist insoferne von Interesse, als Pas Jude ist und Gießen zum zweitenmal durch den Antisemiten Zimmermann im deutschen Reichstage vertreten ist. Wien, 22. Juli. (Auszeichnung für Baurath Taussig.) Die amtliche „Wr.-Ztg." bringt die officielle Mittheilnug. daß Se. Majestät der Kaiser dem bei der Donau- Regulirungs-Commission in Verwendung stehenden Baurathe Sigmund Taussig das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen hat. Diese Auszeichnung wird in technischen Kreisen mit lebhafter Freude begrüßt. Baurath Taussig hat sich nicht nur bei den schwierigsten Arbeiten der Donau-Regulirung die größten Verdienste erworben, sondern hat in neuester Zeit als Verfasser des Projects für die Umwandlung des Donaucanals in einen Handels- und Winterhafen seine hervorragende Begabung und seine unermüdliche Hingebung an den Dienst bewährt. Die renommirten Techniker aus Oesterreich, Deutschland und Frankreich. die berufen worden waren, ein Gutachten über das Project abzugeben, waren des Lobes voll für das Wissen und Können des Baurathes Taussig, sowie für sein bescheidenes Wesen. Sie haben dieses Urtheil in dem Briefe an den Minister- Präsidenten bei Ueberreichung ihres Gutachtens unumwunden ausgesprochen. Nunmehr sind die Verdienste des Baurathes Taussig an höchster Stelle ausgezeichnet worden. Wien. Der Wiener .,^"-Korrespondent der Berliner „Germania" nimmt in der Nummer 164 dieses Blattes den bekannten Erlaß des Statthalters von Niederösterreich an den Wiener Gemeinderath zum Anlaß einer durch nichts gerechtfertigten Judenhetze. Liest man dieses Geschreibsel, so ist man wahrlich in Verlegenheit, ob man seiner Schamlosigkeit oder seinem Mangel jedweder Logik die Palme zuerkennen soll. Der Scribent, hinter dem sich ein antisemitischer Wiener Reichsrathsabgeordneter verbergen soll, will in seinem Berichte „ein wenig beleuchten, was für eine schamlose Ausbeutung der Bevölkerung durch die Juden den letzten Anstoß zu dieser Maßregel gegeben und wie die liberale Gemeindeverwaltung selbst vor den gewagtesten Experimenten der Verschleppung nicht zurückschreckt, um nur ihre Gebieter, die Juden, im Rebbach-Schneiden nicht zu stören." Diest Beleuchtung des, wie es scheint, sehr wenig erleuchteten „Gerniania Schreibers" besteht also darin, daß er die gesammte Judenschaft Wiens für die Ueberfüllung der Pferdebahnwagen verantwortlich macht.