Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 568 Vesterreichische Wochenschrift Nr. 30 Cultusangelegenheiten angesichts der vorgebrachten Fragen zum Ausdruck zu bringen. Die Einberufer der würdig verlaufenen Versammlung haben sich um die Klärung vieler wichtiger Punkte ein entschiedenes Verdienst erworben, wofür ihnen auch von allen Anwesenden der Dank ausgesprochen wurde. Zu bemerken ist ferner, daß nebst Neuhaus auch Beneschau, Mühlhausen und mehrere andere Gemeinden Rabbinatssitze zu errichten gedenken; ein definitiver Beschluß wurde in Tabor nicht gefaßt, und ist es nun Sache der Gemeinden mit zukünftigem Rabbinate sich nun ihrerseits mit den Nachbargemeinden durch Einberufung von Versammlungen ins Einvernehmen zu setzen, um durch Coalition der vorhandenen Finanzmittel die Aufnahme einer der Würde des Amtes entsprechenden Persönlichkeit zu ermöglichen. Salzburg. (Eine antisemitische Heldenthat.) Das „Salzburger Volksblatt" berichtete: Als die Ouvertüre zur Oper „Libuscha" von Smetana verklungen war und allenthalben im Saale Beifall geklatscht wurde, vernahm man von einem Tische aus starkes Zischen, das umso stärker wurde, je lebhafter das übrige Publikum applaudirte. Aller Blicke wendeten sich nach jenem Tische, und siehe da, an demselben saßen einige junge deutschnationale Antisemiten, die offenbar das bedrängte Deutschtbum zu retten glaubten, wenn sie ein Werk des czechischen Componisten Smetana auszischten. Auf diese „Heldenthat" dürfen sich die Herren wahrlich wenig einbilden. Ist es an und für sich schon taktlos qenua, die große Mehrheit eines Concertpublicums in ihrem Urtheile über eine Compofition terrorisiren zu wollen, so macht ein derartiaes Vorgehen einen um so widerlicheren Eindruck auf jeden Gebildeten, wenn man die Absicht merkt, daß mit einer so aufdringlichen Mißfallensäußerung nur eine lächerliche volitische Demonstration zum Ausdrucke gebracht werden soll. Knust und Musik, so sollte man wenigstens glauben, sind international, und kein gebildeter Mensch wird den Werth eines Kunstwerkes nach der nationalen Abstammung seines Schöpfers bemessen. Das hätten jene heißblütigen Deutschnationalen, die sich zu einer derartigen Taktlosigkeit Hinreißen ließen, sich vor Augen halten sollen. Deutsche Musik steht heute überall in hohem Ansehen, sie wird von den Slaven ebenso geehrt, wie von den Romanen, und das erfüllt gewiß jeden echten Deutschen mit Stolz und Befriedigung. Das bloße Schicklichkeitsgefühl sollte also schon gebieten, daß Deutsche dem Werke eines Componisten nichtdeutscher Zunge, und wäre derselbe auch ein Czeche, dieselbe Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wo kämen denn unsere deutschen Componisten hin, wenn ihre Werke in nichtdeutschen Ländern ebenso behandelt würden, wie Smetana's ..Libuscha"-Ouverture im Cursaale? Glauben"vielleicht unsere deutschnationalen Antisemiten, daß das musikfreundliche Publikum sich ihrem Dictat widerspruchslos fügen und auf den Genuß guter slavischer Musik nur deshalb verzichten soll, weil dieselbe ihrem Geschmack nicht behägt? So ^weit darf der nationale Chauvinismus denn doch nicht getrieben werden. Uebrigens hat das Publicum zu einer Art Selbstjustiz gegriffen. Als nämlich zwei Herren von jenem Zischer-Tische, welche den Saal für einige Zeit verlassen hatten, wieder in demselben erschienen, vernahm man von allen Seiten Zischlaute. Und begleitet von denselben — die Conversation war für einige Augenblicke vollständig unterbrochen — mußten die beiden Herren Deutschnationalen den Weg zu ihren Plätzen zurücklegen. Es war das ein förmliches Spießruthenlaufen. um das wir die Betreffenden wahrlich nicht beneideten. Diese Zurechtweisung haben sie aber, weiß Gott, verdient. Zuletzt dürfte in einer Saisonstadt nichts von Gounod, Bizet oder Verdi gespielt werden; sie sind ja auch keine Deutschen! Berlin, 16. Juli. Im Urban-Hospital Hierselbst, wohin er zur besseren Pflege vorige Woche gebracht worden, starb am 10. d. M. der in weiteren Kreisen bekannte Schriftsteller Ernst Wechsler, welcher die „Feuilleton-Zeitung" seit Anbeginn geleitet Hot. Einige Wochen vorher erreichte Wechsler das 32. Lebensjahr. Ernst Wechsler war geboren in dem ungarischen Orte Güssing von jüdischen Eltern. Er besuchte das Gymnasium in Graz und Nikolsburg, zeigte früh poetische Anlagen und erwarb sich die Gönnerschaft und Freundschaft Robert Hamerlings. Dieser förderte den Hingeschiedenen nach besten Kräften und verhalf ihm zur Drucklegung seiner ersten Dichtung: „Der Festzug des Lebens". Zu Ende der Siebziger Jahre übersiedelte Wechsler nach Wien und widmete sich ausschließlich literarischen Arbeiten. Verschiedene lyrisch-epische Schöpfungen entstanden, welche den Schüler Hamerling's verriethen. In allen waltet eine lebhafte, oft überschäumende Phantasie, zu welcher sich Gedankenreichthum und feine Formempfindung gesellen. Durch farbenfrische Schilderungen und fast durchweg tadellosen Versbau zeichnen sich die „Harmonien und Dissonanzen". „Orgien und Andachten" und „Der unsterbliche Mensch" aus, welch letztere Dichtung eine tiefsinnige Sage behandelt, deren Mittelpunkt Moses Maimonides ist. „Der unsterbliche Mensch" erschien zuerst 1884 und 1890 in zweiter Auflage. Mitte der Achtziger Jahre zog Wechsler nach Berlin, um sich einen größeren literarischen Wirkungskreis zu erobern. Hier in der Reichshauptstadt wandte sich Wechsler immer mehr der kritischen und journalistischen Thätigkeit zu und erlangte bald einen geachteten Namen. Er schrieb größere literarisch-ästhetische Essays für die „Nationalzeitung", die „Deutsche Rundschau", „Westermann's Monatshefte", die „Gegenwart" u. s. w. Einen Niederschlag dieser literarisch-kritischen Thätigkeit, welche besonders die modernen Strömungen ins Auge faßte, bilden die zwei interessanten Werke: ..WienerAutoren" (1888) und..BerlinerAutoren" (1890). Seine Novellen und Skizzen finden sich in den Bnchsammlnnqen »Gespenster im Sonnenschein" (1889l nnd ..Heimatszauber nnd Anderes" (1892) vereinigt. Im Gedäcktniß seiner Freunde wird der Hingeschiedene fortleben als ein Mann, der dem Schriftstellerberuf zur Zierde gereichte. Friede seiner Asche! Berlin, 18. Juli. Unter den Vorlesungen, welche im künftigen Winterhalbjahr an der hiesigen Universität nach dem soeben ausgegebenen Vorlesungsverzeichnisse gelesen werden, besinden sich auch einige öffentliche Vorträge von allgemeinerem Interesse, die auch Nichtstudirenden ans Antrag zugänglich sind. Wir berücksichtigen bei der Aufzählung dieser Collegien die neu angekündiqten Vorträge einiger gelehrter Glaubensgenossen. Zu unser aller Frende bat auch Professor Dr. Steintbal. dessen Gesundheitszustand sich in steigender Besserung befindet, eine Vorlesung über den Ursprung der Sprache angekündiat; Professor Dr. Ludwig Geiger liest über ..Faustsage nnd Faustdichtuna", Dr. Preuß über „die Staatstheorien des 19. Jahrhunderts". Dr. Winkler über ..die Monumente und die israelitische Geschichte". — Von naturwissenschaftlichen Vorträgen erwähnen wir die Publika von Dr. Aron „über die dynamoelektrischen Maschinen". Dr. Goldscheider ..über die Störungen der Sprache" und von Professor Mendel „über die Zurechnungsfähigkeit". Berlin. (An tisem itische Eh es ch ei dun g.) Kein Zweifel mehr, im antisemitischen Lager ist belle Feindschaft ausgebrochen. Zwischen Conservativen — Deutsch-Socialen Stöcker'scher Observanz — und antisemitischen Reformern ist das Tischtuch zerschnitten. Die unnatürliche Ehe zwischen den Junkern und Junkeraenoffen und den demokratischen Elementen des Antisemitismus ist getrennt worden. Das Band, welches sie einte, der Haß gegen das „Judenthum", hat sich als zu schwach erwiesen , gegenüber den Klüften, die beide Tbeile trennten. Am letzten Freitag ist die Kriegserklärung in aller Form erfolgt. Gestern wurden bereits die ersten Schüsse zwischen den ehemaligen Brüdern gewechselt. „Die wahren und die falschen Antisemiten" oder ..Der Wolf, in Schafskleidern", so lautete das recht geschmackvolle Thema, über welches gestern der Reichstaqsabgeordnete Werner (Kassel) von der antisemitischen Reformpartei im Buggenhagen'schen Saale svrach. Wer mit den Wölfen im Schafspelz gemeint sei, darüber ließ der Vortragende auch nicht den geringsten Zweitel. Er belegte mit diesem recht bezeichnenden Ausdruck zunächst die Conservativen, namentlich aber die sieben antisemitischen Abgeordneten, welche als und von Antisemiten gewählt ins conservative Lager abgeschwenkt seien. (Rufe: Pfui!) Der Vortragende guittirte sodann den ihm seitens der Conservativen beigelegten Ansdruck „Radauantisemit", indem er weidlich auf die „Junker" schimpfte, die „den Katzen glichen.'die von vorne lecken und'von hinten kratzen." (Rufe: Pfui Teufel!) Die Junker denken immer blos daran, ihre eigene Tasche zu füllen. (Rufe: Geschäftsantisemiten!) Für sie ist Partei und Politik nur eine milchende Kuh. Die Adeligen leisten nichts! (Rufe:. Bismarck, Moltke!) Jawohl! Die fühlten sich aber nicht als Junker! Die Conservativen sind eine alte, abgelebte, morsche Partei. Der Vortragende erzählte sodann, wie er. um die erforderlichen Stimmen für den Antrag auf Einstellung des Strafverfahrens gegen Ahlwardt zusammen zu bekommen, zu den Socialdemokraten gehen mußte, da er bei den Conservativen keine Gegenliebe fand. Das ist, ruft Redner aus, conservative Freundschaft. Da ist mir Eugen Richter lieber. Wir wollen nicht länger den Conservativen die Kastanien aus dem Feuer holen. Sodann ging es über den Hofprediger