Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 VeüerredMche WochenMxrM Sette 565 sonst jede in ihrer Mitte entstandenen Sekte, wenn sie nur I im Geringsten vom übrigen Judenthum abwich, mit allen möglichen Mitteln und mit Heranziehung der weltlichen Gewalten auf's Unerbittlichste verfolgten. Warum wären sie gerade gegen eine so abscheuliche Sekte, die Jahrhunderte lang die Ursache so mancherlei Elends und Unheils für das gesummte europäische Judenthum zu bedeuten hatte, nicht nur tolerant, sondern sogar ganz vorzugsweise wohlwollend gewesen? Warum suchten sie mit allem Eifer die Angeklagten zu schützen und verewigten sogar in Gebeten das Andenken derer, die als Märtyrer dieser Beschuldigung gefallen waren? Warum halten die edelsten Söhne Israels, wie z. B. Cremieux, Moses Montefiore u. A. es noch heute für ihre heiligste Verpflichtung, nach Maßgabe ihrer Kräfte für jene Juden in die Schranken zu treten, die der Verwendung von Christenblut beschuldigt werden? Das ist in Kurzem der Inhalt dessen, was ich gesagt habe, also durchaus nicht das, was Herr Kostomarov mir in den Mund legte. Herr Kostomarov findet es ferner für unrichtig, meiner Auffassung ^n dem Punkte zu folgen, daß die ersten Anklagen wegen Verwendung von Kinderblut zu Religionszwecken gegen die Juden erst im 12. Jahrhundert erhoben wurden. „Herrn Chwolson", sagt er, „ist ohne Zweifel bekannt, daß schon vor Christi Geburt in der heidnisch-hellenischen Welt die Juden beschuldigt wurden, Kinder von Andersgläubigen zu Religionszwecken zu stehlen und umzubringen, wie das Werk des jüdischen Geschichtschreibers Josefas Flavius gegen den griechischen Schriftsteller Apion beweist, der die Behauptung ausstellte, der syrische König Antiochus Epiphanes hätte in einergeheimen Tempelhalle einen griechischen Knaben gefunden, den die Juden gefangen und aufbewahrt hätten, um ihn an ihrem Feiertage abzuschlachten und von seinem Blut zu kosten, und wie auch aus der Mittheilung des Dio Cassius hervorgeht, in der berichtet wird, in der Stadt Cyrene sei es zu einer Massacrirung der Juden durch die Griechen gekommen, weil sie zrrr Blutverwendung griechische Kinder gefangen hätten. — Unmöglich kann daher geglaubt werden, daß die Anklagen gegen die Juden erst zu Ende des XII. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen." Ich bedauere, auf den Jrrthum eines so hochgeschätzten Gelehrten, wie Herr Kostomarov, Hinweisen zu müssen; aber ich kann nicht umhin, zu erklären, daß die obangeführten Worte des Heran Kostomarov vollständig unwahr sind. Niemals in der heidnischen Welt wurden die Juden beschuldigt, „Kinder Andersgläubiger zu stehlen und zu Religionszwecken umzubringen". Herr Kostomarov beruft sich auf Apion und Dio Cassius. Bei Letzterem findet sich absolut kein Wo.t darüber. Dio Cassius spricht an zwei Stellen von, den Aufständen der Juden unter Trajan und Hadrian (Buch LXVIII, 32 und LXIX, 12—14). In der letzteren, von dem Aufstande in Palästina handelnden Stelle, spricht er von deni verzweifelten Kampfe der Juden, den herben Verlusten der Römer und der furchtbaren Masse von Juden," die zur Zeit dieses energischen Aufstandes umkamen. Dabei erlaubt sich Dio Cassius gar schreckliche Uebertreibungen. So spricht er von 50 Festungen und 985 ausehnlichen Städten, die zur Zeit dieses Krieges in dem winzigen Palästina zerstört wolden sein sollen, von 580.000 Juden, die in den Kämpfen und Ausfällen den Tod gefunden haben sollen u. s. w. u. s. w. In der zweiten Stelle spricht er von den Aufständen der Juden in Cyrene, Egypten und auf der Insel Cypern und erzählt, daß sie einen Kampf auf Leben und Tod gegen Alles führten, was den Namen eines Römers oder Griechen trug. Auch hier werden die unwahrscheinlichsten Uebertreibungen von den Grausamkeiten der Juden gegen ihre Feinde mitgetheilt und er spricht von 220.000 Griechen und Römern, die damals von den Juden gelobtet wurden, was von Allen als lächerliche Uebertreibung aufgefaßt wird. Von Allem, was Herr Kostomarov aber im Namen des Dio Cassius mittheilt: „es wären die Juden in der Stadt Cyrene darum von den Griechen massacrirt worden, weil sie griechische Kinder wegsingen, um ihr Blut zu verwenden", findet sich bei diesem griechischen Schriftsteller auch nicht ein einziges Wort, so daß man denken muß, Herr Kostomarov müsse schon vor längst vergangener Zeit zu anderen gelehrten Zwecken den Dio Cassius gelesen und daher in diesem Falle nach dem Gedächtnisse sich geirrt haben. Apion war der erste und einzige Schriftsteller (der heidnischen Epoche), der das Märchen in Umlauf brachte, die Juden fingen Jahr für Jahr einen Griechen (nicht etwa gerade einen Griechenknaben) ab, mästeten ihn ein Jahr hindurch, um ihn dann als Opfer darzubringen. Man.muß aber den Mann, der eine solche Beschuldigung aussprach, sowie die Zeit und die Umstände, unter denen er sie aussprach, näher kennen und die Unmöglichkeit der Anforderung in Erwägung ziehen, daß ein Gelehrter, der, wie Kostomarov, in jedem Winkel unserer vaterländischen Geschichte geforscht hat und Bescheid weiß, darum ebenso gut mit der alten Welt und insbesondere mit einem Schriftsteller wie Apion, von dessen Werken blos einige Bruchstücke auf uns gekommen sind, vertraut sein müsse. Dieser Letztere war von Abstammung ein Alexandriner (aus Egypten) und lebte zur Zeit des Tiberius und Casus Caligula, d. i. zur Zeit des Verfalles des echt antiken Hellenismus, der Zeit des Aufblühens der literarischen Chürlatanerie und der literarischen Falschmünzerei. Ganze Rotten von griechischen Marktschreiern zogen in den Häusern der römischen Magnaten die Kette auf, schmarotzten und spielten daselbst die annähernd gleiche Rolle, welche im vorigen Jahrhundert bei uns einige Franzosen gespielt haben. Von den adeligen Römern wurden sie verächtlich graeeuli geheißen und der hochgebildete Kaiser Tiberius fand ein Vergnügen daran, ihnen verschiedene verworrene Fragen aus der Literatur zu stellen, auf welche die Quacksalber immer fertige Antworten bereit hatten. Ihre lächerlich-dreisten Antworten wußten sie immer mit einer Masse erfundener Citate aus Dichtern und Schriftstellern zu unterstützen, die zum Theil niemals eristirt haben. Die hauptsächlichsten Charaktermerkmale dieser Herren waren eine freche Ruhmredigkeit und literarische Lügenhaftigkeit. Einer der schlimmsten Vertreter dieser Bande war Apion, dessen Verlogenheit, Schamlosigkeit und Prahlsucht alles Maß überstiegen. Der Kaiser Tiberius nannte ihn: „Die Glocke des Panhellenenthums", Plinius „dieLärmtrommel des Stadtklatsches". Er selbst sagte von sich: er garantire Jedem die Unsterblichkeir, dem er blos ein Buch dedicire, und die Alexandriner müßten sich daher glücklich schätzen, ihn unter ihren Mitbürgern zu besitzen. Das war also der Mann, von dem die erwähnte Beschuldigung gegen die Juden ausging. Sehen wir uns aber auch die Umstände an, unter denen sie ausgesprochen wurde. Die Juden waren für die alte heidnische Welt eine seltsame Erscheinung. Die Anbetung eines einzigen, unsichtbaren Gottes, den in sichtbaren Gestalten sich auch nur vorzustellen ihnen verboten war, die Bereitwilligkeit der Juden, für ihre religiösen Ueberzeugungen zu sterben, ihre Enthaltsamkeit und Sittenreinheit, diese und ähnliche Züge imponirten den gebildeteren Griechen, wie z. V. Klearchos, Theophrastos, Hekataios, Strabo, Diodoros und vielen anderen Schriftstellern, die sich mit Lob über die Juden äußerten, außerordentlich. Der Menge aber, welche die strahlenden Züge dieses Volkes nicht erfaßte, war dieses ein Gegenstand des Abscheus. Die Juden, so sagten die Heiden, nehmen nicht Theil an unsern (mit Darbringung von Opfern verbundenen) Festen, essen nicht mit uns und treten nicht mit uns in eheliche Verbindungen ein. Sie schrieben daher den Juden, wie in der Folgezeit den Christen „einen Haß gegen das Menschengeschlecht (odium generis humani)" zu. „Sie sehen geringschätzig herab auf unsere Götter", sagten die Heiden ferner, „in ihrem großen Tempel findet sich keine einzige Abbildung einer Gottheit, sie sind also Atheisten, ein Volk von Gottesleugnern. „Illrul grande impiae gentis arcanum“ (jenes große Mysterium des gottlosen Volkes), so nennt ein Römer den jerusalemischen Tempel, in dem Christus betete; wie hätte nun gar der Pöbel gegen die Juden nicht Widerwillen empfinden, ihre seltsam scheinenden Gebräuche nicht mit Hohn und Spott behandeln sollen? Irgend ein Gassenbube zeigt einem des Weges kommenden Juden ein Stück Schweinefleisch und die Menge geräth darüber in Ent-