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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 564 Vesterreirtzlsche Wmtzenschrtfl Nr. 30 ich mich gleich itzt berufen habe, behauptet es als eine zuverläßige Sache, daß die Juden alle Jahre ein Kind weggestohlen . und dasselbe an dem Todestage des Gesetzgebers der Christen in einer unterirdischen Höhle umgebracht haben. N i g o r d, der Geschichtschreiber Philipp Augusts und der mit diesem Fürsten, dessen Leibarzt er war. zu gleicher Zeit lebte, widerlegt dieses ganze Borgehen. Nach seiner Erzählung ist dieses der Grund von der Landesverweisung der Juden und der Verkümmerung ihrer Habseligkeiten, weil sie an demOsterfeste einen jungen Knaben von 12 Jahren, mit Namen Richard, den Sohn eines wohlhabenden Bürgers, mitführten, und nachdem sie ihn mitRuthen bis aufdasBlut gepeitschet hatten, auf dasKreuz schlugen". Hier stehest Tu nun, daß das Verbrechen der Juden lange . nicht so arg gemacht wird. Anstatt, daß es vorhin hieß, sie hätten alle Jahre ein Kind weggestohlen, so sehen wir hier schon, daß sie nur ein einziges weggenommen haben sollen, welches sie gepeitschet und hernach gekreutziget haben. Wie reimt sich dieses mit jener unterirdischen Höhle, wo man alle Jahre ein Kind opferte? Wer siehet nicht aus diesen einander widersprechenden Beschuldigungen augenscheinlich, daß die eine so gut als die andere ungegründet sey? Als man die Juden verurtheilte, so leugneten sie es steif und feste, daß sie dergleichen etwas verbrochen hätten. Man konnte von dem Körper des Kindes, welches nach der Beschuldigung gekreuziget worden sein sollte, nicht die mindeste Spur finden. Man verurtheilte die ganze jüdische Nation überhaupt wegen einer uuerwiesenen Klage, zweier oder dreier Zeugen". Der Autor erzählt dann noch mehrere Fälle, in denen nachträglich sestgestellt wurde, daß unglückliche Juden wegen falscher Beschuldigungen, sie hätten Hostien entweiht, getödtet worden sind, und schließt den Brief mit den Worten: «Wenn ich. werthester Be-Che-Chau, über die grausame Geschichte, die ich Dir eben itzt erzählt habe, ein wenig nachdenke, so fehlet nicht viel, daß ich mich ärgere, daß ich ein Mensch worden bin. Beynahe möchte ich wünschen, das unvernünftigste Thier worden zu sehn, weil ich mich schäme, daß ich solche Leute, wie gewisse Europäer sind, unter meine Gattung zählen muß". So dachte und schrieb ein französischer Schriftsteller, ein Freund Friedrichs des Großen, vor mehr als hundert Jahren über die Blutbeschuldigung der Juden. Sollte man nicht meinen, « daß wir jetzt um hundert Jahre zurück sind — hinter dem 18. Jahrhundert???? Brauchen die Inden Christenblut? Beurthcilt von D. A. Chwolson in Petersburg. Nach der 2. verbesserten und mit 3 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein). (Fortsetzung aus Nr. 29.) Ich gehe nun zu dem wichtigsten Punkte in der Notiz des Herrn Kosiomarov über. Der Letztere ist zwar überzeugt: „Daß die Juden (im Allgemeinen) keinen grausigen Ritus besitzen", aber, fügt er hinzu, „wäre es möglich, der gesunden Vernunft und der Geschichte zum Trotz dem Herrn Chwolson unbedingt beizustimmen, daß unter den Juden ein solcher Aberglaube gar nicht entstehen konnte? Kann cs überhaupt ein Glaubensbekenntnis; geben, von dem man bestimmt sagen kann, alle äußerlichen Anhänger desselben seien abergläubischer Vorstellungen und Sitten unfähig? Gibt es auch nur ein einziges Volk, in dessen Masse es nicht Individuen gäbe, die von abergläubischen, dem Geiste des national vorherrschenden Glaubensbekenntnisses widersprechenden Vorstellungen frei sind? Zum Mindesten wäre eine Behauptung, wie z. B. die der unmöglichen Existenz eines solchen Aberglaubens unter den oder jenen Bckennern des Christenthums, desstn man seit Jahrhunderten die Juden zu beschuldigen sich gewöhnt hat, über das Maß von Gewißheit hinausgchend. Im Gegentheil gibt es zuverlässige Spuren, daß bei den Christen in der That der Glaube an die Heilbarkeit von Krankheiten durch Kinderblut existirt hat." „Die Argumente des Herrn Chwolson durchgehend", — so fährt er nun fort — „vermögen wir daher nicht mit seiner Behauptung einer solchen ausschließlichen allgemeinen Reinheit der Juden insoweit übereinzustimmen, daß wir bei ihnen nicht dieselbe Möglichkeit furchtbarer Wahnb'hren annehmen dürften, die wir bei unseren eigenen Stammes- und Glaubensgenossen für möglich halten." Das ist ein sehr natürliches Argument, und ich höre es seit fünfundzwanzig Jahren von jedem Christen äußern, mit dem ich Gelegenheit habe, über die erwähnte Beschuldigung der Juden zu sprechen. Ich habe daher in meinem größeren Werke (S. 197—206) und in meiner Broschüre (S. 27—31) diesem Beweisgründe eine nähere Betrachtung gewidmet und denselben, wenn ich so sagen darf, wie ich glaube, mathematisch auf den Kopf gestellt. Der große, scharfsinnige Historiker hat die citirten Stellen in meinen Werken, wie ich anzunehmen Grund habe, entweder gar nicht oder sehr ungenau gelesen. Es ist mir nicht im Traume eingefallen, zu behaupten, daß das, was bei allen anderen Völkern und Glaubensbekenntnissen möglich, nur bei den Juden allein unmöglich wäre und daß diese Letzteren eine Ausnahme von Allen bilden. Ich habe nur gesagt, daß in dem oder jenem gegebenen Falle und bei den obwaltenden historischen Umständen, unter denen man im Lause von mehr als 500 Jahren die Beschuldigung gegen die Juden in allen Ländern Europas erhoben hat, blos eine von den beiden Möglichkeiten bestehen könne, entweder daß alle Juden insgesammt für das Verbrechen strafbar seien, oder daß keiner von ihnen schuldtragend sei, und da Herr Kosiomarov die erste der beiden Möglichkeiten in Abrede stelle, so entfällt überhaupt jede Ursache zu einer Anschuldigung. Da meine Broschüre Allen zugänglich ist und meine Argumente gegen die Existenz einer Sekte oder einzelne Personen unter den Juden, von denen Christenblut zu irgend einem Zwecke verwendet würde, im Ganzen auf fünf Seiten (S. 27—31) dort auseinandergesetzt sind, so bin ich nicht gewillt, das dort Gesagte noch einmal in aller Ausführlichkeit zu wiederholen, insbesondere da ich mit denRaumverhältnissen eines Zeitungsartikels hier zu rechnen habe, bitte daher Herrn Kosiomarov und alle Jene, die sich für diese Frage interessiren, die wenigen von mir citirten Seiten gefälligst nachzulefen, aus denen sie leicht sich überzeugen werden, daß ich von einer „ausschließlichen allgemeinen Reinheit bei den Juden" überhaupt crar nicht gesprochen habe. Ich werde hier nur in wenigen Worten das dort von mir Gesagte wiederholen. „Von den Juden", sagte ich, „wurde allezeit und wird noch fort und fort die Existenz einer solchen Sekte unter ihnen energisch in Abrede gestellt und in der gesammten jüdischen Literatur, wie selbst die bösgesinntesten Feinde zugeben, kann keine Spur einer solchen Sekte gesunden werden. Es sei also nur Eines von Beiden möglich: Entweder wissen die Juden in der That nichts von einer solchen in ihrer Mitte bestehenden Sekte oder sie wissen davon, halten dies aber verschwiegen und nehmen sogar die garstigen Sektirer-Unholde in Schutz. Gegen beide Voraussetzuugen spricht die gleiche Unmöglichkeit. Gegen die erstere darum, weil im ganzen Verlaufe des Mittelalters, in manchen Gegenden sogar noch bis in die neueste Zeit, die Juden in sogenannten Ghetti, d. i. in besonderen Stadtvierteln, in engen, dicht bebauten Straßen, so furchtbar aneinander gedrängt und zusammengehäuft lebten, daß, wenn unter ihnen eine Sekte oder einzelne Individuen, von denen Jahr aus Jahr ein oder wenigstens nicht selten christliche Kinder gestohlen und getödtet zu werden pflegten, wirklich vorhanden gewesen wären, dies für die übrigen Juden im Laufe von mehr als 500 Jahren, zumal diese Anklagen, häufig wiederholt und von schrecklichen Verfolgungen begleitet, ihnen zur Auffindung ähnlicher Missethäter genügenden Anlaß gaben, unmöglich ein Geheimniß hätte bleiben können; anzunehmen, daß die Juden von der Existenz einer solchen Sekte wußten, darüber jedoch geflissentlich sich stille verhielten, schon darum aber eine Unmöglichkeit ist, weil die Juden im Laufe der Jahrhunderte, wie aus der Geschichte zur Genüge erhellt,

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