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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Oestrrrrirhifchr WochrnfchrM Seite-563 Ahlwardt soll leben! Hoch! Die Antisemiten steigen auf Tische und Stühle und bringen auf Ahlwardt ein Hoch aus.) Stöcker stellt eine Berechnung auf, danach ruht auf dem Glas Schnaps eine Steuer von iy3 Pfennig. (Rufe: Der zweite Miquel. Nächstens wird Stöcker Finanzminister!) Wie kann Herr Ahlwardt behaupten, die Conservativen seien bemüht, alle Steuerlast auf die armen Leute abzuwälzen (Ruse: Das ist doch wahr! Furchtbarer Lärm.) Wir Conservativen haben im preußischen Abgeordnetenhause jetzt Steuergesetze geschaffen, die gerade eine Belastung der Reichen und eine Entlastung der Armen bedeuten. (Heftiger Lärm. Rufe: Fauler Mumpitz!) Ich gebe zu, das die Lebensmittelzölle die arme»: Leute bedrücken. (Rufe: Aha!) Aber man darf doch nicht vergessen, daß aus den indirekten Steuern ein großer Theil der Kosten der Unfall- und Invalidenversicherung bestritten wird. (Lärm.) Herr Ahlwardt ging aber noch weiter und sagte in einer im Neustettiner Wahlkreise stattgefundenen Versammlung: der ländliche Grundbesitz müßte unter die armen Leute vertheilt werden. (Stürmische Unterbrechung) Das ist doch ein demagogisches Treiben, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann. (Stürmische, lang andauernde Pfuirufe. Rufe: Frechheit! Gemeinheit! Schluß! Schluß!) Das ist ja ein Communismus, wie er selbst von den Socialdemokraten niemals verfochten worden ist. (Lärm.) Nachdem von antisemitischer Seite mit solchen verwerflichen Mitteln gekämpft worden ist. — (Furchtbarer, lang andauernder Lärm, Pfeifen und Schreien.) Ich wiederhole, nachdem mit derartigen verwerflichen Mitteln von antisemitischer Seite gekämpft worden ist, hielt ich es für meine Pflicht, der ich der Vater des Antisemitismus genannt werde, (Rufe: Aber jetzt nicht mehr!) einem solch' demagogischen Treiben entgegenzutreten. (Heftiger Lärm.) Es ist eines Antisemiten unwürdig. (Stürmische Unterbrechung, Rufe: Sie sind ja kein Antisemit! Sie sind ja ein Judenpatron geworden!) Es schädigt in höchstem Maße die antisemitische Bewegung, wenn in dieser Weise die Begehrlichkeit der Massen gereizt und die Besitzlosen gegen die Besitzenden aufgehetzt werden. (Furchtbarer Lärm. Rufe: Wer hat uns zu Antisemiten gemacht?) Einem solchen Unfug muß mit aller Macht gesteuert werden. (Furchtbarer, lang andauernder Lärm.) Herr Böckel hat in Heffen ein Flugblatt verbreitet, in dem nicht ein Wort von den Juden enthalten ist. In diesem Flugblatt wirft er aber der Regierung vor, sie wolle durch Vorspiegelung falscher Thatsachen sich einen gefügigen Reichstag schaffen. (Lärm. Rufe: Da hat Böckel Recht!) Herr Böckel hat schließlich die angebliche Vorspiegelung falscher Thatsachen gutgeheißen und für die Militärvorlage gestimmt. (Rufe: Deckungssrage!) Die Deckungsfrage ist bis heute noch nicht erledigt. Wenn ein Mann, wie Böckel, der an der Spitze der antisemitischen Fraktion steht, mit derartigen Waffen in den Wahlkampf zieht, dann muß ich ihn doch als politischer Mann mit allen Mitteln bekämpfen. (Furchtbarer, lang andauernder Lärm. Rufe: Ist denn keine Polizei da!) Böckel hat Herrn Ahlwardt einen Fatzke genannt, wie könnte sich Ahlwardt mit solch' einem Manne wieder befreunden. (Rufe: Haben sich wieder vertragen!) Sie denken: Fatzke schlägt sich, Fatzke verträgt sich. (Stürmischer Beifall und furchtbarer, lang andauernder Lärm. Rufe: Selber Fatzke!) Ich gönne sowohl Herrn Ahlwardt als auch Herrn Förster den Sieg. (Ruf: Na, na!) Ich beneide Sie aber nicht, daß sie durch derartige Lügen und Manöver ihre Mandate errungen haben. (Stürmischer Beifall. Pfeiftn und Schreien.) Nachdem sich die Begeisterung auf der einen Seite und die Empörung auf der anderen einigermaßen gelegt, betrat Schriftsteller Wilberg das Podium, um zum Frieden zu mahn.'n, fand jedoch bei Stöcker keine Gegenliebe. Die verhältnißmäßige Ruhe während dieses kurzen Zwiegesprächs paßte indessen den Radaubrüdern nicht. Deshalb ergriff auch noch Herr Restaurateur Bodeck, als Geschäftsantisemit vielleicht der hervorragendste, das Wort. Ihm gelang es, die streitenden Parteien so gegen einander aufzuhetzen, daß es zu Hauereien kam. In Folge dessen schloß der Vorsitzende die Versammlung. Langsam verließen die streitenden Brüder den Saal und sangen dabei „Deutschland, Deutschland über Alles"! Armes Deutschland, wenn du dich nur auf diese Gesellschaft stützen könntest! Arme deutsche Gesittung, wenn du keine anderen Hüter hättest als den Hofprediger und den Rektor aller Deutschen mit ihrem Anhänge! Die Proben, die Herr Stöcker und seine Gegner in der gestrigen Versammlung gegeben, genügen, um zu zeigen, wohin diese Herren das deutsche Volk sichren würden. Ein Freund Friedrichs des Großen über die Blutbeschuldigung. Der Marquis D'Argens war einer jener französischen Schriftsteller, die zu den vertrautesten Freunden Friedrichs des Großen zählten. Der preußische König war ein Verehrer des Marquis, der eine große Anzahl philosophischer Werke veröffentlichte, die weniger durch ihre Tiefe als durch ihren französischen Esprit sich auszeichneten. Friedrich der Große schätzte den Marquis so sehr, daß er ihn zum Director der Classe der schönen Wissenschaften seiner Akademie machte. Zu den bekanntesten Werken des Marquis D'Argens gehören dessen ^Chinesische Briefe". Nach dem Muster der „Genres persannes", die damals ungemeines Aufsehen erregten, läßt der Marquis D'Argens einen in Europa reisenden Chinesen Briefe an seine Freunde richten, in welchen er voll Satyre europäische Berhältniffe schildert, die er als — Chinese tadelnswerih findet. Sehr Vieles in dem Werke muthet uns so an, als ob es heute geschrieben worden wäre, und wir können es uns nicht versagen, aus einem dieser Briefe hier Auszüge mitzutheilen. In dem 123. Briefe schreibt Sioeu-Tscheow an Be-Che- Chau und theilt diesem seine Ansichten über die Blutbeschuldigung gegen die Juden mit, die wir — nach der im J^hre 1771 bei F. Nikolai in Berlin erschienenen Uebersetzung — hier reproduciren: „Die Verfolgungen, werthester Ve-Che-Chau, welche die unglücklichen Juden von den Europäern, unter welchen sie leben, auszustehen haben, sind so grausam, daß man natürlicherweise, um ihnen einen Schein des Rechtes zu geben, allerhand Vorwand hat erfinden müssen. Aber diese Gattungen des Vorwandes, liebster Be-Che-Chau, sind meistentheils so elend, und man findet an ihnen so deutliche Merkmale der Erdichtung, daß man sich in der That hätte schämen sollen, sich ihrer zu bedienen. Diejenigen, die sie gebrauchet haben, müssen doch etwan die Menschen insgesammt für solche Thiere angesehen haben, die der Vernunft völlig beraubt sind; und den Geschichtsschreibern, in deren Büchern wir solche Sachen als gegründete Wahrheiten erzählt finden, muß es entweder an der erforderlichen Redlichkeit oder ganz und gar an gesunder Vernunft gefehlt haben. Wenn man einem Italienischen Bischöfe Glauben schenken darf, so sind die Juden unter Philippen dem Schönen großer Verbrechen wegen aus Frankreich verbannet worden. Diese Beschuldigung wollen wir einmal genauer untersuchen, so werden wir finden, daß sie ungegründet und, blosumden Geiz und die Habsucht Philipps des Schönen zu bemänteln, ersonnen worden sind. Erstlich wollen wir hören, was dieser Bischof saget: „Im Jahre 1306 wurden die Juden aus Frankreich verbannet und alles ihr Vermögen fiel der öffentlichen Caffe anheim. Es ging dieses soweit, daß man ihnen weiter nichts als einen alten abgenützten Rock ließ, und um dieselbe Zeit starben gewiß noch einmal so viele Juden, als ehemals aus Egypten gezogen find. Die Ursache, warum Philipp der Schöne also mit ihnen verfuhr, bestund darinnen: Er hatte erfahren, daß sie alle Jahre an dem Leidens- und Sterbenstage unseres Heilands den Christen ein Kind wegstählen und es hiernach in einer unterirdischen Höhle auf eine grausame Art hinrichteten". Wer sieht nicht, daß die Begierde, den Juden das Ihrige zu nehmen, und sie insgesammt dahin zu bringen, daß sie nur mit einem einzigen schlechten Rocke aus dem Reiche wandern sollten, mehr als zu hinreichend gewesen ist, um ihnen ein Verbrechen aufzubürden, woran sie nimmermehr gedacht hatten? Denn was haben doch die Juden davon, daß sie an dem Todestage des Gesetzgebers der Christen ein Kind opfern? Wo ist unter ihren Büchern eines, in welchem man auch nur die mindeste Spur von einer solchen Gewohnheit findet? Wie kommt es, daß man ihnen in Ländern, wo sie eine große Freiheit genießen, als in Holland, in Engelland und in allen Staaten des türkischen Kaysers niemals etwas dergleichen nachgesaget hat? Was hat über dieses ein solches lächerliches Opfer für einen Endzweck, welches durch die vornehmsten Gebote des Mosaischen Gesetzes ausdrücklich verboten ist? Ist es wohl jemals erhöret worden, daß die Juden zu der Zeit, da es ihnen frei stund, in dem Tempel zu Jerusalem zu opfern, irgend einen Heyden geopfert haben? Und nun sollten sie heut zu Tage Menschenblut vergießen, da es ihnen sogar, Thiere zu opfern, vermöge ihrer Religion verboten ist, worinnen ihnen ausdrücklich verordnet wird, daß sie außerhalb Jerusalems, durchaus nicht das Blut der Opferthiere vergießen sollen? Man muß in der Thatblödsinnig oder vonVorurtheilen eingenommen sein, wenn man sich vorstellt, daß dergleichen Erzählungen einigen Grund haben. Aber man darf eben nichtjdie Rechtfertigung der Juden bei ihnen selbst suchen, sondern sie ergibt sich mit leichter Mühe daraus, daß dieeurop äischenGeschichtschreiber einander widersprechen. Der Bischof, auf welchen

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