Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 562 Oesterreichischr Wochenschrift ,Nr. 30 Rechte nun „schnorrt" Herr Hikl die ganze Welt an? Hat er eine Licenz hiezu? <Die Lüge« Vergani^s) kommen immer dicker. In seiner letzten Sonntagsnummer erzählt er unter dem saftigen Titel „Jüdische Menschenhändler" zwei von A bis Z erlogene Geschichten, wie angeblich galizische Bauern, von jüdischen Unterhändlern über die Erntezeit nach Rumänien verkauft wurden und daselbst in der schrecklichsten Sclaverei schmachten. Indem einen Falle heißt es, die Bauern hätten statt 35 fl. für 60 Tage blos 22 fl. bekommen, in dem anderen Falle wird erzählt, die Bauern hätten sich für eine monatliche Entlohnung von IO fl. verdungen. Wenn nun in dem einen Falle der Betrag von IO fl. monatlich der von den Bauern selbst bedungene Lohn war, wie kann man in dem anderen Falle den Betrag von 22 fl. für 60 Tage als einen Sclavenhandel hinstellen? Weiß Herr Vergani nicht, was der Prinz Liechtenstein seinen ländlichen Hilfsarbeitern an Wochenlohn bezahlt? Neunun d d r eiß i g Kreuzer! Schon dieses eine Moment beweist, daß Vergani irgend einem polnischen Hetzblatte aufgesessen ist. Ebenso dumm erlogen ist die Geschichte von dem „jüdischen Wallfahrer", die das „Deutsche Volksblatt" in derselben Nummer erzählt. Taschendiebe werden an Wallfahrtsorten zwar alljährlich zu Hunderten festgenommen, aber sie sind durchwegs unverfälschte Arier. Uebrigens, Herr Vergani, nicht alle Gauner werden von ihrem verdienten Schicksal so schnell ereilt, wie der Taschendieb von Visnyove. Stöcker in einer Ankisemiken-Verssmmlung. Berlin, 22. Juli. Der nun glücklich durch seine Schüler definitiv aus dem Reichstag entfernte Hofprediger a. D. Stöcker sprach gestern in einer Versammlung des christlich-socialen Vereins über die Wahl in Neustettin in Marten's Salon. Eine so schmähliche Niederlage, wie sie der Stöcker dabei erlitten hat. ließ sich der theure Gottesmann gewiß nicht träumen. Seine früheren Schüler und Nachbeter sind über ihn erbarmungslos hergefallen. Derselbe Stöcker, der durch seine Hetzereien zu Beginn der Achtziger Jahre das Gift des Glaubenshafles der Bevölkerung beigebracht hat, wird jetzt von den Tollgewordenen angeschrieen und in unerhörter Weise mißhandelt. Judenpatron! Fatzke! Das sind die anständigeren Schmeichelnamen, die ihm aus der johlenden Menge zugeschleudert wurden. Und der „theure Gottesmann", der oft genug mit eiserner Stirne Angriffen entgegentrat, ^.war aus der Fassung gebracht. Er schwang sich zwar zu der Redewendung auf, er müsse nun den Ahlwardt bekämpfen, aber er ist ein geschlagener Mann, ein todter Mann, nach dem kein Hahn mehr kräht. Die Baggerkästen fördern manches Schlammgebilde zu Tage. Einen Augenblick lang schwebt es oben, dann, fällt es dahin, wo es hingehört. Der Stöcker ist bereits an seinen Bestimmungsort angelangt, , der Ahlwardt und die übrigen Schreier werden ihm bald folgen. Das Local war bereits eine halbe Stunde vor dem festgesetzten Beginn der Versammlung überfüllt. Ahlwardtianer und Böckelianer waren in großen Schaaren erschienen, um dem Herrn Hofprediger heimzuleuchten. Dieser Wahrheilsapostel hatte wohl vorher Wind davon bekommen, was ihm bevorstehe, denn sein Moniteur, das „Volk", berichtete bereits gestern Abends, daß die Radauantisemiten eine Sprengung der Versammlung beabsichtigten. Das war ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl an die Polizei, der aber von dieser durchaus nicht verstanden wurde. Die Radauversammlung fand ohne polizeiliche Ueberwachung statt. Für die öffentliche Sicherheit war das kein Fehler; denn trotz des wüsten Schreiens und Johlens, mit dem die Ausführungen der Redner begleitet wurden, kam es zu keinen Ausschreitungen. Die Reformer ließen sich daran genügen, durch artikulirte und unartikulirte Zurufe dem „Vater des Antisemitismus" ihre Meinung klar zu machen; an Deutlichkeit fehlte es der Demonstration rrotzdem keineswegs. Der Skandal begann schon, als Stöcker den Saal betrat. Er wurde mit stürmischem Beifall, Pfeifen und Gejohle empfangen. In' einer Ecke des Saales kam es zu Rempeleien. Die Christlich-Socialen wollten Zeinen antisemitischen Pfeifer aus dem Saale befördern; die Parteigenossen des Letzteren intervenirten aber in nicht mißzuverstehender Weise, so datz man von dem Hinauswerfen vorläufig Abstand nahm. Endlich eröffnet« der Vorsitzende, Buchbinder- Meister Schulze, die Versammlung und ertheilte ° dem Hofprediger Stöcker das Wort. In diesem Augenblicke wurde von den verschiedensten Seilen „Zur Geschäftsordnung!" geschrieen. Hofprediger Stöcker: Der Herr Vorsitzende hat mir das Wort bereits ertheilt, in solchem Falle kann Niemand mehr das Wort zur Geschäftsordnung erhalten. (Stürmisches Oho! Beifall und Lärm. Rufe: Ich frage, ob nach dem Vortrage eine freie Aussprache stattsinden wird.) Stöcker: Das ist selbstverständlich. (Rufe: Bei Ihnen ist das nicht selbstverständlich. Sie schließen, nachdem Sie gesprochen, einfach die Versammlung. Wir verlangen eine Garantie, daß eine freie Discussion stattfindet!) Stöcker: Lassen Sie mich nur zunächst sprechen, alsdann soll Jedem, der sich zum Worte meldet, volle Redefreiheit gewährt werden. (Rufe: Schlauberger! Lärm.) Nur ungern habe ich Sie in dieser Julihitze zu einer Versammlung eingeladen, die jüngsten Vorgänge haben mich aber dazu genöthigt. Ueber den Ausfall der Wahl in Neustettin werden die Antisemiten sehr erfreut sein. (Rufe: Jawohl. Ahlwardt soll leben! Hoch! Förster soll leben! Hoch!) Ich bin der Meinung, wir haben weder Ursache zu einer besonderen Niedergeschlagenheit, noch Sie zu einer besonderen Fröhlichkeit. (Rufe: Doch! Lärm.) Der Kampf im Wahlkreise Neustettin war die traurigste Erscheinung, die man sich nur denken kann. (Stürmisches Hvhngelächter. Beifall und Lärm) Ich wußte von vornherein, daß ich in Neustertin unterliegen würde. (Stürmisches Hohngelächter. Beifall und furchtbarer Lärm. Rufe: Fauler Mumpitz! Weshalb gingen Sie denn erst hin?) ‘ Mir wurde von den dortigen Christlich-Sozialen das Mandat schon angeboten, noch ehe an eine Auflösung des Reichstacs zu denken war. (Rufe: Aber trotzdem durchgeftllen!) Ich habe auch von vornherein meine Candidatur nur als eine Zählcandidatur betrachtet. (Stürmisches Hohngelächter. Rufe: Trauben sind sauer! Fauler Mumpitz! Schlauberger!) Sowohl Herr Ahlwardt als auch Herr Förster haben durch Verbreitung von Unwahrheiten gesiegt. (Stürmische, lang andauernde Pfuilmfe. Unbeschreiblicher Lärm. Rufe: Raus! raus! An einigen Stellen des Saales kommt es zu Rempeleien.) Ich muß bekennen, ich habe cs mit großer Freude begrüßt, daß ich durch meine Aufstellung im Wahlkreise Neustettin Gelegenheit fand, sowohl den Ahlwardtismus als auch das Böckelthum zu bekämpfen. (Stürmischer Beifall und langandauernder betäubender Lärm. Rufe: Frechheit! Gemeinheit! Wir lassen uns« nicht beschimpfen! Raus! raus! Herunter von der Bühne! Wir haben genug gehört!) Herr Böcke! hatte schon lange vor der Reichstags-Auflösung geschrieben: er müsse mich aus meinem Wahlkreise Siegen verdrängen. (Rufe: Das war auch Recht! Furchtbarer Lärm.) Nun, Herr Böcke! bekam in Siegen 1000 und ich 11.000 Stimmen. (Stürmischer Beifall.) Bei der Stichwahl empfahl Böcke! den Antisemiten,, für meinen Gegenkandidaten, den nationalliberalen Dreßler, zu stimmen. (Rufe: Pfui! Gemeinheit! Lüge! Furchtbarer, langandauernder Scandal.) Meine Herren! In dieser Weise geht es nicht weiter. (Rufe: Dann provociren Sie doch nicht!) Wir werden die Versammlung auf fünf Minuten vertagen. Wenn alsdann die Antisemiten, die wir ja Alle beim Namen kennen, weiter Scandal machen sollten, so werden tvir von unserem Hausrecht Gebrauch machen. (Stürmisches Hohngelächter. Lärm.) Nach Wiedereröffnung der Versammlung fuhr Stöcker fort: Was ich über Böcke! sagte, ist unbestreitbar, ich war und bin daher genöthigt, ihn bis aufs Blut zu bekämpfen. (Lang andauernde heftige Pfuirufe. Furchtbarer Lärm.) Der antisemitische Abgeordnete Zimmermann hat in einem Flugblatt gesagt: Die Conservativen sind verstockt und verstöckert. (Stürmischer Beifall und heftiger Lärm. Rufe: Da hat Zimmermann nur die Wahrheit geschrieben!) Wie ein Antisemit so etwas schreiben kann, ist mir unbegreiflich. (Rufe: Erst recht! Lärm.) Die Kampfesart Ahlwardt's hat es mir zur Pflicht gemacht, auch bei der Nachwahl in /Neustettin zu candidiren, gleichviel ob Sieg oder Niederlage. (Stürmischer Beifall und heftige Pfuirufe. Pfeifen und Schreien.) Meine Herren! Ueber den heutigen Scandal wird die Judenpresse die größte Freude empfinden. (Lärm. Rufe: Daran sind Sie ja schuld.) Herr Ahlwardt und Herr Förster haben mit der Schnapslüge den Wahlkreis Neustettin erobert. (Unbeschreiblicher, lang andauernder Lärm, Pfeifen und Schreien. Rufe r Frechheit! Gemeinheit!) Der Vorsitzende läßt eine Pause eintreten und fordert einen jungen Mann Namens Trautmann auf, den Saal zu verlassen. Nach längerem Scandal verläßt dieser den Saal, kommt jedoch mehrfach zurück, so daß der Scandal immer von Neuem losbricht. Endlich gelingt es dem Hofprediger Stöcker, wieder zu Wort zu kommen: Ich bin stets öffentlich und privatim'für Herrn Ahlwardt eingetreten. Ich muß denselben aber bis aufs Blut bekämpfen, nachdem er in einem Flugblatt verbreitet hat: Wenn der - arme Mann einen Schnaps für 6 Psg. trinkt, dann muß er 4'/, Pfg. Steuer zahlen. (Rufe: Das stimmt ja auch! Lärm.) Das stimmt nicht, das ist eine Lüge. (Furchtbarer langandauernder Lärm. Ruse: Da hört doch aber Alles auf!) Ahlwardt sagt weiter: Wenn der reiche Mann für 1 Mark ein Glas Wein trinkt, dann zahlt er 10 Pfg. Steuer. (Rufe: So ist es ja auch!) Im Weiteren hat Ahlwardt in einem Flugblattgeschrieben: Die Conservativen sind bemüht, alle Steuerlast auf die armen Leute abzuwälzen. (Rufe : Pfui! So stst es ja auch! Die conservative Partei ist auch eine Judenpartei! Furchtbarer, langandauernder Lärm.) Ich werde Ihnen den Beweis führen, daß die Behauptungen Ahlwardt's unwahr sind. (Stürmische Unterbrechung. Rufe: Ahlwardt hat Recht,.