Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 30 (28.7.1893)
- Date
- 1893-07-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 80 Orsterreichifchr Wochenschrift Seite 861 dieselbe erstickte. — Seine Dankbarkeit gegen die Inden hatte keine Grenzen und mit Recht! Denn alle Juden, deren Hilfe er auf seiner Flucht vor dem Verhängnisse in Anspruch nehmen mußte, verschmähten die auf seinen Kopf gesetzten fl. 1000 C.-M., pflegten den edlen Mann in seinem Verstecke auf's Liebevollste, und selbst die behördlicherseits angedrohte Todesstrafe konnte keinen abhalten, die Flucht des polnischen Deak zu begünstigen, welche auch gelungen wäre, wenn jener Bauer, der diesen Edelmann im geistlichen Gewände in seinem Garten betreten hatte, den Werth der österr. Banknoten verstanden und nicht ans Bezahlung in Silber bestanden hätte. — Zu jener Zeit konnten sich noch sehr wenige Juden, wenn auch nur mangelhaft, der Landessprache bedienen. Bei dem Umstande, daß anläßlich des Polenaufstandes in Rußland 1863 viele Juden sich in die nationalen Corps einreihen ließen, weiß die neuere Geschichte sogar von j ü d tschen Märtyrern der polnischen Sache zu berichten. Doch blieb das Gefühl der Dankbarkeit den Juden gegenüber ganz fremd. Der hochgeborene Herr Universitätsprofessor in Krakau wird wohl als Pole die während des Aufstandes im Jahre 1863 vom „Rzad narodowy“ (Nationalregierung) geheim herausgegebene Zeitung gelesen haben. Welches Los harrte wohl des armen, jüdischen Dorfschänkers in der Nähe von Czestochowa, wenn die in die Wirthsstube hineingestürmten Kosaken sich die Mübe genommen hätten, den mit Talles u. Tephilen angethanen, andächtig gegen die Wand gekehrten frommen Beter näher zu betrachten? Derselbe, ein hervorragender Jnsurgentenführer und reich begüterter Edelmann, wollte, nachdem die Gefahr geschwunden, seinen Retter fürstlich belohnen und bot ihm in einer Börse voll Goldstücken eine Summe, die dem armen Moschko eine angenehme Existenz für sein ganzes Leben sichern konnte, doch Moschko lehnte bescheiden ab, indem er behauptete, b l o s menschlich gehandelt zu haben. Diese und sehr viele ähnliche Episoden waren fast täglich in dem Blatte des „Rzad narodowy“ zu lesen, nebst einer langen Epistel zur Ehrung der Juden, wo wieder und immer wieder allen Polen die Dankbarkeit gegen die jüdischen Brüder eindringlichst empfohlen wurde. Sollte dies Alles dem hochgeborenen Universitätsprofessor von Krakau nicht bekannt sein? Sein Name und sein Stand sollten doch die Kenntniß der polnischen Geschichte verbürgen, wenn er schon das Bibelstudium vernachlässigt zu haben scheint. Dmuchalski. Fragmente aus der Woche. (Herr Steinwender bekennt Farbe.) Die sogenannte „Deutsche Nationalpartei", d. h. Herr Steinwender und seine paar Satelliten, hat ein neues Programm ausgearbeitet, dessen achter Punkt die Bekämpfung des jüdischen Einflusses verlangt und erklärt, daß diese Bekämpfung eine gemeinsame Aufgabe aller national gesinnten Volksgenossen ist und daß der Ausgang des Kampfes in erster Linie von dem Zusammenschlüsse und der gegenseitigen Unterstützung der Volksgenossen abhängt. Das „Deutsche Bolksblatt" geräth ob dieses Passus in Helle Verzückung und gibt demselben die Auslegung, daß Herr Steinwender von nun ab Hand in Hand mit Liechtenstein, Lueger, Schneider, Pattai und der übrigen „christlich-socialen" Bande das antisemitische Geschäft betreiben werde. Herr Steinwender scheint sich dieser anrüchigen Gesellschaft noch zu schämen, denn er sucht einer ähnlichen Interpretation in der „Staatsbürger-Zeitung" entgegenzutreten. Seine Abwehr ist aber eine so gewundene und schwächliche, als ob es ihm damit gar nicht recht ernst wäre. Und thatsächlich läßt die Phrase vom „Zusammenschlüsse aller national, gesinnten Volksgenossen" gar keine andere Deutung zu, als daß er fortüb mit den „Unverfälschten" und mit den „Christlich- Socialen" gemeinsame Sache machen wolle. Nun hat sich ja Herr Steinwender auch bis jetzt zum Antisemitismus offen bekannt; das „deutschnationale Programm" unterscheidet sich von der bisherigen Lehre insofern, als es sich nicht gegen die „jüdische Corruption", nicht gegen die angeblich „schlechten Elemente" kehrt, sondern gegen den „jüdischen Einfluß" im öffentlichen Leben, gegen die Juden überhaupt als „Fremde". Es ist das „fremde Element" welches bekämpft werden soll. Das ist das neue Programm des Herrn Stein wen der. Da nun die Czechen und die Ungarn die Stammesgenossen des Herrn Stein wen der als Fremde bezeichnen und sich dabei derselben Argumente bedienen, welche Herrn S t e i n w e n d e r bezüglich der Jude t zu Verfügung stehen, so führt die politische Weisheit des Herrn Steinwender offenbar zu einem Vernichtungskampf der Raffen gegen einander. Judeffen wer Herrn Stein w ender bei der Arbeit gesehen hat, der weiß auch, daß dieser Herr nicht tragisch zu nehmen ist. Ein politischer Klopffechter ohne Gedanken, ein Jntriguant ohne Talent. (Die antisemitische Bewegung in Böhmen.) Unter diesem Titel veröffentlicht das „Deutsche Bolksblatt" einen Artikel, in welchem Jubelhymnen über die angeblichen Fortschritte der antisemitischen Bewegung unter den Deutschen Böhmens angestimmt werden. Zunächst constatiren wir, daß Herr Vergani, seit ihm die Concurrenz eines neuen deutschnational-antisemitischen Tagesjournals droht, wieder stark den „teutschen Bruder" herauskehrt. Seine Besorgniß über das Schicksal der Deutschen in Böhmen ist auf diese ziemlich prosaische Ursache zurückzuführen. Woraus nun Vergani die Ansicht gründet, daß der Antisemitismus unter den Deutschen in Böhmen in Zunahme begriffen sei, wird uns verschwiegen. Allein die tausendfach bekundete Thatsache, daß die Juden in Böhmen bis jetzt eine starke Stütze des Deutschthums gebildet und dabei ihre eigene Haut zu Markte getragen haben, kann selbst Vergani nicht aus der Welt schaffen. Er gesteht die starke Antheilnahme des jüdischen Elementes an der „deutschliberalen Parteipolitik" zu, nur meint er, daß gerade diese stark ausgesuchte Parteinahme der Juden für die deutschliberale Partei die czechischen Erfolge veranlaßte. Und als Beweis dafür führt Vergani die Gemeindewahlen in Proßnitz an, wo die deutschen Juden den Wahlsieg der Czechen nicht zu hindern vermochten. Das Alles ist so grenzenlos dumm, daß man es eben nur den Lesern des „Deutschen Bolksblatt" zu bieten vermag. Also deshalb, weil die Juden in Proßnitz deutsch gewählt haben, haben die Czechen gesiegt und sind die Juden schlechte Kerle! Der Blödsinn dieser Ausführungen wird nur noch durch die Gemeinheit übertroffen, mit welcher nachträglich die Juden noch dafür beschimpft werden, daß sie deutsch gestimmt haben. — Im Uebrigen liegt Proßnitz nicht in Böhmen, und was dieses Kronland betrifft, so werden daselbst weder die Bäume Bergani's noch jene»Schönerer's in den Himmel wachsen. Jede Partei in Böhmen, die eine Judenhetze unternimmt, gräbt sich damit nur selbst ihr Grab. Das weiß Herr Schmeykal ebenso gut wie Herr Gregr, und so wenig bisher die antisemitischen Localgrößen von Reichenberg und Herr Vaschaty einen dauernden Erfolg zu erringen vermochten,so wenig wird dies in der Folge der Fall sein. Den Juden in Böhmen aber empfahlen wir nach wie vor trotz dem erheuchelten Zorne, den Herr Vergani darob zur Schau trägt, für ihre politische und nationale Bundesgenossenschast sich die Achtung und Wahrung ihrer staatsbürgerlichen Rechte sowohl von der einen wie von der anderen Seite zu sichern. (Judenhetze mit jüdischem Gelde.) Wir haben bereits wiederholt' auf jene gedruckten Bettelbriefe aufmerksam gemacht, welche der Caplan von Holleschau, Herr Johann Hikl, zu Tausenden, und zwar auch an Juden versendet, um auf solche Weise die Kosten für den Bau eines „Katholischen Gesellenheims" in Holleschau aufzubringen. Daß es mit der evangelischen Liebe und Duldung m Holleschau unter der priesterlichen Wirksamkeit des Herrn Caplans Hikl nicht zum Besten bestellt sei, beweist die Thatsache, daß daselbst erst vor Kurzem zwei Frauenspersonen verurtheilt wurden, die gegen einen Juden die falsche Beschuldigung erhoben hatten, daß er an ihnen einen Ritualmord versucht habe. Daß es mit dem „Katholischen Gesellenheim" keineswegs blos auf ein Werk christlicher Nächstenliebe abgesehen sei, geht aus einem Ausrufe hervor, welchen am 21. d. M. das „Deutsche Bolksblatt" abdruckte und in welchem das Holleschauer „Katholische Gesellenheim" als ein Bollwerk „gegen die Jnden-Socialdemokratie" bezeichnet wird. Wir haben nun gar nichts dagegen, daß Herr Caplan Hikl die Socialdemokratie bekämpfe, wie und womit er wolle, es ist uns auch herzlich gleichgiltig, ob er die Socialdemokratie als ein jüdisches Teufelswerk hinstellt, oder nicht; aberdaß er die Kriegskosten in diesem Kampfe gegen die Juden von den Juden selbst bezahlen lassen will, das ist doch eine Unverschämtheit, die alle Grenzen überschreitet und die wir hiemit aus das Entschiedenste zurückweisen. Und noch Eins. Das Betteln ist in Oesterreich verboten und die Veranstaltung von Sammlungen ist an eine behördliche Bewilligung geknüpft. Mit welchem