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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 560 Vesterrelchifchr Wochrnschrifl Nr. 30 Leben und daß man trotz einer solchen verderblichen Thätigkeit ganz gut in die Höhe kommen kann. Man sollte, wenn man von Religion spricht, doch auch fragen, in welcher Weise von manchen Priestern die Religion geübt und in welcher Weise die Menschlichkeit von ihnen gelehrt wird. Der Jude soll und muß die Straße der Ehre wandern, aber für ihn sind auf derselben die härtesten Proben ausbewahrt; für die Andern aber ist sie mit glänzenden Bildern ausgestattet und fortwährend winken ihnen Ermuthigungen, damit sie auf der Straße bleiben und das Ziel leichter erreichen. Adutt, Benvenisii — es gibt Namen, die äußerst beziehungsreich sind, die eine ganze Geschichte in sich tragen. Vier Jahrhunderte zurück, wir sind in Spanien, wo die „Könige" herrschten, wie man sie in Spanien nannte, Jsabella und Ferdinand. Spanien ist durch das Meer von Afrika getrennt; aber es ist doch kein europäisches Land und schon in seiner Thierwelt verrälh sich die heiße Zone. Dort haben sich Juden frühzeitig angesiedelt, sie konnten sich dort wie im Orient fühlen und sie blieben auch geschieden in Sitten, Sprache und Lehrweise, jedoch nicht im Glauben von den Juden der Nebel- und Waldländer, von den Juden in Nord-Frankreich, Deutschland, Polen u. s. w. Vor vier Jahrhunderten wurde in Spanien von den Königen eines der größten Verbrechen der Weltgeschichte begangen; ein Volk voll Wissen und Tugend, voll Ehrliebe und Nechlschafsenheit, voll Talent und Eifer für die nützlichste Arbeit und die ehrlichste Thätigkeit wurde seines Besitzes beraubt und aus dem Lande gejagt, in welchem es langer heimisch war, als die Nachkommen der Westgothen, als die neuen Beherrscher des Landes. Die spanischen Juden siedelten sich dort an, wo sie Unterkunft fanden, und namentlich auch in der Türkei. Ueberall fanden sie Anerkennung wegen chrer Begabung und Tüchtigkeir. In Holland erreichen sie eine hohe Blütye, in Süd-Frankreich ist man für sie des Lobes voll, in England zählen sie bald zu den geachteten Bürgern des Staates, unter türkischem Schutz gelangen sie in die Donauländer, nach Ungarn und Oesterreich und so auch nach Wien. Auch hier erweisen sie sich als tüchtige Geschäflsmänner, rechtschaffen, menschenfreundlich, wohlthätig, religiös und voll Ehrliebe. Und heute sind die Nachkommen der aus Spanien Ausgewiesenen, sind die Söhne der Märtyrer überall hochgeachtete Bürger wo die englische Flagge weht, im britischen Reiche, in Indien und in den Colonren. Man vergleiche doch die drei Volkszweige, die vor vier Jahrhunderten Spanien bewohnten, die Mauren, die unverfälschten Spanier und die Juden, und man wird finden, daß, obwohl man ihnen Recht und Heimat nahm und ihnen die Ehre rauben wollte, die Juden dennoch an Sittlichkett und Tugend, auch an Bildung und Arbeitskraft die Mauren weit überragen und sogar auch die Spanier, die Stammesgenossen des Cid. Und nun standen der türkische Jude Adutt, wie das „Vaterland" mit wollüstigem Behagen schreibt, Benvenisti und der Dritte mit dem deutschen Namen vor Gericht und nun bricht auch ein Jammer los, als sei der Weltuntergang unmittelbar bevorstehend. Die Schule, ja in der Schule liegt das Verderben, die angeblich freie Schule, denn in Wahrheit ist sie nicht frei, erzieht nur Verbrecher. Der Weg zur Rettung ist vorgezeichnet, drei Juden haben Wechsel gefälscht, zurück ins Mittelalter, welches so klar und logisch predigte. Drei Juden standen vor Gericht und nun existirt in der ganzen weiten Welt nichts mehr als nur diese drei Juden. So ist es in Wien nun einmal zur Gewohnheit geworden und es ist nur zu constatiren, daß man die geistige Beschränktheit, die sich in dieser Einseitigkeit manifestirt, nach Möglichkeit protegirt. Wir haben nicht die geeigneten Meßapparate zur Verfügung, um wie das „Vaterland" bestimmen zu können, daß in dem Wechselfälschungsproceß wirklich der tiefste Abgrund sittlicher Verworfenheit aufgedeckt worden sei. Das Eine aber ist gewiß, specifisch jüdische Eigenthümlichkeiten sind in dem ganzen Processe nicht zum Vorschein gekommen. Diese brutale Verletzung aller moralischen Rücksichten, diese Leichtfettigkeit, diese fatale, durch keinen Gewissensscrupel gestörte Lustigkeit, diese Freude am Genußleben, das Alles lernt man dort, wo der wienerische Diälect so gesprochen wird, wie man ihn nur an den Grenzen des alten Liniengrabens zu sprechen versteht. Das lernt man von jenen socialen Schichten, wo die Reife für das Laster vorhanden ist, noch bevor die Entlassung aus der Volksschule erfolgt; das lernt man in gewissen Kaffeehäusern und zuweilen auch bei dem Auditorium der Volkssänger. Aber wir glauben nicht, daß es irgend welche Mittel gibt, um die Gesellschaft gegen alle sittlichen Ausschreitungen zu schützen. Gab es im Mittelalter keine Räuber, Diebe und Fälscher, gab es nicht einen Ersatz für liederliche Kaffeehäuser? Was würde aus den antisemitischen Zeitungen, wenn man sie für alle Fälschungen bestrafen wollte, was aus den antisemitischen Führern, wenn Volksverführung einer Strafe unterliegen würde? Die alten Juden, meint das „Vaterland", wurden gepriesen wegen der Innigkeit ihres Familienlebens; die Aufklärung der neuen Juden aber ist die Ursache des Verderbens. Zunächst müssen wir bemerken, daß, wie der Mensch nichts dafür kann, daß er als Jude geboren ist, cs auch nicht in seiner Schuld liegt, wenn er von der Aufklärung heimgesucht wird. Kann sich denn Jemand ' mit Gewalt dumm machen? Kann man sich beim Optiker Brillen kaufen, damit die Wahr-. heit gar nicht oder in getrübtem Lichte gesehen werde? Die Bemerkung des „Vaterland" hat uns indessen dennoch in Verlegenheit versetzt.' Der Vertheidiger Dr. Friedrich E lbo g en theilt nämlich in einer Zuschrift an die „Neue Freie Presse" mit, daß Jaques Aduist schon in sehr jugendlichem Alter von seinen Eltern einem Pfarrer in Dresden übergeben wurde, der während eines beträchtlichen Zeitraumes die Erziehung des Knaben geleitet hat. Jetzt soll das „Vaterland" aus dem Dilemma helfen. Bei einem Pfarrer ist noch der Glaube gut versorgt und die Erziehung eine „sittlich-religiöse" und dennoch wurde Jaques Adutt ein Beispiel dafür, daß die Erziehung der Jugend eine schlechte sei. Man sieht, es ist das Beste, nicht immer aus' einzelnen Vorkommnissen allgemeine Schlüsse ziehen zu wollen. Jedenfalls aber hat es sich gezeigt, daß auch die Erziehung in einem PfarrHause keinen Schutz gegen Verirrungen bietet und die alten Juden haben nach unserer Meinung wohl daran g et Han, ihre Kinder nicht zum Pfarrer zu schicken. Dem „Vaterland" gegenüber sei jedoch die Thatsache hervorgehoben, daß die Juden aus der Pyrenäenhalbinsel noch heute ihrem Glauben treu sind, gleichviel ob sie als Lastträger in Salonich und Constantinopcl sich ihr Brot verdienen oder ob sie in Bombay über fürstliche Reichthümer verfügen. Sie haben den Glauben der Väter und ihre Tugend bewahrt und in ihren Häusern werden die religiösen Gewohnheiten strenge festgehalten. Ausnahmen wird es immer geben und die Berührung mit dem Schlechten läßt sich nicht immer verhüten. Sie sind ihrem Glauben treu, wenn man den Söhnen der Märtyrer auch zuweilen den Vorwurf machen kann, daß sie ihre eigene Geschichte nur mangelhaft kennen, von den glänzenden Sternen nichts wissen, die am Firmamente dieser Geschichte leuchten. Schon auf holländischem Boden leuchtet Baruch Spinoza auf, und wenn man den Cid mit ihm vergleicht, dann wird der maurenbekämpfende Ritter winzig klein neben dem Brillenschleifer aus dem Haag. . Wisniewski und Tarnowski. Wisniewski, der nationale Märtyrer der Polen, der im ereignißreichen Jahre 1848 für seine freiheitlichen Gesinnungen auf dem Richtpflocke zu Lemberg seine edle Seele aushauchen mußte, sprach auf seinem schweren Gange zur Richtstätte laut und vernehmlich von Einigkeit, Gleichheit aller Menschenrechte und Brüderlichkeit mit den andersgläubigen Mitbürgern — und noch während der schauderhaften Procedur des Anbindens am Galgen gebot er seinen Connationalen Achtung und Liebe zu den bisnun verkannten jüdischen Brüdern. Seine Stimme übertönte den Trommelwirbel, bis der „Ruck" des Scharfrichters

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