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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-28 · 30 (28.7.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
30 (28.7.1893)
Date
1893-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 30 Wien. 88. In» j18S3. X. Jahrgang Crntrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. * K. ft. Postsxkaiassrnamt Clrsringvrrkrhr Nr. 810.»76. LedarUon mib AdnünistraNon: Virn Franx Jofefs-Nnsi Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. Eigrnrhümrr: Reichsralhs-Abgeordnrler Dr. Kloch. Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bei allen Postanstallrn des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. ivnzetgrn: Die 4mal gespaltete Petttzeile 12 kr. -M Inhalt: Leitartikel: Die Straße der Ehre. — Wisniewski und Tarnowski. — Fragmente aus der Woche. — Stöcker in einer Antisemiten-Bersammlung. — Ein Freund Friedrichs des Größen über die Blutbeschuldigung. — Brauchen die Juden Christenblut? — Co rre sp o n d enz e n : Wien. Neuhaus, Salzburg. Berlin, Mainz. — Vermischtes: Wien. Olmütz, Eger, Kolin, Jnowrazlaw, Berlin, Paris. —Feu illston: Fürstengunst XVII. — W ochenkalender. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Die Strasse der Ehre. Der Abend war schwül; am Himmel hingen die Fetzen von zerstreuten Gewitterwolken, deren Säume durch die untergehende Sonne nur schwach geröthet wurden; aus den Bureaux und Geschäftshäusern stürmten die Verspäteten, die ihre Familien auf dem Lande hatten, den Omnibussen zu, um den Bahn- Hof noch rechtzeitig zu erreichen. — Jetzt wurde auch das Sechsnhrabendblatt hervorgeholt, jetzt auch die Rubrik „Neuestes" , gelesen und darin das Urtheil gegen die drei jungen Leute, welche durch eine'kühne, anderOesterreichisch-ungarischen Bank hegangene«M»chselfalschung und hirrch ihre Flucht nach.Amerika den Zeitungen wiederholt Anlaß gegeben hatten, sich mit ihnen zu beschäftigen. Die Plattform eines Riesenomnibusses eignet sich, nebenbei bemerkt, außerordentlich gut für Volksversammlungen. Sieben Jahre, sechs Jahre und fünf Jahre; Moral und Gerechtigkeit feierten auf der Plattform des Omnibusses einen schönen Triumph. — Alle Anwesenden waren mit dem strengen Urtheil einverstanden, und den Riemen festhaltend, der bei den Erschütterungen des Fahrzeuges den Stehenden vor Schwankungen bewahrt, hielt Einer eine Rede über Genußsucht, laxe sittliche Anschauungen und über den Verfall der religiösen Erziehung, namentlich bei den Juden. Er sagte ungefähr das, was sonst über diese Angelegenheit gesagt und geschrieben wurde, wohlfeile Offenbarungen des Alltagsverstandes und des oberflächlichen Denkens, die niemals fehlen, wenn irgend ein Ereigniß die öffentliche Aufmerksamkeit lebhafter in Anspruch nimmt. Die drei jungen Leute, welche an ihrem eigenen Glücke die verhängnißvollste Fälschung begangen haben, sind nicht zu entschuldigen; aber, wenn man anklagen und beschuldigen will, dann bleibe man nicht bei den drei jungen Leuten stehen und nicht bei den Judenhäusern, sondern ziehe den Kreis der Verantwortlichkeit so weit, wie es dem Gesetze der Gerechtigkeit entspricht. Was geschieht . denn von Seite der Vertreter der Gesellschaft und des Staates, damit der jüdische Jüngling sich ermuthigt fühle, die Straße der Ehre zu wandeln? Die Rufe des glimmen Hasses gellen dem Kinde schon in die Ohren, noch bevor es die Altersreise für die Schule erlangt hat. Noch - bevor der Knabe fähig, einen klaren religiösen Begriff zu fassen, erfährt er, daß es ein ganz besonderes Verbrechen ist, im Judenthum geboren zu werden. Die Beschimpfungen werden fortgesetzt während der ganzen Schulzeit und der Herr Lehrer hält es mit seiner Ehre vereinbar, den wehrlosen Schüler zu verspotten und zu beleidigen. Und der Jüngling auf den Hochschulen; ist er nicht den Anfeindungen preisgegeben, wird ihm nicht, oft die Ehre verweigert, die ihm gebührt? Will aber der Knabe, der zum Judenthum sich bekennt, bei einem Handwerker in die Lehre treten, dann wird den Eltern erklärt, daß die Werkstätte einem Juden verschlossen bleiben müsse und der Jude ist dann nicht ehrlich genug für das Handwerk. Sucht er einen Dienst als Techniker in einer Fabrik, als Commis in einem kaufmännischen Geschäfle, oft genug wird er auch bei den besten Zeugnissen keinen Dienst bekommen, weil er Jude ist. Wird in der militärischen Carriöre, wird in der Beamtencarriöre es dem Juden niemals in Erinnerung gebrachr, daß er zu einer anderen Religion sich bekennt? Findet die Ehrbegier des Juden halbwegs jenen gesicherten Lohn, wie die Ehrbegier - des Christen? Man muß bedenken, daß Zeitungen mit dem ausschließlichen Beruf bestehen, die Juden zu beschimpfen, sie in ihrer Religion zu beleidigen, Lügen und Verleumdungen gegen sie zu erfinden. Man muß bedenken, daß ein Netz von Vereinen denselben Zweck verfolgt. Man sollte doch einmal das moralische Moment prüfen, das darin sich ausspricht, wenn eine Partei im Abgeordnetenhaus wirchschastlich und politisch die Befreiung von dem Einsiusse des „fremden" Elementes verlangt, worunter eben die Juden verstanden werden. Brot und Ehre will man den Juden abschneiden, ihrem bürgerlichen Fortkommen bereitet man Hindernisse und im Staate sollen sie nichts bedeuten. Das aber gibt keinen Anlaß zur Entrüstung und die moralischen Empfindungen empören sich nicht über ein solches Vorgehen. Der Jude soll Religion haben, obwohl man seine Religion beschimpft und verleumdet. Er soll seinen bürgerlichen Beruf in musterhafter Weise erfassen, obwohl Volkserwählte mit dem Fürstentitel als Wanderprediger amtiren, um dem Juden die Kunden wegzujagen, um die Juden geschäftlich zu boycottiren. Der Jude soll das empfindlichste Ehrgefühl besitzen, obwohl zahlreiche Demüthigungen und Enttäuschungen seiner warten, obwohl man ihm oft genug jede Ehre verweigert und ihm, da wo er Anerkennung fordern darf, nur Kränkung widerfahren läßt. Dennoch ist es statistisch erwiesen, daß Verbrechen und Vergehen bei den Juden weniger häufig Vorkommen als bei den anderen Volkstheilen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn man auf die Lebensbedingungen der einzelnen Berufsclassen Rücksicht nimmt, der Jude in Bezug auf Ehre, Sittlichkeit und Patriotismus noch immer mit Allen wetteifern kann, die mit ihm dieselbe Luft athmen. Adutt, Benvenisti und Diejenigen, die ihnen in Gesinnung und Handlung gleichen, das sind Ausnahmen. Aber wenn man die Verbrecher bestraft, das Verbrechen geißelt und den einzelnen Fall mit allgemeinen Erscheinungen in Zusammenhang bringt, dann sollte man in der Untersuchung mit Gründlichkeit Vorgehen und sollte bekennen, daß der Antisemitismus die Sittlichkeit in der Schule vergiftet und die Sittlichkeit im

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