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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-21 · 29 (21.7.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
29 (21.7.1893)
Date
1893-07-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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-sjafcMgj— Nr. 29 OeKerreichifche WochenfchrK Seite 555 „Wenn ich Ihre Mutter eine halbe Stunde weit in das nächste Dorf tragen würde, wären Sie im Stande, mir so weit zu Fuße zu folgen?" frug ich das Mädchen: „Gewiß!" rief sie, voll Hoffnung tief aufathmend. Perez Markbreiter unterbrach sich. — „Ich muß um Entschuldigung bitten, ich habe, der Wucht der Erinnerung erliegend, mich länger bei der Schilderung dieser Begegnung aufgehalten, als ich es mir mit Rücksicht auf Ihre kostbare Zeit gestatten durste; — ich werde mich nun kürzer fassen." — „Ich bitte das zu unterlassen", erwiderte Wertheimer, „Sie können sich nicht vorstellen, in welch' hohem Maße mich das traurige Schicksal der beiden Unglücklichen interessirt. Gelang es Ihnen, die Erkrankte an das vorläufige Ziel zu bringen?" - „Es war dies eine schwere Arbeit. Ich war von der furchtbaren Kälte erstarrt, von der weiten Fußwanderung in dem Unwetter ermüdet, von der hochgradigen geistigen Aufregung erschöpft. Ich konnte mich mit meiner Last auf dem eisglatten Boden nur langsam fortbewegen und mußte dabei auch auf das Mädchen, das mir schwankenden Schrittes folgte, achten und wenn es umzusinken drohte, es unterstützen. Wie ich vorausgesetzt hatte, waren, als wir spät nach Mitternacht vor dem außerhalb des Dorfes einschichtig gelegenen Branntweinhause anlangten, dessen Bewohner in tiefstem Schlaf versunken und es kostete große Mühe, sie zu wecken, über den nächtlichen Ueberfall zu beruhigen und sie zu veranlassen, das große Thor zu öffnen und uns einzülassen. Allein, nachdem dies geschehen, entwickelten alle Hausgenossen eine fieberhafte Thätigkeit. Die Frau des Verwalters entkleidete die Ohnmächtige und brachte sie in ihr Bett in ihrem Schlafzimmer, das sie den beiden Fremden vorläufig einräumte. Auch das Mädchen mußte ihre durchnäßten, von Schnee triefenden Gewänder, elende, zermorschte Lumpen, ab- und die Kleider, welche ihr die Verwalterin borgte, anlegen. Die Mägde brachten, was man von geeigneten Lebensmitteln am raschesten zur Hand hatte, warme Milch, und flößten der Ohnmächtigen einige Löffel ein, und als diese zu sich kam, und sich das Mädchen zu beruhigen begann, erbat sich auch dieses eine Schale Milch, die es mit Heißhunger verschlang. Ich erfuhr zu meiner namenlosen Erschütterung, daß die beiden Frauen seit sechzig Stunden gar nichts und auch längere Zeit vorher nur ungenügende Nahrung zu sich genommen hatten. Es wurde nun Beiden Fleisch, das sich glücklicherweise im Hause vorfand, vorgesetzt, und als sich Beide an langentbehrter, nahrhafter Kost gelabt hatten, fühlten sie sich wie neübelebt. Ich drang nun darauf, daß auch die Tochter die Ruhe, deren sie in so hohem Grade bedurfte, aussuche, und fuhr, um weder die Fremden, noch die Hausleute zu stören, noch in der Nacht nach Nikolsburg zurück. Beim Abschied versprach ich, so bald als möglich mit meiner Mutter, von welcher der Verwalter und seine Frau behaupteten, sie wäre die würdigste Frau in ganz Mähren, herauszukommen, was auf die beiden Frauen den besten Eindruck hervorzurufen schien." „Wie nahmen Ihre Eltern.Ihren Bericht über das seltsame Abenteuer und über die Maßnahmen, die Sie zur Unterbringung der beiden unglücklichen Frauen ergriffen, auf?" „Wie ich es von diesen edlen Menschen erwartet hatte. Der Vater schlug, noch bevor ich erzählt, daß ich dies den beiden Frauen versprochen, vor, meine Mutter solle, trotzdem der nächste Tag der Rüsttag des Sabbaths war, nach Schönhof fahren und die Frauen einladen, zu uns zu kommen und unser Haus als ihres zu betrachten. Allerdings setzte er voraus, daß diese meiner Mutter ihre Verhältnisse klar darlegen würden. Er glaubte, eine Frau würde sich leichter entschließen, einer Person ihres eigenen Geschlechtes, als einem Manne ihr Vertrauen zu schenken. Aus diesem Grunde war er auch weniger damit einverstanden, daß ich die Mutter nach Schönhof begleite, allein er erhob keine Einsprache dagegen." „Wie gestaltete sich die Begegnung Ihrer Frau Mutter mit den beiden Fremden?" „Anders als ich es erwartet hatte. Der erste Eindruck war allerdings, wie ich dies voraussetzte, beiderseits ein außerordentlich günstiger. Das Benehmen der Fremden war ein geradezu überraschendes. Ihre Sprechweise, ihre Bildung, ihr Benehmen, ja sogar ihre äußere Haltung ließen meine Mutter sofort erkennen, daß sie einst glücklichere Tage gesehen und eine i für Juden ungewöhnliche Lebensstellung eingenommen haben ‘ mußten — und meine Mutter ist — ich darf es ohne Ueberhebung sagen — eine Frau, wie sie König Salomo schildert, ein edles Wesen, das jedes Menschen Herz sofort gewinnen muß. Trotz alledem verließ sie Schönhof weniger befriedigt als ich erwartet hatte. Die Frauen nannten sich Leidensdorf, die Mutter Dina, die Tochter Eva; aber die beiden, jeder Verstellung unfähigen Menschen vermochten — und beabsichtigten dies wohl auch nicht — der von meiner klugen Mutter ausgesprochenen Bermuthung, es wäre dies nicht ihr wahrer, es wäre dies ein angenommener Name, nicht zu widersprechen und diese Bermuthung mutzte sich zur vollen Zweifellosigkeit verstärken, als die beiden Fremden jede wie immer geartete Auskunft über ihre Herkunft, ihre Verhältnisse, ihre Angehörigen, ihren früheren Aufenthaltsort thränenden Auges, aber mit aller Entschiedenheit verweigerten und sich weder im Besitze von Legitimations- Papieren, noch des allergeringsten Vermögens befanden. Ich habe, so lange ich lebe, keine besitzloseren Menschen gesehen, selbst die Kleider, die sie, als sie in Schönhof anlangten, am Leibe gehabt, waren so abgenützt und zertragen, daß sie dieselben nicht mehr anzulegen vermochten. Als sie meine Mutter trotzdem in herzlichster, möglichst unverletzender Weise einlud. mit ihr nach Nikolsburg zu fahren, lehnten sie dies Anerbieten ab und baten, es zu ermöglichen, daß sie in dem Branntweinhause des abseits der Heerstraße gelegenen Dorfes verweilen könnten. Sie hatten sich, so behaupteten Mutter und Tochter glaubwürdig, seit langer Zeit daran gewöhnt, ihre Bedürfnisse auf ein unglaubliches Minimum herabzudrücken, die Tochter würde sich in vielfacher Weise nützlich machen und wäre zu jeder Verrichtung und Arbeit fähig und gern bereit. Auch erklärte Frau Dina, daß, wenn meine Mutter in der Lage wäre und die Gnade haben wollte, Aufträge für ihre Tochter und sie selbst für die feinsten Perlen-, Gold- und Silberstickereien, etwa für Synagogeuparamente. anzunehmen, sie — vorausgesetzt, daß ihnen das hiezu nöthige Material geliefert würde, in der Lage wären, ihren Lebensunterhalt reichlich zu verdienen. Die hohe Bildung der Frauen, die sich in jedem ihrer Worte, jeder ihrer Handlungen, in ihrem ganzen Gehaben deutlich kundgab, die stille Resignation, mit der sie ihr unerhört hartes Schicksal ertrugen, das unerschütterliche Gottesvertrauen des jungen Mädchens, die ehrfurchtsvolle Verehrung, welche sie ihrer Mutter, und die heiße grenzenlose Liebe, welche diese Jener bewies; die bezaubernde Anmuth des jungen Mädchens, unterstützt von so seltener Körperschönheit, daß diese selbst auf eine Dame mit fast zauberischer Gewalt wirkte, zogen meine Mutter mächtig an; aber andererseits mußte sie der gänzliche Mangel an Vertrauen stutzig machen. Der Ruf meiner Mutter und der überwältigende Eindruck ihrer herzerobernden Persönlichkeit boten die höchste Garantie, daß ihr Jedermann mit. höchster Beruhigung das gefährlichste Geheimniß anvertrauen durfte — und doch diese unerschütterliche Verschloffenheit! Allein meine Mutter ist weichen Gemüthes und hohen Sinnes, beurtheilt jeden Menschen milde und nachsichtig und Dina und Eva Leidensdorf befinden sich noch heute unter der Aegide meiner Mutter in Schönhof. Allerdings bedürfen die beiden Frauen, Dank der Bemühungen meiner lieben Mutter, keiner Unterstützung. Sie sind, wie diese behauptet, die kunstreichsten Perlen- und Goldstickerinnen, die es gibt, und meine Mutter verschafft ihnen genügende Beschäftigung. Zunächst hat sie selbst, ohne sich ihnen als Bestellerin zu nennen, einen Tabernakel-Vorhang für die Altsynagoge in Nikolsburg anfertigen laffen, und dieser — ein wahres Kunstwerk — hat so allgemeine Bewunderung erregt, daß mehrere reiche Familien durch meine Mutter bei den unbekannten Stickerinnen Synagogenparamente bestellen ließen, derart, daß jene mit Arbeiten und reichlichem Erwerbe auf lange Zeit hinaus versehen find. Das Material, dessen die Frauen bedürfen, läßt meine Mutter in Wien einkaufen und streckt das Geld hierfür aus ihrem Eigenen vor. Meine Mutter bewahrt das Geheimniß der Frauen in so geschickter Weise, daß Niemand eine Ahnung hat, wo sich die kunstfertigen Stickerinnen befinden. Nebenbei erweist sich Eva auch der Verwalter-Familie in hohem Grade nützlich. Trotzdem sie täglich viele Stunden an ihren Stickereien arbeitet, nimmt sie sich doch noch so viel Zeit, Landstadt's — so heißt der Verwalter — kleines Mädchen in den Handarbeiten, im deutschen und hebräischen Alphabet zu

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