Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29 Vesterrrtchische WortzenfchrM Seite 551 reichischen Landesschulrath zu clericalisiren. Nachdem die Clericalen in fast allen Bezirksschulräthen Oberösterreichs die Majorität errungen haben, sollte zur Krönung des Gebäudes eine clericale Majorität im Landesschulrathe geschaffen und für alle Zeiten gesichert werden. Zu diesem Zwecke sollte die Zahl der Landes-Schulinspectoren, welche dem Landesschulrathe angehören, auf zwei beschränkt, dagegen die Zahl der Abgeordneten des Landesausschusses und der katholischen Geistlichen von je zwei auf je drei erhöht werden. Zur Stärkung des geistlichen Einflusses wurde weiter festgesetzt, daß von den zwei Vertretern des Lehrerstandes der eine katholischer Religionslehrer sein müsse. UeberdieS wurde das Stimmrecht des Vertreters der israelitischen Cultusgemeinden auf die Angelegenheiten der israelitischen Schulen beschränkt. Durch diese Novelle wurden also die staatlichen Elemente der Schulaufsicht dermaßen in den Hintergrund gedrängt, daß im Falle der Sanctionirung dieser Novelle die Schulaufsicht in Oberösterreich nur dem Namen nach eine staatliche) in Wirklichkeit aber eine kirchliche gewesen wäre. In der Berathung über diese Novelle am 4. April v. I. führte, der Statthalter Baron Puthon aus, daß die von der Unterrichtsverwaltung seit 22 Jahren gemachten Wahrnehmungen keinen Anlaß zur Abänderung des Schulaussichtsgesetzes in der beantragten Richtung bieten. Da die Vertreter der staatlichen Schulinteressen im Landesschulrathe ohnehin in der Minorität seien, so könnte der beantragten Verschiebung der Verhältnisse nicht zugestimmt werden. Die katholische Kirche besitze in mehreren Landesschulräthen anderer Kronländer nur einen, in keinem aber mehr als zwei Vertreter. Es erscheine also die Rothwendigkeit einer verstärkten Vertretung der katholischen Kirche im Landesschulrathe nicht hinreichend begründet. Auch erweise sich die beabsichtigte Einschränkung der 'ohnehin geringen Zahl des Lehrerstandes umsoweniger als gerechtfeetigt, als ohnehin der katholischen Kirche die Beaufsichtigung des Religions-Unterrichtes zusteht. Bezüglich des Vertreters der israelitischen Confession erklärte der Statthalter, daß es nicht angeh'', einer Religions-Genossenschaft ihre gesetzlichen Rechte zu entziehen, besonders wenn niemals ein Mißbrauch stattgefunden hat. Aus diesen Ausführungen des Statthalters ergeben sich die Gründe, welche zur Verweigerung der Sanction geführt haben. Das „Vaterland" zieht darüber ein' schiefes Gesicht und meint, es gehe oft merkwürdig zu auf dieser buckligen Welt. Wien. (Ein Act der Rohheit.) Wir erhalten folgende Zuschrift: „Löbliche Redaction! Ich erlaube mir, Ihnen folgende erlebte Thatsache zur Veröffentlichung mitzutheilen: Ich ging Sonntag um 11 Uhr Vormittags in Dörnbach und hörte Hilferufe und Jammergeschrei, so daß sich viele Menschen vor dem an der Dornbacher Hauptstraße, Haus Nr. 103, gelegenen Garten des Heurigenschankes ansammelten. Als ich hinkam, sah ich einen armen jüdischen Hausirer jammernd dem Wirthe erzählen, daß ein Weintrinker ihm zwei zum Kaufe angebotene Gegenstände im Werthe von 30 kr. weggenommen und anstatt zu zahlen, ihm zwei Ohrfeigen versetzt habe. Als er dem Wirthe den Herrn zeigte, sah ich von der Straße aus, wie derselbe ihm eine dritte Ohrfeige gab. Trotzdem im Garten mehrere Gäste saßen, rührte sich weder der Wirth, noch seine Gäste, sie verhöhnten vielmehr den armen Geschlagenen. Die Weintrinker lachten dem Ohrfeigenspender Beifall zu ob seiner großen Heldenthat, während ich den Hausirer, nachdem er aus den Garten gedrängt wurde, um den näheren Sachverhalt befragte. Als Ersatz für die ihm weggenommenen zwei Gegenstände gab ich ihm einen Gulden und schickte ihn zur Sicherheitswache, während ich aus der Straße auf- und abging, damit der Thäter nicht entwische. Bald darauf brachte mir ein junger Mann einen kleinen Spiegel, den der Ohrfeigeugeber entweder aus Vorsicht von sich geworfen oder fallen gelassen hatte. Als der Hausirer mit einem Wachmann kam, erzählte ich ihm den Sachverhalt, so weit ich Zeuge war, und.ging mit Beiden in den Garten, in welchem mehrere Gäste, darunter einige Dornbacher Inwohner, saßen, aber der Held war entweder versteckt ode er hatte rückwärts im Garten das Weite gesucht. Weder der Wirth, noch seine Gäste wollten den brutalen Menschen kennen, oder wissen, wer er sei. Ich sagte diesen Leuten, daß ich mich des armen Hausirers nicht deshalb annahm, weil er Jude, sondern weil er ein Mensch ist, und daß ich mich eines Katholiken, Protestanten, ja auch eines Zigeuners angenommen hätte, wenn er mißhandelt worden wäre. Achtungsvoll S. Heit, l., Rudolfsplatz 10. Wien. (Der Antisemitismus in Europa.) Aus London, 10. Juli, wird uns berichtet: „Die Anglo-Jewish Affociation hielt gestern in den Central Synagogue Chambers unter dem Vorsitze Sir Julian Goldshmid's ihre XXII. Jahresversammlung ab. Der Zweck des Vereins ist die Beschützung verfolgter Juden und ihre Hebung in den östlichen Ländern mittelst elementaren und gewerblichen Unterrichtes. In dem Jahresbericht heißt es, daß sich im vergangenen Jahre ein Wachsen des Antisemitismus in Mittel-Europa geltend machte, welcher das Los der Juden in Oesterreich und Deutschland verbitterte und ihren Fortschritt hinderte. Was Rußland anbetrifft, so weist nichts darauf hin, daß die dortige Verfolgung aufgegeben wird. „Zum Unglück lehrt die Erfahrung, daß äußere Einmischung nichts oder wenig nützt beim Czaren und seinen Rathgebern, und die gesittete Welt kann nur hoffen, daß fie von selbst eine humanere Politik beginnen. Nur für Diejenigen, welche sich der russischen Verfolgung entziehen, ist Hoffnung auf Hilfe vorhanden, und dieser Aufgabe haben sich Baron Hirsch, das russisch-jüdische Comite in England und andere ähnliche Vereine im Auslande unterzogen." Sir Julian beklagte, daß in Rumänien die Kinder der jüdischen Bewohner nicht mehr in den Schulen Aufnahme finden sollen, trotzdem das betreffende Gesetz ganz unverfassungsmäßig ist. Ein anderes rumänisches Gesetz verbietet die Anstellung von Juden in Hospitälern und gestattet ihnen nicht, Apotheker zu sein. Tatsächlich werden keine jüdischen Kranken in die Hospitäler ausgenommen. Nicht ohne Besorgniß kann man auf die Entwicklung in Griechenland schauen. Dagegen zeigen sich der türkische Sultan und der Schah von Persien tolerant. Auch der Sultan von Marokko hat einen Beamten, welcher sich Grausamkeiten gegen Juden zu Schulden kommen ließ, energisch zur Strafe gezogen. Der Verein erkannte dankbar die segensreiche Verwendnng des britischen auswärtigen Amtes an. Nachdem der Ober-Rabbiner dem anwesenden Baron Hirsch für seinen beispiellosen Opfermuth gedankt hatte, erklärte dieser, er wisse sehr wohl, daß es unmöglich sei, sechs Millionen Menschen aus einem Lande zu führen. Aber er wolle Colonien von etwa 10.000 russischen Flüchtlingen gründen, um zu zeigen, daß die Juden sehr wohl nützliche Bürger sein könnten." Prag. Wie Juden den Judenhaß entgelten, ist aus dem nachstehenden Ausschnitte der hiesigen „Närodni politika“ vom letzten Sonntag ersichtlich, freilich nach dem Motto „Sonj y aveum“ ist es nicht. „In Ertrinkungsgefahr beim Baden. Am 2.d. M. badeten in Eisenbrod a. d. I. unterhalb der Fabriksschleuse in der Jser der 11jährige Franz Dobias, der 14jährige Josef Stransky und die Briider: der 16jährige Karl und der 18jährige Josef Dlouhy. Zwei spielten Roß und Reiter, und zwar trug der Stransky den Dobias auf dem Nacken. Das wilde Roß wieherte und sprang, bis es plötzlich in eine 2'/, Meter tiefe Grube gelangte. Der Reiter verlor das Gleichgewicht, flog kopfüber, zwängte aber dabei den das Roß darstellenden Knaben mit den Füßen derart ein, daß beide in Ertrinkungsgefahr kamen. Die Brüder Dlouhy, welche ihnen zu Hilfe eilten, wurden von ihnen in die Tiefe mitgeriffen, so daß alle vier dem Ertrinken nahe waren Dazu kam Herr Emil Kuh, der Sohn eines hiesigen Handelsmannes, welcher ohne Bedenken in Kleidern und Stiefeln an der Schleusenkette sich ins Wasser herabließ — wobei er sich an den Händen verwundete — und dann einen nach dem anderen aus der Tiefe zog. Drei der Gefährdeten kamen bald zum Bewußtsein, um den Stransky mußten die mittlerweile zusammengelaufenen Leute lange sich bemühen, bevor er zu sich kam." In dieser That des Kuh ist mehr Moral als. mancher Professor zu fassen im Stande ist. Dagegen ist auch am letzten Sonntag in den hiesigen „Närodni Listy“ eine Notiz gewesen, in welcher bei Besprechung der confessionellen Verhältnisse an den hiesigen Mittelschulen sämmtliche hiesige Juden als „wohlhabend" denuncirt werden, wenn auch Jeder in der Närodni Iä>ty-Redaction von der Existenz vieler armer und ärmster jüdischer Familien hier Kenntniß hat. Die riesige Lüge blieb unberichtigt. Troppau. 13. Juli. (Antisemitische Stä nkereien.) Wie sehr die antisemitische Bewegung das hiesige gesellschaftliche Leben vergiftet, beweist neuerdings eine Scene, welche sich Abends anläßlich der Vorstellung einer Wiener Sängergesellschaft im Gasthause zu den „Drei Hahnen" abspielte. Einige bekannte antisemitische Krakehler fingen mit jüdischen jungen Leuten einen Scandal an, der so unangenehmes Aufsehen erregte, daß sich der Wirth gezwungen sah, gegen dieselben