Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020983--02597-3026694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
VrSerrrktzMtzr WochenschrM ©eite 549 Nr. 29 versahen, dazu den vollen literarischen Nachweis dieser dem Bilde zu Grunde gelegten Legende durch ein genaues.Verzeichniß jener Stellen in den hebräischen Werken erbringend, wo von dieser Legende eben die Rede ist. Eine Copie dieses Berichtes befindet sich noch jetzt in meinen Händen, und ich erlaube mir, daraus einige Stellen anzuführen, woraus die Wichtigkeit zu ersehen ist, die in Saratow dem Bilde beigelegt wurde, trotz Allem und alledem, daß schon von Anfang an Herr Kostomarov dessen richtige Aufklärung gegeben hatte. „Wir finden es — so heißt es in bem Berichte — hier angemessen, eine Aufklärung über das Büchlein zu geben, das dem uns von der Conimission übergebenen Jnformationsextracte aus den Verhandlungen wegen der Ermordung der beiden Knaben in Saratow zu Folge (siehe diesen Proceß unter Lit. N.) die besondere Beachtung der Gerichtscommission auf sich zog." Sodann folgt in dem Berichte die Erzählung der auf dem Bilde dargestellten Legende mit Anführung der darauf bezüglichen Literatur und der erwähnten Aufschrift, worauf wörtlich folgt: „Da nach dem obbeschriebenen Inhalte des Büchleins und Kupferstiches auch nicht der kleinste Scharten eines Zweifels an der Arglosigkeit jener Abbildung mehr bestehen und dieser Kupferstich in keiner Weise mehr als Stützpunkt für die Ansicht, als ob die Juden zu Ostern Christenblut brauchten, gelten kann,^so halten wir uns für verpflichtet, die Aufmerksamkeit der Dpecialcommission auf die (Blatr 159 des uns gegebenen Auszugs aus den von der Gerichtscomnüssion geprüften Untersuchungsacten) im Journale der Gerichtscommission dargelegte schriftliche Auffassung des Obersten Euler vom 23. Juni 1855 hinzuweisen, wo als Grundlage das obbezeichnete Bild und sogar irgend ein auf diesem Blatte stehender, mit dem Bilde aber in gar keinem Zusammenhang befindlicher Text angenommen und auch noch die Meinungen anderer Persönlichkeiten über die Wahrscheinlichkeit der Verwendung von Christenblut durch die Juden angeführt werden. Insbesondere dürfe die Erwägung nicht außer Acht gelassen werden, wonach der Vorgang der Beschneidung und der Ermordung der beiden Knaben in der Synagoge durch die Juden von Saratow, wie ihn der Gouvernementssecretär Krüger beschrieb, durch Oberst Euler übereinstimmend gefunden wurde mit der Jnscenirung der auf dem Kupferstiche abgebildeten Gegenstände, so daß die richtige Aufklärung des erwähnten Büchleins und der viel bemerkten Abbildung darin ein vollkommen verschiedenes Licht sowohl auf die obigen Betrachtungen und willkürlichen Folgerungen als auch auf alle übrigen ähnlichen factifch geschehenen Muthmaßungen zu werfen geeignet ist." Aus dem hier Angeführten ist klar erkennbar, welch' verhängnißvoll unseligen Einfluß das unschuldige Bild auf den Gang des Saratower Processes geübt hat. Aus der Mittheilung des Herrn Kostomarov geht eben nur hervor, daß man durch ihn zwar die Möglichkeit hatte, die wahre Bedeutung des Bildes zu erkennen, daß aber durch irgend welche nicht weiter bekannte Ursachen von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht wurde, so daß neben den vielen Räthseln des Saratower Processes auch dieses eine eben noch unaufgeklärtist. „Schädlicher (als dieses Bild)" — fährt aber Herr Kostomarov fort — „wirkte (auf den Gang der Untersuchung) die Entdeckung eines zweiten Büchleins bei dem mit Färben von Bälgen sich befassenden Juden Jankel Juschkewitscher; es war dies ein Compendium verschiedener historischer Documente, worin gezeigt wird, daß in verschiedenen Zeiten und Ländern von den Regierungen Schutzbriefe für die Juden herausgegeben wurden, wodurch verboten wurde, die Juden mit der Beschuldigung der Vergießung von Kinderblut zu religiösen Zwecken anzugreifen. Es waren darunter päpstliche Bullen, kaiserliche Decrete und Urkunden verschiedener Könige u. s. w. u. s. w., größtentheils schon gedruckte, von Ausgaben aus verschiedenen Jahrhunderten, mancherlei Druckes und allerlei europäischer Sprachen hecausgenommen, zum Theile aber solche, die noch nicht gedruckt finb, oder aus offenbar sehr seltenen Ausgaben abgeschrieben worden waren. Alles dies war in Einem Bande zusammengebunden. " Dieses Buch erweckte seinerzeit das größte Mißtrauen. Es war ersichtlich, daß der Sammler sich für die Auffindung dieser Documente die größte Mühe genommen hatte, indem er sie aus den verschiedenen Ausgaben Herausschnitt und zu Einer Sammlung vereinigte — und wozu, so fragte man sich, hatte der Handelsjude die Frucht einer so gelehrten Arbeit nöthig, da bei ihm außer diesem Buche blos gewöhnliche religiöse hebräische Werke gefunden wurden." Die Aufklärung dieser scheinbar seltsamen Thatsache ist überaus einfach: Ich weiß es auf das Bestimmteste, daß Documente dieser Art dem Angeklagten von jüdischer Seite zum Zwecke der Vertheidigung zugeschickt worden waren. Ich selber habe von verschiedenen Juden, darunter von dem verstorbenen Bankier I. Günzburg solche gedruckte und handschriftliche Documente, die ich zum Theile noch jetzt besitze, erhalten. Herr Kostomarov spricht dann weiters von den ins Gewicht fallenden juristischen Thatsachen, von denen „Herr Chwolson besser als ich K. unterrichtet sein müsse". Nun! diese vermeintlichen juristischen Facten sind mir in der That alle sehr wohl bekannt, denn ich habe den Proceß sorgfältig durchgesehen, finde sie aber noch immer so wie seinerzeit für vollständig nichtssagend. Wesentliche Beweise gegen die Angeklagten waren durchaus nicht vorhanden, vielmehr waren die Aussagen der Hauptzeugen, wie ich in meiner Berichterstattung handgreiflich nachgewiesen habe, sämmtlich ohne Ausnahme erlogen. Herr Giers sagte zu mir einmal deutsch wörtlich, wie folgt: „Alle Zeugen haben gelogen" und dann: „Krüger sagte stets anders aus, wodurch er seine früheren Aussagen zurücknahm, so daß ich ihn endlich schriftlich aussagen zu lassen mich genöthigt sah, um von ihm etwas Bestimmtes in Händen zu haben." Herr Giers ist als ein Mann von durchaus edlem Charakter bekannt, und ich bin daher überzeugt, daß er meine Worte nicht dementircn wird. Ich wage es, vor Gott und der ganzen Welt zu behaupten, daß die damals angeschuldigten Juden in Saratow unschuldig waren und daß bei öffentlichem Gerichtsverfahren sie unbedingt freigesprochen worden wären. (Fortsetzung folgt.) HorrestzonäeMM. Wien. (Eoucurrenz gegen Bergani.) Das „Deutsche Volksblatt" ist von schwerem Unheil bedroht — vom 1. Ociober d. I. ab wird in Wien ein neues antisemitisches Tagblatt, natürlich ein echtes und unverfälschtes, erscheinen. Der Leibknappe Schönerer's, K. H. Wolf, kündigt an, daß ihm das Warten auf die von der Steinwender-Partei geplante tägliche Zeitung zu lange dauere und daß deshalb die „Ostdeutsche Rundschau" vom erwähnten Datum an täglich erscheinen Und den nationalen Radicalismus schneidig und entschieden vertreten werde. Daß diese Mittheilung unter den saftigsten Schimpfereien gegen die „Judenpresse" erfolgt, ist selbstverständlich.' Allein charakteristisch für diese, die deutschnationale oder besser: teutonische, Gruppe des Antisemitismus ist nicht die Art, wie sie die Juden bekämpft, sondern die Felonie, mit der sie den eigenen Gesinnungsgenossen ein Schnippchen schlägt. Am schlimmsten kommt dabei Ernst Bergani weg; er wird ein „volksvertrottelnder Zeitungshochstapler" genannt, „der den Antisemitismus zum kunstgerechten Ausschlachten und Ausschroten übernommen hat" und Herr K. H. Wolf wirft den Urgermanen aus Sollenz ohne viel Federlesens in Einen Topf mit Judenthum und Clerisek Am herrlichsten aber bewährt sich die deutsche Treue und Biederkeit der Schönerianer gegenüber Herrn Steinwender und dessen Heerbann. Die Steinwendergruppe hat bekanntlich vor Monaten einen Preßausschuß niedergesetzt und einen Aufruf publicirt, in welchem zu Beiträgen für ein deutschnationalantisemitisches Tagblatt angeeifert wird. Der genannte Preßausschuß hat seither eine sehr rege Agitation entwickelt, und nun kommt Herr K. H. Wolf und schnappt Herrn Steinwender