Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 548 Oesterretchifihr Wochrttschrtst Nr. 29 Brauchen die Juden Christenblut? Beurtheilt von D. A. Chwolson in Petersburg. Nach der 2. verbesserten und mit 3 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein). (Fortsetzung aus Nr. 27.) HI. Beilage. Zur Notiz des Herrn N. N. Kostomarov, „betreffend die Broschüre des Herrn Chwolson: „Brauchen die Juden Christenblut?" („Novoje Wremja“ Nr. 1172, v. 5. Juni 1879.) Obwohl in eine Zeitungspolemik mich einzulassen mir immer ein höchst unliebsames Ding ist, so kann ich doch dem Drange meines Herzens nicht widerstehen, die Notiz meines sehr geschätzten ehemaligen Collegen zu beantworten, um so weniger, als ich aus den Aeußerungen desselben mit Vergnügen entnehme, daß meine Broschüre wenigstens nicht so unbeachtet übergangen wurde, wie seinerzeit das vor 20 Jahren über denselben Gegenstand von mir herausgegebene Specialwerk, dem gegenüber die ruffische gelehrte Welt das vollste Stillschweigen gewahrt hat. °Jch bedauere nur, daß ich die Bemerkungen des Herrn Kostomarov sogleich nach deren Erscheinen zu beantworten -Lurch häusliche und dienstliche Verhältnisse verhindert wurde. Bei der Abfassung meiner Broschüre hatte ich, wie dort auf das Bestimmteste bemerkt ist, hauptsächlich im Sinne, das Publicum mit den Hauptpunkten meines ausführlichen Werkes über diesen Gegenständ in kürzester und allgemeinverständlicher Form bekannt zu machen. Ich hatte also keine Ursache, über den Saratower Proceß, deffen ich zu Anfang meiner Broschüre blos darum Erwähnung chat, um auf die Veranlassung zu meinem größeren Werke über diese Frage hinzuweisen, umständlicher zu sprechen, indem das Buch — nicht meiner eigenen Initiative entsprungen — Alles enthielt, was ich als Mitglied der Commiffion zu sagen Hatte und die Broschüre in geänderter Form nur das Wesentliche daraus verbreiten sollte. Die kleine Belustigungsgeschichte hinsichtlich des Bildes beruht vollständig auf Wahrheit und wurde nur darum von mir mitgetheilt, weil sie für diesen wie für andere ähnliche Processe äußerst bezeichnend ist. Herr Kostomarov meint nun: „Die Darstellung des Herrn Chwolson könnte den Leser zu der Folgerung führen, die armen Juden wären insbesondere durch unsere grenzenlose, allseitige Unwissenheit auf die Anklagebank gebracht worden u. s. w. Die Folgerung wäre in der That nicht unrichtig. Herr Kostomarov hätte nur hinzufügen sollen: „durch unsere grenzenlose allseitige Unwiffenheit bezüglich der jüdischen Religion, Geschichte und Literatur." In meinem seinerzeit der Commission abgegebenen Referate befand sich übrigens auch eine Kritik des Saratower Protestes, die ich nur darum nicht abdrucken ließ, weil der Proceß, als mein Werk gedruckt wurde, noch nicht beendet war. In dieser Kritik führte ich den einleuchtendsten Beweis, daß alle Zeugenaussagen erlogen waren und als solche gewiß auch von den Richtern erkannt worden wären, wenn sie vom Judenthum nur die geringste Kenntniß gehabt hätten, was ich durch ein kleines Problem erhärten werde. Der Hauptzeuge Krüger, ein Mensch, dem das Schlechteste nachgesagt werden durfte, deponirte, er sei in der Synagoge dabei gewesen, als die Saratower Juden angeblich den Knaben beschnitten und das für sie erforderliche Blut herauszapften. Damit der Eintritt in die Synagoge zur Gegenwart bei der Ceremonie ihm gestattet würde, wären ihm als Parole die hebräischen Worte: „Lereselät dara elohim et haschamajim weefc haarez (Gen. I, 1) vertraut worden. Darauf bemerkte ich in meiner Kritik, so wenig es möglich sei, daß als Parole ein russischer Kutscher einen Vers aus Homer oder Horaz ausgäbe, so wenig sei es möglich, daß von den Juden aus Saratow Krüger die obbezeichneten hebräischen Worte als Parole erhalten hätte. Diese hebräischen Worte werden in der angeführten Weise nämlich blos von spanischen Juden oder von Christen ausgesprochen, indeß alle übrigen Juden, sowohl bei uns als in Polen, Oesterreich, Deutschland, Frankreich, England .und Italien diese Worte folgendermaßen aussprechen: „Breschis boro elauhim es haschomajim wes lioorez-“ Mit Ausnahme einiger sehr weniger europäischer gebildeter Juden, zu denen die Juden von Saratow — Soldaten und Handwerker — gewiß nicht gehören, wissen unsere Juden nämlich überhaupt nichts von der Existenz einer spanischen Aussprache der hebräischen Sprache. Offenbar hat also ' irgend ein Seminarzögling Krüger's diese jedem Seminaristen bekannten hebräischen Worte, womit die Bibel anfängt, ausgeschrieben und Krüger machte den für ihn nothwendigen Gebrauch davon. Die Richter nun,, die gar nicht' einmal eine Ahnung hatten, daß die Kenntniß der erwähnten Aussprache der hebräischen Worte bei den Angeklagten ausgeschlossen sei, schenkten den Worten Krüger's Glauben, dessen übrige Aussagen jedoch nicht minder, wie ich Nachweisen konnte, sämmtlich erlogen und erfunden waren. Zu dem in meiner Broschüre erwähnten Bilde mich wendend,. erkläre ich, keinen Moment darüber im Zweifel zu sein, daß Herr Kostomarov nach Auffindung des Bildes sofort die richtige Erklärung hiefür gegeben habe. Die Frage ist nur: Welche Wirkung hat seine Erklärung gehabt? Der Erzbischof Athanasius sagte, im Texte, dem das Bild beigegeben sei, werde allerdings von Pharao und den Kindern der Israeliten gesprochen; es sei aber dort nur die Rede von Pharao und denDrangsalen überhaupt, mit denen er die Israeliten bedrängte, und von den Kindern, die er in den Fluß werfen ließ, wobei Exod. I, 22 und Exod. II, 23—24 citirt werden. Für den wirklichen Sinn des Bildes vermochte der Erzbischof, dem die unter das Bild gesetzte, spanische Aufschrift nicht erklärlich war, im Texte keine Handhabe zu entdecken. Welche Bedeutung ferner der erste Untersuchungsrichter der wahren Aufklärung des Bildes beilegte, ist mir ebenso wenig bekannt, da ich nicht in Saraww zugegen war. So viel aber weiß ich bestimmt, daß . der Hauptzeuge Krüger, nachdem er zuvor immer verschiedene Aussagen gemacht hatte, nach Aufdeckung des Bildes plötzlich mit den Abbildungen darauf sich conform zu halten anfing. Daß man in Saratow auf die Erklärungen des Herrn Kostomarov überhaupt wenig oder gar nicht achtete, kann außerdem aus den folgenden Umständen geschlossen werden. Im Ministerium der inneren Angelegenheiten und auch im Ministerium für Volksaufklärung wurde mir und Levison von mehreren Beamten gesagt, daß in Saratow „unumstößliche Beweise" für die Strafbarkeit der Juden gefunden wurden. Dasselbe sagte mir nicht blos einmal Herr A. S. Norov. Nach langem Hin und Herfragen endlich offenbarten sie, man habe bei den Angeklagten ein Buch entdeckt, in welchem alle Einzelnheilen dieses schrecklichen Ritus bis ins kleinste Detail abgebildet seien. Oft und abermals insbesondere sagte mir damals Herr A. S. Norov, er habe zuvor niemals dieser Anschuldigung Glauben geschenkt, jetzt aber sei er durch das aufgefundene Bild zur Ueberzeugung gekommen, es müsse doch Etwas daran sein.. Aber nicht genug daran, berufe ich mich auf einen Mann, der noch unter den Lebenden weilt und der, wenn an meinen Worten etwas Unwahres vorhanden wäre, mich Lügen strafen und der Unwahrheit überführen könnte. Alex. Karlowilsch Giers wurde nach Durnovo beordert und Oberst Euler mit der gerichtlichen Untersuchung betraut und später zum Vorsitzenden unserer Commission ernannt. Welche Wichtigkeit er dem Bilde beilegte, kann ich jetzt, nach mehr als 20 Jahren, wo Einzelheiten so leicht in der Erinnerung verblassen, nicht mehr bestimmt angeben. Das aber ist positiv der Fall gewesen. Von sämmtlichen den Angeklagten in großer Zahl weggenommenen hebräischen Büchern, die wir durchgesehen, legten wir, Levison und ich, einen kurzen Rechenschaftsbericht vor, worin Titel, Ort und Jahr der Edition und eine concise Inhaltsangabe vermerkt wurden. Von dem Büchlein, in dem das Bild sich befand, übergaben wir aber noch einen speciellen separaten Bericht, worin wir die spanische Aufschrift nicht nur mit den hebräischen Buchstaben, wie sie im Original unter dem Bilde standen, citirten, sondern sie noch überdies mit einer spanischen Transcription und rmssischen Uebersetzung