Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 546 Oesterreichifche Wochrnfchrtst Nr. 29 9. daß derDirectör und das Personale des',, Janus" alljährlich fasten und Wallfahrten veranstalten, um Ablaß dafür zu erhallen, daß sie den Juden, die sich beim „Janus" versichern taffen, ein — langes Leben wünschen mästen; 10. daß der Ticector im September weder in einen Wald noch in ecken Garten gehe, um nicht in den Verdacht zu kommen, daß er das Laubhüttcnfest feiern wolle. Die Salzburger Inquisition erklärt sich befriedigt; Director Ktang-Ecgec wird nicht öffentlich verbrannt, braucht nicht die Tcustlsmütze zu tragen. In Salzburg versteht man sich noch imm-r auf Bekehrungen, wie in der guten alten Zeit. Die Moral der „klang"vollen Geschichte besteht darin, daß die W euer Asfecuranzgesellschaft „Janus" freiwillig ein Jnquifitionstribunal etablirt und anerkannt hat. Und die Salzburger „Kirchenzeitung" ist noch frech genug, von „jüdischer GefchäKsir.acherci" zu reden. Nehmt Euch doch, selber bei der Nase; das Bild, das Ihr in groben Strichen hingezeichnet, das Bild, genannt „Die Bekehrung des Janus", ist die beste Illustration Eures Denkens, Handels und Wandels. Das Institut des Consul Simon in Hannover. Aus Deutschland schreibt man uns: Die Leser dieses Blattes müssen wir heute nach einer Berliner Notiz leider über eine gar eigenartige Erscheinung unterrichten, welche auf das Verhalten der Berliner jüdischen Gemeinde, welche '/. der Juden Deutschlands uinfaßt, ein sonderbares Licht wirft. In der Nähe Hannovers ist durch Herrn Eonsul Simon in Gemeinschaft mit anderen Wohlthätern eine Anstalt etrichtet worden, welche ariuen Knaben aus ganz Deutschland Aufnahme gewährt, um sie hier durch Unterricht in einer mchrclasfigen Volksschule, gute, gesunde Pflege, Beschäftigung und Aufenthalt im Freien zu kcästckeu, starken Menschen heranzubilden. Hierzu bietet die ganze Anlage der Anstalt mit ihren mehr denn 70 hannoversche Morgen betragenden Grundbesitz, die herrliche, waldreiche und dein Auge wohlrhuende, landschaftlich schöne Umgebung, die praktischen Einrichtungen des Gebäudes mit seinen gesunden Räumen, die ür'ort zu beschaffende ärztliche Hilfe, die stete Aufsicht der Lehrer u. s. w. die beste Gelegenheit. Diejenigen Schüler lim, welche ihre Schuljahre zurückgelegt — Anstaltsschicker wie auswärtige — können sich dann hier in gründlichster Weise unter Leitung eines aus der königltchen Gartenbauschule zu Geisenheim vorgebildeten Obergänners in den verschiedensten Zweigen der Bodencultur, Gartenbau und Landwirthschafl — wie später auch unter tüchtigen Meistern zu Handwerkern heranbilden und genießen dabei in der Anstalt den. Unterricht einer Fortbildungsschule. Hatten die Begründer dieser ersten und in seiner Art in Deutschland einzig dastehenden jüdischen Anstalt auf eine weite, energische Unterstützung gerechnet, so ist ihnen diese von mancher Seite, wo man dem Unternehmen Verständnis; entgegengebracht hat, durch Zuwendung von Geldmitteln, Ausstattungsgegenständen für Haus und Schule, Zahlung der Pension ffür einen oder mehrere Schicker, bezw. Lehrlinge auch geworden. Nur die Großgemeinde Berlin, von wo aus die zu Papier schön klingenden und von scheinbar gutem Willen zeugenden Rathschläge zur Besserung der Lage der ärmeren Volksclassen unserer Glaubensgenossen und zur Bekämpfung des Antisemitismus ertönen, scheint die in jener jungen Anstalt praktisch ergriffenen Mittel vornehm zu ignoriren oder, was wir zu ihrer Entschuldigung annehmen wollen, von ihnen keine Kenntniß zu haben, trotz der lobenswerthen Bereitwilligkeit, mit der die öffentliche Presse die Angelegenheit besprochen hat. Sonst ist uns die Notiz, welche wir der Nummer 25 der „Jüdischen Presse" verdanken, daß „trotz mehrfacher Aufforderung weder die Berliner Gemeinde noch die Waisenhauscommission, noch die andern dortigen reichen Glaubensgenossen mit Ausnahme weniger, bis jetzt die Anstalt durch Geldmittel oder durch Zuweisung von Zöglingen unterstützt haben, ob- - gleich die Erziehungskostcii in dieser sich billiger stillen, als die Gemeinde bislang für die.von-ihr untergebrachten Kinder zahlt", unbegreiflich. . In der jetzigen Zeit, in der man alle Hebel.in Be? wegung setzt, um den Klein- und Haufirhandel, 'zn dem ja unsere ärmeren Glaubensgenossen den größten Procentsatz stellen — zu beseitigen, ist ein Unternehmen, eine Anstalt, welche die darin ausgebilöctcn Zöglinge durch die Art ihrer Ausbildung, durch Gründlichkeit und Allseitigkeit, zu Berufen befähigt, die trotz aller Klagen bei richtigem Betriebe immer noch „goldenen Boden" haben, mit Freuden zu begrüß n, m umsomehr zu unterstützen, als daselbst nach den uns vorliegenden Profpecten Verpflegung, Erziehung itnb Unterricht entsprechend den Grundsätzen des traditionellen Jndenlhums geleitet werden sollen, so daß neben der beruflichen Ausbildung der Pflege des Judenlhums ein bedeutender Spielraum gewährt wird. In dem Alter, in welchem die Charakterbildung Ziel und .Festigkeit ec hält, d. i. das Alter, in welches die Benifsbildnug fallt, ist jener Punkt keineswegs zu.unterschätzen. Gehen doch sehr viele Bekenner des Judenthums diesem verloren, weil gerade in dieser Periode, in welcher der kritische Geist-lebendiger wird und die Zweiselsucht beginnt, der religiöse Sinn, welcher in der Schule gelehrt und im Elternhause gepflegt wurde, in den meisten Fällen keine neue Nahrung erhält und in Folge dessen verkümmert oder sogar untergraben wird. Von diesen Erwägungen geleitet, haben erfreulicherweise ernste Männer, deren Namen Werth und Klang besitzen, sich jener Sache angenommen und. ihr Nack) und Thar geliehen. So zahlen einige Herren das Pensionsaeld für mehrere Schüler und Lehrlinge, ja die „Alliance israelite universelle“ ist bereit, für eine größere Anzahl Zöglinge des Kostgeld zu zahl n. Im Anslande h rrschl daher über' das - laue, unlhürige Verhalten gerade der Bert i wer reichen Glaubensgenossen gegenüber jenem Unternehmen gerechte Entrüst-ang und dB Meinung, daß dieselbe nur mit schönen Worten...zu Hellen bereit sind, aber keine Entschlossenheit oder Verständnis; zeigen; wo nur Einigkeit und energisches Handeln geboren rst. So viel ist gewiß, will das Judenthum zeigen, daß es ebenso rure ans dem Gebiete des Handels auch auf dem Gebiete des Handwerks und der Bodencultur — aus dem die unselige Gesetzgebung von Jahrhunderten es vertrieben — Vorzügliches zu leisten .uenima, so ist dur ch jenes humane Unternehmen der Weg gezeigt und wir können nur wiederholt wünschen, daß Arm wie Reich ihm tharkräftigste Unterstützung und die Mittel gewähren, biees in ausgedehntestem Maße verdient. Anmerkung der Redaktion! Die Anstalt, welche vom Bankier Herrn AlepanderM. Simon in Hannover und einigen Gleichgesinnten mit großer Opfer- Willigkeit gegründet rvorden ist rrnd erhalten wird, ist auch unseren Glaubensgenossen in Oesterreich-Ungarn wärmstens zu empfehlen. Bei verständnißvoller Ausnützung und Pflege verspricht diese Anstalt eine Quelle des Segens zu werden für die künftigen jüdischen Generationen. D. Red. Der Fall Drckrrt als eine Lertion. Von Professor Dr. G. Deutsch in Cincinnati. Nur Jemand, der selbst einmal so ferne von der Heimat gelebt hat, daß eine Anfrage, die er an seine Lieben daheim richtet, im günstigsten Falle erst nach vier Wochen erledigt werden kann, kann ermessen, mit welchem Interesse wir die „Oesterreichische Wochenschrift" leKn. Man sucht mit Eifer oder Sorge nach bekannten Namen in den Familiennachrichten, und mancher Gemeindeklatsch, wegen dessen Aufnahme wir zu Hause dem Redacteur gegrollt hätten, nimmt hier unsere athemlose Aus-, merksamkeit in Anspruch. So habe ich denn mit ganz besonders lebhaftem Interesse den Fall Deckert-Paulus Meyer gelesen und darf hier gleich meine Ueberzeugung aussprechen, daß dieses Ereigniß an histo-