Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ifiiimpnijiffwrr Nr. 29 Vesterrrichtsche Wochenschrift. Sette 545 gesellschaft aus Wien; unten in der Hölle wimmelt es von Assecuranzunternehmungen mit mythologischen Und vielsagenden symbolischen Namen, oben aber wandelt der gerechte „Janus", er sieht schon, wie die goldenen Pforten weit aufgethan werden, er empfindet den Wohlgeruch himmlischer Lüste, er Hort Lieder und Geigenklänge — da plötzlich gleitet er aus, der Schwindel erfaßt ihn, und er wäre verloren, würde er nicht durch das Seil gehalten, welches die Salzburger „Kirchenzeitung" ihm um den Leib geschlungen hat. So schwebt der „Janus" zwischen Himmel und Hölle; aber er kann unbesorgt sein, der Strick, der ihn sesthält, der reißt nicht. Wie geschah es aber, daß der „Janus" ausrutschte und durch den Rauchfang dem Teufel beinahe in den glühenden Ofen gefallen wäre? Daran war eine fatale Verwechslung schuld. Die Wache der schmalen Brücke besteht nämlich aus lauter Salzburgern, die bekanntlich durch Scharfsinn und reiche Begabung sich auszuzeichnen pflegen. Alle Salzburger Gaisbuben werden gleich nach ihrem Tode in die Brückenwache eingereiht. Die Salzburger aber wissen kraft ihres genialen Verstandes, daß Schöpfungen und Institutionen des Jahrhunderts eigentlich nur das Werk von Juden sind und daß man nicht der Verwaltung einer Gesellschaft angehören kann, ohne Jude zu sein. Demgemäß wurde der „Janus" als Jude von der Brücke gestoßen. Umsonst hielt der „Janus" die frommen Traktätlein empor, die er hatte drucken lassen. Da wurden sie erst recht böse, denn es sei des Scheiterhaufens werth, wenn ein Jude sich eine solche Reclame gestatte. Und der „Janus" kam sich genau so vor, wie es in dem schönen Salzburger Lied von den Pinzgauern heißt: „Die Fahnensiang is brochen, sie haben noch ein Trum. Tschihi, Tschaho . . ." Die Erbauungsschriften des „Janus" aber haben die Titel: I. „Der Papst und die Lebensversicherung." II. „Geistliche Stimmen über die Lebensversicherung." Man fühlt sich von wirklicher Begeisterung erfaßt für die Zeit, welche in der Sprache Goethes E'.nhundertundsünfzig Jahre nach Kant und Lessing solche Leistungen hervorzubringen vermag. Welcher Stolz der Bildung, welches Pflicht- und Charakterbewußtsein liegt nicht darin, wenn eine Wiener Versicherungs-Gesellschaft mit solchen Traktätlein hausiren geht? Das ist Würde, das ist Selbstachtung! Sie sind wirklich keine Juden beim „Janus", sie versichern es ausdrücklich, ihr Christenthum ist seit Einhundertund fünfzig Jahren nachweisbar. Wir sind damit ganz einverstanden, unser Respect vor dem Stolze, Selbstbewußtsein und der Manneswürde jüdischer Hausirer wird dadurch wesentlich gesteigert. „Nix zu handeln!", so ruft singenden Tones der Mann, der Brot sucht für Frau und Kinder und er „widerruft nicht"; — „Nix zu handeln!" Dabei bleibt er: „Nix zu handeln!" — Schäme Dich nicht, Du armer Jude im Hofe, klage nicht über Dein Los, wenn Du auch sehr armselig erscheinst neben dem Director einer Versicherungs-Gesellschaft, aber — Traktätlein brauchst Du doch nicht zu verschleißen! Und wenn Du Deine Fehler bekennst, so thust Du es vor Deinem Gott, demüthigst Dich aber.nicht vor dem Redacteur einer Salzburger „Kirchenzeitung" 1 Es ist eine komische und auch eine tragische Geschichte — wie man die Sache eben nimmt. Statt dankbar, für die fromme Propaganda des „Janus" zu sein, entdeckte die Salzburger „Kirchenzeitung" in den Traktätlein des „Janus" eine Reihe bon Todsünden und schweren Vergehen und machte sogar den Staat dafür verantwortlich, daß er eine solche Reclame auf Kosten der heiligen Schrift nicht mit aller Strenge verfolge! Auf diese Wendung, auf diese Begießung durch die Wasser von Hellbrunn war der fromme Bruder „Janus", welcher die halbe Seligsprechung erwartet hatte, nicht gefaßt. Der berühmte Dichter einer arabischen Ballade, Jbn el Schlemihl, verherrlicht die Situation in folgenden Versen: Er näselte die Koransuren, Ein Derwisch kam des Wegs herbei, Der prügelte den armen Schneider Und mit dem Singen war's vorbei. Der „Janus" singt nicht mehr und die Geschichte seiner Reue und Buße wird in der Salzburger „Kirchenzeitung" ausführlich berichtet. Den Inhalt des Berichtes geben wir in unserer Weise wieder. Der Vertreter des „Janns" in Linz, Herr Franz Beer — (Taufschein nachweisbar seit Einhundertundfünfzig Jahren) — wurde als Botschafter nach Salzburg entsendet. Barfuß und mit einem Büßerhemd bekleidet, wartete er so lange, als die Radfahrer von Wien nach Berlin Zeit brauchten, und gab dann, als die Redacteure der „Kirchenzeitung" am Fenster standen, unter Thränen und indem er sich selber geißelte, die folgende Erklärung ab: 1. Die Lebeusversicherungsgesellschaft „Janus" verspricht, in Zukunft die heilige Schrift nie mehr als Reclamemittel gebrauchen zu wollen. 2. Die genannte Gesellschaft hat den Beschluß gefaßt, die beiden Broschüren : „Der Papst und die Lebensversicherung" und „Geistliche Stimmen über die Lebensversicherung", vollständig zmückzuziehcn. . . . Buchstäblich; so steht das Gelöbniß, so das Entsagen der Bibel Wort für Wort gedruckt. Diesem Hanswursttheater muß alles Große fern bleiben; von Charakter und Gesinnung soll nicht die Rede sein. Aber fühlt man denn auf beiden weiten, anf der Wiener Seite des „Janus" und auf der Salzburger Seite der „Kirchenzeitung" nicht das bodenlos Lächerliche des ganzen Vorganges? So benimmt sich der Musterknabe, der, ohne etwas zu verstehen, aus Privatfleiß eine Seite aus Voltaire abschreibt und statt des erwarteten Lobes Strafe empfängt, weil er ein verbotenes Buch berührt hat. Er zerreißt das beschriebene Blatt, liest nie mehr den Voltaire. Das Glockenspiel von Salzburg aber verfolgte den armen „Janrch" mit seinen Spottliedern. Tschihi, Tschaho! Die klangvolle Geschichte ist noch nicht zu Ende. Der Director des „Janus" heißt Klang-Egger. Solche Doppelnamen erinnern an die Doppelfterne und auch an die alte Mythologie. Beispiele wollen wir vermeiden, damit sie nicht als Anspielungen genommen werden. Warum heißt er Klang- Egger? Um nicht mit dem Dr. James Klang vom „Phönix" verwechselt zu werden. Der Vater hieß Ignaz Klang, war Buchhändler und Antiquar; ein Jude ist nie Buchhändler und niemals Antiquar. Mütterlicherseits stammt der Janusdirector von dem tirolischen Geschlechte Egger ab. Egger — so kann kein Jude heißen und in Tirol gibt es nur unverfälschte Arier. Die Kuhes, Kuenels, Kuhnerts, Kuens und ähnliche Familiennamen in Tirol haben ihr Dasein nur dem Umstande zu verdanken, daß es auch Tiroler Namens Kohn gegeben hat, und das waren natürlich echte Romanen, echte Kelten oder echte Bajuvaren. Vorder Inquisition in Salzburg hat Klang-Egger (Taufschein nachweisbar 200 Jahre) ferner erklärt: 1. daß seit rund einem Jahre sich kein Jude im Aufsichtsrathe des „Janus" befindet; 2. daß bei Bestellung der Generalagentschaft in Wien in dem betreffenden Inserate die Bemerkung angebracht war, daß die Bewerber christlicher Religion fein müßten; * 3. daß Director Klang-Egger am Freitag niemals ein Bad nehme, um nicht für einen Juden gehalten zu werden; 4. daß er am Samstag die schlechtesten Kleider trage; 5. daß er niemals in einen Tempel gehe und niemals die Bibel lese, weil diese von Juden stammt; 6. daß er niemals in eine jüdische Restauration gehe; 7. daß er stets Blutwurst verlange, weil die Juden den Blutgenuß verbieten; 8. daß er niemals eine vernünftige, gutgemachte Zeitung lese;