Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 544 Vrflrrreirtzifchr Wochenschrift Nr. 29 i u l-;i; <■; l : i;i ' £.;l r. t:; 1 : ' j-r ‘ S' ■> & wiederkehrcnde Mahnung an die egyptische Sclavenzeit.' Hatte man nur im Alterthume ein so treues Gedächtniß? Haben die Polen in Galizien der Bedrückungen vergessen, denen das polnische Volk ausgeseßt war und gegen welche Theile des polnischen Volkes noch heute kämpfen müssen? Könnte man nicht auch dem polnischen Volke zurufen: „Du sollst die Thaten des. Czarenreiches nicht nachahmen, ssollft nicht handeln wie 9dißland handelt und in seinen Gesetzen sollst du nicht wandeln". Wir bemerken es ausdrücklich, die galizischen Juden ssind keine Fremden und sie können nicht zugeben, daß sie als Fremde angesehen werden. Aber wir citiren die Fremdengesetzgebung der Bibel, weil in ihr die Wahrheit ausgesprochen ist: „Was du nicht willst, daß man dir thu', das füg' auch keinem Andern zu." Es hat uns schmerzlich berührt, daß gerade der Präsident der Krakauer Akademie auf dem Katholikentage eine Rede halten mußte, welche die Gewattthaten des Czarenreiches beschönigt, gleichviel ob dieselben gegen Juden oder gegen Polen und Katholiken gerichtet. Die Rede des Grafen Tarnowski war eine Apologie der czarischen Politik gegen die Nichtrussen, eine glänzende Verth eidigung und Verherrlichung der russischen Re g ie run gs w eisheit. Ist das, was Graf Tarnowski seinen Glaubensgenossen in Galizien predigt, recht und billig und moralisch unanfechtbar — dann dürfen d ie Stammesgenossen des edlen Grafen im russischen Reiche über Härte und Unduldsamkeit sich fürder nicht beklagen. An Gründen und Motiven, politischen, nationalen und religiösen, sowie an Männern von feuriger Beredtsamkeit zur Vertheidigung seiner Polenpolitik fehlt es auch Rußland nicht. Fürst Meschtschersky ist dem Krakauer Grafen nicht unebenbürtig und er verfügt über dieselben „Gründe", mit welchen der Präsident der Akademie die polnische Katholikenversammlung belehrte. Ist auf socialem und ökonomischem Gebiete die Kriegserklärung gegen einen Theil unserer Mitbürger gestattet, wo ist dann noch eine Grenze zu finden, wo noch ein Raum für Menschlichkeit und Gerechtigkeit? Hat man es erst in der Gewohnheit, die Geißel zu schwingen, dann fragt man nicht mehr, wie tief die von ihr gerissenen Wunden sind. In der Fremdengesetzgebung der Bibel liegt ein tiefe Weisheit; nur so konnte das Volk zur Menschlichkeit erzogen werden; nur so konnte dem Volke innerer Friede bewahrt bleiben. Daher lautet das biblische Grundrecht: „Einerlei Recht und einerlei Gesetz sei für den Einheimischen und für den Fremden. (Num. 15, 15; Levit. 24, 22; Exod 12, 49; Deut. 1, 16; 24, 17.) Ferner: „Du sollst den Fremdling lieben wie dich selber". (Deut. 5, 33.) „An deinen Freudentagen, wenn der Klang der Sichel den Segen des Feldes dir ankündet, vergiß nicht des verarmten Fremdlings". (Lev. 19, 10; Deut. 24, la.) Und die Motivirung lautet immer: „Denn Fremdlinge war't ihr im Lande Egypten". Graf Tarnowski ist ein gläubiger Katholik, allein das Bibelstudium scheint er zu vernachlässigen. Er sollte einmal im Interesse des polnischen Volkes über die letzten Gründe und die innersten Ursachen dieser jüdischen Fremdengesetze Nachdenken. In ihnen lebt nicht blos die Ahnung kommender trauriger Volkesschicksale, sondern auch das Nachgefühl der eigenen Schutzlosigkeit in Egypten; die qualvolle, aber heilsame Erinnerung an die traurige Heimatslosigkeit während langer, grauenvoller Jahrhunderte — ward zur besten Lehrmeisterin großherziger Gastfreundschaft. Von der Intoleranz lernte man, wovor Duldung und Menschenachtung sich zu hüten haben, um dem Asylbedürftigen das Leid nicht zu verdoppeln. Darum wurde die Erinnerung an die düsteren Zeiten eigener Fremdheit immer wieder aufgefrischt; darum hat auch der palästinische Gesetzgeber in der ersten feierlichen Versammlung des aus der Fremde in die neue Heimat geführten Volkes auf dem heiligen Berge einen Fluch ausgesprochen wider Alle, „die da beugen das Recht des Fremdlings!" (Deut. 27,19.) Eine Staatsweisheit offenbart sich hier, die zumal auf dem polnischen Katholikentag nicht gänzlich ignorirt werden durfte. Man sollte nicht in Galizien mit dem Feuer spielen, die socialen Gegensätze'nicht noch mehr verschärfen, die Leiden-- schäften und Begierden nicht entfesseln. Bei einem großen Kladderadatsch dürfte neben ärmlichen Judenhütten auch manch gräfliches Schloß in Flannnen aufgehen. Und ein Pole durfte in feierlicher Versammlung nicht sprechen, ohne sich der Geschichte seines Landes zu erinnern, ohne für die Bedrückungen des polnischen Volkes und'des katholischen Glaubens in Rußland ein Gedächtniß zu haben! Graf Tarnowski bezeichnet das Judenthum als eine Gefahr für den Katholizismus. Das ist sicher nicht der Fall; eine Gefahr für Christenthum und Kirche liegt im Antisemitismus, der sich bereits offen gegen die Bibel auflehnt, und über das Verhältniß der Kirche zum. russischen Cäsaropapismus brauchen wir uns wohl nicht des Näheren zu äußern. Und doch ist die Rede des Grafen. Tarnowski eine Vertheidigung des Czarismus und eine Begünstigung jenes westlichen Antisemitismus, der momentan auch den Grafen Tarnowski mit seinen Complimenten nicht verschont, der aber gänzlich in der Knechtschaft Rußlands steht. Die Antisemiten sind ganz erstaunt, gegen ihre Gewohnheit sich plötzlich in vornehmer Gesellschaft zu sehen. Ist denn irgendwie eine Veranlassung vorhanden, daß Graf Tarnowski in die'Arena hinabsteigen mußte? Sectionschef G n i e w o s z hat im Abgeordnetenhause eine traurige Schilderung von der drückenden Noch der galizischen Juden entworfen: „Gehen Sie" — sagte er — „des Nachts durch ein kleines Städtchen Galiziens, Sie werden da arme Gestalten herumschleichen sehen, Sie werden sie trotz Regen und Frost in den Hausfluren sich zusammendrängen sehen, und 'wissen Sie, was der Grund davon ist? Die Leute sind so arm, sie leben so züsammengedrängt in ihren Wohnungen, dH sie abwechselnd das Bett beziehen, daß sie stundenlang abwechselnd schlafen. Wenn Sie sehen würden, wie diese Leute sich erhalten! Eine Zwiebel und ein Stück schwarzes Brot sind oft ihre einzigen Lebensmittel." Und in diese Noth, in dieses Elend hinein schleudert Graf Tarnowski die Parole, daß man bei den jüdischen Handwerkern nichts bestellen, bei den jüdischen Geschäftsleuten nichts kaufen solle. Die Lebensquellen sollen den galizischen Juden abgeschnitten werden; an Vorkehrungen dazu fehlt es ohnehin nicht. Acht und Bann werden über die Juden verhängt und dadurch glaubt man die religiösen Gefühle zu wecken und das Ansehen der Kirche zu heben! Gerade vom religiösen und namentlich vom bibelgläubigen Standpunkte aus macht der ganze Vorgang den Eindruck des Unbegreiflichen. Eine „klang"volle Geschichte aus Wien und Salzburg. Die Alpenstadt Salzburg hat merkwürdige Ueberraschungen. Fährt man nach Schloß und Park-Hellbrunn, so kann man durch die dortigen Wasserkünste auf das Schönste eingenäßt werden. Geht man dann ins Freie, so hört man plötzlich hoch vom Thurm ein Glockenspiel, das die lustigsten Melodien wiedergibt, ein steinerner Volkssänger mit eherner Zunge. Vielleicht ist jetzt auch das Glockenspiel ernster und choralmäßiger geworden, um von der wachsenden Frömmigkeit unserer Tage Zeugniß abzulegen. Es ist ungemein erfreulich, daß die Versicherungsgesellschaften, denen sonst so viel Böses nachgesagt wird, rühmliche Ausnahmen aufweisen, so daß selbst in ihrer Mitte die Frömmigkeit sich Bahn zu brechen beginnt. Um ins Paradies §u gelangen, muß die Seele des Gerechten nach mohammedanischer Tradition über eine Brücke wandern, welche schmal und scharf ist wie die Schneide eines Schwertes. Aus dieser Brücke, als wäre es auf dem Watzmann oder dem steinernenMeer, wo neben den schmalen Graten und Steigen die schrecklichen Abgründe drohen, sehen wir die in der Individualität des „Janus" sich personificirende Versicherungs-