Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 29 (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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X. Jahrgang Ar. 29 Wie«, 21. I»1i 1883. Centralorgan für die gestimmten Interessen des Iudenthums. A. k. PofispraiEensnü Clenringverkrhr Nr. 810.1)76. Drdsrtton und Ildniinistralkon: B) i i n Frani Jofefs-Nnsi Br. 8. Telephon-Nr. 6535. Eigenthümer: Merchsraths-Adgeordneter Dr. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. Man nvonnirt bet allen Postanflallen des 2n- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Prtirzeile 12 kr. Inhalt: Le l ta rti kel: Graf Tarnowski und der russische Czar. — Eine „klang"volle Geschichte ans Wien und Salzburg. -- Das Institut des Eonsul Simon in. Hannover. — Der Fall Deckert als eine Lectiou. — Brauchen die Inden Ehristenblnt? — Eorrespon- . denzen: Wien, Prag, Troppan, Mährisch-Ostrau, Dresden, Berlin, Bukarest, Madrid. Vermischtes: Wien, Ottakring, Schattmannsdorf, Baden, Prag, Galgocz München, Oberhausen, Chile, Starka, Anckland. Calrutta. — Feuilleton: Fürstengunst XVI. — Literatur. — W ochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Graf Tarnowski und der russische C;ar. „Wer den Inden eine Scholle Erde verkauft oder verpachtet, wer es den Juden möglich macht, Ackerbau zu treiben, der untergräbt den Wohlstand und die Ehre der Nation. Veräußert und verpachtet Eure Güter nicht an Juden, selbst wenn sie mehr bieten." So sprach Graf Tarnowski, Universitäts- Professor in Krakau und Präsident der polnischen Akademie, auf dem Katholikentag. Eine blos in der Form gemilderte Leseart dieser Rede pnblicirte das „Vaterland" am 19. Juli; der Grundgedanke der vom edlen Grafen empfohlenen Politik ist auch dort nicht wesentlich anders. Vor dritthalb Jahrtausenden ungefähr, jedenfalls geraume Zeit vor Sokrates und seinen berühmten Schülern, lebte ein Mann, der seinem Wissen und seiner Begabung nach vollkommen Anspruch darauf gehabt hätte, als Professor einer Universität und zum Präsidenten einer Akademie erwählt zu werden. Vielleicht bekleidete er wirklich solche Aemter und Würden, wer kann es wissen? Dieser Professor und Präsident der Akademie, man nennt ihn gewöhnlich den Propheten Ezechiel, hielt auch einen Vortrag an das Volk und. da sagte er (47, 21—23): „Und theilet Euch in das Land als Erbe für Euch und die Fremden, die in Eurer Mitte wohnen, welche Kinder unter Euch erzeugt haben und sie seien mit Euch wie ein Einheimischer unter den Kindern Israels und sollen Antheil haben am Erbe. Unter dem Stamme, p>o der Fremde wohnt, dort sollt ihr ihm sein Antheil am Lande geben, spricht Gott der Herr." Man bedenke, der Präsident der Krakauer Akademie spricht auf dem Katholikentag cs aus, daß dem Juden ein Acker oder Wiesengrund nicht einmal verkauft oder verpachtet werden soll, selbst wenn er mehr bietet. Der Prophet Ezechiel aber befiehlt im Namen Gottes, daß bei der Restauration der Fremde seinen Antheil haben soll am gelobten Lande genau so und ohne jeglichen Unterschied wie die echten Kinder Israels und obwohl nach dem historischen Recht nur die Kind er Israels zur Theilung berechtigt erschienen. So sprach man vor dritthalbtausend Jahrenauf einem Judentag und die Leute sprachen damals nicht von einer Religion der Liebe. Das Perserreich war erstanden und die dem Eyrus zugeschriebenen Edicte, wclche die Restauration des jüdischen Staates ermöglichten, sind für die Regierung dieses Königs ein Denkmal geblieben, während alle anderen Denkmäler jener Zeit zerstört und verschwundensind. Und die toleranten und wohlwollenden Judcnedicte des Königs Eyrus, das wird man zugeben, sind für die Geschichte der Menschheit ehrenvoller, als alle gegen die Juden erlassenen Ausnahmsgesetze, als alle gegen die Juden vollbrachten Thaten des Hasses und des Fanatismus. Die Juden kehrten aus der babylonischen Gefangenschaft nach Palästina zurück, um in den Besitz der Güter einzutreten, die ein Eigenthum der Väter waren. Und dennoch sollte der Fremde auch seinen Antheil haben, sollte vollkommen gleichberechtigt sein mit den Angehörigen des Stammes. Und das war in den Zeiten, als Esra den jüdischen Staat von Neuem gründete, das war in den Zeiten der semitischen Eultur. Als Gebot Gottes wurde das Recht des Fremden durch die maßgebende Autorität, durch den Propheten vroclam irt, da das Land von Neuem vertheilt werden mußte. Und die Juden in Galizien wohnen doch lange genug im Lande, so daß sie nach den Vorschriften der Bibel längst als Einheimische betrachtet werden müßten. Wir wissen es, Graf Tarnowski erklärte ausdrücklich, daß er nicht zum Antisemitismus der westlichen Länder sich bekenne, daß er diesen Antisemitismus als unchristlich, unbarmherzig und gefährlich perhorrescire. Demgemäß werden von ihm die Juden auch nicht gewaltsam zu Fremden gestempelt, wird ihnen nicht gewaltsam die Heimat abgesprochen und acceptirt er nicht die landläufigen, barbarischen Doctrinen des Antisemitismus. Aber wenn die christliche Rel'gion alle Menschen als Brüder betrachtet und Graf Tarnowski selber den Antisemitismus als unchristlich bezeichnet, dann ist es unerklärlich, wie der Präsident der Akademie den galizischen Juden gegenüber Maßregeln zum Vorschläge bringt, welche mit dem biblischen Geiste, sogar wie er in der Fremdengesetzgebung des Alten Testaments sich ausspricht, in grellem Widerspruche stehen. Verneinung des Antisemitismus — und dennoch soll den galizischen Juden ein Los bereitet werden, trauriger als den Fremden in einem ungastlichen Lande. In der Fremdengesetzgebung des Judenthums spricht sich erstlich aus, daß wer im Lande wohnt, auch vor Sorge und Noth geschützt sein soll. Zweitens fällt das Moment ins Gewicht, daß die milde Behandlung der Fremden stets in unmittelbarem Zusammenhang gebracht wird mit dem Aufenthalte Israels in Egypten. Dort im Lande am Nil haben die Juden erfahren, welche Grausamkeit in der Bedrückung der. Fremden liegt, und darum Lautet die Vorschrift: „Ihr sollt nicht so handeln, wie man im Lande Mizraim Handel: und in dessen Gesetzen sollt Ihr nicht wandeln". Bei jeder Gelegenheit, bei der Einleitung zu den zehn Geboten, bei der Sabbathfeier u. s. w., u. s. w. wiederholt sich die Erinnerung an die Knechtung in Egypten. Das Judenthum soll Freiheit und Gerechtigkeit Hochhalten für sich und Andere: daher die stets