Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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!ltr. 38 Vestrrrrichischr Wochenschrift Seite 539 Schneewolken am Horizonte auf und bei Anbruch der Nacht, wo ich noch vier Stunden vom Hause entfernt war, brach ein entsetzlicher Sturm los, der mit wildem Geheul über die rasch mit tiefem Schnee bedeckte Fläche flog. Es trat eine Finsternitz ein, die mich an die egyptische gemahnte. Der Wind jagte mir die wirbelnden Schneeflocken ins Gesicht, ich konnte die allernächsten Gegenstände nicht erkennen und vermochte es auch nicht, mich auf dem -Wege zu orientiren. Da weit und breit nicht der leiseste Lichtschimmer zu sehen war, mußte ich die Hoffnung aufgeben , in einem Hause Unterstand zu finden und mich entschließen, mit meinem Stocke langsam vorwärts tastend, bei jedem Schritte kniehoch im tiefen Schnee versinkend, den Weg aufs Gerathewohl fortzusetzen. Ich war indem furchtbaren Unwetter geraume Zeit gegangen, als sich nach und nach der Orkan legte, die Mondessichel aus den auseinanderfließenden Wolken heraustrat und einzelne Sterne am Firmament zu funkeln begannen. Ich konnte nun auch die Zeit ans meiner Taschenuhr erkennen, es war elf Uhr. Ich hatte in der Dunkelheit einen weiten Umweg gemacht und war noch immer drei Stunden von Nikolsburg eutfernt. Ich war bis aus die Haut durchnäßt und die heftige Kälte, die wieder eintrat, wurde mir dadurch doppelt empfindlich. Ich versuchte es, wiewohl vergeblich, mich durch rasches Weiterschreiren zu erwärmen und so schnell als möglich nach Hause ins warme Zimmer zu kommen. Ich war seit Beginn des Sturmes bei meiner Wanderung keinem Menschen, keinem lebendigen Wesen begegnet. Nicht das kleinste Waldthier, nicht ein Eichhörnchen war an mir vorübergehuscht, nicht ein Raubvogel hatte die Luft durchschnitten, Alles, was im Walde und auf dem Felde lebt und kriecht und fliegt, hatte einen Unterschlupf gesucht, ich hatte außer dem grausen Heulen des Sturmes, dem Knacken brechender Aeste gar keinen Laut gehört; endlich schlugen wieder Menschenstimmen an mein Ohr. — Wer mögen die Wanderer sein, die sich bei solchem Unwetter und zu solcher Stunde auf offener Straße befinden, mußte ich mich verwundert fragen. Neugierig vorwärts eilend näherte ich mich rasch dem Orte, von welchem die Stimmen tönten und schon die ersten Worte, die ich deutlich vernehmen konnte, machten mich erbeben, ließen das Blut in meinen Adern vereisen. — Die Sprechenden mußten sich nun in meiner unmittelbaren Nähe, etwa durch einen Felsenvorsprung gedeckt befinden. Ich stürmte, so rasch es meine erstarrten Füße gestatteten, vorwärts und an einer Wegesbiegung angelangt, bot sich mir ein Anblick dar, den ich, und würde ich Jahrtausende leben, nie vergessen werde." Perez Markbreiter hielt, von der Erinnerung erschüttert, inne und fuhr erst nach kurzer Pause fort. „Zwei Gestalten, die so vom dichten Schnee überschüttet waren, daß ich nur an ihren Stimmen erkannte, daß es Frauen waren, standen an des Stromes Rand, eine hielt die andere umschlungen und diese sprach : „Halte mich nicht zurück, die Qualen dauern zu lang, sie sind zu groß, um sie noch länger zu ertragen; hier will ich enden und folgst Du meinem Rathe, mein armes, unglückliches Kind, so folgst Du auch meinem Beispiel!" und so sprechend versuchte sie es, sich der Umschlingung zu entwinden." „Darauf antwortete eine glockenhelle, vor Aufregung vibrirende Stimme: „Ich bin vor Hunger, Frost, vor Leid und Qual, vor steter seelenzerreißender Angst so schwach geworden, daß, wenn ich auch mit Dir ringen dürfte, ich nicht im Stande wäre, Dich zurückzuhalten! Aber lieb Mütterchen, ich bin Dir ja stets ein treues, gehorsames Kind gewesen, erweis' mir nur die eine Liebe: Spring nicht in den Strom, üb' keine Handlung aus, Dich zu tödten. Wenn Du zu müde bist, weiter zu gehen und weiter zu leben, dann folge meinem Rathe! Wir setzen uns friedlich hier unter diesen alten Baum in den Schnee, umschlingen uns in Lieb' und Treue und verrichten unser letztes Nachtgebet. Es herrscht, in des Wortes buchstäblichster Bedeutung, ein mörderischer Frost — der Tod wird nicht lange auf sich warte» lassen! Erfrieren ist ein leichter, schöner Tod, wir Beide sterben zugleich vereint-ich glaub', das ist das Einzige, was wir uns noch auf dieser Welt von Gott zu erflehen vermögen. Wir haben dann keine That verübt, wir haben keinen Selbstmord begangen, wir tragen keine Schuld, wir vermöchten es ja ohnehin nicht zu verhindern! Wenn wir es auch versuchen wollten, uns in dieser schrecklichen Nacht ziellos noch einige Stunden mit unseren armen nackten, wunden Füßen fortzuschleppen, wir müßten endlich doch zusammenbrechen und könnten unserem unabwendbaren Schicksal, vor Kälte und Hunger wie ein verwundetes Waldthier zu verenden, nicht entgehen." „Herr Oberhoffactor, vergeblich wär' es, wollte ich versuchen, Ihnen den Sturm von Gefühlen, den diese Worte in meiner Seele entfesselten, zu schildern. Nur ein edles, hochsinniges, von der Wucht namenlosen Elends zu Boden geschmettertes, von der Folterqual sinnloser Verzweiflung zu Tode gepeinigtes Wesen konnte solche Worte sprechen. In dem Momente erschien mir alles Andere aus der Welt gleichgiltig, — nur Eines füllte meine Seele aus: der Gedanke, Mutter und Tochter zu retten, sie den Krallen der Verzweiflung zu entreißen, sie so glücklich zu machen, als ein ohnmächtig Menschenkind ein anderes zu machen vermag." „Das glaube ich Ihnen", schaltete Wertheimer ein. „Kurze Zeit stand ich erstarrt; mein überströmendes Empfinden lähmte meine Geistes- und Körperkräfte, die Zunge klebte mir am Gaumen, auch fand ich zuerst nicht das richtige Wort, mit welchem ich die Unglücklichen ansprechen sollte — endlich trat ich rasch an die Frauen heran und sprach athemlos, unzusammenhängend: „Sie sollen nicht sterben! — verzweifeln Sie nicht — cs gibt einen allmächtigen Gott — er kann und wird helfen!" „Mein unerwartetes Auftreten übte eine unbeschreibliche Wirkung aus die beiden Frauen, sie wandten sich rasch um; die Mondesstrahlen sielen nun auf sie, ich konnte die Züge der Unglücklichen genau prüfen. Wenn meine Aufregung einer Steigerung fähig gewesen wäre, hätte diese eintreten müssen. Das Mädchen war trotz ihres Elends, trotz der sie entformenden Kleidung von einer wunderbaren Schönheit. Herr Oberhoffactor, ich weiß, vor wem ich stehe; vor dem Oberhirten der gesummten österreichischen und deutschen Judenheit, vor einem Alaune, der die Weisheit, Gelehrsamkeit und Heiligkeit, welche dieses hohe Amt beansprucht, wie kein zweiter ans dieser irdischen Welt besitzt; — aber ich wähle mit Absicht und Ueberlegung den Ausdruck wunderbare Schönheit, weil ich bei seinem ersten Anblicke diesen Eindruck empfand — und Herr Oberrabbiner, ich versichere es Ihnen mit meinem Worte als Mann und Jude, ich dachte in dem Momente an nichts weniger als daran, daß das Geschöpf, das vor mir stand, ein Mädchen — ich dachte nur daran, daß es ein herrliches, in Gottes Ebenbild geschaffenes Wesen sei, dessen irdische Hülle Gottes Gnade so herrlich ausgeschmückt, daß sie der innewohnenden Seele würdig war. Ihre marmorbleichen, classisch geformten Züge wurden plötzlich von Purpurröthe überzogen, ihre großen, schwarzen glänzenden Augen waren weit geöffnet und diese entzückenden Züge, in denen sich der höchste Seelenadel aussprach, wurden überdies von dem himmlischen Ausdrucke neugewonnenen Gottvertrauens in geradezu unschilderbarer Weise belebt — und auch das erste Wort, das mir von ihren Lippen entgegentönte, ergriff mich machtvoll." „Der allmächtige Gott lebt! Er kann helfen!-Hörst Du es Mutter! — Ich habe es ja immer gesagt und" — sie deutete mit ihrem schlanken Finger aus mich — „dieser gottgesandte Bote spricht es ebenfalls aus! „Das waren Sie auch!" ries Wertheimer erschüttert, „aber weiter, weiter, was sprach die Mutter, was thaten Sie?" „Die Züge der Mutter, einer Frau mit schneeweißen Haaren, zeigten trotz schwerer Mühsalen und Leiden, die sie ertragen haben mußte, noch immer Spuren ehemaliger großer Schönheit und sie sprach mit einer Bitterkeit, die mir die Seele zerriß: „Daß Gott allmächtig ist und wenn er Helsen will, Helsen kann — daran habe ich trotz unseres grenzenlosen Unglückes nie einen Augenblick gezweifelt — nur daran — daß er uns helfen will"- „Plötzlich wurde die Frau noch bleicher als sie bisher gewesen und wäre jählings umgesunken, wenn ich sie nicht in meinen Armen aufgefangen hätte." — „Meine Mutter stirbt!" schrie das Mädchen im höchsten Seelenschmerze auf. „O, allbarmherziger Gott, warum ließest Du uns nicht vereint sterben?" (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die Aufgabe der Orgel im Gottesdienste bis in das 18. Jahrhundert. Von Pros. D. G. Rietschel. (Leipzig, Dürr'sche Buchhandlung.) Allen Fachmännern und Freunden des Synagogengesanges, insbesondere allen Jenen, die sich für die Lösung der geradezu brennenden Frage, durch welche Mittel eine größere Betheiligung der Gemeinde am Synagogengeiange herbeigeführt werden