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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-14 · 28 (14.7.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 538 Oesterrelchische Wochenschrift Nr. 28 Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". (Icder nnbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werde». Uebersetzungs- 15) rechte Vorbehalten.) „Wenn Sie es wünschen, werde ich mich dieser Aufgabe unterziehen, doch erscheint es überflüssig, mir hierfür einen Grund anzugeben. Wenn Sie eines der schönsten, geistreichsten, gebildetsten Mädchen verschmähen, so müssen Sie eben ein anderes Mädchen lieben; Herr Perez Markbreiter, Sie gefallen mir und ich interessire mich für Sie und darum sehe ich mich veranlaßt, Ihnen meine Verwunderung, fast möchte ich sagen meine Mißbilligung, darüber auszusprechen, daß Sie mir ein Geheimniß offenbaren, das Sie bislang Ihren Eltern verheimlicht haben. Ihr Vater verdient größeres Vertrauen von Ihnen. Ich verkehre ja zuweilen mit ihm und da habe ich Gelegenheit, zu erkennen, wie endlos er Sie liebt. So kärglich auch ihm und mir die Zeit für unsere geschäftlichen Abwicklungen zugemessen ist, weiß er doch immer das Gespräch auf Sie zu bringen, und wenn er von Ihnen spricht, dann leuchten seine Augen auf. So sorgfältig er es auch vermeidet, irgend etwas von sich selbst zu erzählen, das seine eigenen herrlichen Eigenschaften, seine Wohlthätigkeit, seine Gelehrsamkeit, die allgemeine Verehrung, deren er sich erfreut, verrathen könnte, so ist er, sobald die Rede von Ihnen ist, stets Ihres Lobes übervoll!" „Doch nur in meiner Abwesenheit," meinte Markbreiter lachend. „Der, mit Recht als klug berühmte Mann ist ein sehr kindischer Vater, der mich noch immer wie ein kleines Kind behandelt. Ich selbst bekomme nie ein Wort des Lobes zu hören. Er glaubt, dieses würde mich eitel machen. So oft er mit mir spricht, hat er immer etwas an mir zu tadeln, und er b-'handelt mich auch bei der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens, bei der Wahl einer Lebensgefährtin, wie ein Kind! Wenn er es erfährt, daß ich mich nicht seinem Wunsche fügen kann, wird er heftig auffahren, mir zürnen, und ich sehe mit schwerer Sorge einer Zukunft voll Kümmerniß entgegen." Wertheimer runzelte leicht die Stirne und Perez Markbreiter, den unausgesprochenen Borwurf fühlend, fuhr fort: „Herr Oberhoffactor, ich wage es, Sie an den Ausspruch des weisen Hillei zu erinnern: Beurtheile nie einen Menschen, wenn Du Dich nicht mit ihm in gleicher Lage befunden. — Auch habe ich es nicyt, wie Sie Herr Oberhoffactor glauben, meinen Eltern, ich habe es nur meinem Vater verheimlicht." „So lieben Sie Ihre Mutter mehr als Ihren Vater?" sprach Werthcimer, „oder glauben, daß jene Sie mehr liebt, als dieser?" „Ich liebe beide — und beide lieben mich und können mich nicht mehr lieben als sie es thun — aber jeder liebt mich nach seiner Art, und diese Art ist eben grundverschieden! Mein Vater liebt mich, weil ich sein Sohn bin, er liebt mich wie sich selbst, — meine Mutter liebt mich, weil ich ihr Sohn, ihr Kind bin, sie liebt nuch weit mehr als sich selbst. Jener hält mich in seiner befangenen Vaterliebe für einen Mustermenschen, von dem er mit aller Sorgfalt das Anstiegen menschlicher Schwäche glücklich abgehalten und noch weiter fernhalten muß. Er glaubt, daß ich das, was ich geworden, zum größten Theile seiner Erziehung danke und glaubt, wohl mit vollem Rechte, daß ich ihm hiefür zu größter Erkenntlichkeit verpflichtet bin. Meine Mutter glaubt, ich wäre aus mir selbst ein Mustermensch geworden, auch wenn ich in meiner Jugend unter Mörder und Räuber gerathen wäre, meine Mutter dankt in ihrer überschwänglichen Liebe zu mir, Gott dafür, daß ich ihr Sohn bin! Mein Vater hat mich — wenn er es zu meinem Besten hielt — zuweilen mit strengen Worten ermahnt, mir, den höchsten Maßstab an mir aulegend, oft Unrecht gethan — meine Mutter hat mich so lange ich lebe nie mit einem Worte betrübt. Ich fühle mich mit meiner Mutter Eins — ein Geheimniß, das sie mir nicht tragen hilft, müßte mich erdrücken! — ihr es nicht mitzutheilen, erschiene mir völlig undenkbar.Herr Oberkriegsfactor,. meine Mutter ist ebenso klug als edel, sie würde es nicht billigen, wenn ich die Sobnespflicht im Allergeringsten verletzte und doch hat sie mir gerathen, vorläufig meinem Vater zu verschweigen, daß ich schon unwiderruflich gewählt!" „Es können nur ungewöhnliche, eigenthümliche Verhältnisse sein, welche Ihre Frau Mutter zu diesem Rathe veranlassen konnten Ich kann mir hierüber kein Urtheil bilden, ich will nicht in Ihr Geheimniß eindringen, jedenfalls, stehe ich Ihnen ja ferner als Ihr Vater. . . Ich werde noch im Laufe des heutigen Tages meiner Nichte Ella Arnstein erklären, daß sie Ihren Besuch nur als Anstandsvisite eines entfernten Verwandten, ohne jede weitere Consequenz, betrachten soll ... . . Mein lieber, junger Freund, ich werde mich freuen, wenn Sie eine glückliche Wahl getroffen und sich Ihr Vater nicht Ihren Wünschen entgegenstellte. — Das Eine will ich Ihnen denn doch zu bedenken geben, eine Verbindung für das ganze irdische Leben, zu der ein guter, edler Vater nicht seinen Segen ertheilt, — kann keine glückliche werden!" Mit diesen, von einem leichten Kopfnicken begleiteten Worten schien der vielbeschäftigte Wertheimer die Unterredung schließen zu wollen. Perez Markbreiter verbeugte sich ehrerbietig und schritt der Thüre zu, an der Schwelle blieb er plötzlich stehen und sprach: „Herr Oberhoffactor, an Ihrer guten Meinung ist mir so viel gelegen, daß es mich schmerzen würde, von Ihnen ungünstig beurtheilt zu lverden .... Daß meine Wahl auf keine Unwürdige gefallen, davon bin ich innigst überzeugt, — ob mein Vater meine Wahl billigen wird, das weiß ich nicht und auch meine kluge Mutter, die meinen Vater in fünfundzwanzigjähriger glücklicher Ehe genau kennen gelernt, weiß es nicht. Sollte — was Gott in seiner Huld gnadenreich verhüten möge — mein Vater nicht zu bewegen sein, seine Einwilligung zu ertheilen, werde ich die schwere Kindespflicht nicht durch eine That verletzen; ich weiß es, ich kann ohne Vatersegen nicht eine Gattin heimführen, es würde auch ihr nicht zum Heile gereichen. Ich werde mehr als mein höchstes Lebensglück opfern, denn ich liebe das Mädchen weit mehr als mich selbst, und ich würde auch ihres zerstören; — ich werde meinem Vater nicht eine Schwiegertochter zuführen, der er seinen Segen verweigert, — aber bei meiner Seele ewigen Seligkeit — ich würde keines anderen Weibes Gatte, ich würde meinem Ideale ewige Treue bewahren!" Perez Markbreiter's Worte hatten Wertheimer merklvürdig ergriffen und nach kurzem Bedenken sprach er: „Je näher ich Sie kennen lerne, desto mehr muß ich Sie schätzen. Sollte es mir möglich werden, Ihrem wahren Glücke förderlich zu werden, so können Sie auf mich rechnen, ob mir das möglich sein wird, weiß ich allerdings nicht. Ich habe keine Ahnung, worin die Schwierigkeit Ihrer Lage besteht . . . Ich habe es schon gesagt, ich will nicht in Ihr Geheimniß eindringen." „Ich danke Ihnen viel tausendmal für Ihre namenlose Güte, Herr Oberkriegssactor. Sie richten meine tiefgesunkene Hoffnung wieder aus. . Mein Vater pflegt zwar an seinen Entschlüssen unerschütterlich festzuhalten; — aber wenn es einen Menschen auf Erden gibt, dessen Urtheil er über seines setzt, so sind Sie es, unser allverehrter Oberrabbiner, der Erste, der Edelste, der Höchstgestellte der gesummten Judenheit. — Ich will kein Geheimniß vor Ihnen haben, im Gegentheil, es würde mir Beruhigung gewähren, wenn ich Ihnen mittheilen dürfte, in welcher Weise ich das Mädchen, das zu meinem Weibe zu machen mein sehnlichster Wunsch ist, mein höchstes Glück wäre, kennen und lieben lernte. Ich lechze darnach, zu erfahren, ob Sie, Rabbi, der Weiseste und Edelste unserer Zeit, mein Verhalten billigen." Wertheimer rückte ihm einen Stuhl neben sich und deutete ihm durch eine Handbewegung an, sich neben ihm zu setzen, und nachdem Perez Markbreiter dies gethan, begann derselbe: „An einem besonders kalten Tage des heurigen Winters, begegnete ich auf der Heimfahrt von einer kurzen Geschäftsreise, die ich in unserem eigenen Wagen unternommen, etwa 6 Stunden von meiner Vaterstadt, auf offener Straße den greisen Proßnitzer Rabbiner, Rabbi Alexander Halevi, mit seinem Diener. Er kam von einem Hochzeitsmahle, dem er als Trauungsrabbiner augewohnt hatte. Der Kutscher, der ihm nach Proßnitz fahren sollte, hatte im Hause des Brautvaters mit dem Gesinde zu viel gezecht, war berauscht und hatte den Wagen in einen Graben gestürzt, die Deichsel war gebrochen, der Kutscher hatte sich verletzt und es war nicht daran zu denken, die Fahrt fortzusetzen. Der- Rabbi befand sich in peinlichster Verlegenheit. Meine Einladung, mit mir nach Nikolsburg zu fahren, mußte er, da er am nächsten Tage in seiner Gemeinde unaufschiebbare Amtsgeschäfte vorzunehmen hatte, ablehnen und so blieb mir nichts Anderes übrig, als ihm meinen Wagen und Kutscher zu überlassen und den Weg nach Nikolsburg zu Fuß zurückzulegen. Ich habe es schon erwähnt, es war ein ungewöhnlich kalter Tag, aber bisher war der Himmel klar und blau gewesen, allein kaum hatte ich eine Stunde Weges zurückgelegt, als das Wetter plötzlich umschlug. Es zogen schwere

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