Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 28 Oesterreichische WochrnfchrM Seite 537 Herr Brandtner möblirte sie mit altem Hausrath und der Herr Archivar residirte darin wie in einem Palast, selbstverständlich gratis, da er doch den Brandtnerischen einen großen Dienst erwies. Aus diesem Verhältnisse erwuchsen ihre gleichen politischen Prineipien und die Gemeinsamkeit in der Führung der antisemitischen Partei. Es ist an einem Frühlingsabende. Beide kommen sie jetzt gerade ans dem Rathhauskeller, wo sie einenConventikel abgehalten. Der Herr Archivar nahm sich noch eine große Flasche Wein für zu Hause mit, da er noch nicht zn Bette gehen könne, weil er zu stndiren habe. Sie schritten Arm in Arm quer über den Hauptplatz dem Weintraubenhause zu. „Ich kann nie in den alten gewölbten Räumen da unten weilen", sagte der Archivar, „ohne daß mich ein heiliger Schauer dabei überrieselt. Wenn mein Auge über die herrlichen Wölbungen, die mächtigen Pfeiler schweift, in denen sich die Kunst des Mittelalters verewigt hat, so gedenke ich mit Wehmuth des starken Geschlechts, das so Unvergängliches schuf." „Mir geht es ebenso", spricht der Lebzelter. „Man mag sagen, was man will, es müssen doch herrliche Zeiten gewesen sein, wo der Rath, die würdigen Bürger unserer Stadt, den Plan zu Banwerken faßten, die viele Jahrhunderte überdauern und den kommenden Geschlechtern als ein Denkmal ihrer Bürgergröße überliefert werden sollten." „Und sehen Sie da Ihr Haus", sagte der Archivar, aus das Weintraubenhaus deutend, vor dem sie jetzt standen, „ist es nicht das schönste Denkmal von der echt deulschen Gesinnung unserer Altvordern, daß sie die Juden in ihrer Mitte mit Stumps und Stiel ausrotteten?" „Sie haben Recht, vollkommen Recht", entgegnete Brandtner. „nur der Humanitätsdusel unserer Zeit hat dieses fremde Gesindel, diese Gottesmörder und Menschenschlächter wieder zu neuem Leben gebracht. Gott sei Dank, unsere Stadt ist judenrein, und daß sie es auch weiter bleiben wird, dafür werden wir schon sorgen." In dem Flur des Hauses nimmt der Archivar von seinem Freunde Abschied. „Ich will heute noch ein vergilbtes Pergament entziffern, das ich im Archiv gesunden und welches, wie mir scheint, interessante Nachrichten aus der Geschichte unserer Staat enthält. Also, auf Wiedersehen, morgen!" Sie trennten sich. Der Lebzelter geht in seine Wohnung im ersten Stocke; der Archivar steigt eine Treppe höher, stellte, in seinem Zimmer angelangt, die Flasche an? den Tisch, legte daneben die vergilbten Pergamente, machte Licht und setzte sich behaglich zu seiner Lectüre, wobei er ein Glas nach dem andern leerte, um — die Gespenster, die aus dem Moderduft dieser Schrift emporstiegen, zu verscheuchen. Er liest nämlich Enthüllungen daraus, die ihn mit schrecklichen Ahnungen erfüllten. Es war eine Chronik aus dem vierzehnten Jahrhundert und sie erzählte, wie die Juden dieser Stadt eine Hostie mit der Ahle durchstachen, bis das Blut hervorspritzte, dann dieselbe mit scharfen Dornen zerkratzten, darauf ihnen ein schönes Knäblein erschien. Damit noch nicht zufrieden, warfen sie die Hostie in einen Backofen, konnten aber auch hier die Vertilgung derselben so wenig bewirken, daß sie ungeachtet dieser Mißhandlungen schöner wurde, als eine neu gebackene. Endlich legten sie die Hostie auf einen Amboß und schlugen mit Schmiedhämmern darauf, und als auch dieses nicht half, bemühten sie sich, sie zu essen, womit sie aber eben so wenig zu Stande kommen konnten. So heimlich dieses Alles getrieben wurde, kam es doch auf eine wunderbare Art an den Tag. Der Nachtwächter hörte nämlich nächtlicherweile bei dem reichen Juden Moses am Hauptplatze, der die Synagoge in seinem Hause hatte, eine Stimme, welche er als die Stimme der Mutter Gottes erkannte, bitterlich weinen. Er zeigte es dem Stadtkämmerer an, welcher sich sogleich mit einigen Rathsgliedern an Ort und Stelle verfügte und nicht nur die jammernde Stimme hörte, sondern auch einen schönen Glanz in der Lust erblickte. Es wurde nun beschlossen, sämmtliche Juden der Stadt aus dem Wege zu räumen. Der Tag nach Michaelis war dafür anberaumt und in der Kirche auf ein Crucistx der Eid geschworen, nicht wankend in dem Entschlüsse zu werden. Am bestimmten Tage, da alle Juden bei ihrem Vorsteher Moses am Hauptplatze versammelt waren, umringten die Bürger das Haus, einige mit brennenden Pechfackeln in der Hand unter Führung eines frommen Lebzeltermeisters gingen in das Haus, warfen die Fackeln unter die bei einander gedrängten Versammelten und sie verbrannten Alle, Männer und Weiber, Kinder und Greise, nur zwei entgingen dem Feuertode — ein schönes vierzehnjähriges Mädchen, die Tochter des reichen Moses, die sich zum Fenster hinabstürzte, als Einer sie retten wollte, und unten todt liegen blieb, und noch ein zweijähriger Knabe, ihr Brüderchen, den der besagte Lebzelter der Mutter nur entreißen konnte, indem er sie niederstach. Zur Ehre des Tages erhielt dieser Lebzelter den Beinamen Brandtner und wurde ihm das Judenhaus, welches der Brand nur wenig beschädigt hatte, von der Stadt zum Geschenke gemacht, nur ward ihm die Verpflichtung auferlegt, das Judenkind, welches er für die heilige Kirche gerettet hat, in Pflege zu nehmen. Ans diesem Kinde, dem man nach seiner Abstammung den Namen Mosinger beilegte, ist ein sehr frommer Christ und ein in der Stadt angesehener Mann geworden und sein Geschlecht wird mit Gottes Hilfe zur Ehre der Kirche weiter blühen. Es ist Mitternacht schon, die Uhr der nahen Stadtkirche schlägt zwölf und Herr Mosinger sitzt noch über die vergilbten Pergamente, aber er liest nicht mehr, er starrt nur in dieselben hinein. Alles, was darin steht, wird ihm lebendig und er selbst steht im Mittelpunkte aller dieser Scenen. Sein Zimmer ist eine weite Halle, an der Ostseite steht ein heiliger Schrein, wie in den Tempeln, dieser ist geöffnet und aus demselben glitzern die mit Gold und Silber verzierten Thorarollen. Die Halle ist gedrängt voll, die Männer in den Todtengewänderu und in Gebetmäntel gehüllt, die Frauen in ihren j weißen Brautkleidern, die kleinen Kinder in den Armen, die ij größeren an sich geschmiegt. Unter den Männern ragt die Gestalt des Vorstehers Moses durch seine edlen Züge und Vornehmheit hervor, unter den Frauen seine Gattin durch ihre Schönheit und würdevolle Weiblichkeit. Alle singen sie in Gottergebenheit Psalmen, in die nur hie und da der schwache Schrei eines Kindes, welches von seiner Mutter erwürgt wird, eine Disharmonie bringt. Auch Frau Moses ist mehrmals schon im Begriffe, das Kind in ihren Armen zu erdrosseln, aber sie findet nicht das Herz dazu, und küßt es bei dem Gedanken, es zu tödten. Von unten herauf dringt das Gejohle der Bürgerschaft in die Ohren der zum Tode Geweihten, und immer näher fühlen sie sich ihrem Gotte und immer heldenhafter wird ihre Todesverachtung — sie haben alle nur einen Wunsch, ein Gebet, daß keine Seele von ihnen dem Märtyrertode gewaltsam entrissen werde. Schon nahen sich die Mörder, man hört ihren Sturmschritt. Die Thüren sind geöffnet und sie stürzen herein in ihren pelzverbrömten Gewändern, wie die Patrizier und Rathsherren sie trugen, mit brennenden Pechfackeln in den Händen. Ehe sie diese unter die Versammelten schleudern, versuchen sie noch die schönsten Mädchen und Kinder für die Taufe zu retten. Ein frommer wilder Geselle schlingt seine Linke um die Taille einer zarten Mädchenblüthe, des vierzehnjährigen Töchterleins des Vorstehers; mit Riesenkräften macht sie sich los von ihm, eilt zum Fenster und stürzt sich hinab, daß das Aechzen des Straßenpflasters von ihrem Falle bis herauf dringt und die jubelnde Menge drunten ihren Tod verkündet. Ein Anderer dieser frommen Ungeheuer mit einem Lederschurz ringt mit der Frau des Vorstehers um das noch lebende Knäblein in ihren Armen, er kann es ihr nicht eher entreißen, als bis er die Mutter niedersticht. Der Archivar fühlt sich selbst als dieses Knäblein und erkennt in dem Mörder seiner Mutter seinen Freund den Lebzelter. Er niöchte aufschreien: „Brandtner, was thust Du da!" Aber die Kehle ist ihm wie zugeschnürt, er kann nur ächzen. Mit ihm, den Knaben, in den Armen, gibt der Lebzelter das Zeichen, die flammenden Pechfackeln unter die Opfer zu schleudern. Die Ungeheuer vollziehen es und eilen hinaus, begleitet von dem Chore des Schemah Israel der Sterbenden. Bald schlugen die Flammen zu den Fenstern hinaus. Noch einmal erscheint der Vorsteher am Fenster — von den Flammen wie von einer Glorie umgeben. Das Volk johlt, der Lebzelter hält das geraubte Kind empor, um dem Vater die Martern zu vergrößern und das Kind erkennt seinen Vater, es will die Händchen nach ihm ausstrecken — und mit dieser Anstrengung sinkt der Archivar von seinem Stuhle zu Boden. * * * Am nächsten Tage zog der Archivar aus dem Weintraubenhaus aus. Er meidet seitdem den Lebzelter und besucht nicht mehr den Rathhauskeller, wo die Antisemiten allabendlich versammelt sind.