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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-14 · 28 (14.7.1893) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
28 (14.7.1893)
Date
1893-07-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 536 Vesterreichiptze Wochenschrift Nr. 28 diese Damen von Haus zu Haus. Gleichwie der Würgengel zur Zeit der egyptischen Plage die Häuser der Juden mit seinem Todesgruß verschonte, so meiden auch die zarten Damen jedes Haus und jede Wohnung, wo die „vom Stamme Juda" hausen. Das „doh ölet“ Vespasians scheint auch das Leitmotiv des liberalen Jungtschechenthums geworden zu sein, welches im Wiener Parlamente mit den Herren vom antisemitischen Berge kokettirt und auch im gewöhnlichen, spießbürgerlichen Verkehre judenfeindlich ist, nichtsdestoweniger aber jüdisches Geld nicht verschmäht, wenn Ebbe in den arischen Cassen herrscht. Daß der hier geübte Vorgang, die jüdischen Familien nicht um freiwillige Beiträge anzugehen, nur den Zweck hat, die Juden vor den Kopf zu stoßen, damit sie nicht am Tage des Festes etwa sich erkühnen, durch ihre Gegenwart die arische Harmonie zn stören, unterliegt wohl keinem Zweifel. So die Damen ans den „besten Häusern" Neubidschows! Poltta. Am 29. Juli feiert Se. Ehrwürden unser verehrter Herr Rabbiner Dr. Philipp Pollatschek sein 50jähriges Amtsjubiläum, an welchem Tage er gleichzeitig in den wohlverdienten Ruhestand tritt. Das Scheiden des greisen Seelsorgers aus seinem Amte erweckt allgemeine Theilnahme. Durch ein halbes Jahrhundert segensreicher Thätigkeit war er den Studien seines Berufes ergeben; durch seine Friedensliebe und sein humanes Wirken genoß er allgemeine Verehrung. Seine sprüchwörtliche Bescheidenheit hat ihn bei Groß und Klein, bei Hoch und Nieder populär gemacht, und wenn seine Gemeinde ihm ein herzliches Lebewohl nach so vieler Jahrzehnte gemeinsamen Wirkens zuruft, so empfindet sie schmerzlich die Lücke, welche sein Scheiden aus dem Amte verursacht und die schwerlich ersetzt werden kann. Bag Beese, 23. Juni 1893. Ein hochachtbares Mitglied, unserer Gemeinde wurde heute zu Grabe getragen. Aron Leop. Weiß, trotz seiner 80 Jahre eine markige Figur, hatte das Glück, bis zu seinem letzten Athemzuge seine geistige Frische zu erhalten. Obwohl Kaufmann, war seine Lieblingsbeschäftigung das Studium des Talmud; es war ein Vergnügen, dem alten Manne Agode zuzuhören; er selber hatte eine ausgezeichnete Vortragsweise, die den Zuhörer bestach. Gleichzeitig beseelte ihn große Herzensgüte; wo die „Zedoko" nicht an ihn herantrat, suchte er sie selbst auf. Der Fremde, der an seine Thür pochte, fand stets gastliche Aufnahme. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer würdigen Trauerkundgebung. Oberrabbiner Danzig schilderte in bewegten Worten das Leben des Verewigten. Sodann hielt Herr Israel Rosenbavm aus Preßburg dem dahingeschiedenen Freunde einen warmen Nachruf — devorim hajozim minhalev. Namens der Angehörigen sprach der Schwiegersohn des Verstorbenen, Herr Samuel Engel aus Neutra. — Möge dem Dahingeschiedenen die Erde leicht sein. Brody. Der soeben in Druck erschienene Jahresbericht der hiesigen israelitischen Knaben- und Mädchenschule über das Schuljahr 1892/3 vom Schuldirector Dr. Leopold H e r z e l zeugt von dem segensreichen Wirken dieser seit 40 Jahren bestehenden Anstalt und widerlegt gründlich die so viel verschrieene „Bildungsfeindlichkeit" der galizischen Juden. Die Schule wurde in dem abgelaufenen Jahre von 1003 Kindern besucht und die Zahl wäre noch größer gewesen, wenn nicht so viele vom Schulbesuche abgehalten worden wären durch die schreckliche Armuth, der zu begegnen die mit der Schule in Verbindung stehenden Wohlthätigkeits-Anstalten, wie: der Schulkinder-Bekleidungsfond, die Bespeisung armer Schulkinder und der Armenbücherfond, . nicht ganz im Stande waren, obwohl die Gönner dieser Schule, allen voran das Curatorium der Baron Hirsch-Stiftung, Erhebliches leisteten. Am 28. und 30. Juni fanden die Schluß- Prüfungen statt und waren die Resultate mehr als befriedigend, obwohl an dieser Schule drei Sprachen, die deutsche, polnische und hebräische, paritätische Pflege genießen; der Lehrkörper, aus 24 Mitgliedern bestehend, hat seine Aufgabe in vollstem Maße erfüllt. Die nahezu tausend Werke umfassende Schulbibliothek, welche auch von Erwachsenen benützt wird, verbreitet Bildung in die weitesten Kreise und so ist diese Anstalt ein Lichtherd für die ganze Judenschaft Brody's. Berlin, 27. Juni. Hiesige Blätter melden in ihrem Localbericht das Folgende: Zwei vergebliche Selbstmordversuche machte gestern Nachmittag ein junger russischer Auswanderer auf dem Bahnhof Pankow. Er warf sich zweimal vor einen einlaufenden Zug und wurde beide Male noch rechtzeitig von den Schienen weggeriffen. Der Selbstmordcandidat wurde vor den Amtsvorsteher in Pankow gebracht, wo er unter Thränen angab, daß ihn Hunger und Noth zu dem Selbstmordversuch getrieben hätten. Er ist ein junger Israelit aus einem kleinen Städtchen im Innern Rußlands und war von gewissenlosen Agenten veranlaßt worden, nach Amerika auszuwandern, wo es ihm so schlecht ging, daß er nach der Heimat zurückzukehren beschloß. Von Hamburg bettelte er sich zu Fuß nach Berlin durch. Hier ist er mehrere Tage obdachlos gewesen; der Aermste ist jetzt nach seiner Heimat abgeschoben worden. — Weit über den Rahmen des Localberichtes hinaus hat diese Notiz eine wahrhaft tragische Bedeutung. Wir möchten daran, die eindringliche Warnung vor dem Allswanderungsfieber an unsere östlichen Glaubensgenossen knüpfen und bitten alle jüdischen Blätter in Rußland um Weiterverbreitung dieser Warnung. Basel, 2. Juli. Herr Dr. L. Oppenheimer ist zum ordentlichen Professor des Staatsrechts an der hiesigen Universität ernannt worden. Eine Vision. Sie sind die intimsten Freunde. Beide Führer der antisemitischen Partei des Städtchens, das eines der ältesten in den südöstlichen deutschen Gauen ist. Was sie in dieser Führerrolle besonders eint, ist der Umstand, daß Beide den ersten Familien des Städtchens angehören, deren Wurzel tief in das Mittelalter hinabreicht. Sonst sind sie aber in Bildung und Lebensstellung wie in Alter und Gestalt weit von einander verschieden. Herr Wolfgang Brandtner, ein Lebzelter, welches Gewerbe seine Familie schon seit undenklichen Zeiten betreibt, ist in den Vierzig, klein und schwächlich, von kränklichblassem Teint mit schwarzem Bart und etwas gebeugtem Rücken. Man könnte ihn leicht für einen jüdischen Hansirer in seinem Sabbathgewande halten, wenn in dem Städtchen Juden wohnten, aber man weiß in dem Orte kaum wie ein Jude aussieht. Herr Willibald Mosinger ist Archivar der Stadt, eine Stelle, die man eigens für ihn creirte, um ihm einen Lebensunterhalt zu sichern, denn er hatte das ganze von seinen früh verstorbenen Eltern ererbte Vermögen in Wien als Student durchgebracht, ward wegen deutsch-nationaler Umtriebe relegirt und, unfähig für jedes andere Amt, wäre er ganz verkommen, wenn ihm nicht in seiner Vaterstadt die Stelle geschaffen worden wäre, für die ihn seine Schwärmerei für Alles, was altdeutsch ist, besonders eignete, weil er im städtischen Archiv, in welchem Jahrhunderte alte, von Spinngeweben und dichtem Staub bedeckte Papiere lagen, nach Herzenslust herumstöbern und wirthschaften kann. Herr Willibald Mosinger ist noch kaum 30 Jahre alt, eine wahre Hünengestalt, mit blauen Augen und goldblondem Schnurbart, der Typus eines germanischen Jünglings. Er hat den systematischen Antisemitismus von der Wiener Universität in das heimatliche Städtchen gebracht und sich als „Studirter" und Respectsperson, als städtischer Beamter in den Wirthshäusern, die er oft besuchte, bald einen Anhang geschaffen. Mit dem reichen Lebzeltermeister Brandtner befreundete er sich besonders dadurch, daß er sich in dessen Haus einmiethete. Dieses Haus steht auf dem Hauptplatze des Städtchens und ragte an Höhe aus seiner ganzen Umgebung heraus. Auf dem Giebel über dem mittleren Fenster des zweiten Stockes ist ein Basrelief angebracht, die biblische Scene darstellend, wie zwei der Auskundschafter, welche Moses von der Wüste nach Kanaan sandte, mit einer Weintraube zurückkommen, die so groß war, daß sie dieselbe mittelst einer Stange auf ihren Achseln tragen mußten. Dieses Haus führt daher in der Stadt den Namen das Weintraubenhaus. Eine dunkle Sage will wissen, daß es einmal vor vielen, vielen Hundert Jahren ein Judenhaus gewesen sei. Seit Menschengedenken gehört dieses Haus der Familie Brandtner, die darin ihr Lebzeltergewerbe betreibt; aber noch niemals ist der zweite Stock des Hauses bewohnt worden. Es heißt, daß es daselbst umgehe. Selbstverständlich, daß die Brandtners gern diesen Fluch von ihrem Hause abgewendet hätten, da es dadurch als Verkaufsobject nicht, den geringsten Werth hatte. Herr Mosinger sollte der Erlöser von diesem Spuke sein. Ueber jeden Glauben und Aberglauben erhaben und tapfer, daß er es selbst mit dem Teufel aufzunehmen wagte, bezog er zur Verwunderung des ganzen Städtchens den in Verruf stehenden zweiten Stock des Weintraubenhauses und in seiner Gegenwart fanden auch die ältesten Weiber den Mnth, die Zimmer zu kehren und zu scheuern und wohnlich herzurichten.

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