Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38 Veürrrrichische WochenschrM Seüe 527 Einige Wohlthäter beschäftigten sich mit den Recherchen, um sich durch die Erkundigungen an Ort und Stelle die Gewißheit über bte Würdigkeit der Familien zu verschaffen, eine Aufgabe, welche durch die daran geknüpften Beschwerden und Opfer an Zeit nicht hoch genug angeschlagen werden kann. Endlich kam ein Blick in die Casse, um bei ihr anzufragen, wie viele Kinder wir in Betracht ziehen dürfen,— und siehe, die Antwort, die unsere Casse gab, war eine glänzende! Was uns die edlen Spender an Baargeld übersendeten, welches wohlverzinst angelegt ist, repräsentirt eine <L>umme, welche die Absendung einer so großen Anzahl Kinder Heuer ermöglichte. In dieser Zahl allein liegt schon der große Dank, der den Förderern dieser so wohlthütigen Institution gebührt! Sowie im Vorjahre, erhielten auch diesmal die Familien die Liste jener Effecten, mit welchen die Kinder für ihre kleine Reise zu versehen sind; diese Liste enthält selbstverständlich nur das Nothwendigste — aber dort, wo es am Nöthigsten fehlt, fehlt nur zu gewiß das Nothwendigste! Bei der diesbezüglichen Einberufung und Fragestellung spielten sich daher traurige Scenen ab, denn hier hieß es offen Farbe bekennen. „Hat der Kleine Alles in Ordnung?" — „Ich werde trachten — aber Schuhe kann ich nicht beschaffen, — auch hat er nur diesen einen Anzug — überhaupt nur das, was er am Leibe trägt.u. s. w. Unter verhaltenen Thränen ringt sich dieses Geständniß los —und auch die Augen der Aufnahmscommission werden zuweilen feucht. Die Kinder blicken bei solchen Erzählungen still vor sich hin; nur als eine bleiche, nette Frau, mit einem reizenden Knaben, der wohl 11 Jahre alt, aber wie achtjährig aussieht, von ihren traurig veränderten Verhältnissen sprach, wobei sie hervorhob, daß der Knabe, der so viel Talent zum Violinspiel habe, auch keinen Unterricht mehr genießen könne, — da hielt der kleine Junge seinen Hut vor das Gesicht und weinte bitterlich. Eine andere Mutter erzählte, daß ihre beiden Knaben sehr gute Schüler der Gewerbeschule seien, auch Schülgeldbesreiung hätten, doch sei sie außer Stande, die kostspieligen Schulrequisiten, wie Reißzeuge rc. aufzubringen und sie werde die äußerst begabten und fleißigen Knaben dem Unterrichte entziehen müssen. Solche Fälle geben wohl den besten Wink für eine rationellere Armenpflege, als die bisher geübte; Aerzte und Lehrer, welche in die Familienverhältnisse genauen Einblick nehmen, vor deren Augen sich trostlose Bilder entrollen — wären die vertrauenswürdigsten Persönlichkeiten, um jene Familien namhaft zu machen, die durch rechtzeitige Hilfe gerettet — und was ich besonders ins Auge fasse, deren Kinder einem gegenwärtigen und zukünftigen Elende entrissen werden könnten. Nicht das Spenden großer Summen allein lindert Noth, sondern nur die zweckmäßige Verwendung derselben. Deshalb sollte mit dem schablonenhaften Geldverth eilen, welches nur die Professionsbettelei züchtet, aufg'hört, dagegen unglücklichen Menschen r adi c al geholfen werden. Die angeführten Instanzen, Aerzte und Lehrer, welche Zeugen menschlichen Duldens und Darbens sind, sollten als Unparteiische berechtigt sein, die ihnen bekannten Fälle geeigneten Ortes zur Kenntniß zu bringen. Ein ganz besonderes Augenmerk sollte auf die Kinder, die junge Generation, aus der Soldaten, Handwerker, geistige Arbeiter hervorgehen, gerichtet werden, nur so könnte man dem Anwachsen des Proletariats steuern. Es müßte daher im Interesse des Staates jeder an Kindern geübte Wohlthätigkeitsact ganz besonders begrüßt und unterstützt werden! Dank der Munificenz unserer Spender wurde auch Heuer den Kindern das Fehlende an ihrer Ausrüstung ergänzt. Mit Schuhen wurden fast Alle versorgt; die Knaben erhielten Hüte, Ruderleibchen, blaue Blousen, wie solche Frau Dr. Grünfeld in einem Wohlthätigkeits-Jnstitute in Paris tragen sah, und auch Anzüge; ebenso erhielten die Mädchen Kleider, Schürzen, Hüte, Strümpfe. Außerdem bekam jedes Kind zwei Kämme, Zahnbürste, Seife und Waschlappen mit, und wurde der größte Theil mit Reisekörben versehen. Jede Colonie wurde aber noch mit Wäschestücken, Betttüchern, Handtüchern, Bettdecken, Spielzeug, Schreib- und Zeichenutensilien, Unterhaltungs-Lecture, Gebetbüchern und einer kleinen Hausapotheke ausgestattet. Auch der zweckmäßige Modus, daß jedem Kinde eine bestimmte Nummer für dessen Effekten gegeben wird, ward beibehalten. Hätten unsere Spender die glücklichen Gesichter bei Empfangnahme der Päckchen sehen können, es wäre ihnen wohl dann erst der ganze Umfang ihres schönen Werkes klar geworden! Einige Feriencolonien-Vereine haben davon Umgang genommen, die Kinder auch auszurüsten, weil es einestheils große Mühe, anderntheils trotz Spenden, noch große Auslagen verursacht; sie nehmen daher nur Diejenigen mit, welche alles Vorgeschriebene mitzubringen im Stande sind. Soll aber durch die mangelnden Schuhe ein armes, erholungsbedürftiges Kind ausgeschlossen bleiben? Diese Maßregel träfe ja eigentlich doch wieder nur die Aerinsten der Armen! Nein! Wir wollen das Gute ganz thun, — und mit Hilfe der vielen edlen Menschen, die uns in rührender Weise unterstützten, die keinen unserer vielen Bittgänge als einen vergeblichen bezeichnen ließen, wird jedes folgende Jahr eine Schaar trauriger, leidender Kinder mit glänzenden Allgen, r o t h e n Backen heimkommen, und D i e segnen, welche einen Strahl von Glück in ihr Dasein senkten, und sie dadurch lehrten, auf Gottes Gerechtigkeit und menschliche Herzensgüte zll vertrauen! Antonie Graf. Lrfefrüchtq. Judenverfolgung im Mittelalter zu Straßbnrg im Elsaß. Der Straßburger Chronist Fritsche Closener berichtet in ausführlicher Weise über die dem ganzen 14. Jahrundert eigenthümlichen Judenverfolgungen und Geisterfahrten. Die furchtbarste Pest, deren die Geschichte gedenkt, wüthete seit 1348 in Italien und Südfrankreich und näherte sich sicheren Schrittes den Gegenden des Oberrheins. Das Jahr darauf kehrte sie in Straßburg ein, oder wie Closener schreibt: „do kam ouch ein gemeiner schelm". Das Sterben war so groß, daß jeden Tag in jedem Kirchspiel zehn und noch mehr begraben wurden, ungerechnet diejenigen, die man in den Klöstern beerdigte. „Die lute, die da sturbent, die sturbent alle an bülen und Drusen, die sich erhubent unter den Armen und oberen an den keinen, und wer die bülen ankoment, die do sterb solllent, die sturbent an dem vierten tage oder an dem dritten oder an dem andern, etliche sturbent ouch dez ersten tages. Es erbet auch eins von dem andern: davon, in welches Hus daz sterben kam, da Hort es selten uf mit meine." Die Todten durften nicht mehr in den Kirchen bis zur Beisetzung ausgestellt, sondern mußten rasch begraben werden. In glücklicheren Tagen tvar es Brauch gewesen, daß jeder Todte von seinen Bekannten zu Grabe getragen wurde. Jetzt war diese schöne Sitte abgekommen und bezahlte Leichenknechte besorgten dieses traurige Geschäft. Sechzehntausend Menschen waren der Pest zum Opfer gefallen. Schrecken hatte das Volk ergriffen und seinen Glaubenshaß gegen die Juden gestachelt, welche man der Brunnenvergiftung beschuldigte. Auch in Straßburg verlangte der Pöbel den Judenmord. Der Rath weigerte sich, die Juden wider Recht zu verurtheilen. Darauf zogen die Handwerker bewaffnet auf und forderten tumultuarisch die Abdankung der beiden Stadtmeister. Ein neuer Rath wurde erwählt. Der fürchterliche Judenbrand am 14. Februar beschloß die sechstägige Revolution, die Judenschulden wurden getilgt, die Habe der unschuldig Gemordeten von dem Rath unter die Handwerker vertheilt. „Daz was ouch de vorgift, die die Juden dote". — * * In einem Artikel „Die Sagen des sächsischen Königshauses" finden wir in der „Nordd. Allg. Ztg." folgende Bemerkung: „Es war inzwischen die Zeit gekommen, daß fast jeder der deutschen Fürsten sich einen Adepten oder Hofastrologen hielt. So auch Curfürst Augustus. Der Rabbi Mardachai