Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 526 Vrstrrreichiphr Wochenfchrist Nr. 28 Die Redaction der „Mittheilungen" des Berliner Abwehr- Vereines wandte sich an einen der Geschworenen in Lemberg, der zu derselben Zeit amtlich fungirte, mit der Bitte um Auskunft. Sie erhielt folgende ausführliche Nachricht, die ihre Vermuthung, daß wir es hier wiederum mit einer Lüge zu thun haben, bestätigte: „Aus beiliegenden amtlichen Verzeichnissen ist zu ersehen, daß bei den 23 Delicten, welche in der 3. Cadenz zum Wahrspruche Vorlagen, 5 jüdische Angeklagte betheiligt waren; in Wirklichkeit aber waren 6 angeklagt, da bei der 13. Verhandlung, welche am 7. d. M. gegen Stekalowicz und Consorten stattfand, unter den Theilnehmern sich auch ein Jude befand. Unter den 6 Delicten befanden sich: 3 Diebstähle, 1 schwere Körperverletzung, 1 Preßdelict und 1 Betrug. Bestraft wurden 2 wegen Diebstahls mit 2 und 6 Jahren schwerem Kerker, 1 wegen schwerer Körperverletzung mit 3Jahren schwerem Kerker, 1 wegen Betrug mit 5 Jahren schwerem Kerker. Nur zwei wurden freigesprochen, 1 wegen Preßdelicts und 1 wegen Diebstahls Angeklagter. Den „53 Mal abgestraften Dieb" Leib Förster konnten die Geschworenen in diesem Falle nicht verurtheilen. Die Untersuchung ergab, daß im December 1892 eine Frau von einer entlegenen Vorstadt zum Ringplatze ging, um Einkäufe zu machen. Sie trug eine Geldbörse mit 45 Gulden in der Vordertasche ihres Wintermantels. Am Ringplatze, wo damals ein Menschenandrang war, wurde sie von einem Manne, welcher klein und brünett war und einen schwarzen Schnurbart trug, angerannt. Auf ihre Vorwürfe entschuldigte sich dieser und verschwand. — Einige Minuten später bemerkte sie den Verlust ihrer Börse. Im Polizeibureau, wo sie die Anzeige erstattete, machten 2 Polizisten die Bemerkung, daß dies Signalement nur auf den unter Polizeiaufsicht stehenden L. Förster passe, da er klein und brünett sei und einen schwarzen Schnurbart trage. Man suchte ihn zwei Tage vergebens, am dritten Tage. als man ihn verhaftete, ergab sich, daß er am kritischen Tage im Allgemeinen Krankenhause ausgenommen worden war und dort die letzte Zeit verbracht hatte. Man fand bei ihm blos 9 Gulden. Die Frau — nebenbei bemerkt, auf einem Auge blind und an Hysterie leidend — glaubte bei der Confrontation in ihm jenen Zudringling zu erkennen, bemerkte aber ausdrücklich, daß sie die Identität nicht beeiden könne. Den Schwurrichtern fehlte die Ueberzeugung, daß hier ein Diebstahl vorliege, weil der Frau möglicherweise die Börse verloren gegangen sein könnte. Und wenn sie wirklich gestohlen wurde, so ist doch nicht L. Förster allein ein kleiner brünetter Mann mit schwarzem Schnurbart. In einer Stadt mit 140.000 Einwohnern gibt es gewiß mehr als einen, auf welchen jenes Signalement paßt. Die Bestohlene wollte oder konnte dies nicht beschwören. Sollten es die Geschworenen aufs Gewissen nehmen? — Was den Geschworenen, der zur falschen Zeugenschaft beredet haben soll, anbetrifft, so ist noch gar nichts entschieden. Er wurde nicht unmittelbar von der Geschworenenbank in den Arrest geführt. Der Sachverhalt ist folgender: Bei der fünften Verhandlung am 30. Mai 1883, als ein (sehr bedenklicher) Zeuge dem Vorsitzenden anzeigte, daß der Geschworene Dornhelm ihn zur falschen Zeugenschaft zwingen wollte, wurde der Geschworene von der Geschworenenbank entfernt und gegen ihn die Strafuntersuchung eingeleitet. Am dritten Tage wurde er vom Untersuchungsrichter verhaftet und nach 24 Stunden wieder auf fteien Fuß gesetzt; die Untersuchung ist noch im Gange. Also wie überall, so erweist sich auch hier das Organ Verganew's als erzgemeines Lügenblatt! An unsere Spender und Förderer. Sonntag, den 2. Juli Morgens, ging die erste Abtheilung unserer kleinen Feriencolonisten nach ihren: Bestimmungsorte ab, und zwar dreißig Mädchen mit einer Lehrerin vom Nordbahnhofe aus nach Petrau in Mähren, fünfundfünfzig Knaben unter Begleitung eines Lehrers und eines Aufsichtsftäuleins vom Staatsbahnhofe nach ihrem vorjährigen Ferienhorte Schattmannsdorf bei Preßburg. Sämmtliche Kinder wurden, nach der liebenswürdig ertheilten Erlaubniß der Herren Stationschefs, am Bahnhofe selbst gewogen, um bei deren Rückkunft den Erfolg nach Ziffern constatiren zu können. War es der Gründerin der israel. Feriencolonie schon im Gründungsjahre möglich, 45 arme Kinder der Wohlthat einer Sommererholung zuzuführen, so muß es wohl mit unendlicher Befriedigung erfüllen, Heuer, im zweiten Jahre des Bestehens, bereits 190 Kinder daran participiren lassen zu können! Es mußten in Folge der großen Zahl, die Kinder in zwei Serien gesondert werden, so daß in Rücksichtnahme auf ihre Schulpflichten die der unteren Classen und die besonders erholungsbedürftigen zuerst abgingen, um Anfangs August von der übrigen Anzahl abgelöst zu werden. Außerdem werden in 2 kleineren Serien, Kinder nach Bösing und der Prein abgeschickt, andere, die aus sanitären Gründen nicht in die Colonie ausgenommen werden konnten, mit Curbeiträgen dotirt. Was die Berücksichtigung der eingelaufenen Gesuche anbelangt, so entscheidet hierüber erstens die ärztliche Untersuchung, zweitens die Recherchen über die Verhältnisse der Familien und drittens das große Wort, welches unseren finanziellen Mitteln zu sprechen Vorbehalten ist. Das Zusammenwirken dieser drei Factoren hat es dargelegt, daß es ein Ideal gibt, und zwar die Menschenliebe! Nicht die Nächstenliebe, jene Liebe, die mit sich handeln läßt, und als N ä ch st e n oft nur den jeweiligen Parteigänger anerkenn:, — sondern die große, allumfassende Menschenliebe! „Kommet her zu mir, Alle, die ihr mühselig und beladen, und ich will Euch erquicken". Zwei Aerzte, in ihrer eigenen Praxis fast überbürdet, untersuchten gründlich und eingehend in 4 Assentirungen an 250 Kinder. Und jede einzelne Untersuchung förderte gleichzeitig die Leidensgeschichte einer Familie zu Tage. Die kleinen, bläulichweißen Gesichtchen mit den eingefallenen, dunkelumränderten, traurigen Kinderaugen, diese Eilf- und Zwölfjährigen, welche kaum Ljährig aussehen, die abgemagerten Körper sprechen eine Sprache, die ans Herz greift — sie heißt Noch, Hunger! Bei den theils ängstlichen, theils aufgeregten Kindern stehen Vater oder Mutter als Commentare: Witwen mit 9,7,5 Kindern, ohne irgend welchen nennenswerthen Verdienst, bei welchen man nicht sagen kann, daß sie von heute auf morgen davon leben, sondern von heute auf morgen davon hungern; Witwer mit vielen Kindern, unbeholfen einerseits in der Wartung derselben, andererseits außerhalb des Hauses nach Brot suchend und die armen Geschöpfe ihrem Schicksal überlassend. Es erschien ein Blinder von seinen drei kleinen Kindern geführt, dessen Frau gestorben, wodurch vier hilflose Menschen dem Elend nach jeder Richtung preisgegeben sind. Aber einen noch schmerzlicheren Eindruck als die der Armuth gewohnten, machen jene Personen, welche durch ein widriges Geschick unglücklich wurden. Man erkennt sofort die Kinder der Eltern, die in ihrer peinlichen Nettigkeit den intelligenten Menschen, der den lautlosen, aber um so härteren Kampf gegen das Schicksal führt, zeigen: Beschäftigungslose Männer der Feder, zu Grunde gegangene Geschäftsleute, die bessere Tage gesehen und heute jeden Dienst verrichten, wenn sie ihn auch nur immer fänden, um ihre meist zahlreiche Familie vor dem Hunger zu schützen. Die ärztlichen Aussprüche nennen mit wenig Ausnahmen, bei allen Kindern jene Krankheitssymptome, die aus Mangel und Entbehrung, schlechter Kost und schlechter Wohnung entstehen. „Ihr Kind soll kein Brot, keine Erdäpfel essen", sagt unser freundlicher Kinderarzt während der Untersuchung von seinem medicinifchen Standpunkt, aber er schaut auf das arme Weib neben sich, und begreift, daß deren Kind wohl nur Brot und Erdäpfel essen muß, wenn es diese überhaupt zu essen hat! Ich verweise auf den Fall im Vorjahre, wo ein Knabe der Colonie, das erhaltene Fleisch bei seinen Kameraden gegen Brot Umtauschen wollte, weil er noch nie Fleisch gegeffen hatte; bald aber mundete es ihm so gut, daß er zu Ende der schönen Ferienzeit in kindlicher Naiveiät sagte: „Jetzt wird mir das Brot nicht mehr so gut schmecken", — Worte die eine ihm allerdings ungeahnte Tragik enthielten!