Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 88 Oesterrrichifche Wochenschrift Seite 525 zwingen, ihre Stellung zu Goethe einer Revision zu unterwerfen. Wird dieser seiner nationalen Größe entkleidet und als Judengenosse Heinrich Heine's aus den Hallen des Deutschthums entfernt, so werden wir Juden ihn gerne und ohne Vorurtheil in unsere Reihen aufnehmen. Der Antisemitismus erfüllt immer mehr seinen Berns, das Deutschthum zu compromittiren. Lessing fiel als erstes Opfer dieser wildwüthenden Semitopholiie des Herrn Eugen Dühring und seiner Jünger. Der Dichter des „Nathan" war ihnen zu unbequem, seine Autorität gefährlich und mußteunschädlich gemacht werden. Le ssin g habe sich, und zwar nicht blos als theo-! logischer Zänker, sondern auch als Theaterliterat und Kunstglvssirer nicht wenig beschränkt gezeigt, „von den sonstigen Consequenzen seines offenbaren Hebräerthums nicht zu reden." Ein anderes Mal heißt Lessing „der theaterberichtelnde Hebräermischling". Und endlich wagt Dühring den Satz, die Zunftgelehrten und das Judenthum hätten sich vereinigt, „um den in Rücksicht auf Wissenschaft und Aufklärung recht tief stehenden L e s s i n g zu einem ansehnlichen Etwas auszublasen." Run ist Goethe an der Reihe: Zuerst fällt er über den Philosophen Goethe's, über Spinoza her, der nun freilich wirklich ein Jude war. Hier ist die Logik geradezu grotesk. Dühring kennt den Spinoza sicherlich ganz gut. Den Zug zur Einheit muß Dühring loben. Selbstverständlich, denn die hervorragenden Denker denken eben seit Spinoza nicht anders als monistisch. In denselben Zeilen aber nennt Dühring diesen Zug zur Einheit etwas, „das der jüdischen unterwürfigen Denkweise anhaftet." Spinoza und unterwürfig! Man weiß nicht, ob man lachen oder grob werden soll. Zweifellos ist, daß er auch Kant's „Schriftstellerei" am liebsten als jüdisch abthun möchte. Wenigstens nennt er sie „undeutsch". Was er aber bei Kant denn doch nicht riskirt, das kommt wirklich und wahrhaftig beiGoethe heraus. Wenn Goethe überhaupt auf Spinoza gerathen sei, so habe hieran die curshabende und auch schon damals von I u d ä e rn und deren Genossen nicht wenig beeinflußte Ueberlieferung die meiste Schuld getragen. Der einzige Jude, der damals halbwegs einen Namen hatte, wenn auch geringen Einfluß, war der gute Moses Mendelssohn. Mendelssohn aber hatte vor Spinoza eine Angst wie Dühring vor den Juden überhaupt. Als Mendelssohn hörte, Lessing wäre ein Spinozist gewesen, da fiel er um und starb vor Schreck. Der war es also nicht. Von welchenr anderen Juden aber sollte Goetheseinen Spinozismus überkommen haben? Die einfachste Antwort wäre: Von dem hebräischen Hofprediger, Generalsuperintendenten und Oberconsistorialrath Herder. Da ist es nun kein Wunder, wenn Dühring schließlich die Verehrung Goethe's auch noch jüdisch findet. „Nun haben die neuesten Anwälte grundsätzlicher Zügellosigkeit für Künstler und Dichternaturen sich mit j u d äi sch er Wa h l v erwandtschaft gerade an Goethe voll undfestgesoge n." Da haben wir's. Die Propheten Goethes, von den Brüdern Grimm bis auf Wilhelm Scherer, lauter Juden. Man hätte den Brüdern Grimm doch lieber kein Denkmal setzen sollen. Oder sollten das die nahen Frankfurter I u d e n durchgesetzt haben? Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß ein Denker wie Dühring nicht wie Stöcker urtheilt. Dühring ist ebenso antichristlich wie antijüdisch. „In der Völkerschaft der Juden — sagt er — wäre als zweideutiges Gegengift gegen deren Schlechtigkeit die Christuslehre entstanden und dieses Gegengift, durch weitere judäische Fortpflanzung noch mehr zum Schlimmeren verändert und überdies mit anderen asiatischen Zügen untermischt, .... hätte sammt den Judäern gleich den Würmern im antiken Leichnam gewuchert." Dühring citirt einmal keinen Geringeren als Voltaire als Zeugen gegen die Juden. Die Citate sind richtig, und Voltaire hatte seine Gründe, auf jüdische Concurrenten zu schimpfen. Voltaire als Geschäftsmann. Dühring aber sollte wissen, daß die Judenseindschast des Schriftstellers Voltaire eine seiner geistreichsten Masken war. Mit vernichtendem Spott wandte er sich immer wieder gegen das alte Testament, wenn ihm Angriffe auf das Neue zu gefährlich schienen. Es ist genau dieselbe Taktik, die Dühring selbst befolgt, wenn er das Christenthum als einen Ausfluß des Judenthums bekämpft. Nur daß Voltaire sich seiner Ironie immer bewußt blieb, während Dühring in der Wuth seines Kampfes den markirten Feind jedesmal für den wirklichen hält. Nicht so handgreiflich, aber schlimmer sind die Oberflächlichkeiten, die Goethe betreffen. Dühring hätte sich sonst kaum zu dem ungeheuerlichen Satze verstiegen: „Die vorwaltende Befähigung zum Rhythmischen, der eine ausfallende Unzulänglichkeit zu eindrucksvoller Prosa, d. h. zu einem wirklich gegliederten Gedankengesüge und zu einer entsprechenden Abfolge der Vorstellungen gegenübersteht." Voltaire und Goethe behandelt er als mittelmäßige Talente, Kant sogar ist ihm ein inferiorer Geist von beschränktem Verstand und bedenklichem Charakter. In einer Besprechung dieses neuesten Kindes Dühring'scher Laune bemerkt Fritz Mauthner zum Schluß: Ich zweifle nicht an der ehrlichen Laune Dühring's, an der Stimmung, in der er so über seine „Größen" urtheilt. Ich möchte nur auf etwas aufmerksam machen. In seiner „Kritischen Geschichte der Philosophie" (dritte Auflage, 1878), einem gar lesenswerthen Buche, widmet Dühring dem kleinen Spinoza ein ganzes Capitel. Es sind über dreißig lange Seiten. Da wird mit Bezug auf den Philosophen von Amsterdam mit großen Worten nicht gespart. Nur Albernheit könne da die Ursprünglichkeit des schöpferischen Genies verkennen. Seine Unbeugsamkeit gegenüber der Synagoge wird gerühmt. Er wird als ein Denker anerkannt, „wie er in der gesammten Geschichte nur wenige Male erreicht und wohl nur zweimal (nämlich in Sokrates und Giordano Bruno) übertroffen worden ist. Mißkanut sei Spinoza worden von gemeinem Neid und religiösem Fanatismus. Und jetzt, in einem Buch über schöne Literatur, wird dieser erste Manu nach den beiden großen Märtyrern als ein Schelm abgethan von unterwürfiger Denkweise. Das ist doch wohl ein Problems, sagt der Patriarch. Die schamlosen Lügen des Pan Verganew. Da brachte das „Deutsche Volksblatt" eine Geschichte aus der als lügnerisch verrufenen „Przemyska Gazeta", in welcher des Langen und Breiten erzählt wird, wie einJude Namens „Jtzig" eine Anzahl Bauern mit gräulicher Hartherzigkeit ausbeutete. Selbstverständlich druckten zahlreich antisemitische Blätter die Geschichte nach, ohne sich daran zu stoßen, daß weder das polnische Blatt, noch Herr Verganew den Ort, wo sich dieselbe abgespielt haben soll, noch auch den vollen Namen des betrügerischen Juden, noch endlich die Namen der übervortheilten Bauern anzugeben wußten. Das Machwerk trägt den Stempel der ungeschicktesten Erfindung an der Stirne, allein die Veröffentlichung solcher nichtsnutziger Lügen ist ja eine Speeialität des „Deutschen Volksblatt". Wir haben wiederholt aus diese regelmäßig wiederkehrenden Blüthen antisemitischer Phantasie hingewiesen, an welchem der Regel eine Generalverleumdung des gesammten Judenthums oder ein Schluß auf die jüdischen Raffeneigenthümlichkeiten insbesondere geknüpft ist. Was würde wohl Ernst Vergant dazu sagen, wenn wir die verblüffende Geschicklichkeit des antisemitischen Einbrechers Groschl zum Anlaß nehmen wollten, um Betrachtungen über die Eigenthumsgefährlichkeit des Urgermanen aus Sollenz anzustellen? Und hier haben wir es nicht mit einem namenlosen, sondern mit einem genau bestimmten Verbrecher zu thun. Wir sind an solche kleine Schurkereien des Antisemitismus und seiner journalistischen Vertreter längst gewöhnt, wir haben auch zu sehr mit den großen Schurkereien zu thun, als daß wir uns des Oefteren damit beschäftigen könnten. Aber vielleicht bringt die „Przemyska Gazeta" nächstens doch auch eine Geschichte, wie der „Antisemit Ernst" bei neuen jüdischen Banken um Inserate und Pauschalien betteln ging. Noch eine andere giftige Lüge des „Deutschen Volksblatt" macht die Runde durch die gesammte antisemitische Presse: Jüdische Geschworene in Lemberg. „In Lemberger Juristenkreisen wird die Frage der Ausschließung der jüdischen Geschworenen von der Geschworenenbank neuerdings vielfach erörtert. Anlaß hierzu haben die geradezit scandalösen Wahrsprüche der letzten Schwurgerichtsperiode im Lemberger Gerichtssprengel gegeben. Auf der Geschworenenbank befanden sich regelmäßig 6—7 jüdische Geschworene und jeder angeklagte Jude wurde mit genau soviel Stimmen freigesprochen, als Juden Richter waren. Darunter war auch e:n bereits 53 Mal abgestrafter Dieb, den man zuletzt auf frischer That ertappt hatte. Ein jüdischer Geschworener mußte sogar unmittelbar von der Geschworenenbank in Arrest geführt werden, weil sestgestellt wurde, daß er versucht hatte, einen Zeugen zu einem falschen Eide zu verleiten."