Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 524 Oestrrreichische Wochenschrift Nr. 28 geistigen Gehaltes, des Gedankens, der Idee durch die Zertrümmerung der Form — das ist der neunte Ab. Die größte Nesormation, der jemals das religiöse Leben eines Volkes unterworsen wurde, vollzog sich am neunten Ab. Der jüdische Staat hatte seine Schuldigkeit gethan, um im Sinne der Gottesidee die Erziehung des Volkes durchzuführen. Der Opsercult war unerläßlich nach den Anschauungen des Alterthums; aber auch schon durch die Centralisation in Jerusalem, mochte sie ursprünglich auch dynastischen und politischen Zwecken dienen, war viel geschehen, um dem Volke abergläubische Vorstellungen abzugewöhnen. Die Propheten hatten über den Werth oder Unwerth der Opfer bereits Worte gesprochen, welche tief in die Gemüther eindringcn mußten. Der neunte Ab machte mit einem Schlage dem Opsercult im Judenthume ein Ende und das Judenthum war die Religion geworden, die es noch heute darstellt, das Bekenntniß des Einen Gottes, der, erhaben über Raum und Zeit, die Unendlichkeit erfüllt und beherrscht; das Bekenntniß war frei geworden von jeder nationalen oder politischen Beimischung und Trübung. Es gab keinen Tempel und keinen Priester; mit der Gottesidee, mit der Religion ließ sich kein irdischer Zweck mehr verbinden. Sie spotteten des Tempels und des im Tempel thronenden Gottes und sie wußten nicht, daß sie sich gegen die Macht auflchnten, welche die Cäsaren bezwingt und zerschmettert. „Seit der Zerstörung Jerusalems hat Gott nur die vier Ellen der Halacha;" mit diesem Ausspruche des Talmuds ist das Geheimnis; wenigstens angedeutet. Wir folgen bei der Auslegung dein Essay des Maimonides (Einleitung zu den Sprüchen der Väter), daß erst nach der Zertrümmerung der nationalen und politischen Organisation die Gottesidee im Sinne des Judenthums ihren wahren Triumph feiert in den „vier Ellen", im Zelte und Wohnraume Derjenigen, welche die Gottesidee bewahren und pflegen. Nun war das ganze Volk zu Heiligen und Priestern geworden, wie Korah es einst verlangt hatte. Das war die Reformation, das war die Revolution des neunten Ab und sie hatte die größte weltgeschichtliche Bedeutung. Der Bruch, der sich vollzog, sich vollziehen mußte, war der schmerzlichste, von dem eine Nation getroffen werden kann. Der Midrasch erzählt, wie die Propheten, die Urväter, die Urmütter, zuletzt auch Moses vor Gott erschienen, um ein gewaltiges Schicksal abzuwcnden, um Gott anzuflehen, daß er den harten Beschluß widerrufe. Das ist ein Gleichniß, wie durch die Zerstörung Jerusalems die ganze Vergangenheit des Volkes mit Trauer und Schmerz umkleidet werde. Die Blüthenträume der Patriarchenzeit, die Großthaten des Moses, die Stimmen der Propheten, die Gesänge der Könige, die wunderreichsten Begebenheiten und Heldenthatcn, welchen Werth hatten sie noch, nachdem der Tempel in Asche gesunken, nachdem das Volk aus dem Lande vertrieben war, das Gott dem Abraham versprochen hatte? Es sollten Leiden ihren Anfang nehmen, wie kein Volk sie bestanden, eine Mission sollte beginnen, wie kein Volk sie durchgeführt hatte. Gegeißelt und mit Striemen bedeckt, eine göttliche Dornenkrone auf dem Haupte und das Buch Gottes als Schild, so zog Israel durch die Jahrtausende. Als die Flammen den Tempel verzehrten, da triumphirten die Dämonen, die Opfer, die man dem Adonaj brachte, haben ein Ende. Eine Stimme vom Himmel ab errief, die Opfer nehnren erst ihren Anfang. Die große GeßWie Israels ist nicht in der Bibel enthalten; die große Geschichte Israels beginnt mit den Makkabäern und dem Aufbau des Judenthums, sie finbct ihre Fortsetzung in den Kriegen gegen die Römer, ihre weitere Fortsetzung im Exil. Alles mußten die Juden erlernen, neue Sprachen, neue Gesetze, neue Sitten, nur den Glauben an Gott bewahrten sie, den Glauben an den einzigen und einigen Gott der Väter. Die Opfer nahmen ihren Anfang, man war erfinderisch in Qualen und Verfolgungen und die Juden bewahrten ihre Lebenskraft, bewahrten ihren Idealismus im Denken und Dichten. Talmudisten — man zuckt halb mitleidig die Achseln. Versucht es doch einmal und studirt den Talmud, während jeder Tag den Untergang bringen kann, während die Räuber und Mörder vor dem Thore stehen und der Fanatismus seine Scheiterhaufen aufrichtet. Die genialen Dichter und hochbegabten Gelehrten des spanischen Zeitalters sind ein größeres Wunder als alle Wunder der Bibel. Der neunte Ab — die Zerstörung des ersten Tempels; der neunte Ab — die Zerstörung des zweiten Tempels; der neunte Ab — die Vertreibung der Juden aus Spanien. Auf der Pyrenäenhalbinsel zeigten sich die Juden würdig jedes Rechts und würdig jeder Ehre, und gerade dort waren sie das Ziel einer grausamen Verfolgung. Ein Volk von Märtyrern, ein Volk von Blutzeugen für die Einheit und das Dasein Gottes. Was auch ihre Beschäftigung war, ihre Gesinnung, ihr Leben, wenn man sie zur Hinrichtungsstätte führte, sangen sie den „Jigdal". „Größe und Preis dem lebendigen Gott, er ist und unendlich ist sein Dasein". Spinoza donnerte gegen die Rabbinen und doch war er selber nur möglich durch die Schule des Rabbinismus und des Judenthums. Aber für die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung hatten die Spanier kein Verständniß und das mag dem Spinoza zur Entschuldigung dienen. Nicht das allein erfüllt uns mit Genugthuung, daß wir uns überhaupt im Dasein behauptet haben, sondern daß uns auch die Eigenschaften geblieben, um als gute und tüchtige Bürger jedes Staates Geltung beanspruchen zu können, daß uns die volle Empfänglichkeit bewahrt ist für Wahrheit und Recht, für das Gute und Schöne, daß wir den Zusammenhang mit der Vergangenheit nicht verloren haben und daß noch heute die Mission unser Eigen, die dem Abraham übertragen wurde, Zeugenschaft zu bieten für den einzigen und lebendigen Gott. Wo sind die Götter des Olymps, wo die Götter der germanischen Wälder? Nicht nur das Judenthum, auch die Gottesidee wurde der härtesten Probe aus gesetzt und sie hat sie siegreich bestanden. Wann wird die Erlösung kommen, wann die Versöhnung? Mit der Vernichtung des offenen Antisemitismus allein ist uns keineswegs ausreichende Genugthuung geboten. Wir verlangen volle Anerkennung unseres geschichtlichen Berufs, wir verlangen unser Recht in der Weltgeschichte. Wenn hier einmal die Wahrheit siegt, dann wird man nicht zweifeln, daß das Studium der Geschichte einen Gottesdienst in sich schließt, wie das Studium der Natur, dann wird das „Tröstet, tröstet Mein Volk" in seiner ganzen Fülle ertönen, wie der Prophet das Wort gesprochen hat. Goethe als „Iudengrötze". Eugen Dühring ist der Patriarch des nationalen Antisemitismus, ein Mann von eminenter Begabung, ein scharfer und consequenter Denker, der Begründer der antisemitischen Wissenschaft, welche Tausende und Tausende fanatische Bekenner zählt. Bei Gelegenheit der Dühring - Feier vor einigen Monaten haben die deutschen Studenten Oesterreichs ihm eine Huldigungsadresse übermittelt, und die Festrede einer Wiener Festversammlung entbot ihm das Gelöbniß der österreichischen Deutsch-Nationalen, Eugen Dühring treu zu bleiben bis ans Ende, treu seinem mächtigen und scharfen Geiste, treu seinen hohen geschichtsphilosophischen und socialen Ideen, treu seiner unerbittlichen Wahrheitsliebe. „In deutscher Treue wollen wir der Fahne Dühring's folgen" und entsprechend diesem Treuschwur müssen unsere verehrten Deutsch-Nationalen sich beeilen, neben Lessing und Herder nunmehr auch Wolfgang Goethe als „Judengötzen" aus den Ruhmeshallen des Dentschthums hinauszuweisen. Eugen Dühring ist ein vorurteilsloser und scharfer Kopf und mit dem ganzen unvergleichlichen Genie seines Hasses hat er das „Judenthum" in Goethe entdeckt und beeilte sich, in einer geistreichen Schrift über „Die Größen der modernen Literatur" (Verlag von C. E. Naumann, Leipzig I. Theil) diese überaus traurige und schmerzliche.Wahrnehmung seinen Jüngern zu enthüllen. Diese neueste Schrift Dühring's, welche alle Vorzüge dieses antisemitischen Meisters und Pamphletcsten in sich vereinigt, wird voraussichtlich in allen literarischen Kreisen Sensation erregen, und vor Allem die deutsch-nationale Partei dazu