Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 28 (14.7.1893)
- Date
- 1893-07-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 28 X. Jahrgang ♦ rt Wien, 14. #uUijl893. t '♦ Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthunrs. K. k. Poflsxcuiaisrnamr Clearingverkehr Nr. 810.V76. Redaclion mrd NdministraUon: Wien Frrlnr Jofess-Nnsi Nr. 6. Telephon-Nr. 6535. -#- Eigrnthüiner: Rerchsraths-Akgeordnrter Dr. ZLoch. -- Erscheint jeden Freitag. Mrm sdvnnirt bei allen Pvstanstaltcn des In- und Auslandes. Bezugspreis: Ha:djä!,rig 4 fl Einzelexemplare -'S kr.!Anzeigen: Dir 4mal z-spaltcte I Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Die Weltgeschichte im Gottesdienst. — Goethe als „Judengrvße". — Die schamlosen Lugen des Pan Berganew.— An unsere Spender und Förderer. — Lesefrüchte. — E o rr e s p o n d en z e n: Wien, Karlsbad, Reichenberg, Cieszanow, Prag, Jglau, Ung.-Brod, Straßnitz, Nikolsburg, Berlin, Genf, Brüssel, Bukarest.— Vermischtes: Wien, Ottakring, Troppan, .Kattenberg, Preßburg, Jamnitz, Jungbunzlau, Nenbidschow, Polna, Vag Decse, Berlin, Basel. — Eine Vision. — Feuilleton: Fürstengunst XV. — Literatur. — W o ch e n k a l e n d e r. — Briefkasten. — Inserate. Die Weltgeschichte im Gottesdienst. Zum Monat Ab. Die heißesten Tage des Jahres sind gekommen, und wer es irgendwie in seiner Macht hat, der flüchtet aus der stauberfüllten Atmosphäre der Städte nach irgend einem Punkte, wo die Landschaft Reize bietet, wo die Natur zum Genüsse ladet. Die Ferienzeit des Jahres ist gekommen für die Großen und für die Kleinen, man wetteifert in der Veranstaltung von Vergnügungen und dem Jodler von der hohen Bcrgzinne antwortet das Jauchzen vom See und vom Thale. Es gehört da einiger Muth dazu, uns in jene elegische Stimmung zurückversetzen zu wollen, welche in den „drei Wochen", vom Fasten des Thamus bis zum neunten Ab, und noch mehr in den neun Tagen, vom Anfänge des Monats Ab bis zum Fasten wegen der Zerstörung Jerusalems, in den alten Judengemeinden herrschte und in den alten Judenhäusern, in den alten Synagogen ^ind in den alten Lehranstalten, eine Stimmung, welche zu einem modernen Gesellschaftsbilde genau in so schroffem Gegensätze steht wie Selbstvertiesung, Schmerz und Trauer zu freiem, oft überschäumenden Lebensgenüsse. Wir können uns kaum in die Gefühle der Alten hineindenken, aber man darf davon überzeugt sein, die Alten würden auch uns nicht um unsere Genüsse beneiden. „Die Thräne hat uns die Natur verliehen, Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt Es nicht mehr trägt. — Und mir noch über Alles — Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede Die tiefste Fülle meiner Noth zu klagen Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, Hat mir ein Gott zu sagen, was ich leide." Diese Verse aus „Torquato Tasso", jeder Jude, der das Gefühl des Juden hat, kann sie mit Fug und Recht auf sich selber anwenden. Die verschiedensten Nationen und Culte heben nach dem Beispiele des Alterthums ihre Trauerfeste, um den. Schmerz des Daseins zu feiern. Aber kein zweites Trauerfest ist von einer solch ergreifenden poetischen Pracht umgeben, wie der neunte Ab. Diese Gedichte, das sind Trauerfahnen, riesengroß, wie mit goldener Inschrift versehen, durch die Jahrhunderte rauschend; ein Katafalk scheint aufgerichtet, es flammen und leuchten Tausende von Kerzen; gegenüber der Heiligung und Verherrlichung des nationalen Schmerzes, wie die jüdische Dichtung sie vollbringt, erscheint das prächtigste Trauerceremoniell unbedeutend. In den schlechtesten Gewändern saßen sie auf niederen Schemeln hart am Fußboden in der schmuck- und glanzlosen Synagoge; aber die Gedichte — uns gab ein Gott, zu sagen, was wir leiden. Die gewaltige Vision Jsaias sie geht dem neunten Ab voran, wie ein Herold, den die Weltgeschichte, den der Weltgeist selber bestellt hat, — dann kommen am neunten Ab die furchtbaren Elegien des Propheten Jeremias, die zum Schönsten und Mächtigsten gehören, was der menschliche Geist hervorgebracht und die in der Weltliteratur nicht ihres Gleichen haben. Als Epilog folgte ein zweites .Prophetengedicht, die Verkündigung der Wiedergeburt. Und der alte Jude durch lebte das Alles und die Palmen der Hoffnung wuchsen ihm empor neben den Trauerweiden. Es wurde nachgedichtet, es wurde mit schöpferischer Originalität dazu gedichtet, theilweise mit echter nicht zu übertreffender Meisterschaft, wie in der Zionide des Jehuda Halevi; aber das große Geheimniß des neunten Ab, das Geheimniß des Judenthums ist in diesen Visionen und Gedichten doch nicht mit vollkommener Deutlichkeit ausgesprochen. Da saßen sie in den Synagogen und lasen von den alten Reichen der Assyrer und Babylonier und wie der Herr über diese Reiche zu Gericht saß, weil sie Jerusalem zerstört hatten. Zum ersten Male wurden die Klagelieder angestimmt. Und merkwürdig genug, während der zweite Tempel noch aufrecht und der nationale Staat noch nicht verschwunden war, hatte man die Klagelieder in Bereitschaft für den Tag, wo ein unerbittliches Geschick sich vollziehen werde. Und sie lasen von den Kämpfen ihres Volkes, welche mit beispielloser Hingebung und Tapferkeit geführt wurden, und sie lasen vom Siege des Römers und von den grausamen Strafen, welche die Cäsaren über das Volk verhängten. Und dann lasen sie auch vom Untergange des römischen Reiches. So studirten sie die Weltgeschichte im Gottesdienste, das Alterthum zog an ihnen vorüber, die semitische, griechische und römische Welt in lebendigen Gestalten, in deutlichen Bildern, und sie sahen nur, daß unser Gott ein König ist über die Nationen. Und wenn die Sterne heraufzogen, gingen sie getröstet nach Hause, denn der Herr hatte aus der Geschichte zu ihnen gesprochen. Das letzte Wort aber, das Mysterium des Tages und das Mysterium des Judenthums, wo ist es ausgesprochen, wo wenigstens angedeutet? Aberglaube und Haß suchen ja nach den Geheimnissen des Judenthums; hier läge das Geheimniß offen, wenn sie es begreifen könnten. Die Flammen, die den Tempel verzehrten, sind so heilig, wie die Flammen des Sinai und die Offenbarung des neunten Ab ist so gewaltig, wie die Offenbarung, welche Moses vermittelte. Die Wolke, in welcher der Herr erschienen war, ruhte noch auf dem Sinai, und sie fielen ab und kehrten zurück zu den alten Göttern. Nach der Offenbarung aus den Ruinen Zions gab es keinen Abfall mehr, sondern Israel bewahrte dieTreue durch alle namenlosenLeiden der Jahrtausende. — Die Rettung, Säuberung, Hebung und Vervollkommnung des