Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020981--02566-3026661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 518 Oeflerrrichische Wochenfttzrtfl Nr. 27 mir durch kaiserliche Privilegien verliehenen Rechte zu respectiren." Rafael Levi war Markbreiter's kurzem Berichte mit lebhafter Spannung gefolgt, seine bleichen Wangen rötheten sich; es hatte ihn offenbar Ueberwindung gekostet, Wertheimer's zustimmende Antwort nicht zu unterbrechen, jetzt aber trat er rasch an Perez heran, drückte ihm die Hand und sprach: „Das haben Sie klug und gut gemacht. Ich vermag es gar nicht auszusprechen, wie mich der Sieg, den Sie über die Brünner Judenfeinde errungen, in tiefster Seele freut." Levi hielt plötzlich inne. er ließ die Hand des jungen Mannes los, trat erschrocken einen Schritt zurück und sprach schüchtern im veränderten Tonfalle. „Verzeihen Sie meine Dreistigkeit. Ich fühlte mich gedrängt, Ihnen meine Sympathien auszudrücken, hätte es aber bedenken sollen, daß das Lob eines so unbedeutenden Menschen, wie ich es bin, Herrn Perez Markbreiter, dem einzigen Sohne des reichsten Mannes der mährischen Judenschaft, dem Mitchef einer der ersten Firmen Oesterreichs, gleichgiltig sein wird." „Sie thun sich schweres Unrecht!" erwiderte Markbreiter mit beiden Händen Levi's Rechte ergreifend und ihm herzlich ins Gesicht blickend. „Nicht nur des Herrn Oberhostactors, auch Ihr Lob hat mir Vergnügen bereitet, obwohl ich beides nicht verdient habe. Auch dürfen Sie mir es glauben, Sie sind mir so ungewöhnlich sympathisch, daß ich mir's selbst nicht zu erklären vermag." Markbreiter schien einen Moment darüber nachzudenken. „Allerdings hat Ihr allverebrter Herr Chef, Sie als einen seiner tüchtigsten, verläßlichsten Mitarbeiter bezeichnet; aber so schwerwiegend auch sein Urtheil für mich ist, so reicht dieses und Ihre freundlichen Worte allein doch immer nicht hin, mir das lebhafte Gefühl, das mich zu Ihnen drängt, zu erklären. Je länger ich Ihnen ins Gesicht blicke, desto bekannter erscheint es mir. Wahrhaftig auch Ihre Stimme klingt mir vertraut und auch Ihre Art zu sprechen! Ich habe den Eindruck, als hätte ich Sie schon einmal gesehen und Sie wären mir in verschwimmender Erinnerung geblieben . . . Wär's möglich, wir hätten uns schon einmal etwa vor Jahren als Jünglinge gesehen?" „Nein!" entgegnete Levi hastig, „ich.kann's mit meinem Ehrenworte versichern, ich habe Sie noch nie in meinem Leben gesehen" und nun wandte er sich rasch an den Oberhoffactor: „Wenn meine Anwesenheit hier nicht mehr erforderlich, würde ich ergebenst bitten, mich gewogenst zu entlassen. Ich bin mit einer wichtigen Arbeit beschäftigt, deren Erledigung nicht den geringsten Aufschub gestattet" und Wertheimer's Kopfnicken als Zustimmung betrachtend, eilte er, Markbreiter grüßend, aus dem Cabinete. Dieser sah ihm kopfschüttelnd, verwundert nach, dann sprach er zögernd: „Herr Oberhoffactor, darf ich mir noch einige Minuten Gehör für eine Angelegenheit erbitten, die meine Privatverhältnisse, aber auch Ihnen nahestehende Personen betrifft." „Sprechen Sie, ich höre." „Knapp vor meiner Abreise nach Preßburg, erhielt ich von meinem lieben Vater den Auftrag, nachdem ich die Abrechnung mit Ihnen, Herr Oberhoffactor, gepflogen, Herrn Aron Arnstein hier zu besuchen. Gleichzeitig überraschte mich mein Vater mit der Mittheilung, er und Herr Aron Arnstein hätten über ihre Kinder, als wären diese willenlose Objecte, verfügt, und nach einer zwischen ihnen getroffenen Vereinbarung wäre mir deffen Tochter zur Gattin bestimmt. Ich werde meinem Vater gehorsamen und Herrn Arnstein besuchen, ein Anlaß hierfür liegt ja auch hierin, daß wir mit dieser hochachtbaren Familie etwas verwandt sind; allein ich halte es für meine Pflicht, die Ehre von Ihnen, Herr Oberhoffactor, persönlich empfangen worden zu sein, auch dazu zu benützen, es Ihnen, bevor ich noch die junge Dame gesehen, anszusprechen, daß ich auf das Glück, um ihre Hand werben zu dürfen, verzichten muß,, hieran die ergebenste Bitte knüpfend, dies, nebst den Gründen, die mich hierzu veranlassen, Ihrer Frau Nichte Ella und deren Gatten, Herrn Aron Arnstein, mitzutheilen." Wertheimer blickte angenehm überrascht auf. Wenn Perez Markbreiter auf Lea Arnstein's Hand verzichtete, dann hatte seine Nichte Ella wenigstens für die nächste Zeit ein Zerwürfniß in ihrem engen Familienkreise nicht zu befürchten und der Oberhoffactor erwiderte: (Fortsetzung folgt.) Literatur. Culturdefieit am Ende des 19. Jahrhunderts von Dr. med. Markus Hirsch. (Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmann 1893.) Im Mittelalter war es nichts Seltenes, daß Juden, die als Aerzte in großem Ansehen standen, auch in der religiösen Literatur ihres Volkes als Sterne ersten Ranges glänzten und gleichzeitig als Philosophen und lebenskundige Staatsmänner sich eines verdienten Rufes erfreuten. Wir halten es für überflüssig, die ruhmvollen Beispiele aus der Gegenwart uamhaft zu machen, welche als ein Abglanz dieser Vielseitigkeit erscheinen. Der Verfasser der vorliegenden Schrift, ein Frankfurter Arzt, der Sohn des berühmten Rabbiners Dr. Raphael Hirsch, reiht sich ihnen in würdiger Weise an. Sein Buch, denn dasselbe erhebt sich weit über die Bedeutung einer Broschüre, ist eine Verteidigung des Judenthums im Allgemeinen, erhält aber einen scharf ausgeprägten Charakter dadurch, daß es speciell die Verhältnisse in Deutschland zum Gegenstände seiner Erörterungen macht. Der Verfasser verfügt bei der Bewältigung seiner Aufgabe nicht nur über eine lebendige anregende Beredsamkeit, nicht nur über eine genaue Kenntniß aller Fragen, die im Leben der Gegenwart in nähere Beziehung zum Judenthume gebracht werden können, sondern in erster Reihe auch über das nothwendige jüdische Wissen, so daß Religion und Moral des Judenthums ihm in vollem Umfange aufgeschlossen sind. Man kann die Schrift „Culturdefieit" mit einem wohlausgerüsteten Kriegsschiffe vergleichen; nichts fehlt, um den Gegner zu Boden zu schmettern. Damals, als Dr. Hirsch sein Buch schrieb, hätte selbst ein Pessimist es sich kaum vorgestellt, daß das Culturdeficit in Deutschland bereits in dem Maße angewachsen sei, um Erscheinungen möglich zu machen, wie sie in den deutschen Reichstagswahlen betrübend genug zu Tage getreten sind. Jedenfalls wird aber die Notwendigkeit der Abwehr sich jetzt auch den bisher Gleichgiltigen fühlbar machen, nicht nur vom Standpunkte des Judenthums, sondern noch weit mehr vom rein deuffchen Standpunkte aus. Von dem Culturdefieit. wird unmittelbar Deutschland und durch den Antisemitismus wird die Ehre, die Sittlichkeit, der Frieden und die Culturarbeit des deutschen Volkes bedroht. Das Volk der Denker chat sich mit einem unfaßbaren grellen Widerspruch belastet. Der Zweck der Reichstagswahlen ist das Armeegesetz. Deutschland rüstet mit aller Kraft für den Krieg der Zukunft. Gleichzeitig aber erzielt der Antisemitismus bei den Wahlen Erfolge, welche nur eine Schwächung und Erniedrigung Deutschlands bedeuten. Jeder Erfolg des Antisemitismus ist eine Ermuthigung für die Feinde Deutschlands und ein solches Deficit ist nicht durch die Zahl der Regimenter auszugleichen. Es sind auch nicht nur die Empfindungen des Juden, sondern hauptsächlich die Empfindungen des Deutschen, die in der Schrift mit aller Deutlichkeit hervortreten. Es ist aber gewiß, daß der deutsche Jude in Bezug auf deutschnationale Gesinnung viel weiter geht und es jedenfalls viel aufrichtiger meint, als die Anhänger jener politischen Parteien, welche aus der Vaterlandsliebe Capital schlagen und Saufen und Raufen als die edelsten deutschen Traditionen betrachten. Um so ungerechter, um so kränkender ist der'Antisemitismus. Das ist ein Rostflecken am blanken Ehrenschilde der deutschen Nation oder vielmehr diese deutsche Eigentümlichkeit hat die dünne Schichte des Culturfirnißes durchbrochen und erscheint nun in voller Häßlichkeit. Mit Recht macht Dr. Hirsch die oberen Regionen für diesen Zustand verantwortlich und mit Recht bekämpft er den auch in Oesterreich grassirenden Krypto-Antisemitismus. Man verweigert den deutschen Juden den Rang, der ihm in der Verwaltung, in der Justiz, in der Armee gebührt. Dr. Hirsch kritisirt mit unerbittlicher Schärfe die Erklärung des Kanzlers Grafen Caprivi, der ein entschiedenes Wort gegen den Antisemitismus nicht zu finden vermochte. Dadurch werde die Bewegung ermuthigt. Die Reichstagswahlen haben'bewiesen, daß Dr. Hirsch mit derschonungslosen Verurteilung des Regierungsgeistes vollkommen im Rechte ist. Die Schrift „Culturdefieit" bietet viel werthvolles Material und wo immer die antisemitische Bewegung zur Discussion. drängt, wird dieses Buch mit Nutzen gelesen werden. Es sei daher allen Freunden der gerechten Sache aufs Wärmste empfohlen. „Midrasch Agadah". Agadischer Commentarzum Pentateuch nach einer Handschrift aus Aleppo, zum ersten Male heraus-