Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 516 Oeyerretchtfchr Wochenschrift Nr. 27 Sie hat ihr Kind wieder In einem mild erleuchteten Zimmer saß einsam eine Frau. Sie lehnte müde in der Sophaecke und hatte das Haupt auf die Hand gestützt. Auf ihren Wangen lag nicht mehr der frische Schmelz erster Jugendblüthe und ihr dichtes Haar war leicht, wie von weißem Puder, silbern gefärbt, aber in den dunklen Augen leuchtete noch die volle geistige Regsamkeit und die Gestalt verrieth selbst in ihrer müden Stellung noch Grazie und Elasticität. Sie träumte. Es mußten Träume voller Wehmuth sein, denn ein schmerzliches Zucken ging um ihre Lippen. Dann drang ein Ton in ihre Einsamkeit, der sie emporfahren ließ. Draußen ging ein fester Schritt den Korridor entlang und gleich darauf rauschten die Portieren auseinander, ein Mann erschien auf der Schwelle. „Mein Weib!" rief er herzlich, chr beide Hände entgegenstreckend. Sie aber hing an seinem Halse und legte mit der scheuen Hingabe einer Braut leise ihre Wange an die seme. Er bog sein Haupt zurück um ihr in die Augen zu sehen. „Diese dunklen Sterne blicken durch feuchte Schleier?" fragte er leise, „du hast geweint, mein gutes Herz. Warum schon wieder?" Er führte sie sanft zum Sopha, sie wehrte seine Führung ab, blieb inmitten des Zimmers stehen und deutete auf die Fenster gegenüber, durch die man in einen hell erleuchteten Salon blickte, in welchem eine ftöhliche Kinderschaar um. ihre Eltern versammelt war. Er sah und sah, seine Stirne überflog ein Schatten, denn er ahnte, was die Frau bewegte. „Eine neue Partei da drüben", sagte er, als ob die Frau auf nichts anderes ihn aufmerksam machen wollte. „Eine neue Partei und die lieben Kinder, ich allein — ich habe kein Kind. Mein Kind — meine Tochter!" sie schrie es fast heraus. Und des Mannes Wangen erbleichten, sein energisches Antlitz zuckte in Ungeduld und Schmerz, doch bezwang er sich und zog sie sanft an seine Brust. „Mein Weib", sprach er beruhigend zu ihr, „mein geliebtes Weib, nicht dreien wilden Schmerz! Er ist wie ein grausamer Vorwurf für mich". Sie hatte nämlich ein Kind und doch keines — ein trauriges Capitel aus dem modernen Eheleben. Sie hatte vor ungefähr achtzehn Jahren als Jüdin einen Christen geheiratet, nach zwei Jahren einer unglücklichen Ehe sich aber von ihm wieder geschieden und das Kind, ein Mädchen, das dieser Ehe entsprossen, wurde vom Gerichte dem Manne zugesprochen und als Christin erzogen. Bald nach der Scheidung heiratete sie einen Glaubensgenossen, mit dem sie zwar kinderlos, aber doch in der glücklichsten Ehe lebte. Ihr Kind aus erster Ehe hat sie nicht wieder gesehen. Nicht daß es ihr unmöglich gewesen wäre. Sie war reich und hätte incognito die Stadt besuchen können, wo ihr erster Mann lebte; aber sie fühlte, daß zwischen ihnen, der jüdischen Mutter und der christlichen Tochter, ganze Welten lagen. ^Und doch steigerte sich bei dieser Frau von Tag zu Tag der Schmerz der Sehnsucht nach diesem Kinde! E „Mein Engel, reut dich, was du einst gethan? Warst du nicht glücklich an meiner Seite?" Seine tiefe Stimme zitterte und seine Arme faßten ihre Gestalt fester. „Ja", rief sie und sah leuchtenden Auges zu ihm auf, „ja ich war glücklich, so glücklich wie eine Frau es nur sein kann in dem Besitze des geliebten, geehrten Gatten. Und nie schlich Reue sich in mein Herz, wo nur glückliche, dankbare Liebe wohnt für dich, mein Theurer; aber ich kann jene andern Gedanken dennoch nicht aus dem Geiste verbannen. In jeder Stunde, die ich seit sechzehn Jahren gelebt, war meine Tochter bei mir, jeden Athemzug. denn ich gethan, athmete ich für dich und sie, und jetzt, wo ich mir sie zur holder Jungfräulichkeit erblüht vorstellen kann, jetzt drückt mich die Sehnsucht nach ihr ganz darnieder." „So höre, mein Lieb", erwiderte er zärtlich, „was ich dir schon oft vorschlug, was du aber immer verweigertest, laß uns in die Stadt reisen, wo dein erster Mann mit seiner Tochter lebt, laß uns dorr unter fremden Namen still eine Weile bleiben und harren, bis ein Zufall dir den ersehnten Blick in deines Kindes Antlitz gönrft. Oder soll ich durch irgend eine Vertrauenspeyon Klarä's Vater bitten lassen, daß er sie uns für einige Wochen überlasse? Dem lieben Mädchen könnten wir ja als Verwandte bezeichnet werden, oder soll mein Bruder Eduard einmal auf seinen Reisen sie beobachten und dir berichten?" „Nein, nein", flüsterte die arme Frau, „was nützte mir das Alles; sie kann ja doch nicht mehr mir gehören, vielleicht hat ihr sogar ihr Vater Haß gegen Juden eingeprägt und sie würde sich bei uns unheimlich fühlen. Laß nur mein Theurer", sagte sie mühsam, „es geht vorüber. Um Gotteswillen bitt' ich dich aber, deinen Bruder nicht in dieses Geheimniß einzuweihen. Ich habe ihn wie meinen Sohn erzogen; er darf nie erfahren, daß ich schon früher einem anderen Manne, einem Christen angehörte. Das ist begraben! Wehe mir, vaß dieses Grab mein Kind mit verschlungen hat! Nicht wahr, mein Lieber, du zürnst mir nicht, wenn ich um diese' Todte trauere?" , ..Mein Weib" rief er glühend, „ich dir zürnen, dir, welche mein Leben so reich, so gesegnet macht?" „Du warst es, der mich beglückte", versicherte sie hingebend. „Wägen wir nicht", sagte er mit bebender Stimme, „wer den Andern mehr gab. Wir waren glücklich". „Und sind es noch" rief sie mit jugendlichem Feuer. Aus diesem süßen Wortwechsel riß sie ein Postbote, der einen Expreßbrief brachte. „Von Eduard?" fragte befremdet der Gatte, „was hat der Junge denn noch zu melden, da er ja übermorgen selber kommt?" „Vielleicht noch einen besonderen Wunsch, den er mir, seiner schwesterlichen Mama, ans Herz legen will", sagte sie und erbrach den an sie adressirten Brief. „Meine liebe Elsa!" las sie laut, denn zwischen den beiden Gatten gab es kein Geheimniß. „Wenn ich übermorgen komme, so komme ich nicht allein, ich bringe eine Braut-mit! Ihr Glücklichen werdet mich verstehen, wenn ich sage: Ich liebe und werde geliebt. Ich habe das wunderholde Kind während der paar Wochen meines hiesigen Aufenthaltes kennen gelernt. Wir liebten uns von dem ersten Augenblicke unseres'Zusammentreffens an. Ich wußte mir Eingang in ihr Haus zu verschaffen, obzwar ihr Papa von finsterem Wesen ist und bei Nennung meines Namens ein düsterer Schatten über sein Gesicht flog. Es war gewiß nur mein gar zu jüdisch klingender Name. Und in der That stand unserer Verbindung die Verschiedenheit unserer Religionen im Wege, denn sie ist Christin und darum habe ich euch auch von dieser Herzensangelegenheit nicht geschrieben. Gestern endlich gab der gestrenge Herr Papa mit den Worten: „In Gottes Namen! Es hat so kommen müssen!" die Zustimmung, daß sein Töchterchen Jüdin werden dürfe. Ihr Uebertritt zum Judenthume soll bei Euch vor sich gehen und bald darauf die Hochzeit stattfinden. Schwester, Bruder, nehmet meinen goldhaarigen Elf an Eure Herzen, wie Ihr mich in warmer Liebe stets an Euch gefesselt habt. Uebermorgen treffen wir ein. In jubelnder Freude Euer Sohn und Bruder." „Nun mein Haus, schmücke dich, die Braut zu empfangen", rief Elsa freudig aus. „Ich werde eine Tochter in ihr finden — ich will sie in ihr finden, denn nicht wahr, mein Lieber, wir wollen Alles thun, um dem Kinde hier eine Heimat zu geben?" Voller Unruhe gingen die beiden Gatten am nächsten > Tage daran, die Räume festlich zu ordnen. Und wieder Tags darauf zur bestimmten Stunde hielt ein Wagen vor dem Hause. „Herr Eduard!" schrie ein Dienstmädchen. Elsa's Gatte eilte hinaus, um den Bruder und dessen Braut ans Herz zu drücken und unmittelbar darauf wurden plaudernde, lachende Stimmen vernehmbar, die sich rasch näherten. Hastig stürzte der junge Mann ins Zimmer und umhalste Elsa, ehe diese, noch einen Blick auf die jugendliche Frauengestalt werfen konnte, die an des Gatten Arm die Schwelle überschritt. Dann ließ der stürmische Jüngling die Schwägerin los und faßte die Hand des zagenden Mädchens, sie der Schwägerin zuführend. . Doch, was bedeutet das? Elsa trat einen Schritt zurück, aus ihrem Antlitz war jeder Blutstropfen entwichen, starr hingen ihre Augen an dem jungen Mädchen, fest preßte sie die Hände gegen das wildschlagende Herz und' den zitternden Lippen entrang sich ein markerschütternder Laut. Befremdet trat das Mädchen der neuen Schwägerin noch näher, - doch diese wich weiter vor ihr zurück. Auch in den schönen Augen des blondhaarigen Kindes lag eine bange Frage, suchend irrten sie über das todesblasse Gesicht der ihr Gegenüberstehenden. Langsam fuhr sie mit der kleinen Hand über die Stirn, als wollte sie ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Und die beiden Männer sahen dem seltsamen Schauspiel befangen zu. Der Jüngere befremdet, zweifelhaft ob er durch irgend eine Rede die peinvolle Situation kürzen sollte, der Ael-