Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 514 Vesterreichifche WmtzenfchrW Nr. 27 Nikolsburg. (Die Ueberwachung des Religionsunterrichtes in Muhren.) Die Art, mit welcher ein Anonymus in der jüngsten Nummer (26) der „Neuzeit" gegen mich känrpst, zwingt mich zu einer mir sehr unliebsamen Erwiderung. Ich habe noch niemals auf ein Pamphlet erwidert und der betreffende Herr wird mir verzeihen, wenn ich ihm nicht auf sein Terrain folge. Ich kann keine Waffen ziemlich wohlfeilen Spottes und glatter Ironie gebrauchen, halte es vielmehr für männlicher und ernster, klar und deutlich, doch nicht verletzend zu sein. Der Herr Verfasser hatte offenbar die Absicht, mich in meiner öffentlichen Stellung zu erschüttern und meinen Ruf zu schwächen; er wirst mir indirect Ehrgeiz, verletzte Eitelkeit, Selbstsucht, hetzerische Agitation, ^Charakterlosigkeit vor; er nennt mich einen „rabbinischen Tiro" und spottet meiner allenthalben, nennt mich einen „Heißsporn" und geht von der merkwürdigen Voraussetzung aus, daß ein junger Mann unmöglich etwas Charakter besitzen, etwas wissen, etwas leisten, etwas durchdenken, begreifen und planmäßig und gewissenhaft vollführen kann. Wenn mich der Herr Verfasser kennt, dann hat er schwer gestevelt, denn dann ist ihm bekannt, daß ich nicht dieser Unmensch bin, dieses Unicum von Windbeutelei und häßlicher Eitelkeit; dann müßte er wissen, daß mich edlere und bessere Beweggründe leiten, daß ich in gelehrten und rhetorischen weisen nicht ganz unbekannt und durch Wirken in der Oeffentlichkeit nicht ohne bescheidenen Ruf bin; kennt er mich nicht, dann muß ich es doch sündhaft nennen, so vorschnell zu urtheilen; die große Oeffentlichkeit, in der geachtet zu sein ich mir zur Ehre rechne, belehrt ihn sicherlich eines Besseren. Dies mein Herr pro äowo. Nun zum Allgemeineren. Der Anonymus behauptet, ich hätte meine Collegen ins „Schlepptau" genommen. Den Rabbiner Mährens möchte ich können, der nicht männlich und wacker unabhängig seine Meinung äußert und verficht! Die Sache ist vielmehr anders. Gleich nach Publicirung des Beschlusses der Delegirtenversammlung schrieb ich in diesem Blatte einen Artikel. Aufgefordert von mehreren Collegen in Mähren organisirte ich eine Oppcsition. Wir gingen Alle vollständig objectiv zu Werke und verwarfen das Jnspectorat aus rein sachlichen Gründen. Vollkommen freiwillig, wie es ja selbstverständlich ist, Unterzeichneten die Eingabe an das Curatorim 16, die Zuschriften an die mit Mandaten betrauten Rabbiner 19 Collegen. Unter denseben befinden sich die Herren Dr. Freimann (Kanitz) und Dr. M. L. Stern (Triesch), welche beide nicht, wie der Anonymus sagt, Mandate annehmen, trotzdem sie unterschrieben, sondern umgekehrt, mitunterfertigten, trotzdem sie mit Mandaten betraut worden waren. Der Artikelschreiber geht aber weiter; er stimmt fast denjenigen zu, welche die Rabbiner aus Standeseigenthümlich keit für „undisciplinirbar und unduldsam" halten. Wenn diese Aeußerung in der Delegirtenversammlung gefallen ist, dann war sie eine unbegreiflich gehässige und kann nur von einem Manne gethan sein, der dem wahren Judenthume entfremdet ist; wenn der Anonymus zustimmt, dann reicht dieser bitterböse Vorwurf nicht zur Höhe unserer Verachtung hinan. Solche Art des Kampfes »st unmännlich. Die Gründe, welche mich und meine Collegen bewogen, gegen das Jnspectorat zu kämpfen, habe ich mündlich und schriftlich genügend auseinandergesetzt und der lächerliche und gleichzeitig tiefbeleidigende Vorwurf der Selbstsucht, der Spott und kränkende Hohn, mit welchem über mich gesprochen wird, kann mich nicht bewegen, fahnenflüchtig zu werden und meine Ueberzeugung aufzugeben. Ich trage duldsam diese Hiebe, da ich mir bewußt bin, nicht für m ich — denn für mich kämpfte vollständig freiwillig der größte Theil meiner Gemeinde — sondern für meine Collegen in Mähren einzutreten, welche mich freiwillig ins Centrum der Bewegung gestellt haben. Die ältesten und gelehrtesten Rabbiner Mährens stehen mir zur Seite und überaus zahlreiche Zuschriften derselben sind mir ein Beweis, dessen ich nicht bedarf — daß ich einen guten Kampf gekämpft. Es kommt mir nicht in den Sinn, zu behaupten, meine Gegner gingen darauf aus, gegen ihre bessere Ueberzeugung zu streiten, nein, gewiß halten sie ihre Ideen für die besseren, man besitze die Ehrlichkeit, auch mir meine, uns unsere Ueberzeugung zu lassen; man wage es nicht, bei uns immer nur den Schmutz der Eitelkeit und Selbstsucht vorauszusetzen! Das ist wirklich nicht moralisch! Ich muß noch bemerken, daß der Herr kaiserl. Rath Mandl in Brünn, welcher jener Sitzung präsidirte, in welcher das Jnspectorat beschlossen wurde, sich mir gegenüber als schärfster Gegner dieser Institution darstellte,ja behauptete, daß die Delegirten- und Curatoren-Versammlung ihren Comp.etenzkreis überschritten habe. Auch Se.- Ehrwürden der Herr Land esrabb in erbezeichnete in Gegenwart von 4 Rabbinern die Annahme eines Mandates als Jnspector als Hasogatü gewui, atfo als eine jedenfalls unschöne Handlung. Ich weiß genau und setze voraus, daß meine Gegner nun noch fürchterlicher mit mir zu Gericht gehen werden; ich fürchte es nicht. Der sittliche Ernst, mit dem ich für meine von Eigennutz völlig entfernte Sache eintrete, tröstet mich über die gehässigen und verkleinerungssüchtigen Angriffe. Ich bin zu sehr an die edlere Hoheit des Denkers gewöhnt, als daß ich den leichtgeschürzten Journalistenton des Anonymus treffen könnte. Ich bitte ihn aber, fürder an meiner Ehrenicht zu tasten und meinenRufnicht zu schmähen; das ist feige, und ich verstehe darin keinerlei Spaß. . Ich bin zu jedem geistigen Waffengange bereit, werde aber nie den Weg des Ernstes und der Würde verlassen. Nikolsburg. Geehrter Herr Redacteur! Bezugnehmend auf den Artikel „Die Ueberwachung des Religionsunterrichtes in Mähren" in Nummer 26 der Wochenschrift „Neuzeit" sehen wir, der Gemeindevorstand der israelitischen Gemeinde Nikolsburg, uns veranlaßt, Sie höflichst um gütige Aufnahme des Nachstehenden zu ersuchen, da die im besagten Artikel behandelten Thatsachen einer Richtigstellung bedürfen. Zu unserem Erstaunen sehen wir aus dem in genannten Artikel citirten Schreiben des löblichen Curatoriums, daß der hiesige Cultusvorstand auch dem Bürgermeister der israelitischen Gemeinde als Erledigung unserer Eingabe vom 11. Juni, die wir direct an das Curatorium gerichtet haben, einen Bescheid zükommen lassen sollte. — Wir können diese Art der Bescheidung nicht begreifen. Das Curatorium hätte uns direct eine Erledigung zukommen lassen sollen, da wir von Seite des hiesigen Cultusvorstandes eine solche nicht erwarten können. Der Artikelschreiber halte die Pflicht, auch u n s e r e Eingabe zu veröffentlichen; dann würde die Oeffentlichkeit erfahren haben, daß er die Thatsachen entstellt und nicht wahrheitsgemäß Bericht erstattet. Wir müssen uns entschiede« dagegen verwahren, daß wir von Sr. Ehrwürden unserem Herrn Rabbiner irgendwie beeinflußt wurden, sondern einzig und allein ist und war es unsere Aufgabe, die Würde der Gemeinde Nikolsburg zu wahren. Wir sind durchdrungen von der Ueberzeugung, daß Se. Ehrwürden unser Herr Rabbiner voll und ganz seiner Pflicht als Jnspector und Lehrer für das Hebräische an unserer Volksschule nachkommt, was sich nach der heute beendeten Schlußprüfung zeigte, bei welcher demselben von sämmtlichen Anwesenden die vollkommenste Zufriedenheit und Anerkennung ausgesprochen wurde. Wir können es nicht ruhig dulden, daß Se. Ehrwürden unser Herr Rabbiner auch nur scheinbar unter die Controle eines ihm gleichgestellten Rabbiners gestellt werde. Das verträgt sich nicht mit der Würde unserer Gemeinde, in welcher seit jeher" und jetzt das Bestmögliche im Hebräischen geleistet wird. Nicht minder aber müssen wir über die geradezu gehässige und sehr beleidigende Schreibweise des anonymen Einsenders jenes Artikels unser Mißfallen ausdrücken. Jeder, der die Ehre hat, unseren Herrn Rabbiner und dessen Charakter zu kennen, wird diese Art verurtheilen. Wir drücken unser tiefes Bedauern darüber aus, daß Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang, welcher jederzeit mit Energie und männlicher Offenheit auftritt, seine Ueberzeugung vorurtheilslos ausspricht und muthig verficht, von mancher Seite so arg verkannt und falsch beurtheilt wird. W i r sind glücklich, ihn zu besitzen. Nikolsburg, am 4. Juli 1893. Für den Gemeindevorstand der Bürgermeister: F r a n k f u r t h e r p. Berlin, 27. Juni. Auf Verfügung des Amtsgerichtes I. vom 17. d. M. wurde gestern in der antisemitischen Buchhandlung Krausenstraße 49 der „politische Bilderbogen 8" mit der Unterschrift: „In Deutschland Hausen Cahn und Cohn! Caprivi ist ihr Schutzpatron!" beschlagnahmt. Die Beschlagnahme erfolgte wegen Vergehens gegen den §. 185 des Strafgesetzbuchs. In demselben Geschäft wurde gleichzeitig die Schrift: „Pharisäer und Heuchler die Stützen des Staates" beschlagnahmt, nachdem das erste Exemplar 6 Stunden vorher in der genannten Buchhandlung zurAusgabe gelangtwar. Der leitende Beamte erklärte sich