Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 Oeöerredtzifche WochenMrM Seite 513 Dr. Eisenbart! Wie wir vernehmen, hat die in unserer letzten Nummer Publicirte Zuschrift ein Disciplinarverfahren gegen mehrere Schüler des betreffenden Gymnasiums zur Folge gehabt und dementsprechend wünscht ein Schüler, M. Adler, daß wir constatiren, daß ihm vom Lehrer G. kein Unrecht widerfahren sei. Wir wiederholen : Nur den zahllosen, seit Jahren sich wiederholenden Klagen endlich nachgebend, haben - wir die Stimme für unsere Jugend vernehmen lassen, damit der Religionsunterricht in der Schule in echt religiösem, d. h. humanem Sinne geleitet werde und nicht fürder eine ständige unerträgliche Qual für dieselbe bilde. Wien. (Antisemitische Lesebücher für österr. Mittels chulen.) Das „Deutsche Lesebuch für österr. Realschulen und verwandte Lehranstalten" von Dr. Kummer und Dr. Stejskal, Band I, welches in vielen der Wiener Mittelschulen im Gebrauch ist, enthält als Lesestück Nr. 61 das bekannte Rückert'sche Gedicht: „V o m B ä uml e in, d a s andere Blätter hat gewollt", und den vierten Absatz mit dem Wortlaut: „Aber wie es Abend ward, Ging der Jude durch den Wald." Aus unserer eigenen Schulzeit erinnern wir uns, daß damals der Absatz in diesen Lesestück den Wortlaut hatte: „Ging der Räuber durch den Wald." Heute gilt es bereits die Jugend mit antisemitischer Geistesnahrung zu füttern, aus dem „Räuber" ist wieder ein „Jud" geworden. Wir wenden uns an den Wiener israel. Cultusvorstand, durch seinen Vertreter im Landesschulrath hohenorts auf diesen Unfug hinzuweisen und dessen Abstellung zu fordern. Wien. (Die antisemitischen Elemente im neuen deutsche n Reichste g.) Der neue Reichstag in Berlin hat bereits eine antisemitische Fraction. Es sind gewählt in der Hauptwahl: 1) Ahlwardt (Arnswalde), 2) Liebermann v. Sonnenberg (Fritzlar), 3) Gräfe (Bautzen); in der Stichwahl 4) Böckel (Marburg), 5) Werner (Hofgeismar), 6) Werner (Hersfeld), 7)' Leuß (Eschwege), 8) Zimmermann (Alsfeld), 9) Köhler (Gießen), 10) Hirsche! (Bensheim), 11) Zimmermann (Dresden-Altstadt), 12) Klemm (Dresden-Neustadt), 13) Lieber (Meißen), 14) Hänichen (Tharandt), 15) Lotze (Pirna), 16) Ahlwardt (Neustettin). Die Antisemiten haben mithin ihre bisherigen 6 Wahlkreise (Arnswalde, Fritzlar, Marburg, Hofgeismar, Gießen, Alsfeld) behauptet und 10 Wahlkreise, darunter 6 in Sachsen, gewonnen. Doppelt gewählt sind Ahlwardt, Werner und Zimmermann. Fallen die Nachwahlen zu Gunsten der Antisemiten aus, so sind sie in der Lage eine Fraction zu bilden, auch wenn sie es ablehnen, Ahlwardt in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Das „Volk" hält es für „völlig ausgeschlossen, daß ein Liebermann von Sonnenberg, ja selbst daß Böckel mit Ahlwardt zusammen in einer Fraction sitze. (Das würde der Anfang vom Ende für die anständigen Antisemiten, insbesondere die Deutschsocialen, bedeuten." — Nun, dann bleibt Ahlwardt „wild"; das wird seinen „Ruhm" nicht schmälern. Was die Parteischattirung betrifft, so hat die antisemitische Volkspartei den Löwenantheil davon getragen, während die deutschsociale Gruppe nur durch Liebermann und Leuß vertreten ist. Die Deutschsocialen betrachten allerdings die Abgeordneten von Herder (Zschopau), Rother (Ohlau), Baron von Langen (Stralsund) und Jacobskötter (Erfurt) als die Ihrigen, aber zu Unrecht; denn diese haben ausdrücklich erklärt, daß sie der conservativen Fraction beitreten würden — selbst Herr v. Langen, der Ahlwardtgenosse!!*) Jacobskötter widmete sich zwar seit längerer Zeit 'der antisemitischen Agitation, aber als Reichstagscandidat aller •) Fürst Putbus veröffentlicht soeben im Namen conservativer Männer des Wahlkreises Stralsund-Rügen einen Protest dagegen, daß Baron Langen von der „Kreuzztg." als conservativ bezeichne: werde. Langen „war, was er heute noch ist, Antisemit, war bis vor einigen Tagen Präsiden: des deutschen socialen Vereines für Pommern und der Nährvater von, Ahlwardt. Es ist für mich und mit mir für viele conservative Männer betrübend und beschämend, wenn wir unseren Wahlkreis, der bisher einmnthig conservativ sich bewiesen, an die Seite nichtsocialistischen Parteien erschien er jetzt in einer ganz anderen Gestalt. Die Arbeiterzeitung, das Organ des evangelischen Arbeitervereines zu Erfurt, vom 21. Juni brachte folgende Notiz: Zum Antisemitismus Jacobskötter's! Unser Reichstagscandidat Jacobskötter hat sich dem Redacteur gegenüber voll und ganz zu den 4 Sätzen der Arbeiterzeitung bekannt: 6. Gegenüber den Juden. 1) die Religionsfreiheit muß auch gegenüber den Juden streng gewahrt werden. 2) Der Kern der socialen Frage ist nicht die Judenfrage. 3) Wir wünschen, daß Erziehung, Leitung und Beeinflussung unseres Volkes im christlichen und deutschen Geiste gehalten sei. 4) Die bürgerlichen Rechte der Juden müssen ungeschmälert bleiben. Sollten die Deutschsocialen hiernach wirklich noch Lust haben, mir Herrn Jacobskötter zusammenzugehen? Von Conservativen streng antisemitischer Richtung sind in der Stichwahl u. A. gewählt: Dr. Kropatschek (Brandenburg), v. Plötz (Sorau), v. Werdeck (Cottbus), Hüpeden (Kassel). Als neue Antisemiten im Reichstage wären noch zu nennen der bekannte Dr. Sigl und sein Landsmann, Metzgermeister Hilpert in Windsheim, während der conservative bayrische Landtagsabgeordnete Beckh (derselbe, der im vorigen Jahre in der Kanimer eine Judendebatte instKleinen hervorrief) durchgefallen ist. Wien, 28. Juni. (Ein „Talmud-Auszug".) In einem antisemitischen Berlage in Berlin erschien eine Flugschrift, die für einen „Talmud-Äuszug" ausgegeben wurde und in Hinsicht auf die Echtheit der Citate ebenso frivol abgefaßt war, wie viele Publicationen dieser Art. Mit einem Erkenntnisse des Landesgerichtes Brünn wurde die Verbreitung dieses tendentiösen Machwerkes verboten. Der hiesige Gastwirth Anton Klement verkaufte nun eine Anzahl von Exemplaren der Druckschrift zu dem im Verhältnisse zu ihrem Werthe keineswegs niedrigen Preise von drei Kreuzern per Stück. Den besten Abnehmer fand er an demDiurnisten eines hiesigen Bezirksgerichtes, Josef Czech, der ihm acht Exemplare abkaufte und sie dann an andere subalterne Angestellte dieses Gerichtes überließ. Auf diesem Wege gelangte der staatsanwaltschaftliche Functionär des Bezirksgerichtes sehr bald zur Kenntniß der verbotenen Colportage und damit war die strafgerichtlichc Verfolgung eingeleitet. Ein Senat des Landesgerichtes, unter dem Vorsitze des Vice-Präsidenten Dr. v. Holzinger, verurtheilte Klement und Czech, entsprechend dem Anträge des Staatsanwalts Baron Distler, zu Geldstrafen von je zehn Gulden, eventuell 48 Stunden Arrests. Weidlingau bei Wien. (Niederlage der Antisemiten.) Weidlingau-Hadersdorf kann füglich als Centrum der antisemitischen Partei der westlichen Sommerfrischen bezeichnet werden. Ist schon der Antisemitismus an und für sich ein Blödsinn und Wahnwitz, so ist er es noch mehr in einer Sommerfrische, die auf den Zufluß von Fremden angewiesen ist. Allein für den Rassenhaß gilt keine Logik und so stöhnt auch in Weidlingau-Hadersdorf ein kleines, dafür aber rühriges Häuflein der Judenfresserei, zum Schaden der Gemeinde, denn, da sich viele Juden von hier fernhalten, kann man die Wahrnehmung machen, daß ein erheblicher Theil der Wohnungen nicht vermiethet ist. Bei der jüngst abgehaltenen General-Versammlung des Berschönerungsvereines erhoben die Antisemiten gegen die Wiederwahl der liberalen Vereinsleitung lebhafte Opposition, blieben jedoch in der Minorität. Der Obmann des Bergnügungscomites. Herr Sigmund Spitz, fand sich gelegentlich veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß in einem hiesigen Wirthshause die (jüdischen) Gäste aufs Gemeinste beschimpft werden, daher es nur Schmach und Schande wäre, dieses Local seitens des Vereines bei Vergnüguügsabenden zu benützen. Dieser Brandmarkung der hiesigen Antisemitenbande, unter dem terminus technicus „schwarze Ritter" bekannt, wurde mit lebhaftem Llpplaus zugestimmt.. der Wahlkreise van Neustettiu und Arnswalde gestellt sehen. Die Art, wie Baron Langen die Wahlagitatron betrieben, die Versprechungen, die er dem kleinen Manne, dem Handwerker, den Fischern gegeben und die zu halten er nicht in der Lage ist, entspricht nicht den conservativen Traditionen, sie streift nahe an socmlistische Umtriebe." Wir meinen, Herr von Langen paßt ebenso gut zu Herrn von Hammerstein, wie zu Herrn von Liebermann.