Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 37 Vryerreichifchr Wochenschrift Seite 511 Blattes aus dem mystischen Buche: „Chronik des seeligen Moses, des Gründers unseres Glaubens." Nach Aussage des Augenzeugen dieses Verbrechens war er jener Jude, der unter Verrichtung von Gebeten, nach irgend welchen Büchern an einem der getödteten Kinder den Act der Beschneidung und Blutabzapfung vollzog, und als ihm nun dieses Blatt gezeigt wurde, fiel er auf seine Knie, wurde bleich und bat um Gnade und erholte sich erst nach Verlauf einer gewissen Zeit von seinem Schrecken". Wahr ist es, daß die Untersuchungscommission und speciell Oberst Euler diesem Büchlein aus unbegreiflichen Gründen eine besondere Bedeutung beilegte, und Levison und ich sahen uns daher genöthigt, in unserem Referate, das wir über sämmtliche von uns durchgesehenen Bücher abgaben, bei letzterem länger zu verwellen, wodurch wir aber auch zu dem Glauben berechtigt sind, Ljutostanski, indem er weiters behauptet, das Buch: „Die Chronik des seeligen Mose" müsse nach dem gegebenem Falle zur Vermuthung führen, daß es im Ritus des religiösen Kindesmordes eine wichtige Rolle spiele, für einen Verrückten zu halten. Dieses von Legenden aus dem Leben und über den Tod Mosesausgefüllte Büchlein gehört zu den bekanntesten Büchern, die man sich nur denken kann. Es wurde seit dem Jahre 1516 überaus häufig abgedruckt und auch bei uns in Rußland herausgegeben, kam 1628 in Paris mit lateinischer Uebersetzung von G. Gaulmin heraus und wurde 1714 in Hamburg in bloßer lateinischer Uebertragung herausgegeben. Da dieses Buch sehr populär und auch für Frauen und Kinder lesbar ist, wurde es häufig in deutsch-jüdischer und spanisch-jüdischer Jargonübersetzung herausgegeben. Und' ein solches Buch, dazu ein Buch, das mit Bewilligung der Censur so oftmals gedruckt wurde und von Weibern und Kinderm gelesen wird, wird als ein „Geheimbuch", als etwas an sich sehr Gefährliches, das in dem Ritus des Kindermordes bei den Juden eine wichtige Rolle spielt, dargestellt!! Wenn die Erzählung Ljutostanski's von Jank l Juschkewitscher, der, als ihm „das Blatt ous jenem Buche gezeigt wurde, auf die Kniee gefallen sein und um Gnade gefleht haben soll", nicht ersonnen ist — so kann an dieser Scene, selbst wenn sie vorgekommen, übrigens nichts Ausfallendes gefunden werden. Man denke sich nur, irgend ein Franzose würde bei uns ohne Veranlassung eines Mordes beschuldigt werden und der russische Richter würde ihm, gesetzt den Fall — eine Seite aus den Gedichten Lafontaines oder aus dem Werke „Paul et Virginie“ hinzeigen, wobei er in schneidiger Form ihn mit den Worten anfährt: „Nun bekenne Dein Verbrechen, dies Blatt, das wir gefunden, enthüllt uns Deine Strafbarkeit", würde der schuldlose Franzose nicht in sicherlich gleicher Weise sich auf die Kniee werfen, erbleichen und um Gnade flehen? Nur würde man sich dabei Eines von Beiden denken: Entweder ist der Richter, der sein Geschick zu entscheiden berufen war, um den Verstand gekommen oder er ist ein gottloser Schurke, der den Mann um Alles in der Welt zu vernichten trachtet. Und genau dieselbe Situation mußte der arme Jankel Juschkewitscher durchmachen, als ihm der Untersuchungsrichter das Blatt aus dem unschuldigen Buche unter die Nase rückte, worin der angebliche Beweis gegen ihn vorläge. Auch er warf sich auf die Kniee, erbleichte ebenfalls und bat um Gnade. Und es gibt keinen Menschen auf Gottes Erdboden, der in dem gegebenen Fall nicht dasselbe gethan hätte, wie Jankel Juschkewitscher. Beilage II. In Betreff des Bildchens, -dessen Harmlosigkeit von mir gezeigt wurde, gibt Ljutostanski, S. 100, folgende Umstände bekannt: „Das in dem hebräischen Buche gefundene Bildchen stellt thatsächlich die Blutabzapfung aus den Kindern dar: In einem Bottich sitzt ein Mann mit zehnzackiger Krone auf dem Haupte, die Zahl der Zinken die zehn Gebote repräsentirend, und auf der Krone die Aufschrift: „Schekina". Tb auf der Krone wirklich zehn Zinken vorhanden waren, erinnere ich mich nicht mehr, das aber weiß ich sicher: das Wort „Schekina" war keineswegs darauf. An einer anderen Stelle (S. 103) erzählt Ljutostanski über dieses Bildchen das Folgende: „Ein zweites Fragment aus dem Buche Lecker Gischda Schek-Pasach (jott heißen Lecker hagadah schel pesach), „Ordnung der mündlichen Ueberlieferung oder Erzählung vom Passah" ist wegen seiner Anschaulichkeit und des dem Texte beigegebenen Bildes bemerkenswerth; dieses Buch wurde in Livorno gedruckt und enthält uralte Gebete, die übrigens außer den Zeichnungen und unwesentlichen Varianten, wie der durchlauchtige Athanasius darlegte, von dem in den gewöhnlichen hebräischen Gebetbüchern (ritaels) enthaltenen Gebeten keine besondere Verschiedenheit aufweisen. Das Buch wurde unter den andern Büchern und Handschriften der nach Saratow zur Zeit der Kinderfolterungen zugereisten Kubinischen Juden gefunden. Das Blld stellt einen Mann dar, nackt in einem Bottich stehend, mit einer Krone auf dem Haupte und die Hand nach dem Blute ausgestreckt, das aus einem geschlachteten Kinde fließt. Neben dem Bottich, dieser Figur gegenüber, stehen zwei Juden: der eine hält einen Knaben, über den Kübel geneigt, während der zweite mit einem Krummschwerte ihm die Halsader durchschneidet, aus der das Blut in den Bottich strömt. Etwas weiter von diesen Beiden zur Seite steht ein Jude, der, in den Händen einen Knaben haltend, sich von der Scene wegwendet, während weiter hinter ihm sich noch zwei Männer in hebräischen Costümen befinden, von denen der eine, ein Schwert an der Hüfte der vor ihm niedergeknieten, schleierlosen, überhaupt in n'chthebräischem Costüme dargestellten Mutter einen Knaben wegnimmt, und der zweite Jude mit einem Kinde in den Armen den Kopf nach rechts wendet, auf weitere drei nichthebräische Gestalten hinblickend, von denen zwei Frauenspersonen sind und das Gesicht mit Tüchern verhüllend ihre Thränen trocknen, die dritte Figur eine Mannsperson in einer Haltung, in der Empfindungen heftigen Seelcnleids ausgedrückt sind. Dieses Bild ist den übrigen die egyptischen Plagen versinnlichenden Abbildungen angereiht; darüber der Text aus Exod. Cap. 10, 11 und 12 mit der rabbinischen Auslegung. Hält man das Bild den Aussagen der Belastungszeugen und dem Act der Leichenvisitation der Knaben gegenüber, so gewinnt es eine Bedeutung, die nicht unterschätzt werden darf. Nach der Aussage des Secretärs Krüger, der bei der Blutabzapfung der Kinder in der Synagoge als Augenzeuge gegenwärtig war, waren bei der rituell vollzogenen Ceremonienhandlung gleichfalls fünf Juden betheiligt, indeß der sechste entblößt mit einer Krone auf dem Haupte wahrscheinlich blos imaginär hinzuzudenken ist. Nach Aussage eben desselben hatten activen Antheil bei dieser Cultushandlung zwei Personen, die den Knaben geneigt hielten, und nachdem sie ihm auf der Schulter in der Größe eines Zehnkopekenstückes die Haut ausgeschnitten, ihm die Halsvene mit einem krummen Messer öffneten und das Blut in einem Becken auffingen. Auf dem Bilde sind gerate so zwei vollstreckende Personen dargestellt, sie halten den Knaben geneigt und schneiden ihm mit einem ähnlichen krummen Messer in den Hals; und was die Wunden aü Hals und Schulter betrifft, die bei der Besichtigung der Leiche gefunden wurden, so sind sie im Visitationsbefunde an derselben Stelle verzeichnet, wo das Bild sie erkennen läßt." Bedarf diese lange Tirade einer Erläuterung? Man merkt es handgreiflich, daß die Zeugen ihre Aussagen mit bem Bilde, das sie sich freilich falsch zurechtgelegt, in Einklang zu bringen bemüht waren. Eine solche Erscheinung ist nicht neu und im gegebenen Falle ist die Entwicklung des Vorganges genau so, wie sie in allen übrigen Fällen zu sein pflegt. Erst verbreitet man das Gerücht, die Juden hätten auf diese oder jene Weise das Verbrechen ausgeführt, dann kommen die Meineidszeugen und machen solche Aussagen, die sie sich selbstverständlich auf den Ausgangspunkt des Gerüchtes hin construirt haben, und zum Schluß treten Männer vom Urtheil und der