Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 510 Oestrrreichischr Wochenschrift Nr. 27 geschichten. Die fing sie an nachzuahmen, bis % im Stande war, ähnliche Beobachtungen selbst zu verbinden und niederzuschreiben. „Jung-Amerika" hieß das erste Buch. „Junge Herzen" und „Kleine Menschen" folgten bald darauf. Es waren keine eigentlichen Kinderbücher. Die Beobachtungsgabe war scharf, die dichterische Begabung gering. Aber der Sinn fürs Kinderherz war echt, und wenn wirkliche Kinder unter ihrer Aufsicht spielten, so waren sie bei der wilden Amerikanerin mindestens so gut aufgehoben wie bei der gemessenen Wohlanständigkeit. Die Sorge ums tägliche Brot schien langsam in den Hintergrund zu rücken, und Sara Hutzler hatte Muße sich immer weiter in Berlin umzusehen. Das ärmste Weib interessirte sie nicht weniger und nicht mehr als der berühmteste Mann. Das ärmste Weib wußte dann von der Güte und den mitleidigen Thränen der schönen Sara zu erzählen; der berühmteste Mann kehrte von ihr zur Wohlanständigkeit heim und rümpfte die berühmte Nase über den freien Ton. Jawohl, Sara Hutzler nahm allmählich die Gewohnheit an, zu sagen, was „man" nicht sagt. „Man" ging dennoch zu ihr, „man" amüsirte sich töniglich und „man" hatte nachher noch die besondere Freude aller Pharisäer, sich was zu dünken. Die schöne Sara wußte das ganz gut und hatte ihre Lust daran, die Philister zu locken und zu entsetzen. Sie war in Amerika ausgewachsen, und da wohl nicht in einer Pension für höhere Töchter. Sie neigte zu starken Aussprüchen. Wenn sie aber den Pharisäerschrecken wahrnahm, dann gab sie ordentlich Vorstellungen. Die Cigarette in ihrem großen wohlgeformten Mund, blies sie den Rauch durch ihre prachtvollen Zähne, lehnte sich zurück und gab Aergerniß, wie andere, besonnenere Frauen sich ein Ballkleid anziehen. Und mit dem Tabakrauch fuhren ihr krause Reden aus dem Munde, nicht eigentlich geistreich und gewiß nicht belehrend. Wer aber Sinn hatte für den Wahrhastigkeitsdurst unserer modernen Welt, der konnte nicht ohne Anregung anhören, was bei diesem unartigen Seiltanzen immer wiederkehrte, ihr unbestochenes Urtheil über die Menschen. Sehr viel Unwissenheit und ein klein wenig Genialität verbanden sich, um sie hellsehend zu machen, wie Kinder und kluge Thiere es sind im Verkehr mit den schrecklichen erwachsenen Menschen. Eines Tages war die schöne Sara Frau Kainz. Der wohlanständige Klatsch tanzte vor Vergnügen. Die Heirat auf Helgoland war Stoff für einen ganzen Monat und die Photographien des jungen Paares machten mehr von sich reden, als seinerzeit die Erfindung der Photographie. Sara aber trat an die Seite des gefeierten Schauspielers mit dem Glück und mit dem Selbstbewußtsein einer gefürsteten Bürgerin. Die Wohlanständigkeit kann sich wirklich keine rechte Vorstellung davon machen, wie sonnig die Freundschaft und Ehe dieses genialen Paares sich anließ. Dann ist Sara krank geworden, kränker als selbst diejenigen ahnten, .die treu bei ihr aushielten. Ihr Herzleiden war nur eine ihrer Krankheiten. Sie wollte nicht sterben, sie wollte nicht'altern, sie wollte aber auch nicht mehr in zweiter Reihe stehen. Der Ruhm ihres Namens wurde ihr zu groß, weil er nur der Name ihres Gatten war. Sara Hutzler sollte über Sara Kainz gestellt werden. Dieser unmögliche Kampf hat sie aufgerieben und hat ihre Züge entstellt. Sie hatte von den Früchten des Ruhmes gekostet und wußte nicht, daß nur ihre Natur das Außerordentliche an ihr war, nicht ihre Begabung. Schönheit und Freiheit waren ihre Lebenselemente. Arbeit kannte sie nur als die Zwangsarbeit im Kampf ums Dasein. Geistige Arbeit, die Arbeit an sich selbst, war ihr stemd und darum hat sie nicht gelernt, Schönheit und Freiheit mit dem Zusatz von Resignation zu genießen, ohne die das Leben mit all seiner Lust bald unerträglich werden muß. Die geistige Arbeit war diesem Kinde, das das Altern nicht lernen wollte, so fremd, daß die Erscheinung der schönen Sara auch in keine Beziehung gebracht werden darf zu den modernen Bestrebungen der Frauenemancipätion. Nicht ebenbürtig wollte sie den Männern werden, sondern ihre Herrscherin sein durch sinnliche Schönheit und durch ihre Freiheit der Form. So war Sara durchaus nicht typisch für die Decadence unseres Jahrhunderts, sondern in unser kraftloses Geschlecht wie hinübergeweht aus der Zeit der Renaissance, wo Schönheit und Freiheit noch was galten und wo auch die Kirche vor ihnen sich beugte. Fritz Mauthner. Brauchen die Juden Christenblut? Beurtheilt von D. A. Chwolson in Petersburg. Nach der 2. verbesserten und mit 3 Beilagen vermehrten Ausgabe aus dem Russischen übersetzt von JgnatzKaufmann (Kojetein). (Fortsetzung ans Nr. 25.) B e i l a g e I. Seite 2 habe ich bemerkt, daß Levison und ich weder in den Büchern, noch in den Handschriften und Schriftstücken, die den Jnquisiten in Saratow abgenommen wurden, das geringste Verdächtigende gefunden haben. — Sehen wir, was Ljutostanski über diese Bücher und Schriften fabelt. Auf Seite 99 lesen wir bei ihm das folgende: „Unter Mitwirkung des durchlauchtigen Bischofs von Saratow, Athanasius, wurde durch Prüfungen der Dorumente herausgestellt, daß der religiöse Kindermord bei den Juden nicht eine Fabel ist, als welche man ihn gewöhnlich darzustellen beflissen ist, sondern, daß endlich die Zeit gekommen ist, mit diesem Aberglauben als einer thatsächlichen Erscheinung sich abzufinden. Der damals durch den Priester Skinotvorzew zum Christenthume bekehrte Jude war der Schwiegersohn des im Jahre 1827 unausgesetzt in Saratow lebenden Rabbiners. Durch Vermittlung dieses neubekehrten Juden wurden sektirerische, mystische Bücher und andere bisher unbekannte Materialien zu Tage gefördert, aus denen der durchlauchtige Athanasius eine Notizensammlung zusammenstellte, aus welcher ersichtlich ist, daß unter allen in Rußland wohnenden jüdischen Sekten das Blut von Christenkindern von keiner einzigen außer der Sekte der Chassidim gebraucht wird. An dieser ganzen Erzählung ist kein wahres Wort. Ich wiederhole: Levison und ich haben sämmtliche Bücher, Handschriften, Schriftstücke u. s. w. genau durchsucht und in ihnen nicht das mindeste Verdächtige gesunden. Weiter lesen wir bei Ljutostanski, Seite 101: „Bei der Abzapfung des Kinderblutes muß ein Rabbiner oder im Falle, daß dieser verhindert wäre, eine ihm bekannte und von ihm mit Vollmacht ausgestattete Person zugegen sein. Eine solche Vollmacht hatte im Jahre 1828 der in Saratow seit dreißig Jahren wohnhafte Jude Jankel Juschkewitscher bei sich." Jedes Wort eine Lüge! Wir haben sämmtliche Documente gelesen und ich kann positiv behaupten, daß ein Document von dieser Art dort nicht vorhanden war. Auf eben derselben Seite führt Ljutostanski noch das Folgende an: „Aus Grund des allerhöchst bestätigten Journales des Ministercomites wurde der Commission zur Pflicht gemacht, unabhängig von der Untersuchung des incriminirten Faktums nach möglichster Thunlichkeit die Dogmen des religiösen Aberglaubens bei den Juden zu ergründen; dem letzteren Ziele arbeitete der Zufall in die Hand, indem über Erwarten an hundert hebräische, nicht censurirte Werke und eine Menge Schriften gefunden wurden, aus denen der durchlauchtigste Athanasius seine Excerpte zusammenstellte." Hiermit wird aus die schon zu Anfang dieser Broschüre erwähnte Commission, an der Levison und ich als Mitglieder betheiligt waren, hingedeutet. Unter den Büchern machten sich in der That einige nicht censurirte, d. h. solche, die im Auslande und daher selbstverständlich ohne russische Censur gedruckt worden waren, bemerkbar, aber nicht eines von all den Büchern war „censurwidrig" und ebenso unwahr ist die Entdeckung Ljutostanski's in der Hinsicht, daß aus Grund dieser Bücher und Schriften von dem durchlauchtigen Athanasius Excerpte zusammengestellt wurden; dieser hohe Kirchenfürst kannte nur die biblisch-hebräische Sprache, während ihm in rabbinischer Sprache verfaßte Bücher, wie die hier angedeuteten und current geschriebenen Handschriften überhaupt nicht zugänglich waren. Auf derselben Seite lesen wir noch weiter: „Vemerkenswerth wegen des Eindruckes auf Jankel Juschkewitsch, als sie ihm vorgezeigt wurde, ist die Übersetzung eines einzelnen