Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 27 (7.7.1893)
- Date
- 1893-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Oesterrrrchifche Wochrnfchrifl Seite 509 socialen Verhältnisse die besten des ganzen Landes sind. In > den anderen Bezirken gibt es dagegen, nach Hübner's statist. Tafeln Pro 1893, in der Kreishauptmannschaft Bautzen (unter 370.739 Gesammt- Einwohnern) 0 Juden pro 1000 Einwohner, in der Kreishauptstadt Zwickau (unter 1,310.238 Gesammt-Einwohnern) 1 Jude pro 1000 Einwohner. Dieser Theil des Königreichs, die Hälfte des ganzen Landes, müßte so ganz nach dem Herzen der Antisemiten sein: Hier gibt es so gut wie gar keine Juden, welche das Volk ausbeuten und bewuchern können, hier müßte die Bevölkerung in Ueberfluß schwelgen und Roth und Elend unbekannte Dinge sein!? Wie sieht es aber in der Thal in den Kreishauptmannschaften Bautzen und Zwickau aus, „wo der Jude nichts zu sagen hat"? Bekanntlich sind in diesen Districten Bergbau und Industrie fast ausschließlich zu Hause; nirgends aber im ganzen deutschen Lande gibt es eine so schlecht situirte und unzufriedene Bevölkerung als in den sächsischen Kohlengruben und in den sonstigen Industrie-Bezirken, namentlich im sächsischen Erzgebirge ist die Noth unter der arbeitenden Classe in Permanenz erklärt! Speciell über die Lage der sächsischen Spielwaaren-Jndustrie äußerte sich noch jüngst ein sächsischer Abgeordneter im letzten Reichstage wie folgt: „Ein weiteres Bild zu dem Capitel des Nothstandes liefert ein sächsisches Amtsblatt, das die Zustände in der Spielwaaren-Jndustrie schildert. Es wird darin constatirt, daß die Arbeiter dort nur von Kartoffeln und Brot leben. Ganze Familien verdienen nicht mehr als 4 bis 6 Mark pro Woche. Alles das stützt sich auf amtliche Quellen." Und für. diese jämmerlichen Zustände sollen, nach der Theorie der Antisemiten, die Juden verantwortlich sein, die dort — gar nicht vorhanden sind!? Das ist eben das Verwerfliche und Demagogische im Treiben der Antisemiten, daß sie dreist behaupten: an allem Unglück sind die Juden schuld! wenn die Kerle aus dem Lande gejagt sind, dann gibt es keine Noth und kein Elend! Nun, im gesegneten Sachsenland gibt es keine jüdischen Richter, keine jüdischen Beamten, geschweige jüdische Officiere und Minister, im ganzen Lande kommen auf 10.000 Einwohner 26 Juden, in Zwickau 1 auf 4000 und die Kreishauptmannschaft Bautzen ist gar ganz judenrein! Ist das Elend geschwunden? Das werden die Herren Ahlwardt, Zimmermann und Genossen nicht behaupten können, das möchten wir aber behaupten, daß, wenn man auf Sachsen hinweist, der Beweis erbracht ist, daß in judenreinen Ländern die Zustände nicht besser sind, als anderswo, daß daher die Theorie der antisemitischen Führer verwerflicher Humbug ist, wodurch die Bevölkerung (nur zu leicht geneigt, gewissenlosen Agitatoren, welche eine Besserung der jämmerlichen Lage versprechen, ein williges Ohr zu leihen) in leidenschaftlicher Weise aufgeregt wird und Unzufriedene züchtet, welche der Anarchie die Wege ebnen. Sara Rain;-Hutzler'). . Auf dem alten Schöneberger Kirchhof ist die schöne Sara bestattet worden, die vor etwa zwölf Jahren als Sara Hutzler in Berlin. auftauchte und dann als Gattin von Josef Kainz fortfuhr,. ihre starke Persönlichkeit gegen die übliche Form und gegen die allgemeine Lüge durchzusetzen. Die allgemeine Lüge bat bei Sara's Begräbniß wieder einmal ein großes Stück aufgeführt. Die jüdische Deutschamerckanerin war, als die Eheschließung mit Kainz auf kleine Hemmnisse stieß, zur evangelischen Kirche übergetreten, ohne jede innere Beziehung zum alten Dogmenglauben. Nun war sie aber ausgenommen, und nach ihrem Tode mußte sie nach der Sitte der fremden Confession begraben werden. Und ein evangelischer Geistlicher durste am Sarge der schönen Sara Rückkehr zum Kinderglauben predigen. Es war gewiß ein guter Geistlicher und einer von den besseren Rednern. Und so beweglich rühmte er den Unsterblichkeitsglauben vor einer Versammlung von Schauspielern, Literaten und Theaternärrinnen, daß man wohl glauben konnte, er erhoffe sich eine Wirkung vom Bibelsprüchlein am Grabe der schönen Sara. Die Bibel schien er genau zu kennen, aber nichts wußte er offenbar von Kainz und Sara Hutzler, von Amerika und Helgoland und der Bülowstraße und dem Kronprinzenufer und wie all die Stätten heißen, an denen Sara bald geweint hat in wirklicher Noth, bald gelacht in vermeintlichen Triumphen, bis sie'endlich unter lauter kleinen eingebildeten Siegen jammervoll gestorben ist. In der Trauerversammlung haben Viele die offenherzige Frau genau gekannt und manch Einer dürfte Lust gehabt haben, am offenen Grabe fich mit der Kirche um das Recht zu streiten, um das Monopol, den Menschen in ihrer tiefsten Ergriffenheit etwas zu sagen. Hamlet, der die conventionelle Trauer stört und den Degen zieht. Aus der Seele der Verstorbenen heraus hätte die Opfer- Handlung vollzogen werden müssen. Und ich fürchte, die richtigste Todtenfeier wäre gewesen, auch in der Trauerstunde im Namen der schönen Sara der sogenannten Wohlanständigkeit ins Gesicht zu schlagen. Mit geziemender Zurückhaltung möchte ich dieses Amtes walten. Wohlanständig haben sich die Berliner Zeitungen mit dem Tode der Frau abgefunden, die mehr als zehn Jahre lang dem unersättlichen Berliner Klatsch mehr Nahrung bot als Dutzende von anderen schönen Frauen zusammen. Der Berliner- Klatsch hat einen unersetzlichen Verlust erlitten, und er hätte durch aber- und abertausend Menschen an ihrem Grabe yertteten sein müssen oder durch einen Kranz von Lorbeeren und Rosen und ungeheuren Bändern und der goldenen Inschrift: „Der Berliner Klatsch seiner Sara." Sie nahm ihn nicht schwer. Wie sie jede Unwahrheit instinctiv herausfühlte, so hätte sie auch die kleinen und großen Nekrologe, die wohlanständig um ihr Wesen herumgingen, mit ihren herabsetzendsten Redensarten begleitet, aber sie Hütte sich nicht betrübt. Das war ja so charakteristisch für die schöne Sara, daß sie an wohlgeordneten Bürgerhäusern kein blank gescheuertes Fenster sehen konnte ohne die Lust es einzuschlagen. Sie karrikirte ihr eigenes Wesen, um die Wohlanständigkeit zu ärgern. Die Wohlanständigkeit war ihr eine unangenehme Madame, mit der sie gar nicht Freundschaft halten wollte. Sara war in ihrem unsteten Verkehr mitunter mit prüden, ja selbst mit bigotten Frauen befreundet, wenn diese Frauen sich nur als wahr erwiesen in ihrer Strenge. Wenn aber die Heuchelei sich in hohen dunklen Kleidern neben Sara setzte, dann konnte diese nicht anders, und wenn ihre Existenz in Frage kam; sie mußte ausholen und der geheuchelten Würdigkeit eins versetzen. Als Sara Hutzler nach Berlin kam, sprach man bald von ihr wie von einer Abenteurerin. Warum? Sie war schön und arm. Nach Schicksalen, die wohl nicht über die traurige Alltäglichkeit hinausgekommen sind, erschien sie in Europa mit zwei kleinen Kindern und mit einer großen Leidenschaft. Diese Leidenschaft war, für die Kinder zu sorgen und die Neige ihres schon damals durch Krankheit gebrochenen Lebens zu genießen. Was hat der Klatsch aus diesem Genießen nicht gemacht!, Die schöne Sara arbeitete, um Brot zu schaffen, und war nach der Arbeit selig, wenn man ihr sagte, sie sei nock schön, oder wenn sie in einer Berliner Droschke durch den Grunewald fahren konnte, oder wenn der Zufall eine gute Birne aus ihren Tisch niederfallen ließ. Sie war nicht genußsüchtiger als andere Menschen. Nur dankbarer, kindlicher und in ihrem kurzen Glück bezaubernder. Der Zauber ihrer glücklichen Stimmungen gewann jeden, der in ihre Nähe kam. Dieser Zauber berückte Männer, die was bedeuteten. Eine Fülle von Liebe wurde ihr entgegengebracht, und die darbende Frau, wenn sie sich die großen Augen müde geweint hatte, lachte wieder froh, wenn die Bewerber sie umdrängten, mit Rosen und Heiratsanttägen sie zu ersticken suchten. Von all den Freiern, von denen manche was bedeuteten, wie gesagt, hat keiner an ihrem Grabe gestanden. Und da muß sie wohl recht gehabt haben, wenn sie lachte mit ihrem kalten und doch wieder so vergnügten Lachen. Damals wurde Sara Hutzler eine Berufsschriftstellerin. Sie sah das Handwerk der Kunst in ihrer Umgebung und das Handwerk schien ihr leicht. Sie schrieb, ohne schreiben gelernt zu haben. So recht eigentlich beherrschte sie auch die deutsche Sprache nicht. Die Amerikanerin sah nur, daß man davon leben konnte, wenn man z. B. Kindergeschichten schrieb. Da schrieb sie Kindergeschichten und lebte davon. Sie hatte nie recht schreiben gelernt, aber nicht einmal das Lesen war ihre Sache. Sie war ganz naiv der Literatur gegenüber. Sie kannte ein paar amerikanische Kinder- *) Aus der „Nation".