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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-07-07 · 27 (7.7.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
27 (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 508 Veyerreichischr Wochenptzrist Nr. 27. denn immer vom Talmud haben? Und da wir gerade von Dienstboten reden, so möchten wir auf dem Wege einer allgemeinen Abstimmung in den Localitäten des „Deutschen Volksblatt" erfahren, wie die Mitarbeiter und Werkzeuge des Herrn Vergani,wie die Dienstboten des „Deutsch enVolksblatt" mit ihrem Brodherrn zufrieden sind. Bon seinen hervorragendsten Mitarbeitern ist er, so viel wir wissen, in Unfrieden geschieden und sie sind seine erbitterten Feinde geworden. Und doch bezahlte Herr Vergani die Dienstboten der Feder nicht immer mit , seinem Gelbe, sondern auch zuweilen mit dem Gelbe seiner ssMäubiger, freilich nicht mit der ganzen ausgelieheuen Summe, ..-'sondern nur mit einem kleinen Percentsatze. Was nun den Fall in Alt-Lichtenwörth in Niederösterreich betrifft, so ist es vom Standpunkte des Judenthums vollkommen gleichgiltig, inwieweit die Beschuldigungen gegen den Kaufmann Alexander Jsak eine tatsächliche Grundlage haben oder nicht. Es handelt sich um die angeblichen Aussagen eines dreizehnjährigen Mädchens, das jetzt in Wien bei der Schwiegermutter des Jsak untergebracht sein soll. Es ist nur merkwürdig, daß die competenten Behörden bisher noch nicht eingeschritten sind, und daß das Gendarmeriecommando in Alt-Lichtenwörth, wie das „Deutsche Volksblatt" selber berichtet, eine. Anzeige mit den Worten zurückwies: „sie mögen den Juden in Ruhe laffen, denn wenn etwas Wahres an der Sache wäre, würde das Mädchen schon selbst gekommen sein." Nichtsdestoweniger wird der Kaufmann Jsak als „jüdischer Mädchenhändler" bezeichnet, wird von „Schandthaten" im Plural gesprochen. Die ganze Geschichte wird mit einer Umständlichkeit vorgetragen, wie dies Leuten von geringem Bildungsgrade eigen ist. Wenn es dem Kaufmann Jsak recht ist, wir brauchen uns nicht zu ereifern. „Dienstbotenelend" — das ist ein weitschichtiges Capitel; es scheint aber, daß die Herrschaften unter Umständen noch mehr zu leiden haben als die Dienstboten. Will aber das „Volksblatt" einen Beitrag zum Dienstbotenelend haben, dann können wir mit folgendem Citat aus einer Rede des Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch aufwarten: „Ich habe hier einen Zeitungsausschnitt über eine Gerichtsverhandlung, welche gegen den antisemitischen Abgeordneten Dr. Böcke! von 5. Juni 1889 vor dem Landgerichte in Marburg stattfand. Dieser Dr. Otto Böckel hat sein eigenes Dienstmädchen wiederholt unter der Vorspiegelung der Ehe verführt und dann dem Elend überlassen. Es kam dann eine Alimentationsklage, wobei der Angeklagte nicht zur Verhandlung erschien, sondern sich durch seine Ehefrau vertreten ließ." Das „Deutsche Volksblatt" aber schreibt zu dem Falle Jsak: „Wohl in keinem Eheleben, allerdings christlicher Ehepaare, dürfte es vorgekommen sein, daß die Frau den Mann, der sie betrog, noch dem Schutze der eigenen Mutter anempfahl." Das „Volksblatt" bekennt da eine Unwissenheit in Bezug auf historische Thatsachen und sociale Vorkommnisse in solchem Grade, daß wir fast an Heuchelei glauben möchten. Denn Otto Böckel , ist derzeit Obmann der antisemitischen Fraction im neuen deutschen Reichstag! Ist der Scandalproceß in St. Pölten, wo die Therese Meier ihre eigene Tochter zum Laster verleitet hatte und eine Anzahl der angesehensten Bürger vor Gericht stand, dem „Volksblatt" ganz aus dem Gedächtniß geschwunden. Ist St. Pölten nicht talmudfrei, ist es nicht eine antisemitische Musterstadt? In Braunschweig wird der Hausvater des Rettungshauses zu St. Leonhard, Friedrich Bangemann, zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. Der Verbrecher hat an zahlreichen Zöglingen seiner Anstalt unzüchtige Handlungen verübt. In Korneuburg wird auf die Aussage von Schulmädchen hin ein Cooperator und Ordenspriester zu drei Jahren schweren und verschärften Kerkers verurtheilt. Tirol macht keine Ausnahme, der Präfect einer geistlichen Erziehungsanstalt in Feldkirch und ein geistlicher Gymnasialprofeffor und ehemaliger Redacteur der „Tiroler Stimmen" können wegen Verbrechens der Schändung der gerichtlichen Strafe nicht entgehen. In Dresden erschießt sich ein antisemitischer Landtagsabgeordneter, weil seine Verhaftung wegen eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit bevorsteht. Genug von diesen Beispielen. Im Punkte der Menschlichkeit und Sittlichkeit genügt das Judenthum den strengsten und idealsten Anforderungen. Hier lasse man uns ungeschoren, und wenn Verirrungen bei Juden Vorkommen, so geschieht es, weil sie von der Sitte der-Väter sich entfernt und fremde Sitten angenommen haben. Das fehlte noch, daß der Sammelherd der jede höhere Sittlichkeit verletzenden Anschauungen, daß der Antisemitismus sich die Functionen eines Sittengerichts anmaßte. Es handelt sich um' eine Unsittliche Verstärkung der antisemitischen Organisation. Die Dienstboten werden gegen die jüdischen Herrschaften gehetzt: die Dienstboten, mögen sie auch persönlich darunter leiden, sollen Werkzeuge in den Händen des Antisemitismus sein. Und wie leicht ist nicht eine unwissende Magd zu einer Aussage verleitet und wie leicht läßt sich da nicht eine Anklage schmieden? Zu diesem Zwecke wird die geheime Polizei des Antisemitismus organisirt und so erklärt sich die Teilnahme des „Deutschen Volksblatt" für das „Dienstbotenesend". Drr Antisemitismus im Königreiche Sachsen. Die Ueberrcschungen der letzten Reichstagswahlen liegen dem deutschen Bürgerthum schwer in den Gliedern. Das Emporschnellen der Socialdemokraten einerseits und die plötzliche Ausbreitung des entfesselten Antisemitismus anderseits hat überall die schwersten Besorgnisse geweckt.und das Bürgerthum, welches bisweilen mir der Reaction kokettirte, aus seiner Ruhe aufgescyeucht. Die Conservativen ivurden van der Demagogie, die sie selbst entfesselt hatten, verschlungen, und so hat es denn gewissermaßen symbolische Bedeutung, daß Stöcker nicht in den Reichstag gelangt; er ist in Siegen unterlegen, während Ahlwardt zweimal gewählt worden ist; der ist für die antisemitische Agitation eben von unübertroffener Leistungsfähigkeit — noch leistungsfähiger als sein Vorläufer Stöcker. Die Bewegung tritt damit in ein neues Entwicklungsstadium. Die „Kölnische Zeitung", welche jahrelang die antisemitischen Liebhabereien pflegte, gelangt nunmehr dazu, die Staatsgewalt gegen die antisemitische Demagogie anzurufen: „Eine entschiedenere Haltung der Staatsgewalt gegenüber der antisemitischen Bewegung ist unbedingt geboten, die verführten Wählerschaften glauben da und dort durch die Wahl eines antisemitischen Abgeordneten der Regierung einen besonderen Gefallen zu thun." „Der Antisemitismus ist, das hat er erst jetzt wieder gezeigt, eine durchaus culturfeindliche, dem Socialismus die Ernte vorbereitende Bewegung." „Die nahe Verwandtschaft von Antisemitismus und Socialismus ist bekannt und schon oft hervorgehoben worden, diejenigen, welche darüber am besten unterrichtet sein können,. die Socialdemokraten, geben dies unmittelbar zu rc." „In Sachsen," so schreibt das genannte Blatt weiter, „ist es jetzt dahin gekommen,'daß, wenn nicht die bürgerlichen Parteien die letzten Anstrengungen machen, das Land nur zwischen den Antisemiten und Socialdemokraten zu wählen hat. Aehnlich dürfte sich die Entwicklung aber auch in den nichtsächsischen Wahlbezirken gestalten,'welche die Antisemiten erobert haben, in Gießen soll dies -7unglaublich —' nur mit Hilfe jüdischer Wähler möglich gewesen sein. Es ist deshalb Sache der Gesellschaft und der Staaten, dieser Ausbreitung des Antisemitismus die volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und einen ernsten Versuch zu machen, ihn zu bekämpfen." Es ist die „Köln. Ztg.", in welcher diese Sätze zu lesen sind. Die starke Zunahme der antisemitischen Stimmen im Königreich, Sachsen — von 4788 im Jahre 1890 auf 97246 im Jahre 1893 — erweckt allgemeines Nachdenken!. Wollte man aus diesem Wahlresultat einen Schluß ziehen, so sollte man meinen, daß die sächsischen Lande von Juden überschwemmt sind, welche daselbst fürchterlich Hausen, die christliche Bevölkerung in. der grausamsten Weise ausbeuten und an aller Noth und an allem Elend Schuld sind. Deshalb der Ausbruch des allgemeinen Unwillens, gekennzeichnet durch 20fache Vermehrung der antisemitischen Stimmen!? . Prüft man aber die Verhältnisse näher, so begreift man in der Thät nicht, woher dieser intensive Judenhaß im Königreiche Sachsen stammt; ist doch die Zahl der Juden so klein, daß selbst der beschränkteste Antisemit nicht wird behaupten können, daß die paar tausend Juden unter 3.502.684 Einwohnern im Stande sein könnten, auf das Schicksal des ganzen Landes bestimmend einzuwirken. Nach der neuesten Ausgabe des „Handwörterbuches dev Staatswissenschaften" kommen nämlich' auf 10.000 Einwohner im Königreiche Sachsen nicht mehr als 26 Bekenner des jüdischen Glaubens, wovon die meisten in den Kreishauptmannschaften Leipzig und Dresden leben, wo bekanntlich die allgemeinen

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