Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 498 Orsterreichifitze Wochenschrift Nr. 26 errichtete und seine Aufgabe darin suchte, den Deutschen Schulderem möglichst zu schädigen. Mau hielt es dem damaligen altersschwachen Gemeinderaths-Präsidium zugute, daß diesem letzteren Hetzvereine die Volkshalle zu einer Versammlung überlaffen wurde. Wenige Tage'nach der von dem alten Gemeinderathe geübten Connivenz gegenüber dem Schulverein für Deutsche wurde dieser Verein behördlich aufgelöst. Es ist ein gemeinsames Criterium aller antisemitischen Verbindungen, daß sie sammt und sonders ihre gefährliche- Waare mit einer schönen, leuchtenden Flagge, einem hellklingenden Namen decken; und es ist eine beklagenswerthe, unheilvolle Schwäche unserer liberalen Parteien in- und außerhalb des Gemeinderathes, daß sie ihren Liberalismus zu bethätigen vermeinen, indem sie Duldsamkeit gegenüber der Unduldsamkeit üben und selbst dann noch es an der nöthigen Energie gegenüber der Unduldsamkeit fehlen lassen. Der Sonntags-Leitartikel Ihres geschätzten Blattes hat-in Gemeindekreisen lebhaftesten Wiederhall gefunden. Ja wohl! Die liberale Majorität im Gemeinderathe muß rasch umkehren und zur Besinnung kommen. Die Gemüthlichkeit, mit welcher sie an allen Altären opfern will, wird nur zur Folge haben, daß unsere conimunalen Generale von ihrer Armee verlassen werden." Arische Tugendmuster. In Wien ist Louis Groschl . der Held des Tages und seine Thaten und Abenteuer bilden den.Inhalt aller Gespräche. Es ist höchste Zeit, daß die Volkssänger sich dieses würdigen Namens bemächtigen, um ihn in Romanzen und Balladen zu verherrlichen. Die berühmtesten Helden Rinaldo Rinaldini, Fra Diavolo, Rozsa Sandor, Schinderhannes u. s. w. werden durch ihn in den Schatten gestellt. Er ist glücklicherweise ein Arier und er schändet somit die lange Reihe sagen- und geschichtsberühmter Räuber und Diebe nicht, in der auch nicht ein einziger Jude figurirt. Und man muß zugeben, Louis Groschls Glück und Ende ist günz so, wie man es für einen Volksroman braucht. Ein Paar Manschetten führen zur Entdeckung des Einbrechers und der von ihm ausgeführten Diebstähle. In einem Tagebuche verzeichuete er seine Thaten vermutlich, um einstens seine Memoiren schreiben zu können. Die von ihm gesammelten Objecte, die Früchte seiner kühnen Unternehmungen und die Werkzeuge, mit denen er drei Jahre hindurch arbeitete, bilden ein förmliches Museum. Und der Mann hatte einen großen Zweck im Auge; er wollte reich werden, ein Hausherr, ein arischer Hausherr. Dann hätte man ihn in den Gemeinderath gewählt, vielleicht auch in den Stadtrath und er hätte schöne antisemitische Reden gehalten. Denn jeder Antisemit kann von Louis Groschl das stolze Wort sagen: „Eristein Arier". Louis Groschl wird sicher in Gemeinschaft mit berühmten Antisemiten dafür eintreten, daß man die biblische Judenmoral endlich aus der Welt schaffe. Waren denn Raub und Diebstahl nach der Mythologie der Arier gar so schreckliche Dinge? Haben nicht Götter selbst Raub und Diebstahl geübt? Sind die Räuber in vielen arischen Ländern nicht bis zur neuesten Zeit Gegenstand eiues populären Enthusiasmus? Und die Verbrechen des Anarchismus. Raub und Diebstahl, sind sie nicht auch ein Eigenthum arischer Rasse? Nur die Bibel hat dieses kategorische: „Du sollst nicht-stehlen, du sollst nicht morden, du sollst dir nicht gelüsten lassen nach deines Nächsten Gut." Louis Groschl hat volles Recht sich über die Verjudung .31t beklagen und namentlich über die Judenmoral. Nun, indem wir einen Vorbehalt vorausschicken, erwähnen wir an dieser Stelle den Namen des ehemaligen Reichstagsabgeordneten und Bezirksrichters N e d e l l a. Es wird uns nicht bestallen, diesen Mann, der einer krankhaften Verirrung zum Opfer fiel, mit jenen Verbrechern zu verwechseln, bei denen Habgier das leitende Motiv bildet und die jeden Rechts- und Sittlichkeitsbegriff und jedes Ehrgefühl von sich abgethan haben. Aber die Judenmoral kann man auch da nicht umgehen. Nur in der Bibel war die strenge Voxschüft enthalten, daß dort, wo die Sinnlichkeit ruft, ,die Gesetze der Natur nicht umgangen werden dürfen. Die Sitten und Gebräuche bei den heidnischen und namentlich auch arischen Nationen waren ganz anderer Art. Und Nedella war in Wien, er bekleidete ein wichtiges Amt, er war conservativer Gesinnung, besaß das Ver-v trauen einer Partei und eines Wählerkreifes und er war, wenn auch kein ausgesprochener Antisemit, so doch jedenfalls kein. Judenknecht. Und nun steht Nedella mit 43 Mitschuldigen vor* dem Gerichte in Troppau, wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit, die er seit 1877 begangen hat. In Wirklichkeit wurden 143 Mitschuldige einvernommen. Auch Nedella führte ein Tagebuch in zwei dicken Bänden. Wenn ein Jude als Richter und Abgeordneter Hauptangeklagter in einem solchen Skandalproceß wäre, was würden da die Antisemiten sagen? Doch es geht eine Notiz durch die Blätter, das Polizeicommissariat Leopoldstadt hat eine Gaunerbande entdeckt, welche Erpressungen und Verbrechen gegen die Sittlichkeit verübten. Als die Hauptschuldigen werden der Buchhalter Pommersheim und der achtzehnjährige Lazar Wallach genannt. Das „Deutsche Volksblatt" druckt die Notiz ab wie alle anderen Blätter, fügt aber den Namen ein Fragezeichen bei, das soll heißen: Sind die Betreffenden, sind Pommersheim und Wallach nicht Juden? Zur Beruhigung Bergaui's sei bemerkt, die Betreffenden sind keine Juden. Aber was soll das Fragezeichen überhaupt; bei Loüis Groschl, bei Nedella und seiner Compagnie von Mitschuldigen in der Stärke von 137 Mann, da ist jeder Zweifel ausgeschlossen, da ist echtes unverfälschtes Arierthum. Und welche Geschichten wird das Tagebuch Nedella'» in zwei starken Bänden erst erzählen? Welche Summe von Gemeinheit wird hier nicht eingeschlossen sein? Wir sind Schneider unter uns, riefen die Antisemiten bei der stürmischen Versammlung der Schneidergenossenschaft. Und so darf das „Deutsche Volksblatt" beim Anblick der Verbrecherstatistik, bei den Berichten aus dem Gerichtssaal und bei den Sensationsnachrichten der Localchronik in starkem arischem Bewußtsein, ohne jedes Fragezeichen, die stolzen Worte niederschreiben:. „Wir sind Schneider unter uns" Wien. Fürsterzbischof Kohn ließ sich, wie die „Ostrauer Zeitung" meldet, über die beiden Ritualmordproceffe, welche vor dem Kreisgerichte in Ungarisch-Hradisch verhandelt worden waren, Bericht erstatten. Er äußerte sein tiefstes Bedauern darüber, daß seine Diöcese zum Schauplatze, derartiger, von sündhaftem Fanatismus eingegebener Verleumdungen geworden sei und drückte die Erwartung aus, daß in Hinkunft der confessionelle Friede in der Diöcese von so häßlichen und gefährlichen Störungen bewahrt bleiben werde. Man meldet aus Ungarisch-Hradisch, 23. Juni. Katharina Schönbaum, welche vorigen Freitag zu fünfzehn Monaten schweren Kerkers verurtheilt worden und bis gestern auf freiem Fuße war, hat bei mehreren Ädvocaten, unter Aufrechterhaltung aller B schuldigungen gegen Tandler, um deren Intervention zur Wiederaufnahme des Verfahrens angesucht. Die verlogene Person fand aber überall taube Ohren und wurde abgewiesen. Gestern Abends meldete sich nun die Schönbaum zum Strafantritte. Sowohl Katharina Schönbaum als auch Karoliue Schnula werden. zur Abbüßung ihrer Strafen an die Weiber- Strafanstalt Wallachisch-Meseritsch abgegeben werden. Aus Leipzig wird berichtet: Dr. Tesdorpf, der Schriftleiter de: „Dtsch.-Soc.Blätt.", wurde,wieunsernLesernerinnerüch sein dürfte, am 18. Februar d. I. vom Schöffengericht Leipzig wegen Beleidigung des Llcentiaten Gräbner in Berlin, geschehen durch den Abdruck eines Artikels aus der Feder des früherenJuden - Missionärs Paulus Mey er,"„Wölfe im Schafsfell," zu2 Monaten und eine Woche Gefängniß verurtheilt. Auf erhobene Berufung hat das Landgericht Leipzig die Strafe bezüglich eines .'Punktes in 70 M. mngcändert und Dr. Tesdorpf im übrigen freigesprochen, da dieser nachweifen konnte, daß der betreffende Aussatz wider s e inen Willen veröffentlicht sei,. Wien. (Zu den W a h l e n i n D e n t s ch l a n d.) Die Strafkammer des Berliner Landesgerichtds verurtheilte Dienstag denzweimalgewählten Ahlwardt'wegen Beleidigung der gesammten preußischen Beamten, insbesouders derjenigen des Justizressorts, begangen durch Die von ihn in Essen gehaltene Rede, zu drei Monaten Gefängniß.' Ludwig Bamberger schreibt in einem Artikel „Einige Betrachtungen": „Das'Thema ist ja unerschöpflich und wird, je nach den Standpunkten, noch ins Unendliche variirt werden. Um nur Eines, als besonders interessant hervyrzuheben: wie bedeutungslos haben sich die Ergebnisse sensationeller Parlamentsverhandlungen für die Stimmung der Wählerschaft erwiesen! Wie schien Ahlwardt abgethan! Wie bestand mau, besonders von conservativer und ultramontaner Seite, darauf, ihm einen gründlichen Proceß zu machen, um ihm allen Boden unter den Füßen abzngraben. Jetzt lacht er über den einstimmigen Reichstagsbeschluß, wie einst die schöne-Madame Ninon über das schöne Billet des Monsieur Lachatre! Und der große Tag Eugen Richter'», als er Bebel und seinen Zukunftsstaat zu Staub gerieben hatte unter dem dröhnenden Beifall der Rechten und der Mitte! Dem Klügsten wie dem Dümmsten muß sich da die Frage' aufdrängen, was denn in Wahrheit über die Stimmungen der Menge entscheide? Jedenfalls alles eher als die Logik! Und solche Lehren werden ihre bedenklichen Früchte tragen. Es dürfte gar nicht überraschen, wenn die, welche nach den Strafgerichten 'so heftig von Ahlwardt abzurücken eilten,