Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Oeürrreichilrtze WocherrfchrM 'Seite 407 Nr. 26 — 5 Uhr Nachmittags. Bei dem stathzefundenen D auer v er l eu m d en, an welchem sich sämmtlicheDelegirten betheiligten, blieb der Sieg unentschieden; aus dem darauf folgenden D i st au zv e r l eu m d e n ging Paasch (Berlin) als Sieger hervor. Er gelangte bis nach China. Ein donnerndes „Verkommenes Individuum!" lohnte den Meister, der leider nicht im besten Zustande durchs Ziel ging. — 7 U h r Nachmittags. Hochinteressant war das ausschließlich von den Meistern veranstalteteWettv erl e u m d e n. A h l w a r d t hatte Millevoye zwanzig Abgeordnete, dem Marquis de Mores den Schulchan Aruch, S barbaro einen Minister vorgegeben, trotzdem siegte er mit Leichtigkeit über sämmtliche Mitbewerber, da er, nachdem die Anderen bereits ermüdet waren, diese selbst zum Gegenstand seiner Verleumdungen machte. Der Preis bestand in einem Lorbeerkranze. — 12 Uhr Nachts. Die Theilnehmer des Congresses defilirten soeben vor Ahlwardt, der auf einem erhöhten Sitz Platz genommen hatte, wobei ihm Jedermann 20 Pfennige in die Hand drückte. Den Schluß des Tages bildete das Verbrüderungsfest der Verleumder. Manuel Schnitzer. Stimmen aus dem Publikum. Wien, 27. Juni 1893. , Löbliche Nedaction! Ersuche höslichst um gütige Beantwortung folgender Frage: Ist ein Religionslehrer dazu da, um das religiöse Gefühl seiner Schüler zu wecken, oder um ihnen die jüdische Religion zu verleiden? Ich stütze meine Frage auf folgende Thatsachen: Im Schuljahr« 1892/93 wurde ein Schüler der VH. Classe am k. k. Staatsgymnasium im 2. Bezirke confessionslos, tveil ihn sein Religionslehrer, Herr David Graubart, durchfallen lassen wollte. Der erwähnte Schüler, namens Feig, der sonst in allen Gegenständen gut stand, trat erst nach der Versicherung des obengenannten Lehrers, daß er durchkommen werde, zu dem Glauben seiner Väter zurück. Diese Thatsache ist an und für sich geeignet, auf den Religionslehrer ein eigenthümliches Licht zu werfen, um wie viel niehr aber, da dieser Fall nicht vereinzelt da steht, sondern sich in besorgnißerregendec Weise häuft. Heuer sind nämlich 2 Schüler der VII. Classe an derselben Anstalt im Begriffe, in Religion durchzufallen. WeiM diese Schüler, (namens Berliner und Brüll) in allen anderen Gegenständen entsprochen haben, ist es nicht absonderlich, daß sie es gerade Herrn Graubart nicht recht machen können? Im Bewußtsein des erlittenen Unrechtes wollten sich beide Schüler Konfessionslos erklären lassen, nicht aus Leichtsinn, sondern um nicht ein ganzes Jahr, ja um nicht-die Existenz zu verlieren. Als der Director aber diesen beiden Schülern erklärte, daß ihr Entschluß nichts nütze, da die dritte Censurconferenz vorüber sei, erregte dies unter sämmtlichen Schülern einen solchen Sturm, daß alle den Entschluß faßten, beim ersten „nicht genügend", das irgend ein Schüler ungerechter Weise in Religion erhalten sollte, insgesammt sofort confessionslos zu werden. Dazu erwähneich noch, daß in der VI. Classe ein armer Schüler, namens Adler, bloßin Religion im ersten Semester durchfiel und in Folge dessen die Schulgeldbefreiung verlor. Ferner ist ein Schüler der VII. Classe am Rasumofsky-Gymnasium seit dem vorigen Schuljahre bis auf den heutigen Tag confessionslos. (Auch an dieser Anstalt unterrichtet Herr Lehrer Graubart.) Wie ist es nun zu erklären, daß die jüdische Religion, ein j ü di scher Religionslehrer Ursache werden, daß sich junge Leute von der Religion loslösen, in welcher sie geboren lind erzogen wurden? Wir sind alle mit Leib und SeeleJuden, und wollen für das Judenthum sterben, aber uns deswegen die Existenz vernichten lassen, weil wir nicht wissen, daß das 7. Gebot außer: „Du sollst nicht ehebrechen", heißt: „Du sollst Deinem Nebenmenschen nicht an seinem Eheglück schaden" (??) (wie wir das 7. Gebot nach dem Befehl des Herrn Lehrers Graubart citiren müssen), das wollen wir nicht, denn das verbietet uns unser Selbsterhaltungstrieb. Chisdai ben Jsaks Werke werden wir nicht lesen, und haben wir nie gelesen. Müssen wir also deswegen durchfallen, weil wir einen oder den anderen Titel seiner Werke vergessen haben? Alle übrigen Herren Professoren sind duldsam, gerade der Religionslehrer, dessen Pflicht es ist, duldsam zu sein, ist es nicht! — Der Dank zahlloser Familienväter, welche ihre Söhne im angeborenen Glauben gerne erhalten wollten, wird der hochlöblichen Redaction zutheil werden, wenn sie durch Aufnahme und Veröffentlichung dieser Zeilen höheren Instanzen die Augen öffnen wollte. Nachschrift der Redaktion: Der Einsender dieser Zuschrift ist der Redaction der „Oesterr. Wochenschrift" bekannt und wir wolleil bestätigen, daß auch von vielen anderen Seiten über den genannten Religionslehrer ähnliche Klagen uns zugekommen sind. OorresMäenLkn. Wien. Der Riese vor dem Wiener Rathhaus. Die Philister duldeten nicht, daß Simson in ihr Freuden-, Götter¬ und Rathhaus trete, aber der Riese rüttelte an den Säulen und Stadtrath und Gemeinderath waren unter den Trümmern begraben. Der Stadtrath von Wien hat mit einer nichtssagenden Motivirung es den Socialdemocraten verweigert, eine Volksversammlung in der Volkshalle des Rathhauses abhalten zu dürfen. Auch ohne daß wir es sagen, wird man überzeugt sein, daß diese Verweigerung, in der sich eine kleinliche Gesinnung mit hinreichender Deutlichkeit ausdrückt, auf das Schicksal der socialistischen Bewegung nicht den geringsten Einfluß zu üben vermag. Der Riese steht vor dem Thore. Aber die Herren Stadtrüthe wollen eben Abends an ihren Stammtischen im Wirthshause sich keinen Verdruß zuziehen. DieSocialisten haben überhaupt keinen Rechtsanspruch, denn Sie sind erstlich keine Haltsherren und zweitens keine Antisemiten. Die Socialdemocratie in Oesterreich verstößt zwar in ihren Principien nicht gegen die Staatsgrundgesetze und verletzt nicht die Rechte anderer Bürger, während der Antisemitismus eine Auflehnung gegen die 'Staatsgrundgesetze bedeutet und Bürger des Staates in einer Weise beschimpft und angreift, welche allen Gesetzen Hohn spricht. Aber oas schadet nichts. Im Stadtrath werden die Juden hinausgeschmisseu, auch wenn man ihnen nicht den geringsten Vorwurf machen kann. Im Stadtrath wurde durch die Wahl Dr. Luegers an Stelle eines Juden dem Antisemitismus ein Triumph bereitet, wie er noch keinen gefeiert hat. Die ungebundenste Agitation, die maßloseste Judenhetze mußte im Gemeinderathe ihren Lohn finden, dem Verdienste seine Krone und daher die Wahl Dr. Luegers. Der Stadtrath hat ferner einen Beweis einer gerechten, echt sittlichen, liberalen, aufgeklärten, humanen und fortschrittsfreundlichen Gesinmilig dadürch gegeben, daß er seiner Zeit dem Vereine „Kauft nur bei Christen", sonst auch „Die christliche Familie" genannt, Volkshalle und Park zu einer Versammlung und einem Feste überließ, obwohl dieser Verein den Zweck verfolgt, jüdische Bürger und Steuerzahler dieser Stadt in ihrem Lebenserwerb zu schädigen, und obwohl bei der Versammlung so gegen die Juden gesprochen wurde, als ob sie überhaupt des gesetzlichen Schutzes entbehren würden. Das ist gegen die Juden erlaubt, obwohl sie zu allen gemeinsamen Anstalten der Stadt und zu allen Wohlthätigkeitszwecken mehr beitragen, als in ihrer Pflicht liegt. Die Antisemiten tverden begünstigt, weil sie die Werkzeuge der Reaction sind: die Socialisten werden abgewiesen, weil sie der Reaction nicht dienen wollen. Aber der Riese steht vor den Thoren. Sogar die „Neue Freie Presse" hält es für angemessen, dem Kryptoantisemitismus. wie er im Gemeinderathe und Stadtrathe nistet, die Maske vom Gesicht zu ziehen. Die Zeit wird bald genug über diese Wölfe im Schafspelze zu Gericht sitzen, deren Schmeicheleien widerlicher sind als die Insulten des offenen Antisemitismus und deren Charakterlosigkeit noch verderblicher erscheint als jene leidenschaftliche Agitation, die mit dem einen Fuß im Zuchthause, mit dem anderen im Narrenhause steht. Die „N. F. Pr." erhielt folgende Zuschrift: „Die seitens des Wiener Stadtrathes verfügte Ueberlassung der Volks- Halle und des Rathbausparkes zu einem Feste des „Christliche Familie" benannten Vereines erinnert an ein ähnliches Vorgehen des vormaligen Gemeinderathcs von Alt-Wien gegenüber dem bestandenen Schulverein für Deutsche. Sowie der erstere Verein ein antisemitisch-clericaler ist, dessen Tendenzen sich wahrlich nicht mit seinem Namen decken, ebenso war bekanntlich der Schulverein für Deutsche ein antisemitisch deutsch-nationaler Hetzverein, der während seines mehrjährigen Bestandes nicht Eine Schule