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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-06-30 · 26 (30.6.1893) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
26 (30.6.1893)
Date
1893-06-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 496 Orflerreichifche Wortzerrschrtfl SFhr.r 26 frage. Brelay erklärt, er habe sehr gute und sehr fleißige Freunde unter den Juden, die er liebe und denen er gern nachstreben möchte. Er habe eine Vorliebe für achtbare Minoritäten und wäre er Lei seiner Gleichgiltigkeit in Glaubenssachender Versuchung eines Religionswechsels zugänglich, so möchte er gern dem jüdischen Bekenntnis beitreten. Leroy-Baulieu, der nun das Wort ergreift, weist nach, wie die gegen die Juden gerichteten Borwürfe voll widersinniger Widersprüche sind. Man tadelt sie wegen ihres Reichthumes, und doch steckt die größte Mehrheit ihrer Angehörigen im tiefsten Elend. In Frankreich schilt man sie wegen ihrer Capitalskrast, in England und Amerika wegen ihrer Armuth, die mit geringem Lohn sich begnügt und den Arbeitsmarkt verdirbt. Redner stimmt mit Brelay darin überein, daß der Judenhaß eine Form des Protectionismus sei. Was die besondere Eignung der Juden für den Handel betreffe, so darf nicht übersehen werden, daß der Jude ein künstliches Product der Gesetze sei, und daß die Freiheit und Gleichheit ihre nivellirende Wirkung auf ihn nicht verfehlen werden. Redner schließt mit dem Satze, daß der Antisemitismus den Socialismus bedeute. Profeffor Worms schickt voraus, daß er Jude sei. Seine Glaubensgenoffen wirken nicht allein auf dem Gebiete des Handels, sie widmen sich auch der Philosophie, der Jurisprudenz. derMedicin, der Literatur und der Kunst. Worms glaubt, daß der Judenhaß sich gegen die jüdische Philosophie richte, welche so hoch und so weit sei, und welche jegliche Tyrannei und alle Borurtheile so entschieden bekämpfe. Sie sind die Sündenböcke des Fortschrittes und dieses Bewußtsein mag sie wohl hii-wegtrösten über alle Feindseligkeiten, denen sie ausgesetzt sind. . Der Vorsitzende de Molinari schließt die Debatte mit der Bemerkung, es freue ihn, in dieser Gesellschaft, die den liberalen Ueberlieserungen treu anhängt, so energische Proteste gegen eine Bewegung gehört zu haben, die auch in seinen Augen nur eine der schlimmsten Formen des Protectionismus ist. Vom ersten internationalen Verleumder-Congrrtz?) So ist er endlich gekommen, der Tag, an welchem die berühmtesten europäischen Meister der öffentlichen Berleumdungskunst unter den Äugen der ganzen Welt, eiserne Stirn gegen eiserne Stirn, einander gegenüberstehen sollen, um sich kennen, lieben und achten zu lernen und den lang geplanten großen Bund zu begründen, der berufen ist, einzig und allein durch die Kraft der Verleumdung, di; einheitlich organisirt wird, die Gesundung aller Verhältnisse herbeizuführen. Üeber diesen hochbedeuisamen Eongreß liegt mir eine Anzahl telegraphischer Nachrichten vor, die ich nach der Reihenfolge ihres Eintreffens hier veröffentliche: 24. Juni, 12 Uhr Nachts. Bei der soeben stattgehabten Vorberathung, an der unter Anderen Marquis de Mores Millevoye (Paris), Paasch (Berlin), Sbarbaro (Rom), Mechaniker Schneider (Wien) u. Mister Farguharson (London) theilnahmen, wurde beschlossen: Die Mitglieder des Congreffes haben ihre Zustimmung zu den Ansichten der Redner durch die Rufe: „Pfui!" „Gemein!" „Verkommenes Individuum!" „Verleumder!" je nach dem Grade der Begeisterung, auszudrücken. Als Mißbilligung gelten die Zurufe: „Anständig!" „Hochanständig!" „Ehrenhaft!" — „Wahrheitsapostel" bezeichnet den tiefsten Ekel, mit dem man die Ausführungen oppositioneller Redner johlend zurückweist. Sämmtliche hierauf bezüglichen Anträge wurden mit Acclamation angenommen. Mechaniker Schneider nennt diese Beschlüffe geradezu „erzieherische Maßregeln für gewerbsmäßige Verleumder." Ahlwardt, zu dessen Empfang großartige Vorbereitungen getroffen sind, ebenso Deroulede, der in Begleitung Ducrets kommen soll, werden stündlich erwartet. 24. Juni, 1 Uhr Nachts. Ungeheueren Jubel erregt ein Telegramm des für morgen angekündigten Ahlwardt. Mit dem ihm eigenthümlichen Humor drahtet dieser Meister, mit einer glücklichen' Änspielung aus die letzten Erfolge seiner Verleumdungskunst: „Geh' deN—Wählern zart entgegen — Du gewinnst sie keinesfalls; — Willst Du siegen: frech, verwegen — Sei, ein Meister des Scandals — Doch ist Dir daran gelegen — Daß Dir Wink' des Lorbeers Duft: — Lüg', verleumde, sei ein *) Aus dem „Berliner Tagblatt". Schuft!" — Millevoye, der sich noch ein wenig angegriffen fühlt, hat sofort begonnen, diese Verse ins Französische zu übersetzen. Bei seiner Sachkenntniß dürfte ihm das nicht schwer fallen. 25. Juni, 9 Uhr Morgens. Ahlwardt ist soeben angekommen. Die Begeisterung unbeschreiblich. Der Einzug glich einer Triumphfahrt. Die Stadt widerhallte von den festgesetzten Zustimmungsrnfen.. Ein Individuum, welches dem vergötterten deutschen . Meister „Ehrenhaft!" zubrüllte, wurde fast in Stücke gerissen, trotzdem er behauptete, dieses schändliche Wort nur gebraucht zu haben, um sich als Verleumd er zu legitimiren. Derouledes Ankunft erregte viel weniger Sensation, was ihn jedoch nicht abhielt, die Verle nndung Deutschlands sofort in Angriff zu nehmen. Aufsehen macht ein in Berlin aufgegebenes Telegramm ohne Unterschrift. Es lautet: „Ich schwöre, daß ich ein Feind Eurer Bestrebungen bin." Wissende behaupten, daß dieser gedrahtete Schwur nichts Anderes sei, als ein scherzhafter Me i ne i d, doch verlautet nichts Bestimmtes über die Persönlichkeit des Absenders. Weitere Depeschen sind angelangt von Rohling (Prag): „Im Geiste bei Euch!", Lueger (Wien), F ü r st A l o i s Liechtenstein (Wien) und D r u m o n t (Paris.) 25. Juni, 9 Uhr 35Minuten. Es wird bekannt, daß die Programme auf vom Mechaniker Schneider (Wien) eigenhändig gefälschte Stimmzetteln gedruckt sind. Die Idee findet Anklang.— Der Congreß ist soeben feierlichst eröffnet worden. Marquis de Mores hielt die Ansprache, die in den Worten. gipfelte: „Die Verleumdung, wie wir sie üben, kennt keine Grenzen, deshalb war es ein naheliegender Gedanke, den Congreß zu einem internationalen zu machen!" (Allgemeine Pfni- Rufe und Beglückwünschung des Redners.) 25. Juni, 10 Uhr 15 Minuten. Die Wahl'des Vorsitzenden stößt auf unerwartete Schwierigkeiten. Es bewerben sich um den Präsidentensitz: Ahlwardt, Millevoye und Mechaniker Schneider, die sofort sich gegenseitig zu verleumden beginnen. 25. Juni, 10 Uhr 35 Minuten. Ahlwardt ist zum Vorsitzenden gewählt, da er in der Lage war, nachzuweisen, daß er von allen Parteien, wie auch von sämmtlichen Gerichtshöfen als Verleumder gebrandmarkt wurde. Freilich hätte dies'noch nicht hingereicht, aber Mechaniker Schneider ließ sich dazu Hinreißen, Ahlwardt Selbstverleumdung vorzuwerfen. Dies gab den Ausschlag. ' — 11 Uhr 5 Minuten. Eine wüste Scene hat sich ab- ' gespielt. Auf der Tagesordnung stand die Berathung über ' die einheitliche Organisation der Verleumdung. Deroulede und Ducret ergreifen diese Gelegenheit, um das Fälschen diplomatischer Schriftstücke für Frankreich in Anspruch zu nehmen. („Gemein!" bei den Franzosen. Murren auf den Bänken der Deutschen). Ahlwardt ertheilt Deroulede den Ordnungsruf und nennt die Franzosen „elende Nachahmer" seines Systems. Darauf erhebt sich ein unbeschreiblicher Lärm. Die Delegirten der einzelnen Länder werfen sich Änständigkeit und Ehrenhaftigkeit vor, und Millevoye brüllt ° dem Vorsitzenden „Wahrheitsapostel!" ins Gesicht, worauf ein Handgemenge entsteht. Nachdem die Ruhe wieder hergestellt ist, legt der Vorsitzende der Versammlung die neuerfundene „B erleum d un g s m a sch ine" vor. Unter allgemeiner Spannung läßt er den einfachen Mechanismus derselben spielen. Er schreibt irgend einen beliebigen Namen auf ein Blatt Papier und steckt dieses in die Maschine. Nach zehn Minuten kommen eine Menge gefälschter Briefe und Acten zum Vorschein, welche das geeignete Verleumdungsmaterial enthalten. — 12UhrMittags. Bisher liegt gegen etwa hundert anständige Menschen aller Länder erdrückendes Material vor. Die Maschine arbeitet ununterbrochen. Schneider (Wien) hat. sich gegen den Verläumdungsgroßbetrieb erklärt, da derselbe die Kleingewerbetreibenden in dieser Branche zu Grunde zu richten geeignet sei. Er selbst werde gezwungen sein, seine Arbeit mit gefälschten Stampiglien einzustellen. Die Versammlung lacht ihm ins Gesicht. Die Franzosen wollen die Maschine an sich bringen, auch die Italiener haben einen Kaufantrag gestellt. Beiden wird die leihweise Ueberlassnng des zierlichen Apparates für die nächste Zeit zngesagt, doch müsse erst die deutsche Wälze gegen jene des betreffenden Landes umgelauscht werden. Die Maschine selbst kann bequem in der Tasche untergebracht und überallhin mitgenommen werden, wo es von Bortheil ist, sie in Betrieb zu setzen. Ahlwardt erklärt, sie während des letzten Reichstags im Aermel getragen zu haben, so daß es den Anschein hatte, als schüttele er die Verleumdungen nur so heraus.

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