Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Vrsterreichifchr Wochenschrift Seite 495 Nr. 36 „Das ernste Bestreben, unser weltliches Gebiet in Wahrheit russisch zu machen, Und das zähe Festhalten an dem alten Unrecht gegenüber den Juden schließen sich gegenseitig aus, und wer kein Heuchler und Phrasendrescher ist, muß gestehen, daß unsere eigenen Lebensinteressen es gebieterisch erheischen, jenes Unrecht endlich einmal wett zu machen." Die „Nedjelja", bekanntlich das älteste Wochenblatt im Zarenreich, veröffentlicht aus demselben Anlaß einen längeren Leitartikel, „das hysterische Element in der Politik" überschrieben, in welchem es u. A. heißt: „Es ist unser national-russisches Unglück, in den wichtigsten Fragen des Staatslebens die überlegende Vernunft nicht zum Worte kommen zu lassen, vielmehr sich lediglich durch die dunklen Gefühle der erregten Leidenschaft und durch hysterische Launen leiten zu lassen. Mag man mit den Pnblicisten im „Gralchdanin" und in der „Nowoja Wremja" sechs Tage lang herumdisputiren und ihnen sonnenklar beweisen, wie sehr sie durch ihre wüste Judenhatz die besten Interessen des Vaterlandes schädigen, am siebenten Tage bekommt man doch den brutalen Machtspruch zur Antwort: „Wir wollen keine Juden! Die müssen von der heiligen russischen Erde ausgerottet werden!" Und — damit Punktum. Es ist überflüssig, erst des Längern zu beweisen, daß wichtige politische Fragen nicht nach Maßgabe der Eingebung hysterischer Anfälle und krankhafter Leidenschaften beurtheilt oder gar behandelt werden können! Auf die „Ausrottung" der Juden werden die braven Patrioten noch lange zu warten haben und inzwischen — stehen die Räder . des weltgeschichtlichen Fortschrittes trotz alledem nicht still." Daß diese Offenbarungen der Petersburger Presse gerade mit dem deutschen Wahlkampfe zusammenfallen, ist gewiß ein drastisches und auch ein sehr lehrreiches Zeichen der Zeit. Die Nation Ahlwardt's nlöge doch nach Petersburg blicken, sie möge in das Fenster gucken, das Peter der Große in die nordische Mauer nach Europa hin gebrochen; sie kann dort sehen, wie selbst das russische Volksgewissen sich nunmehr aufbäumt gegen das, was eine der glorreichsten Gestalten auf dem Throne der Hohenzollern „die Schmach unseres Jahrhunderts" genannt. Die französische „Gesellschaft für politische Oeeonomir". ein sehr hervorragender, wissenschaftlicher^ Verein, dem die besten Sociologen und volkswirthschastlichen "Schriftsteller Frankreichsangehören, hat kürzlich in einer Sitzung das Thema vom Antisemitismus und von der Rolle der Juden in den modernen Gesellschaften verhandelt. Die Berathung war eine überaus interessante und eine ebenso lehrreiche. Es betheiligten sich an ihr: Limousin, Courtois, Brelay, Anatole Leroy-Baulieu und Professor Worms. Die Discussion drehte sich vorwiegend um die öconomische Seite der Frage, aber es wurden auch die politischen und sittlichen Momente eingehend gewürdigt. Der Ideenaustausch bewegte sich auf hohem, wissenschaftlichem Niveau, und seine Ergebnisse werden wohl allenthalben die verdiente Aufmerksamkeit erregen. Als Referent fllngirte L i m o u s i n, der zunächst den Ursprung der antisemitischen Bewegung zu ermitteln suchte. Aus die Frage, ob Hier Glaubenshaß die Triebfeder sei, gab er eine verneinende Antwort. Selbst in Rußland scheine dies nicht der Fall zu sein, geschweige denn in Frankreich; wie wäre sonst die Feindseligkeit von Freidenkern und Atheisten gegen die Inden zu erklären? Auch, daß Rassenhaß das Motiv sei, will Limousin nicht glauben, denn er habe aus einschlägigen Studien die Erkenntniß geschöpft, daß es eine semitische Rasse ebenso lvenig wie etwa eine jafetische mehr gebe. Limousin nimmt an, daß die religiösen und ethnischen Gründe, die der Antisemitismus für sich geltend macht, lediglich Vorwände seien. Seiner Ansicht nach handle es sich hier um eine rein öconomische Erscheinung. Er sagt: „Man wirft den Juden vor, daß sie vermittelnde Functionen auf dem Gebiete des Handels- und des Finanzwesens mit Vorliebe verrichten, daß sie darin eine außerordentliche Geschicklichkeit bekunden, und daß sie, da sie sich dabei bereichern, die Vermittlung in wenig loyaler Weise besorgen." Eigenthümlicher Weise scheinen die Juden selbst die Prämisse dieses Satzes zuzugeben, um allsdann diese Vorliebe ihres Stammes für Bermittlergeschäfte aus der vielhundertjährigen Bedrückung heraus zu erklären, während welcher der Jude vonr Bodenbesitz und von der Ausübung der Industrie ausgeschlossen war. Die Juden behaupten dann noch, daß diese Vorliebe seit der gesetzlichen Befreiung ihrer Religion immer mehr und mehr schwinde, und daß ihre Glaubensgenossen allmälig auch in anderen Laufbahnen sich hohe Stellungen zu erringen wissen. Freilich — fügt Limousin hinzu — gibt dies wieder zu anderen Vorwürfen Anlaß. Man findet, daß die Juden in der Gesellschaft eine Stellung einnehmen, die ihnen vermöge ihrer Anzahl nicht zukommt. Den von antisemischer Seite theils vertretenen, theils angefochtenen Standpunkt, daß sie dies ihrer größeren Intelligenz und ihrer tüchtigeren Willenskraft zu danken haben, läßt Limousin nicht gelten. Er bestreitet nicht den großen Werth der aus dem Judenthume hervorgegangenen Männer, doch betont er, ,daß es in Frankreich und anderswo verhältnißmäßig ebenso viele intelligente und thatkräftige Leute anderen Glaubens gebe. Das Mißverhältnis zwischen der socialen Rolle der Juden und ihrer numerischen Schwäche lasse sich durch den Umstand erklären, daß dieJuden allesammt Bourgeois sind, während die überwiegende Mehrheit der Nation aus Bauern und Arbeitern besteht. Stellt man den Vergleich auf nicht zwischen den Massen einer Nation und ihren Juden, sondern zwischen chrer christlichen Bourgeoisie und der jüdischen, so verschieben sich die Verhältnisse gründlich und die Rolle der Juden in den höheren Berufen wird sofort eine begreiflichere. Als accessorische Ursache zieht Limousin auch noch die Eintracht der Juden in Betracht, eine Solidarität, die er als eine Folge langwieriger Bedrückung natürlich findet. Das Gleiche sei ja in Frankreich auch bei den Protestanten wahrzunehmen, und doch werde man diesen nicht eine Geheimbündelei zur Bevormundung der Angehörigen anderer Religionen vorwerfen. DieJuden seien überdies wesentlich positivistisch veranlagt und ihr realistischer Geist bedinge ihre Fähigkeit, Geld zu verdienen. Der Ausblick Limousin's indie Zukunft ist ein düsterer. Er meint, die Juden werden, da sie ihre Natur nicht verleugnen können, fortfahren, sich zu bereichern, und dadurch werden sie auch unwillkürlich die gegenwärtige Bourgeoisie durch eine Aristokratie des Geldes und der Race verdrängen. Der Geburtsadel hatte doch wenigstens den Glauben und die Nationalität mit dem Volke gemein. Die Juden besitzen selbst diesen Vortheil nicht. Aus Grund all dessen glaubt Limousin, daß die antisemitische Bewegung in der Folge noch anwachsen werde. Courtois bekämpft entschieden die Ansichten des Vorredners. Seine Studien über die wissenschaftliche, commercielle und literarische Thätigkeit der Juden im Mittelalter haben ihm ganz unerwartete Dinge geoffenbart. Er war überrascht von dem glänzenden Antheil, den die Juden an der civilisatorischen Entwicklung der Menschheit genommen. Verfolgt in ihrer Person und in ihrem Eigenthum, mußten sie nach mobilen Besitz streben, der der Habgier Einzelner und der Staaten weniger ausgesetzt war. Die Juden sind vorzügliche Kaufleute geworden und aus ihrer Reihe gingen die vorzüglichsten Bolkswirthschaftslehrer hervor. Auch haben sie im Mittelalter den Aristoteles übersetzt, Mathematik getrieben, die ärztliche Wissenschaft gefördert und als.Denker Hervorragendes geleistet. Sobald die große Revolution sie emancipi-t hatte, war es ihr Ehrgeiz, an Bürgertugenden sich von Niemanden übertreffen zu lassen. Redner erwähnt das lebhafte Humanitätsgefühl der Juden, ihren Eifer und ihre Hingebung auf dem Gebiete des Wohlthuns, ihre Herzensgüte, ihren Seelenadel, ihre Freigibigkeit für philantropische Zwecke, ihre Munificenz, welche den ihnen zugemutheten Cultus des goldenen Kalbes Lügen straft. Daß sie heute noch eine besondere Race bilden, sei am Ende kein Unglück und es sei auch gar nicht ihre Schuld, sondern diejenige der Christen, die sich weigern, die Race zu kreuzen. Im Uebrigen aber verwischt sich der Racentypns immer mehr, und bald wird er überhaupt nicht zu erkennen sein. Redner schließt mit der Constatirung dessen, daß die Juden sich um die Civilisation und um die politische Oeconomie unvergängliche Verdien st e erworben haben. Brelay erklärt sich sehr befriedigt darüber, daß der Vorredner die Juden gepriesen. Man wirst ihnen vor, daß sie rasch zu hohen Stellungen gelangen; aber ist es etwa ein Vorrecht,' das ihnen zu solchen verhilft? Im Gegentheil, sie haben tief wurzelnde Borurtheile zu besiegen und jeden Erfolg müssen sie sich mit weit mehr Mühen als die Christen erringen. Der Judenhaßist, nach der Anficht des Redners, eineSchutzzollbeweg un g sui generis, die Auflehnung des Neides und der Ohnmacht, gegen die physische und sittliche Thatkraft. Daß die Juden im Wirthschastsleben den Vermittlerberuf cultiviren, kann nicht Gegenstand einer Recrimination bilden. Der Handel ist an sich nichts weiter als eine Vermittlung zwischen Ausgebot und Nach-