Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 494 Desterreichtsche WochrnfchrW Nr. 36 Den grellen Contrast zu jener glorreichen Offenbarung des deutschen Nationalgeistes, die in den Wahltriumphen Ahlwardt's in die Erscheinung tritt, suchen Mir denn auch nicht an den Ufern der Seine, sondern wir finden sie zu unserem freudigen Erstaunen an derjenigen der New ä. Jawohl, vom Czarenreiche her, also von derjenigen Seite, von der sich Europa ähnlicher Dinge wohl am allerwenigsten versah, erschallen neuestens gar überraschende Klänge, Töne, die von einer reuigen Einkehr des ruffischen Volksgewissens und von einem spontanen Rückschläge desselben wider die an den Juden begangenen Ungerechtigkeiten Zeugniß geben. Die Barbarenhorde, wie der. deutsche Civilisationsdünkel das russische Volk zu nennen liebt, sie fängt an, sich der antisemitischen Gemeinheiten zu schämen, denen ein. Theil der deutschen Nation nun abermals den Fahnenschwur geleistet hat. Rußland, ob seiner Judenhetzen erröthend, während in Deutschland die Zahl der ansemitischen Stimmen sich von 47.000 auf 150.000 erhöht: Nein, der Gegensatz ist ein zu krasser, um übersehen zu werden und unerörtert zu bleiben. Was hat sich in Rußland zugetragen, um solchen Umschwung herbeizuführen? Sprach sich etwa eine hochmögende Persönlichkeit gegen die Grausamkeit aus, die an den Juden geübt werden? Oder hat vollends der Czar in allerhöchsteigener Person eine Aeußerung gethan, die den Stab über jene Politik der fanatischen Unduldsamkeit bricht, angesichts welcher sich der gesammten gesitteten Menschheit ein Schrei der Entrüstung entrang, und ob deren Kunde jedes Humen fühlende Herz von tiefen Mitleidsschauern erfaßt wurde? Nein, nicht von oben herab, nicht von den Mächtigen wurde dem Volke die Umkehr dictirt. Von unten herauf, vom Volke zu Thron empor geht der Ruf, der flehende Ruf nach Duldsamkeit und Nächstenliebe für die in der eigenen Heimat vaterlandslosen, grausam gequälten, herzlos geknebelten Juden. Ein ganz nichtiger Anlaß, dessen Bedeutungslosigkeit klar zeigt, daß er lediglich als Vorwand dient, um gewisse, bisher mühsam zurückgehaltene Empfindungen endlich offen darzulegen, eine Geringfügigkeit, die sich in einer kleinen Stadt des Czareureiches zugetragen, hat der Petersburger Presse die. Anregung zu diesen Erörterungen gegeben. In Sswenziany (Gouvernement Wilna) brannte kürzlich die Talmud-Thora- Schule der dortigen Juden nieder und ein griechisch-orthodoxer Priester der Kronstädter Protohierei Joan Ssergiew, steuerte zum Wiederaufbau der Anstalt eine milde Gabe bei. Die Judengemeinde in Jalta veranstaltete, als sie hievon erfuhr, einen Dankgottesdienst, bei welchem der Rabbiner ein Gebet „für den weisen und humanen Priester" verrichtete. Dieses Localercigniß benützte nun der bekannte Publicist, Herr Komaroff dazu, im „Swet", einem angesehenen Organe ver russischen Presse, eine Lanze zu brechen für die milde und menschenfreundliche Behandlung der russischen Juden. Der bezügliche Artikel reclaniirt die systematische Uebung der christlichen Nächstenliebe gegenüber den Juden und es wird darin gestanden, daß die Judenfrage „durch die Leidenschaftlichkeit und den unversöhnlichen Antagonismus, der in die Sache von den streitenden Parteien hineingetragen wurde", vergiftet worden sei. Man wird hingegen wohl — und zwar mit vollem Rechte — einwenden, daß, wenn in Rußland auf jüdischer Seite „Leidenschaftlichkeit" und „unversöhnlicher Antagonismus" vorwalten, diese Empfindungen lediglich die natürliche Reaction wider die unbarmherzigen Verfolgungen -darstellen, denen die Juden im Czarenreiche seit jeher sich ausgesetzt sehen. Aber auf das „Et tu quoque“, womit das in diesen Ausführungen zu Worte kommende russische Bolksgemüth sich einen Theil des drückenden Schuldbewußtseins vom Gewissen redet, kommt.es ja hier gar nicht an. Wichtig, ja einzig ausschlaggebend ist, daß ein angesehenes russisches Blatt sich eine Gelegenheit vom Zaune bricht, um das Geständniß abzulegen, daß von russischer Seite, oder wenn man will, auch von russischer Seite in der Behandlung der Judenfrage „Leidenschaftlichkeit" und „unversöhnlicher Antagonismus" die Triebfedern waren. Daß diese Erkenntniß eine tief wurzelnde, aus inniger Ueberzeugung entspringende sei, ergibt sich klar aus dem beredten Plaidoyer, das ihr der „Swet" auf dem Fuße folgen läßt, aus dem Plaidoyer, das dem Juden das Recht zuerkennt, vom Christen statt der grausamen Verfolgung Nächstenliebe und Barmherzigkeit zu erwarten. Und in noch liberalerem Geiste als der „Swet", im Geiste einer edlen, abgeklärten Toleranz tritt „Rußkaja Shisn", ein anderes hervorragendes Organ der russischen Presse, für die Umkehr von der bisherigen Richtung der auf dem Gebiete der Judenfrage befolgten Politik ein. Dieses Blatt fordert geradezu Mischehen zwischen christlichen und jüdischen Ruffen und es heischt eine milde, gerechte und gütige Behandlung der Juden, und zwar nicht im Interesse einer Masseubekehrung derselben, sondern im „Interesse der Beseitigung all der Bedingungen, die schließlich zu der socialen Sonderstellung und Abgeschlossenheit dieses Stammes führen mußten". Jawohl, das 'ist die richtige Erkenntniß, die dem Czarenreiche als. Grundlage für die Lösung der Judenfrage zu dienen hat/ Zuerst hörte der Druck auf, dann wird der Gegendruck von selbst hinwegschwinden. Man erkläre die russischen Inden nicht für heimatlos im Lande, " wo die Wiege ihrer Väter stand und in dessen Boden die Gebeine ihrer Ahnen ruhen; dann werden sie erkennen, daß sie ein! Vaterland haben, ein großmüthiges, gerechtes, alle seine Kinder, mit gleicher Liebe umfassendes Vaterland, und mit Thränen der Dankbarkeit werden sie dann den Boden ihrer Heimat benetzen, auf dem bisher ein Fluch gelastet, vielleicht weil ihn Millionen unschuldig Verfolgter mit den Zähren ihrer Wehmuth tränken mußten. Und man reiße die Mauern dieses Riesenkerkers nieder, die .die zusammengepferchten Massen der russischen Juden mit ihrem unnennbaren Elend in sich schließen, dann wird kein Grund mehr vorhanden sein, über die Abgeschlossenheit Derer zu klagen, die nichts heißer ersehnen, als sich vereint zu wissen in brüderlicher Liebe mit Denen, die sie jetzt mit rauher Gewalt zurückstoßen. ' In der „Petersburgskija Wjedomosti", lesen wir: „In Sachen der Russificirung unserer nord- und südwestlichen Grenzindustrie spielen die Städte offenbar eine besonders wichtige Rolle, und man wird bereit Einfluß in der einen oder in der anderen Richtung als maßgebend nicht nur, sondern geradezu als entscheidend anerkennen müssen. Der Grund dafür ist sehr leicht ersichtlich, weil in den Städten die gesammten geistigen und materiellen Kräfte des Landes sich concentrirt finden. Es ist allgemeines Entwickelungsgesetz, das noch zu allen Zeiten und bei den verschiedensten Nationen seine Giltigkeit bewährt hat, daß geistige Strömungen und politische Tendenzen immer zuerst in den Städten zu keimen beginnen und dort auch zur Reife gelangen. Erst nachdem die Ideen und die Bestrebungen in der städtischen Bevölkerung feste Wurzeln geschlagen haben, fangen sie an, allmählig auch in das flache Land durchzusickern, und schließlich reißt der Strom auch die an sich träge Landbevölkerung miff sofern sie sich überhaupt fähig erweist, dem Fluge der Zeit zu folgen. Und wo immer es sich in der Geschichte um die politische Zuverlässigkeit und die Reichstreue eines wichtigen Grenzgebietes handelte, suchten die Staatsmänner vor Allem die städtische Bevölkerung zu gewinnen und diese für die Idee der Reichseinheit zu begeistern, in der richtigen Erwägung, daß die Landbevölkerung noch nie die politische Initiative ergriffen, habe. Man nehme nun ein beliebiges statistisches Compendium zur Hand und man wird sehen, aus welchen Theilen die städtische Bevölkerung der fraglichen russischen Grenzgebiete besteht. Die Juden machen die große Mehrzahl aus. Zu Anfang der 80er Jahre, als die Juden noch auf dem flachen Lande daselbst wohnen durften, setzte sich die Bevölkerung in den 67 Kreisstädten des sogenannten rechtmäßigen „Ansäßigkeitsgebietes" aus 57 Procent Juden und 43 Procent Nichtjuden zusammen, unter welchen das eigentlich orthodoxe, nationalrussische Element eine verschwindende Minderheit bildete. Glaubt man etwa, daß es den russischen Juden ein besonderes ‘ Vergnügen macht, in diesem eigenartigen Ghetto eingefperrt zu bleiben? Und klingt es nicht wie Hohn auf die Gerechtigkeit und auf den gesunden Menschenverstand, wenn inan die judenfresserischen Organe darüber jammern hört, die Juden hätten das Gebiet „in Beschlag genommen" uyd sie wären die „Herren" im Lande! Dieser Vorwurf ist thatsächlich mit dem Aerger darüber gleichbedeutend, daß die Geächteten allen grausamen Verfolgungen zum Trotz doch noch zu leben und selbst sich fortzupflanzen wagen, statt en masse Selbstmorde zu begehen. Man drehe .und wende sich, wie man wolle: die für die russischen Staatsinteressen so eminent wichtige Frage von der „moralischen Eroberung" der nord- und südwestlichen Grenzgebiete, welche heute an der Feier ihrer hundertjährigen Eroberung durch das Schwert dem national.russischen Staat so fremd sind, wie zur Zeit der Polenherrschaft, ist von der rationellen Lösung der Judenfrage schlechterdings unzertrennlich, und will der russische Staat jene „Reichslande" wirklich gewinnen und dauernd an sich fesseln, so muß er sich zur vollsten Emancipation und rückhaltlosen Gleichberechtigung der Juden im Reiche entschließen. Der erste und unumgängliche Schritt dazu ist die Aufhebung der Sperre: die Oeffnung des Riesenkäfigs, des „rechtmäßigen Ansäßigkeitsgebietes der Juden." „Rußkaja Schiza", schreibt: „Die Frage von der wirksamen Verschmelzung unserer westlichen Grenzmarken mit dem Inneren des Reiches ist mit der Lösung der viel discutirten Judenfrage identisch und die Russificirung der Reichslandc wird ohne die Proclamirung der vollsten Gleichberechtigung der Juden nie und nimmer gelingen." . Die „Rußkija Wjedomosti", das Organ der Moskauer Universität, lassen sich in derselben Angelegenheit wie! folgt vernehmen: