Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 26 (30.6.1893)
- Date
- 1893-06-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 26 Veflrrreichifche Wochenschrift Seite 493 den Juden Macht und Willen zu einer solchen Eroberungspolitik fehlen.,^ ' Uebrigens sind die Juden in Europa keine so frisch angekommenen Gäste, wie die Europäer in Amerika und Afrika. Sie wohnen in vielen Ländern Europas und namentlich in manchen Theilen Deutschlands seit mehr als einem Jahrtausend und haben daher vollbegründeten Anspruch auf das Bürgerrecht. Erst vor wenigen Tagen hat Se. l^cellenz der Statthalter Graf Thuu im böhmischen Landtage gesagt: „Die Jungczechen „berufen sich daraus, daß sie die primäre Bevölkerung Böhmens „waren, und wollen daraus die Prävalenz ihrer Ansprüche in „Böhmen deduziren, doch handelt es sich nicht darum, „wer früher hier war, sondern darum, daß beide Völker hier „im Lande sind und glücklich und zufrieden nebeneinander und „miteinander leben sollen". Und warum soll dies nicht auch von den Juden gelten in Böhmen, wo sie vielleicht früher als die Deutschen da waren, und anderwärts? Freilich sind die Juden nie in solcher Menge und mit solcher Macht eingedrungen, wie die Volksstämme zur Zeit der Völkerwanderung und dies bestätigt eben, was ich schon früher gesagt habe — der Hauptfehler der Juden ist, daß ihrer zu wenig und daß diese Wenigen zerstreut sind. Selbst hier in Wien, wenn sie in einem Bezirke vereinigt wohnten, könnten sie eine ihrer Zahl und Steuerleistung mehr entsprechende Vertretung im Gemeinderath und Landtag erlangen. Nun kommen ein Paar wohlmeinende Leute, die steif und fest behaupten, sie seien keine Antisemiten und sagen: Wir wollen den Juden vollständige Gleichstellung gewähren, nur müssen sie ihren Sondercharakter ablegen, in dem Volke, unter dem sie leben, aufgehen, sich assimiliren. Ich will diese guten Leute nicht durch unpassende Vergleiche beleidigen und nicht sagen, die Franzosen haben sich nicht in Algier den Arabern assimilirt, die Engländer nicht in Indien den Hindu's, obwohl sie dort etwas mehr als Gleichberechtigung genießen und nur eine kleine Minorität der Bevölkerung bilden. Man könnte mir auch einwenden, die Antisemiten wollen sich eben gegen eine solche Unterjochung durch Vertreibung oder Beschränkung der Juden sichern, und wenn diese dann bei der Austreibung ihr unbewegliches Vermögen zurücklassen müssen, so wäre das nur ein Nebenprofit für das Gastvolk. Aber ich brauche nach solchen Argumenten gar nicht zu greifen, denn ich anerkenne vollkommen die Forderung, der Jude soll kein fremder Pfahl im Fleische des Volkes sein, unter dem er wohnt, vielmehr ein blühender und fruchttragender Baum unter anderen. Wie cs aber außer Nadel- und Laubwäldern auch solche gibt, in denen Eichen und Fichten und Buchen friedlich nebeneinander stehen, ohne einander zu schaden, so können auch in einem Volke verschiedene Stämme nebeneinander stehen, die zusammen einen starken Wald bilden. Der Jude soll in Frankreich ein Franzose, in Deutschland ein Deutscher sein, in Böhmen — hier stocke ich schon — ein Deutscher oder ein Czeche? Erklärt er sich als Czeche, so wird er von den Deutschen nicht blos als solcher, sondern als Jude angefeindet, ist er ein Deutscher, dann — siehe'Kolin! Sonderbar ist es aber, daß man von dem Juden verlangt, er soll ein Idealdeutscher werden, wie es deren überhaupt nicht gibt; er soll alle jüdischen Fehler ablegen und keine der deutschen annehmen. Gewiß wäre es sehr wünschenswerth, wenn alle Juden solche Mustermenschen werden möchten, sagte doch schon der Prophet Moses „daß doch das ganze Volk des ewigen Propheten wären!" Und noch wünschenswerther wäre die Verwandlung aller christlichen Deutschen in solche Musitermenschen. Aber abgesehen von solch übermenschlicher Vollkommenheit herrscht auch unter den Durchschnittsdeutschen innerhalb ihres gemeinsamen Nationalcharakters so viele Verschiedenheit, daß es für den Juden nicht möglich.ist, irgend ein abstractes Deutschthum anzunehmen. Soll er ein Preuße oder ein Bayer, ein Schwabe oder ein Sachse werden? Selbst die seit mehr als zwanzig Jahren wiederhergestellte Neichseinheit hat die zwischen den einzelnen Stämmen in Anschauungen, Sitten, ja selbst im körperlichen Habitus bestehenden Unterschiede nicht ausgleichen können, und wir wagen zu behaupten, daß ein christlicher Berliner einem jüdischen näher steht als etwa einem christlichen Stuttgarter. Diese Stammesverschiedenbeiten schaden aber dem Deutschen nicht im geringsten, im Gegentheil, sie verleihen ihm höheren Werth als dem Russen seine heerdenartige Einförmigkeit und Gleichheit. Und warum sollte nicht der Jude auch ein Glied in dieser so nützlichen Mannigfaltigkeit innerhalb der Einheit bilden? Und warum sollte der Jude in Deutschland nicht dasselbe Recht beanspruchen dürfen wie der Deutsche in Nordamerika? Die Bereinigten Staaten sind von Engländern gegründet worden, die Engländer sind früher dahin gekommen als die Deutschen. Aber sie machten nicht von dem Rechte des Früherkommenden Gebrauch und gewährten den eingewanderten Deutschen volles Bürgerrecht; der in Amerika geborene Deutsche kann selbst Präsident werden, während der Sprößling von seit Jahrhunderten in Preußen oder Sachsen lebenden Juden nicht einmal Lieutenant werden kann. Trotzdem wachen die Deutschen in den Vereinigten Staaten auf die Erhaltung und Wahrung ihrer Nationalität. Sie haben ihre besonderen Turn- und Gesangvereine, ja suchen sogar in deutschem Sinne auf die Politik des Landes einzuwirken. Diese gewiß achtungswerthen Gesinnungen und Bestrebungen werden von der Presse in Deutschland belobt und gefördert; wer sein Deutschthum vergißt, wer zum Iankee wird, der gilt ihr als Abtrünniger, und sehr häufig kann man in deutschen Zeitungen bittere Klagen darüber hören, daß Deutsche in der zweiten oder dritten Generation sich ganz amerikanisiren. Die amerikanische Regierung und die große anglo-irische Majorität der Bevötkerung betrachten aber diese deutschen Bestrebungen ohne Besorgniß und denken an keine Maßregeln gegen die Deutschen. Freilich, wenn man ihnen einige antisemitische Hetzer über's Meer schicken möchte, könnten sie wohl, und gegen gute Bezahlung würden sie sich dazu verstehen, dort eine'antideutsche Bewegung und eine Deutschenfrage ins Leben rufen. In Europa aber verlangt man von den Juden, sie sollen sich in aller Geschwindigkeit vollständig „assimiliren", weil man ihnen vor zwei Jahrzehnten die Gleichberechtigung auf dem Papier gegeben hat. Ich sage auf dem Papier, denn in Wirklichkeit sind sie weder in Deutschland noch in Oesterreich vollkommen gleichgestellt. Darum bitten wir Juden nur um ein bischen Geduld. Warten Sie doch, meine Herren Arier, bis ein Jude ein preußisches Portepee tragen, bis ein jüdischer Bezirksvorsteher in Oesterreich, ein jüdischer Postbeamter in Preußen amtiren wird, und dann werden sie uns der Abschließung und Solidarität, der Pflege von Sonderinteressen anklagen dürfen. Die „Judenfrage" wird von selbst verschwinden, wenn Staat und Gesellschaft sich eben so wenig darum kümmern werden, ob Jemand ein Jude ist oder nicht, als sie sich darum kümmern, ob er ein Vegetarianer oder ein Fleischesser, ein Verehrer von Wagner's oder von Mozart's Musik ist, ob er blondes oder schwarzes Haar hat. M. L. Eine Wandlung? In derselben Woche, in der deutsche Wähler sich die Schmach anthaten, Herrn Ahlwardt, diese anwiderndste Ausgeburt der antisemitischen Bewegung, aus der Kloake, in die ihn der verflossene Reichstag geschleudert hatte, wieder herauszuschöpfen und ihn mit einem bereits im ersten Wahlgange errungenen Mandate, ja überdies auch noch mit der Aussicht auf ein zweites, noch bet der Stichwahl zu erringendes Mandat für die Reichsgesetzgebung auszustatten, hat sich in einem anderen Staate Europas eine Wandlung manifestirt, die schlechterdings als der erste Schritt zur Geltung geläuierterer Anschauungen hinsichtlich der Behandlung der Juden betrachtet werden darf. Und diese Wandlung scheint von so hohem Gewichte, daß der „Pest er Lloyd" ihr an leitender Stelle eine eingehende Betrachtung widmete. Wir meinen hier keineswegs die lehrreiche und gehaltvolle Discussion, die über die wirthfchaftliche und sociale Stellung der Juden in der Pariser Gesellschaft für politische Oeconomie stattgefunden hat, eine vom Geiste der Duldsamkeit beherrschte und von reifer Geschichtsauffassung geleitete Debatte, mit deren wesentlichem Inhalte wir unsere Leser kürzlich bekannt gemacht haben. Die Verhandlung der französischen Gelehrten konnte ja weder durch ihre Vorurtyeilslosigkeit, noch durch ihren edlen Eifer in der Abwehr einer schnöden Ungerechtigkeit überraschen. Die Mores, die Drumont und die Mirabeau sind gottlob nur vereinzelte schimpfliche Ausnahmen von der löblichen Regel. Daß an dem Seine-Strande der Judenhaß als eine verwerfliche Verirrung der men,chlichen Gesittung, als ein sträfliches Vergehen wider Culturfortschritt und Gerechtigkeit, als ein Rückfall in den Geist längst verrauschter, finsterer Jahrhunderte gegeißelt wird, kann also Niemanden Wunder nehmen.